Wie der Blinde im Blindenverein Rat sucht – (Kapitel 10)

Seit dem Müritz-Desaster sind 14 Tage vergangen. Die Stimmung in der Familie Borkenstock ist auf dem Tiefpunkt. Sabine, Manfred und Karl-Heinz schleichen wort- und hilflos durch die Wohnungen und umeinander rum. Manfred hält das nicht mehr aus. Rosa hat sich auch nicht gemeldet. So kann es nicht weitergehen. Etwas muss passieren. Heute hat er seinen ganzen Mut zusammen genommen und sich allein ein Stadttaxi gerufen. Er hat einen verwegenen Plan. Früher wäre er ja nie unbemerkt aus dem Haus gekommen. Aber da seine Mutter Gertrude immer noch in der Reha weilt und Sabine immer öfter ein „Mittagsschläfchen“ einlegt, gelingt das schon mal. Er bringt die Treppe heil hinter sich und wartet vor der Haustür. So hat er es in der Taxizentrale angekündigt, damit der Fahrer nicht klingeln muss. „Ob der Fahrer mich wohl sieht?“, grübelt er nervös. „Und wie komme ich ins Auto? Ob der Fahrer merkt, dass ich blind bin und mir hilft? Ich könnte ja mit dem Stock wedeln, aber dann schlage ich damit möglicherweise auf unschuldige Passanten ein.“ Nicht zum ersten und letzten Mal wird Manfred heute klar, wie sehr er sich immer auf Gertrude oder Sabine verlassen hat. Aber das soll ja jetzt anders werden. Manfred stöhnt unwillkürlich laut auf. Sein Leben ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Die vielen Veränderungen und die damit verbundenen Entscheidungen machen ihm schwer zu schaffen. Er hat Angst. Manchmal möchte er sich nur ins Bett verkriechen und schlafen. Das Geräusch von quietschenden Reifen reißt ihn aus seinen Grübeleien. Der Taxifahrer parkt vor dem Haus, spricht Manfred an und geleitet ihn zum Auto. Die erste Hürde ist also genommen. „Wo soll’s denn hingehen, junger Mann?“, fragt der Chauffeur dann aufgeräumt. „In die Petersgasse 55. Dort hat der Blindenverein sein Büro“: „Petersgasse, alles klar, in der City.“ „Ja, eigentlich wollte ich schon letzte Woche dorthin, aber das ging nicht wegen einer wichtigen Vorstandssitzung, sagte man mir am Telefon“, sprudelt es aus Manfred heraus. „Ich wusste gar nicht, dass es so etwas in einem Blindenverein gibt. Einen Vorstand, meine ich. Denn ich will doch eigentlich nur fragen, ob man mir helfen kann. Ich weiß einfach nicht mehr weiter.“ In seiner Aufregung redet Manfred viel und schnell. Der Taxifahrer – gewohnt an die unterschiedlichsten Fahrgäste mit allen möglichen Marotten – wirft ab und zu ein „Mhm“ ein. „Die Leute im Verein können mir doch sicher Ratschläge geben oder vielleicht kann man sich auch mal treffen. Ich bin ganz aufgeregt…“, fügt Manfred überflüssigerweise noch hinzu. „Petersgasse 55, das macht dann 12,35 Euro“. Manfred tastet nach seiner Brieftasche. Oje, wieder so eine Schwierigkeit. Er hat ein paar Geldscheine dabei. Aber welcher ist nun passend? Und Münzen? Ihm kommt so eine vage Idee, dass die sich unterschiedlich anfühlen. Aber mit solch einem Kleinkram hat er sich bisher nie beschäftigen müssen. So etwas erledigten immer Gertrude oder Sabine. Langsam kommt neben dem Ärger über seine eigene Unfähigkeit auch ein wenig Wut auf die beiden Frauen hoch, die ihm immer alles aus der Hand gerissen haben. Auf gut Glück reicht Manfred dem Taxifahrer einen Geldschein und vertraut darauf, dass dieser ihm sein Wechselgeld ehrlich zurückgibt.

Dann steht er vor dem Büro des Blindenvereins und ertastet die Braille-beschriftete Klingel. „Hier bin ich richtig“, denkt er froh! Er klingelt und ihm öffnet ein Mann.

