Wie der Blinde einmal spontan ist – (Kapitel 8)

Manfred sitzt wie vom Donner gerührt. Tagelang nichts und jetzt das! Wer oder was ist die Müritz, fragt er sich. Aber jetzt einfach abhauen? Was soll ich denn Sabine sagen? Schon wieder Petra und Volker vorschieben? Am Ende will sie ihn hinfahren oder sowas. Aber diese Stille hält Manfred auch nicht mehr aus. „Ich bin 28 Jahre jung und was hat das Wochenende zu bieten hier zu Hause?“, fragt sich unser Held und steht auf. Pfiffi ist eingeschlafen. Manfred geht zur Tür und stolpert halbwegs über seinen eigenen Hausschuh. Wütend will er ihn wegschießen, tritt aber vorbei und trifft den Türrahmen. Zum Glück verhindert die Polsterung schlimmere Schäden. Leise tritt Manfred ins Wohnzimmer. „Sabine?“, fragt er in den stillen Raum. Keine Antwort. „Sabine, bist Du da?“ Ganz vorsichtig tastet Manfred das Sofa ab und stößt an einen Fuß. Jetzt hört er auch die leisen Atemzüge. Neugierig tastet Manfred ein wenig umher. Ja tatsächlich, da steht die Flasche. Manfred riecht daran. Genau kann er nicht erkennen, was darin ist. Ein kleiner Schluck überzeugt ihn aber, dass es schmeckt, was darin ist. Leise zieht sich Manfred in sein Zimmer zurück. Alle schlafen, und das am hellichten Tag. Was soll ich also noch hier? Manfred wählt Rosas Nummer. Die meldet sich auch ziemlich bald. „Hallo Rosa, gilt Dein Angebot noch?“, flüstert Manfred. „Aber klar, warum flüsterst Du denn so?“ „Sabine macht Mittagsschlaf und ich will sie nicht wecken. Soll ich zu Dir kommen?“ „Ja, das wäre das Beste. Ich muss noch etwas aufräumen.“ „Gut, dann nehme ich ein Taxi. Wo wohnst Du eigentlich genau?“ „Heiße Hecke 7.“ „Ach Quatsch, die gibt‘s doch gar nicht!“ „Doch doch, aber jetzt habe ich keine Zeit mehr.“ Ehe Manfred nach Rosas Nachnamen fragen kann, hat diese aufgelegt. „Jetzt müsste ich eine Tasche packen“, denkt Manfred. Aber was nehme ich mit? Und wo finde ich eine Tasche? Sabine will er auf keinen Fall wecken. So schnappt sich Manfred bloß noch das Ladegerät seines Smartphones. Das wird sich noch als segensreich erweisen. Das Taxi will er erst rufen, wenn er unten ist. Pfiffi ist erwacht. So muss Manfred den Hund mitnehmen, ehe der zu viel Radau macht. Schnell zieht er sich seine Jacke an und die Wohnungstür leise hinter sich zu. Jetzt darf nichts schiefgehen. Mit beiden Händen krallt sich unser Flüchtling ans Geländer. Auf der Treppe begegnet ihm Herr Nörgelmann und wünscht ein schönes Wochenende. „Zum Glück ist er nie hilfsbereit“, denkt Manfred. Frau Borgstein-Waldschmidt oder Carlo kann er jetzt nicht gebrauchen. Endlich ist Manfred unten auf festem Boden angelangt. Eine Viertelstunde muss er aufs Taxi warten. Er hofft inständig, dass niemand ihn bemerkt. Pfiffi will mit ins Auto und muss energisch zurückgewiesen werden. „Nimm Dir auch mal frei“, sagt Manfred und zieht die Tür zu. „Heiße Hecke, gibt es so eine Straße?“, fragt er schüchtern den Fahrer. „Da habe ich Sie doch neulich abends abgeholt“, sagt der. „Fahren Sie denn nicht nur nachts?“ „Bin für einen Kollegen heute eingesprungen.“ „Bringen Sie mich bitte noch bis zur Tür?“, fragt Manfred. Das macht der Fahrer gern. „Wo soll ich denn klingeln?“, fragt er. Manfred ist ratlos. Da summt schon die Tür. „Vielen Dank, jetzt komme ich klar“, sagt unser Held und drückt die Tür auf. Von oben ruft Rosa: „Komm hoch, ich bin gleich fertig.“ Manfred ist nun schon etwas aufgeregt und stolpert über die dritte Stufe. Sein Knie knallt auf die Kante. Heldenhaft steigt Manfred weiter aufwärts und verbeißt sich den Schmerz. Rosa ist etwas erstaunt, dass Manfred nichts mitgebracht hat. „Wir bleiben bis Montag“, sagt sie nur. Manfred denkt an seine Arbeit. Montag hat er Mittagsschicht ab zwölf. Da er immer noch nicht weiß, wer oder was oder wo die Müritz ist, hofft er am Montag auf rechtzeitige Heimkehr.

