Schaulustiger

Dies ist doch ein erstmal positiv klingender Begriff, meinen Sie nicht auch? Das liegt vor allem am Wortteil lustig. In diesem Zusammenhang geht es wohl mehr darum, Lust auf etwas zu haben als lustig zu sein. Denn der Anlass, Schaulust an den Tag zu legen, ist meist kein witziger. Vielmehr geht es zum Beispiel um Unfälle oder Brände. 

Der zweite Teil des Begriffs ist doppeldeutig. Die Menschen haben Lust, zu schauen. Also zu gucken. Schau gibt es aber nach wie vor auch als Substantiv. Es steckt bspw. im Wort Schausteller. Weitaus bekannter ist das englische Wort show. Die Menschen haben Lust auf eine Show. Es wird was geboten. Meist ist es etwas Schauriges. Dass wir Menschen zu so etwas Lust haben, mag uns aus moralischen Gründen generell nicht gefallen. Die Tatsache ist jedoch unumstritten und nicht neu. Ken Folletts berühmter Roman „Die Säulen der Erde“ beginnt mit einer öffentlichen Hinrichtung, zu der bereits früh am Morgen viele Menschen erschienen sind. Sie wollen den Todeskampf sehen. Der Roman spielt im Mittelalter. Auch aus den Verkehrsnachrichten sind „Staus auf der Gegenfahrbahn wegen Schaulustiger“ schon immer bekannt. Mit dem Auftauchen von Mobiltelefonen und Smartphones in beinahe jedermanns Hand ist eine weitere Dimension hinzugekommen. Die Schau wird in Bildern oder einem Film festgehalten. Dies ermöglicht das Wiederansehen und –erleben der Szene. Mindestens ebenso wichtig ist das Einstellen ins Internet und das Erzielen von hohen Klick-Zahlen. Viele Menschen beziehen auf diese Weise einen großen Teil der Anerkennung, die ihnen im Leben zuteil wird. Wer viele Likes und Freunde hat, glaubt daran, Zuneigung zu bekommen. 

Auf die Zweifelhaftigkeit dieser Empfindung wollen wir hier nicht eingehen. Verurteilenswert ist dieses Verhalten allemal. Andere Menschen in Notsituationen weltweit sichtbar zu machen, überschreitet die Grenzen unserer Moralvorstellungen. Das Unglück an sich ist schlimm genug. Dessen zur-Schau-Stellen ist verachtenswert. Von Menschen, denen so etwas auf Facebook oder anderen Systemen begegnet, sollten wir Widerstand erwarten. Den Urhebern solcher Bilder oder Fillmen sollte klar gesagt werden, dass dieses Verhalten Abscheu und Ablehnung auslöst. Also genau das Gegenteil dessen, was die Urheber wollen. Ganz abgebrühte User werden sich auch darüber freuen. Handelt es sich bei ablehnenden Einträgen doch immerhin um Klicks. 

In die Medien hat es das Phänomen geschafft, weil die Bundesländer Niedersachsen und Berlin eine Verschärfung des betreffenden Gesetzes im Bundesrat beantragt haben. Mittlerweile agieren die Gaffer immer ungenierter. Die Arbeit der Rettungskräfte und Polizei wird behindert. An diesem Punkt wird es wirklich kriminell. Oft geht es um Sekunden. Verzögert sich eine Rettung nur deshalb, weil abgestellte Autos oder deren Fahrer im Weg stehen, kann das fatale Folgen haben. Wir glauben allerdings nicht, dass eine höhere Strafandrohung die Menschen wieder zurückhaltender macht. Solche Gaffer sind sehr empfindungs- und gedankenarm. Erspähen sie ein Unglück, werden sie nicht an die Strafe denken. Wirksamer ist sicherlich, wenn die Polizei in den sozialen Netzwerken diese Menschen zeigt, wie sie über Absperrungen hinweg filmen oder im Weg stehen. Natürlich handelt es sich dabei um Anprangern, was ebenfalls sehr problematisch ist. Vielleicht heiligt in diesem Fall einmal der Zweck die Mittel? 

Ein wirklich lustiges Erlebnis hatte ich im Mai 2013. Für meine damalige Frau und mich hatte ich eine Kutschfahrt rund um den Dortmunder Hafen gebucht. Es war herrliches Sommerwetter. Viele Menschen am Straßenrand freuten sich über den Anblick einer Kutsche mitten im Verkehr. Sie winkten und riefen. Und viele machten eben auch Fotos oder kleine Filme. Diese Freude war ansteckend. Wir hatten ja ohnehin gute Laune. Es war ein sehr schönes Erlebnis, zu der die Schaulust beitrug.

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