„Guten Tag, Sind Sie Herr Borkenstock?“ Manfred nickt: „Ja, ja, der bin ich.“ „Ich bin Manuel, der Assistent von Herrn Schuster. Ich bringe Sie ins Büro.“ Manfred erwartet unbewusst, von hinten am Arm gepackt zu werden. Stattdessen drückt ihm Manuel seinen Oberarm sozusagen in die Hand und nimmt ihn mit sich. Im Büro begrüßt ihn ein älterer Herr. „Guten Tag, mein Name ist Burkhard Schuster. Herzlich willkommen. Hier unterm Tisch sitzt noch meine neue Führhündin Mila. Haben Sie auch einen Hund? Meine Kollegin, mit der Sie telefoniert haben, sagte sowas.“ „Ja ja“, stammelt Manfred wieder. Manuel nimmt ihm die Jacke ab und zeigt ihm einen Stuhl. „Herr Borkenstock, was führt Sie denn zu uns?“, fragt Herr Schuster. „Ja ja.“ Langsam muss mir was Neues einfallen, denkt Manfred. „Ja also ich bin blind. Ich lebe mit meiner Frau zusammen. Die Sabine. Also und die ist sehend, also kann gucken. So richtig, meine ich.“ Aller Anfang ist schwer. Auch als Ratsuchender. „Sind Sie denn schon Mitglied bei uns?“, fragt Herr Schuster in eine Pause hinein. „Ja ja, also ich meine nein. Ich bin noch kein Mitglied. Muss ich das denn sein für die Beratung?“ „Nein, müssen Sie nicht. Erzählen Sie mal weiter. Sie haben also auch einen Hund?“ „Ja der Pfiffi.“ „Welche Rasse?“ „Weiß ich eigentlich nicht genau.“ „Welche Schule haben Sie gewählt?“ „Ach, das hat meine Frau gemacht.“ Das Gespräch über Pfiffi bleibt unergiebig. Herr Schuster geht in den Fragemodus über. Zuhören ist nicht ganz seine Stärke. Manfred ist erstmal froh darüber. Sein Gestammel ist ihm selber auf die Nerven gegangen. Blindengeld und Schwerbehindertenausweis sind vorhanden. Hilfsmittel? Das Smartphone interessiert Herrn Schuster wieder sehr. So ähnlich wie der Hund. Irgendwann kommen sie zum Thema Mobilität. „Hatten Sie denn damals, als Sie den Hund kriegten, keine Einweisung?“, fragt Herr Schuster. „Ja doch, so zwei, drei Stunden. Dann meinte Mutter, den Rest machen wir selber.“ „Das ist aber ungewöhnlich. Wir haben hier die Adressen von ein paar Mobilehrern in der Gegend.“ Herr Schuster kramt in einer Ablage herum. „Oh, die sind wohl alle vergeben. Manuel, druckst Du bitte einmal die Liste aus?“ „Ja Moment, ich fahre den Rechner hoch.“ Manfred hat sich ein wenig eingelebt und wird mutiger: „Was bieten Sie denn so an im Verein hier?“ Herr Schuster zählt auf: „Also vor allem diese Beratung hier. Dann sind wir politisch sehr aktiv. Also in der Kommunalpolitik. Sonst die üblichen Feiern, die ein Verein so macht. Weihnachten und sowas.“ „Gibt es denn Treffen, wo mal über Blindheit geredet wird?“ „So direkt eigentlich nicht. Vielleicht mal beim Kaffeestündchen. Aber Sie können immer wieder kommen zur Beratung.“ „Ich kann sehr gut Braille lesen. Ich meine, das ist ja nichts Besonderes in so einem Verein. Aber gibt es vielleicht eine Lesegruppe oder sowas?“ „Nein, bei uns können nur wenige die Blindenschrift. Die meisten sind ja späterblindet, wissen Sie?“ „Ach so. Das wusste ich nicht.“ „Wo ist denn nochmal die Datei gespeichert?“, fragt Manuel dazwischen. „Unter Beratung auf dem Desktop“, antwortet Herr Schuster. „Warum druckt der denn nicht?“, murmelt Manuel nach einer Weile. „Oh, kein Papier. Ich gucke mal im Schrank.“ Manuel wühlt. „Jede Menge Punktschriftpapier. Aber das für den Drucker ist alle.“ „Ja, Herr Borkenstock, sagen Sie uns doch bitte Ihre Adresse. Wir schicken Ihnen die Liste dann zu. Leider ist unsere Stunde auch schon beinahe rum. Wir müssen heute pünktlich weg. Wir sind mit der Behindertenbeauftragten verabredet.“ Alle drei verlassen gemeinsam das Gebäude. Als Herr Schuster und Manuel weg sind, steht Manfred einen Augenblick ratlos da. Dann ruft er sich ein Taxi und fährt heim. In seinem Kopf dreht sich alles um die Frage, was habe ich jetzt eigentlich erfahren? Sehr nett waren die beiden ja. Und zuschicken wollen sie mir auch irgendwas.

