Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen

Wer nimmt drei Stunden Hinfahrt und drei Stunden Rückfahrt mit der deutschen Bahn auf sich, nur um am Zielort einen Bahnhof zu besichtigen? Zugegeben, die Idee klingt ein bisschen verrückt. Aber wenn der eine total gern mit dem Zug fährt und die andere ein begeisterter Fan von Friedensreich Hundertwasser ist, kann so etwas schon passieren.

Samstag, den 14. Mai haben wir uns für unsere Reise nach Uelzen ausgesucht. Natürlich wissen wir, dass das lange Pfingstwochenende vor der Tür steht, aber keiner von uns kommt vorher auf die Idee, dass wahre Menschenmengen unterwegs sein würden. Bei der Abreise am Dortmunder Bahnhof dämmert uns, dass wir nicht den günstigsten Termin gewählt haben. Aber nun sind wir hier. Jetzt wollen wir auch nach Uelzen, Pfingsten hin oder her.

Mal etwas Positives zur deutschen Bahn vorneweg. Alle Züge, die wir heute nutzen, sind pünktlich. Sehr positiv ist auch, dass wir uns die Platzreservierungen gespart haben, denn in keinem Zug sind die Waggons so gereiht wie vorgesehen. So müssen wir zwischen den Menschenmengen lediglich zwei freie Plätze suchen und nicht noch durch fünf oder sechs Wagen laufen in der Hoffnung, unsere reservierten Sitze zu finden. Das klappt nämlich nicht immer, wie wir so einigen Gesprächsfetzen entnehmen. Besonders in Erinnerung bleibt die folgende Formulierung eines Mitreisenden: „Der Platz ist ja jetzt weg, weil Sie da sitzen“.

Wer Zug fährt, kann etwas lernen. Das haben wir häufiger erlebt. Das größere Polizeiaufgebot in Hannover ist nicht unseretwegen da. Vielmehr spielen in Wolfsburg die Stuttgarter und deren Anhänger müssen bewacht werden. Für die Hinterlassenschaften dieser Fußballfans entschuldigt sich die Lokführerin des Metrozuges nach Uelzen gleich bei der Abfahrt. Uns gegenüber sitzt ein junges Paar aus der Generation Smartphone. Beide basteln damit an der Gästeliste für den folgenden Abend. Großburgwedel klingt schon wie Funkloch und so ist es dann auch. Pia und Danilo sind sehr freundlich und klären uns über Unterlüß auf. Hier hat die Rüstungsfirma Rheinmetall einen Sitz. Laut Danilo werden Panzer und Artelleriegeschütze gebaut. Die werden dann vom Firmengelände aus abgefeuert. Die Geschosse fliegen über Wald und Flur ins abgeriegelte Bundeswehr-Gelände am Standort Wunstorf. Das finden wir schon etwas beängstigend. Es habe sich noch nie eine Granate verflogen, versichert uns der junge Mann. Ganz scheußlich finden wir eine Art Panzer, der einen Schneeschieber angebaut hat. Er schiebt damit aber keinen Schnee, sondern Menschenmengen weg. So eine Rüstungsfirma wirkt bei näherer Betrachtung sehr beklemmend. 2,4 Milliarden Euro Umsatz macht Rheinmetall mit seiner Tötungssparte. Nach einigen weiteren Funklochörtchen kommen wir in Uelzen an. Susanne treibt ein bestimmtes Bedürfnis gleich zum ersten Hundertwasser-Höhepunkt. Die Fachfrau vor Ort weist auf die besondere Gestalt der Wasserhähne und Waschbecken hin. Sie wurden speziell für die nach Geschlecht getrennten Besucher_innen geschaffen.

Ja, sogar die Toiletten wurden künstlerisch und phantasievoll gestaltet.