Karl-Heinz ist derweil bei seiner Gattin angelangt. „Wie geht es Dir heute, liebe Gertrude“, begrüßt er seine Frau. „Ach wie immer. Das Essen war mies. Nur Reste von der ganzen Woche. Und Schmerzen habe ich auch noch. Die geben einem ja nichts hier dagegen. Warum ist Manfred denn nicht mitgekommen? Der hat doch heute frei.“ „Der kommt morgen mit Sabine.“ „Mir wäre lieber, er käme allein. Was machen die beiden denn heute?“ „Soweit ich weiß, gar nichts. Sabine habe ich gar nicht gesehen.“ „Kocht sie Euch kein ordentliches Mittagessen?“ „Doch doch, ich meine, seit dem Essen habe ich sie nicht mehr gesehen.“ „Wie macht sie sich denn so?“ „Ziemlich gut, finde ich.“ „Was gab es denn heute?“ „Wir beten auch immer vor dem Essen.“ „Das will ich auch hoffen. Bald bin ich ja wieder bei Euch und dann wird alles wieder wie immer.“ Ein bisschen erschrickt Karl-Heinz. „Haben die Ärzte was gesagt?“ „Ach diese Quacksalber. Immer dasselbe. Sie müssen Geduld haben, Frau Borkenstock. Blablabla. Die wissen eben nicht, wie sehr ich zu Hause gebraucht werde.“ „Mach Dir keine Sorgen. Wir kommen gut zurecht.“ „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Sabine ist doch höchstens eine Notlösung.“ „So gut wie bei Dir habe ich es bei ihr natürlich nicht. Wer könnte Dich schon ersetzen?“ „Ach Liebster, ich bin bald wieder auf den Beinen. Holst Du mir ein paar Zeitschriften unten vom Kiosk?“ Innerlich atmet Karl-Heinz auf. Jetzt wird er noch eine Stunde bei Gertrude sitzen, während sie liest. Dann kann er wieder heimgehen.

Nach zwei fröhlichen Stunden in Rosas Micra fragt Manfred ganz vorsichtig, wann sie denn ankommen. Rosa lacht und meint, das daure nochmal so lange. Sie braucht aber ein stilles Örtchen und steuert einen Rastplatz an. Auch Manfred drückt es und so nimmt Rosa ihn mit. „Hier ist für Männer“, sagt Rosa und lässt Manfred vor einer Tür stehen. Vorsichtig drückt er die Tür auf. Die üblichen Geräusche samt des üblichen Geruchs empfangen ihn. Dabei hatte Manfred gehofft, allein zu sein. Ganz vorsichtig tastet er umher. „Nimm die Hand von meinem Arsch. Biste schwul oder was?“, fährt ihn ein Mann an. „Oh entschuldigen Sie, ich bin blind.“ „Was! Blind und schwul?“ „Nein nein, ich habe Sie aus Versehen berührt.“ „Na gut, hier ist das Pissbecken“, sagt der Mann und schupst Manfred an seinen Platz. „Dat Waschbecken is dann gegenüber“, sagt der Mann und verschwindet. Ein anderer Mann kommt aus einer Kabine und zeigt Manfred freundlich Seifen- und Papierhandtuchspender. Draußen hört er den ersten Mann zu Rosa sagen: „Dein schwuler Blinder ist noch drin. Willste so lange mit mir Vorlieb nehmen?“ „Schlaf erstmal Deinen Rausch aus“, sagt Rosa und nimmt Manfred in Empfang, der gerade aus dem WC kommt. „Viel Spaß noch Ihr beiden Hübschen. Blinde sollen ja besonders gut sein“, ruft ihnen der abgewiesene Manfred-Ersatz nach.