Als Manfred zur Tür hereinkommt, begrüßt ihn erst Pfiffi und dann Sabine. „Ach da bist Du ja, ich wollte gerade nach Dir sehen. Wo warst Du denn?“, sprudelt sie hervor. „Ich war beim Blindenverein.“ „Ganz allein?“ Ein Hauch von Verwunderung schleicht sich in Sabines Stimme. „Ja“, erklärt Manfred stolz. „Es gibt noch Kuchen von gestern. Kommst Du gleich in die Küche?“, geht Sabine zur Tagesordnung über. Manfred ist enttäuscht. Er hatte mehr Neugier erhofft. Beim Aufhängen seiner Jacke gerät er ins Straucheln. Neuerdings liegt immer ein Haufen von Sabines Schuhen unter der Garderobe. Überhaupt liegt mehr rum als früher. Das liegt sicher daran, dass sich Sabine jetzt um zwei Wohnungen kümmern muss. Es klingelt an der Tür. „Hallo Manfred, ich bin es, Dein Vater. Und ich habe Herrn Carlo im Treppenhaus getroffen. Der hatte Lust, mitzukommen.“ „Hey Herr Borkenstock, ist doch recht, oder?“, fragt der junge Nachbar höflich. „Ja ja gern“, stammelt Manfred nicht zum ersten Mal an diesem Tag. „Sabine wird sich freuen.“

Das tut sie überhaupt nicht. Schließlich hatte sie nicht mit außerfamiliärem Besuch gerechnet. Sie trägt ausgebeulte Jogging-Klamotten, die Haare strähnig und die Augen noch rot. So verkneift sich Carlo auch jede Bemerkung über ihr gutes Aussehen, mit der er sonst immer bei der Hand ist. „Wir haben leider nur Marmorkuchen von gestern“, entschuldigt sie sich. „Aber Sabine, Hauptsache frischen Kaffee“, meint Karl-Heinz. Ihm ist Sabines äußere Veränderung nicht entgangen. Doch Karl-Heinz ist gewohnt, zu schweigen. „Ich setz‘ schnell noch einen auf“, sagt Sabine und verschwindet dann aus der Küche. Fünf Minuten später kehrt sie gekämmt und geschminkt zurück. Viel besser sieht das auch nicht aus. „Ich war eben beim Blindenverein“, erzählt Manfred gerade. „Ach echt! Beim Gruppentreffen oder sowas?“ Carlo ist sehr interessiert. Wenigstens einer, denkt sich Manfred und erzählt von der Beratungsstunde. „Also wenn ich das recht verstehe, sind die keine Selbsthilfegruppe?“, fragt Carlo, nachdem er sich alles angehört hat. „Nein, irgendwie nicht. Der Herr Schuster hat nur was vom Kaffeestündchen erzählt.“ „Das klingt mehr nach alten Frauen und Tortenbergen“, schmunzelt Carlo. „Papa, wart Ihr nicht auch schon mal zur Beratung?“, fällt Manfred ein. „Doch mein Junge. Das ist bestimmt zehn oder zwanzig Jahre her. Deine Mutter meinte hinterher, sie wisse besser bescheid als diese Leute da. Nur die Blindenschrift, die gab es damals noch.“ Sabine sitzt apathisch vor ihrem Teller und rührt nichts an. „Frau Borkenstock, fühlen Sie sich nicht wohl?“, fragt Carlo besorgt. „Ach geht schon. Das Übliche halt. Zwei Haushalte und so. Ich bin etwas müde.“ „Wollen wir vielleicht alle einen Spaziergang an der frischen Luft machen?“, fragt Karl-Heinz, „das macht uns alle wieder wach.“ „Geht leider nicht, ich muss noch an meinen Grundlagen der nonverbalen Kommunikation arbeiten“, sagt Carlo und steht auf. „Ich muss bügeln“, fügt Sabine leise hinzu. „Dann gehen wir mit Pfiffi“, freut sich Manfred und fummelt in seinem Nacken herum. Sabine greift etwas grob zu und nimmt ihm den Latz ab. Sie hat einen neuen besorgt. Grasgrün mit gelben Pilleenten. Sexy geht anders. Das ist im Hause Borkenstock momentan aber kein Thema.