Herrentoilette

Herrentoilette

Die Toilettenfrau erzählt, die Waschbecken in der Herrentoilette seien der Form der weiblichen Brust nachempfunden und die Wasserhähne in den Örtlichkeiten für die Damen ähnelten einem Penis. (An dieser Stelle muss ich sagen, dass für mich der Wasserhahn aussah wie ein Wasserhahn, aber vielleicht fehlte mir die nötige Phantasie). Dass selbst ein Besuch der Bahnhofstoilette ein Erlebnis sein kann, ist kaum zu glauben. Auch hier gilt: keine geraden Linien, keine ordentlichen rechteckigen Fliesen und kein Raum gleicht dem anderen. Das Plätschern eines hell erleuchteten Wasserspiels mit kleinen Wasserfällen zwischen grünen Pflänzchen begleitet die Besucher in die eigentliche Bahnhofshalle. Diese Bahnhofshalle verzaubert mit einer ganz besonderen Atmosphäre.

Bahnhofshalle

Bahnhofshalle

Zahlreiche Säulen in leuchtenden Farben und unterschiedlichen Formen recken sich bis zur Decke. Keine Säule sieht aus wie die andere.

Säule

Säule

Überall geschwungene Linien, phantasievolle Mosaike und die typischen abgerundeten Ecken. Dies ist keine Halle zum Hindurchhasten zwischen zwei Zügen. Nein, sie lädt zum Verweilen, zum Entdecken und zum Freuen ein. Auch die Außenfassade mutet märchenhaft orientalisch an mit Türmchen, auf denen goldene Kugeln prangen, mit farbenfrohen Mosaiken und bunten Säulen.

Bahnhofsfassade

Bahnhofsfassade

Die Sonne wagt sich heraus. Eigentlich hätten wir uns Regen wünschen sollen, denn angeblich entfalten die Farben dann besondere Leuchtkraft. Hundertwasser meinte dazu: „An einem Regentag beginnen die Farben zu leuchten. Wenn es regnet, bin ich glücklich“. Wir aber freuen uns über die Sonne und verspeisen auf einer Bank am Bahnhofsvorplatz Thorstens leckeren selbst gemachten Kartoffelsalat. Derart gestärkt machen wir noch eine Runde durch diesen außergewöhnlichen Bahnhof und lassen die friedliche Atmosphäre auf uns wirken. Die Harmonie der Farben und Formen, die phantasievolle Gestaltung machen ein gutes Gefühl. Fröhliche Menschen sind hier unterwegs. Ich kenne viele Bahnhöfe, die alle mehr oder weniger schäbig sind. Und Bahnhöfe, die als neu und modern gepriesen werden, wie z.B. der Leipziger, sind pure Konsumtempel, in denen den Reisenden rücksichtslos schrille Sonderangebote um die Augen und Ohren gehauen werden. Der Uelzener Hundertwasser-Bahnhof ist völlig anders, ein Ort zum Wohlfühlen und zum Staunen. Er wurde im Zuge eines Expo 2000-Projektes nach dem Konzept des österreichischen Künstlers Hundertwasser umgebaut.

Im Souvenirladen interessieren wir uns einzig für ein Pappmodell des Bahnhofs. Doch das gehört der Verkäuferin und ist leider unverkäuflich. Zurück nach Hannover bringt uns ein IC, mit dem wir schwarz fahren. Die Schaffnerin ist informiert. Sie hat wohl keine Lust, uns eine Karte zu verkaufen. In Hannover fällt uns gerade noch rechtzeitig auf, dass wir die richtige ICE-Hälfte nehmen müssen. Sonst führen wir nach Hagen und Wuppertal. Die Heimfahrt ist geprägt von Stimmen. Mir gefällt die der Ansagerin. Susanne ist angetan von einer sonoren Männerstimme, die später die Durchsagen macht. Und damit kommen wir zum Rätsel dieser Reise. Wir sitzen auf den Behinderten-Plätzen. An der Wand ist in diesem Zug ein Rufknopf für den Schaffner angebracht. Graues Männchen mit Hut auf grauem Grund. Da wir beide ja nie ordentlich, sondern mit verknoteten Beinen sitzen, drückt Susanne mit dem Knie aus Versehen auf diesen Knopf. So bekommen wir den Mann mit der schönen Stimme leibhaftig zu Gesicht. War es ein Versehen oder Steuerung durchs Unterbewusstsein? Voller Eindrücke kehren wir heim.

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