Daheim ist Sabine inzwischen erwacht. Zuerst vermisst sie Manfred überhaupt nicht. Erst als die Essenszeit am Abend herankommt, sucht sie die ganze Wohnung ab. „Wie weit kann er schon sein?“, denkt Sabine und geht runter zu Karl-Heinz. Der schaut gerade den Beginn der Sportschau. Manfred ist nicht bei ihm. „Ich komme dann nach der Sportschau zum Essen, in Ordnung?“, fragt der nichts ahnende Vater. Sabine kehrt zurück in ihre Wohnung. Bei dieser Rotraud will sie nicht wieder auftauchen. Die ist ganz schön schnippisch für eine Blinde, findet Sabine. Die Rufnummer von Volker und Petra kennt Sabine nicht. Ihren Nachnamen auch nicht. Sie hatte sich nie sonderlich für Manfreds Kollegen interessiert. Seit Karneval hatte sie sie auch nicht wieder gesehen. Dann sucht Sabine nach Manfreds Smartphone. Doch das ist mit ihrem Mann verschwunden. Nun tut Sabine etwas, das sie selten macht. Sie ruft ihre ältere Schwester Vera an. Die wohnt in einer anderen Stadt. Außerdem verstehen sich beide nicht gerade bestens. Deshalb ist der Kontakt relativ mager. Vera ist zu Hause und hat sogar ein wenig Zeit, mit Sabine zu reden. Sonst ist Vera immer sehr viel auf Achse. In ihrer Stadt leitet sie den Hundeverein und hat sehr viel zu tun. Außerdem schreibt sie an einem Buch über die Gesellschaftsordnung in einem Rudel. Mehr weiß Sabine nicht darüber. Auch das hatte sie nie sonderlich interessiert. Nun schildert sie ihrer großen Schwester die Situation. Kurz gesagt: Manfred ist weg und hat keine Nachricht hinterlassen. Neulich war er erst nach Mitternacht heimgekommen. Bei Rotraud hatte er sich festgequatscht. Auf Veras Frage, ob sie mit Manfred geredet habe, schweigt Sabine. „Das kann ich mir denken. Die große Rednerin warst Du ja nie. Denk nur an damals. Du warst sauer auf mich, weil ich Dein Rad genommen habe. Daraufhin hast Du drei Tage nicht mit mir gesprochen.“ Sabine seufzt. „Ja ich weiß. Ich habe noch einen Labello in seiner Jacke gefunden.“ „Na und?“ „Manfred benutzt keinen Labello.“ „Und was hat er gesagt?“ „Der sei von seiner Kollegin Petra und er wisse nicht, wie der in seine Jacke gekommen sei.“ Vera überlegt. „Ich kann es mir bei Deinem Manfred nicht vorstellen. Schließlich ist er ja blind. Wie soll er da eine kennengelernt haben. Hast Du schon mal daran gedacht, dass Manfred eine Geliebte haben könnte?“ Sabine schweigt. Sehnsüchtig blickt sie nach der Flasche auf dem Tisch. „Dran gedacht schon, aber Manfred?“, fragt Sabine ungläubig. „Naja, vorstellen kann ich es mir auch nicht. Schließlich ist er auch kein Brad Pitt. … Oh entschuldige, ich meine …“ „Besonders zufrieden warst Du ja nie mit meiner Wahl.“ „Ach geht schon. Es gibt Schlimmere.“ „Dein Werner ist auch nicht der Hit. Aber lassen wir das. Was soll ich denn jetzt machen?