Auf der Treppe fragt Carlo, wie Manfred denn ohne Gurt klarkomme. „Man tut, was man kann“, antwortet Manfred ausweichend. Pfiffi und Manfred sind vorschriftsmäßig gekennzeichnet. Nur Karl-Heinz verzichtet neuerdings ab und zu auf die beiden gelben Armbinden. Auf dem Gehsteig treffen sie Rotraud und Theo. Rotraud trägt keine Armbinden, dafür hat sie ihren Stock dabei. „Na Ihr beiden Turteltauben, wo wollt Ihr denn hin?“, neckt Karl-Heinz das getrennt lebende Ehepaar. „Nur zu IKEA, Du Lüstling“, flappst Theo. „Ich hab‘ mir da im Internet schon was ausgesucht. Das müssen wir nur noch holen und aufbauen“, sagt Rotraud. „Komm doch nachher vorbei und hilf uns“, meint Theo. „Störe ich da nicht die traute Zweisamkeit?“, fragt Karl-Heinz. „Komm Du doch auch mit, Manfred! Du warst doch heute beim Blindenverein, oder?“, schlägt Rotraud vor. „Aber, aber, ich stehe doch bloß im Weg rum“, zögert Manfred. „Das werden wir ja sehen. Eine Schraube wirst Du schon reindrehen können“, sagt Rotraud und schiebt ihren getrennt lebenden Gatten Richtung Auto. „Also bis später dann. Ihr seht ja, die Pflicht ruft“, verabschiedet sich Theo.

Im Park sind Vater und Sohn lange schweigsam. Manfred versucht, die Beratungsstunde im Kopf zu sortieren. Viel kommt dabei nicht heraus. Er muss an Rotraud denken, die einfach im Internet Möbel aussucht. Manchmal denkt er auch an Rosa. Ob sie wohl für immer aus seinem Leben verschwunden ist? „Ich war heute morgen bei Deiner Mutter“, unterbricht Karl-Heinz des Sohnes Gedankenflug. An diese Frau hatte Manfred gar nicht mehr gedacht. „Ja und?“, fragt er pflichtschuldig. „Eigentlich wie immer. Sie hat ja so ein Gerät im Bett, mit dem ihr Bein gestreckt und geknickt wird. Aufstehen darf sie erst nächste Woche. Es wären halt alte Knochen, hat der Professor gesagt.“ „Und wie kommt Mama damit klar?“ „Überhaupt nicht. Allerdings hat sie schon die gesamte Station im Griff. Wenn Gertrude klingelt, springen die Schwestern. Der Krankenhauspastor will sogar eine kleine Messe an ihrem Bett lesen. Pfarrer Seelighaus kommt auch.“ „Dann musst Du wohl mal wider knien“, neckt Manfred seinen alten Vater. „Ich nehm‘ mir ein Kissen mit. Aber ihr jungen Leute kriegt keins“, kontert Karl-Heinz. „Bist Du sicher, dass Sabine mitkommt?“, fragt Manfred vorsichtig. „Na das hoffe ich für sie. Du weißt doch, was los ist, wenn sie nicht kommt. Dann schickt Gertrude Herrn Seelighaus zu uns nach Hause.“ Beide schweigen erschrocken bei dieser Vorstellung. Wenig später fragt Karl-Heinz: „Hast Du nochmal was von dieser Frau gehört?“ Manfred weiß sofort, wen der Vater meint. „Nein, bis jetzt nicht.“ „Und hast Du sie angerufen?“ „Nein, bisher nicht.“ „Und warum nicht. Die war doch sehr nett.“ „Ich dachte, die will nichts mehr von mir wissen. Nach alldem, was passiert ist.“ „So schlimm war das doch gar nicht. Die ist etwas jung und impulsiv. Da ist sowas dann immer gleich dramatisch. Theo meinte auch, dass die nicht so verkehrt ist wie sie reagiert hat.“ „Ich weiß nicht“, murmelt Manfred. „Papperlapapp! Hör mal auf Deinen alten Vater. Du setzt Dich jetzt hier auf Deine Bank und rufst sie an. Ich gehe eine Runde mit Pfiffi.“ Karl-Heinz schupst seinen Sohn halbwegs auf die Bank und entschwindet. Das aufblasbare Kissen hat er freilich nicht mitgebracht. Manches klappt nicht mehr so in der Familie Borkenstock. Anzurufen traut sich Manfred nicht. Er tippt: „Hallo Rosa, tut mir leid, das mit der Müritz. Wollen wir trotzdem mal telefonieren oder so?“ Sein Herz klopft und er liest die SMS viermal durch, ehe er sie abschickt. Dann sitzt Manfred da im stillen Park und hängt seinen Erinnerungen nach. Mit Rosa war es doch irgendwie ganz anders. Und dann dieses Desaster. Wenn er etwas weniger unbeholfen gewesen wäre … Wenigstens ein bisschen. Wie er das machen kann, hat er heute auch nicht erfahren. Sie haben hauptsächlich über Führhunde und Smartphones geredet. Dann wollten sie ihm irgendeine Liste ausrucken. Manfred träumt davon, wie es hätte laufen sollen an der Müritz. Wie er sich morgens frisch macht und mit Rosa frühstückt. Sich selber Kaffee holt und auch ihr einschenkt. Das Brötchen selber schmiert und mit ihr scherzt. Sie hätten eine Bootsfahrt gemacht und er hätte beim Einsteigen kein Theater veranstaltet. Keine übergroße Vorsicht, keine Angst – einfach nur leben. Dann kehrt sein Vater zurück und sie treten den Heimweg an. „Hör mal Manfred, Du solltest auch mal mit Sabine reden. Mit der stimmt was nicht“, sagt der Vater. „Ja ich weiß. Aber was soll ich sagen?“ „Ich fürchte, um die Wahrheit kommst Du nicht mehr herum.“ „Du meinst, wegen der Müritz?“ „Ja, sie hat uns ja mit Rotrauds Navi geortet. Hat Theo erzählt.“ „Ich weiß. Aber wie soll ich ihr das erklären?“ „Das kann ich Dir nicht sagen. In so einer Situation war ich noch nicht.“ „Du warst also vierzig Jahre treu?“ „Das habe ich nicht gesagt“, flüstert Karl-Heinz, „Gertrude weiß nichts davon und mehr wird auch nicht verraten.“ Manfred ist wegen dieser Enthüllung doch etwas fassungslos. Sein Vater und fremdgehen? Unmöglich! Kurz vor der Haustür fällt ihm ein, dass Karl-Heinz von ihm dasselbe denken könnte. „Ich sag Dir dann bescheid, wenn Theo und Rotraud wieder zu Hause sind“, verabschiedet sich der Vater und lässt seinen Sohn allein die Stiegen erklimmen. Manfred versucht es jetzt manchmal sogar einhändig. „Hallo Herr Borkenstock. Sagen Sie Ihrer Frau mal, die Flaschen gehören ins Altglas“, rauscht Herr Nörgelmann von oben an ihm vorbei.