“ „Du kannst nur warten. Und morgen könnt Ihr mal vernünftig miteinander reden. Ich muss jetzt los. Eine Freundin hat sich für den Apportierpreis beworben. Da üben wir noch ein bisschen. Wie geht es eigentlich Pfiffi?“ „Keine Ahnung, wahrscheinlich hat Manfred ihn mitgenommen. Und Gertrude geht es auch schon besser.“ „Ach ja, die war ja gestürzt oder sowas.“ „Genau, morgen wollen wir sie besuchen.“ Nach dem Telefonat nimmt Sabine doch einen tiefen Schluck und bereitet ein Abendessen aus Rucola-Salat mit gegrillten Paprika zu. Pünktlich um acht kommt Karl-Heinz. Er bringt Pfiffi mit, den er winselnd vor der Haustür gefunden hat. „Wo ist denn Manfred?“, fragt der Vater. „Weg.“ „Wie weg?“ „Einfach weg.“ „Wo denn?“ „Keine Ahnung.“ „Und was hast Du gemacht?“ „Nichts.“ „Nichts?“ „Was soll ich denn machen?“ „Zum Beispiel Rotraud fragen.“ „Diese alte Ziege?“ Karl-Heinz ruft bei Theo an und beauftragt diesen, bei Rotraud nachzufragen. „Die ist nicht zu Hause“, erfährt er. Theo weiß nicht, wo sie hin ist. Sie rief während der Sportschau an und da hat Theo nicht richtig zugehört. „Aber mit Manfred ist sie nicht unterwegs, glaube ich“, mutmaßt der Freund. Borkenstock senior und Sabine sind ratlos. Beide stochern lustlos im Grünzeug. Bald verabschiedet sich Karl-Heinz. „Der wird schon wiederkommen“, tröstet er lahm. Unten klingelt er bei Carlo und leit sich eine Tiefkühlpizza aus. Sabine ist schon weitgehend auf Flüssignahrung umgestellt und hat zum Glück noch ein Fläschchen auf Reserve. Ein Geschenk ihrer Schwester Vera zum letzten Weihnachten.

Endlich sind Rosa und Manfred an der Müritz angekommen. Rosa ist schnell noch in den Supermarkt gesprungen, um ein wenig einzukaufen. Manfred wartet derweil im Wagen. Dann fahren sie zum Häuschen am See. Rosa ist begeistert. „Ich war schon mal hier. Mit … ist ja auch egal!“, ruft sie fröhlich. Dann überredet sie Manfred noch zu einem kleinen Spaziergang am See entlang. Die Stimmung ist gelöst. Manfred hat die Gedanken an Sabine ganz hinten im Kopf eingeschlossen. „Hier ist eine tolle Stelle für morgen zum baden!“, sagt Rosa und lässt Manfred los. Vom Ufer aus ruft sie: „Komm her, hier ist es wunderbar!“ Manfred steht da wie zur Salzsäule erstarrt. „Was ist? Schaffst Du die paar Meter nicht allein?“, drängelt Rosa. Manfred nimmt all seinen Mut zusammen und macht vorsichtige Schritte. Dauernd kommt seine Blindheit zum Vorschein. Das war doch sonst nicht so mit Rosa. Weit kommt unser Held auch nicht. Wenige Schritte weiter liegt ein Stein im Weg. Wieder stößt sich Manfred das bereits auf der Treppe lädierte Knie. Außerdem landet er mit einem Arm im Matsch. Da ist Rosa bei ihm und sagt: „Oh weia, heute ist wohl nicht so ganz Dein Tag. Lass uns heimgehen.“ Manfred ist froh, wieder Halt zu finden. Im sicheren Ferienhauswohnzimmer wird der Abend zunehmend harmonisch. Rosas Einkäufe helfen mit. Das kleine Schlafzimmer lässt keine Wünsche offen. In jeder Hinsicht.