Als Manfred am Abend wieder mit seinem Vater losgezogen ist, lässt sich Sabine im Wohnzimmer vor dem Fernseher nieder. Ein Buch hat sie schon lange nicht mehr zur Hand genommen. Ihre Selbsthilfegruppen schwänzt sie bereits seit Wochen. Als das Telefon klingelt, läuft die Kiste einfach weiter. Sabines Schwester Vera ist am Apparat. Die Begrüßung fällt mäßig kühl aus. „Ich wollte mal hören, ob Dein Mann wieder aufgetaucht ist?“, fragt Vera. „Ja sicher, was glaubst Du denn“, blafft Sabine. „Und wo war er?“ Dies ist die Frage, die Sabine nicht hören will. „An der Müritz war er. Hat einen Ausflug gemacht.“ „Einen Ausflug, so ganz allein?“, kommt die unausweichliche Frage der Schwester. Sabine nippt so leise wie möglich am Glas. „Sabine, wie hat Dein Mann denn das alleine geschafft?“, setzt Vera scheinheilig nach. Sabine nippt heftiger. „Hallo Schwesterherz, stell mal die Flasche weg!“, wird Vera deutlich. „Was willst Du eigentlich? Lass mich doch in Ruhe“, jammert Sabine halb wütend, halb traurig. „“Ach Sabine, ich weiß doch, dass es Dir nicht gut geht. Hat Manfred etwa eine Affäre?“ „Nein. Nicht, das ich wüsste.“ „Weißt Du denn, wie Manfred an die Müritz gekommen ist?“ In Veras Stimme klingt Mitgefühl. „Mit einer Frau, soweit ich weiß.“ „Hast Du ihn mal gefragt, was da los ist?“ „Nein.“ „Willst Du das denn gar nicht wissen?“ Sabine schluckt. „Was macht ihr denn jetzt?“ Vera klingt ehrlich ratlos und besorgt. „Wir machen einfach weiter. Gertrude ist noch im Krankenhaus oder in der Reha. Ich weiß das nicht genau.“ „Und Du lebst weiter friedlich mit dem Mann, als wenn gar nichts wäre?“ „Ich schlafe nicht mit ihm, falls Du das meinst.“ „Ganz so konkret wollte ich das nicht wissen. Aber redet Ihr denn miteinander?“ Sabine schluckt. Das Glas ist leer. „Wir haben noch nie miteinander …“ Sabine weint. Für Vera eine ungewohnte Situation. Ihr ganzes Leben lang war Sabine die große Schweigerin. Selbst von der Hochzeit mit Manfred hatte ihr zuerst ihre Mutter erzählt. „Sabine, was ist denn? Bitte beruhige Dich“, stammelt Vera etwas hilflos. „Ich weiß nicht, wo er war und mit wem. Er sagt auch nichts. Jahrelang wasche ich ihm die Wäsche und putze ihm den Mund ab und jetzt sowas.“ „Und Ihr habt nie?“, fragt Vera nochmal nach. „Ach vergiss es!“, sagt Sabine und will auflegen. Schnell fährt Vera dazwischen: „Ich komme Dich in den nächsten Tagen mal besuchen. Wenn der städtische Dressurwettbewerb vorbei ist. Bis dahin habe ich noch sehr viel zu tun.“ „Ja ja“, nuschelt Sabine und legt den Hörer auf. Sie ärgert sich über sich selbst. Wie konnte sie ausgerechnet ihrer Schwester dieses Geständnis machen? Dann weiß es bald auch ihre Mutter. Und dann? Dann kommen sie womöglich beide hierher. Das hat mir gerade noch gefehlt. „Wenn ich nur eine Freundin hätte, bei der ich mich ausheulen kann. So bleibt mir nur der geistreiche Freund hier in der Flasche.“

Zu dieser Zeit wird in Rotrauds Wohnzimmer ein Erfolg nach dem anderen gefeiert. Erstmal stellen sie fest, dass im IKEA-Karton drin ist, was draufsteht. Theo hat stolz seinen neuen Werkzeugkasten mitgebracht. Er entfaltet den Bauplan und strahlt Zuversicht aus. Mitten in der Arbeit zupft Karl-Heinz seinen Sohn am Ärmel. „Los komm, schraub mal hier die Wand an.“ Manfred zögert. Der Vater zieht heftiger und drückt Manfred den Schraubendreher in die Hand. Dann zeigt er ihm alles. Und oh Wunder! Manfred schafft es, einige Schrauben ganz allein reinzudrehen. Er braucht Kraft, denn die Löcher sind nicht sehr sorgfältig vorgebohrt. „Das machen die von IKEA extra, damit wir mehr Freude haben“, scherzt Theo. Manfred ist durchaus stolz auf sein Werk. Er setzt sich wieder zu Rotraud und erzählt ihr vom Besuch im Blindenverein. Rotraud hört sich alles geduldig an. Dann sagt sie: „Ach den Schuster kenne ich. Der findet sich ziemlich toll, wenn er da im Behindertenbeirat große Worte schwingt. Mit seinen Mitgliedern hat er noch nie viel zu tun gehabt.“ „Du kennst den?“ „Ja sicher, ich bin doch auch in diesem Verein.“ „Das wusste ich gar nicht.“ „Naja, wir haben uns in den vergangenen Jahren ja auch nicht gesehen.“ „Stimmt schon“, sagt Manfred nachdenklich, „und Du bist immer noch Mitglied?“ „Ja, mit meinen paar Euros unterstütze ich den gesamtdeutschen Blindenverein. Dass unsere Gruppe nicht die beste ist, tut der Idee der Selbsthilfe ja keinen Abbruch.“ „Meinst Du, ich soll auch beitreten?“ „Das weiß ich nicht. Was wolltest Du denn von denen?“ Manfred erzählt eine entschärfte Version der Müritz-Reise. Rotraud schmunzelt und denkt sich ihren Teil. Auch Rotraud ist nichts Irdisches fremd. „Hast Du schon einmal daran gedacht, ein LPF-Training zu machen?“ „Ich dachte, das macht man nur im Internat.“ „Das kannst Du genauso auch zu Hause und in Deinem Alter machen. Oder Du fährst in ein Arua-Hotel. Da gibt es spezielle Kurse.“ Arua, was ist das denn?“ „Das sind spezielle Hotels für Blinde und Sehbehinderte. Die sind sehr schön.“ „Und zu Hause geht das auch. Davon hat Herr Schuster gar nichts gesagt. Oder doch. Der wollte mir irgendeine Liste ausdrucken. Das klappte dann aber nicht. Die hatten kein Papier mehr.“ „Das sieht ihnen ähnlich. Mit der praktischen Arbeit hat es Herr Schuster nicht so. Ich guck morgen mal im Netz, ob es hier in der Nähe einen LPF-Trainer gibt.„ „Das wäre klasse. Aber was kostet der denn?“ „Das weiß ich nicht. Die Krankenkassen übernehmen manchmal die Kosten. Aber hast Du vom Blindengeld nicht vielleicht auch was angespart? So ein Antrag bei der Krankenkasse dauert nämlich sehr lange.“ „Doch doch, ein bisschen was haben wir schon auf der hohen Kante.“ „Na dann ruf ich Dich morgen mal an, wenn ich was gefunden habe.“ Kurz darauf ist die Kommode auch fertig und wird aufgestellt. Manfred und Rotraud nehmen sie gebührend in Augenschein. „Ich lade Euch demnächst mal wieder zum Kaffee ein“, sagt Rotraud, als sich die drei Gäste verabschieden. „Das muss ja nicht wieder im Besäufnis enden.“ Etwas irritiert ist Manfred, als Rotraud mit Theo die Treppe zu dessen Wohnung hinaufsteigt. Bevor der Sohn was Umpassendes fragen kann, zieht ihn der Vater aus dem Haus. Auf der Straße begegnet ihnen Pfiffi, der irgendwie in die Freiheit entschlüpft war. Sabine ist nicht dabei. Auch oben in der Wohnung hört Manfred nichts von ihr. Vorsichtig tastet er sich ins Wohnzimmer. Dort läuft der Fernseher. Auf dem Sofa liegt seine Frau. Manfred ertastet Sabines Schulter und rüttelt vorsichtig daran: „Geh doch wenigstens ins Bett zum Schlafen! Das ist doch viel zu unbequem hier auf der Couch.“ Sabine murmelt irgendwas und rappelt sich schwankend auf. „Vertauschte Rollen“, denkt Manfred. Er stützt Sabine und bringt sie bis zu ihrer Zimmertür. Mit hinein traut er sich nicht. „Wann war ich eigentlich zuletzt in Sabines Zimmer?“, fragt sich Manfred. Die Tür gleitet vor ihm ins Schloss. Manfred schaltet den Fernseher ab. Seine Weckautomatik kann er nicht bedienen. Die hat einen Touch-Screen. So müssen der alte Braille-Wecker und das Smartphone zur Sicherheit herhalten. „Eine neue Nachricht“, verkündet das Gerät. Da fällt Manfred seine SMS an Rosa wieder ein. Bis in den Hals klopft plötzlich sein Herz. „War alles nicht so gemeint. Habe morgen Abend nichts vor. Wollen wir uns treffen? S“

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