Am nächsten Morgen ist Rosa zuerst auf den Beinen. Als Manfred erwacht, kommt sie gerade aus der Dusche. „Ich mach‘ schon mal Kaffee“, ruft sie fröhlich durch das kleine Haus. Manfred tastet sich vorsichtig aus dem Bett. So ungefähr weiß er noch, wo sich das Bad befindet. Erst einmal stolpert er über seine Hose, die am Boden liegt. Der Türrahmen gibt ihm den nötigen Halt. Er hört Rosa rumoren. So wendet er sich in die andere Richtung und steht im nächsten Moment nackig in der Terrassentür. „Ist noch ein bisschen frisch für ein Bad“, meint Rosa und verschwindet im Schlafzimmer. Manfred tastet tapfer weiter. Sein Knie stößt er am Couchtisch. Endlich erreicht er das Bad und schließt erleichtert die Tür hinter sich. Das Klopapier hat sich gut versteckt. Als Manfred es endlich findet, ist es fast zu spät. Die Hähne in der Dusche sind nicht beschriftet und so verbrüht sich unser Held erstmal heftig. Der Duschkopf entgleitet seiner Hand und setzt das halbe Bad unter Wasser. Manfred wird schnell fertig und sucht nach einem Handtuch. Er hat ja nichts mitgebracht. Schließlich findet er das nasse, das Rosa gebraucht hat. Hiermit geht es notdürftig. Die Pfütze am Boden aber kann es nicht auch noch aufnehmen. So platscht Manfred zurück ins Wohnzimmer. „Hast Du noch ein Handtuch oder sowas? Ich hab‘ ‚ne Überschwemmung gemacht.“ „Unter der Spüle ist ein Eimer mit Aufnehmer.“ „Wo ist denn die Spüle?“ „Na in der Küche.“ Rosa ist immer noch im Schlafzimmer. „Kannst Du mir mal helfen?“, fragt Manfred zaghaft. „Au Mann, da hast Du aber rumgespritzt. Putzen wollte ich eigentlich nicht. Geh Dich anziehen. Ich mach das eben.“ Manfred tappt ins Schlafzimmer. Wie zu Hause sucht er auf dem Bett nach seinen bereitgelegten Klamotten. Als Rosa nach zehn Minuten gucken kommt, hat Manfred die Unterhose und einen Socken gefunden. „Sehr weit bist Du ja nicht gekommen“, meint sie, „hopphopp, ich will gleich raus in die Sonne.“ „Ich finde meinen Socken nicht wieder.“ Rosa saust durchs Zimmer und wirft ihm alles zu. „Den Mann ausziehen ist schöner“, denkt sie. Als Manfred zerzaust und in den Sachen von gestern zum Frühstück kommt, sitzt Rosa kauend am Tisch. „Kaffee ist noch genug da“, nuschelt sie. Manfred will nicht schon wieder fragen und beginnt, nach einer Tasse zu suchen. Rosa schweigt und beobachtet eine Weile. „Komm, ich gieß Dir rasch ein. Setz Dich.“ Endlich der erste positive Eindruck an diesem Morgen – der erste Schluck heißen Kaffee. „Sag mal, Manfred, so richtig gut kommst Du nicht klar?“, fragt Rosa vorsichtig. Manfred schüttelt den Kopf. „Und wie macht Ihr das zu Hause so?“ „Da ist meist jemand, der mir hilft.“ „Also Sabine.“ „Ja, oder meine Mutter.“ „Wohnst Du – ähm – wohnt Ihr bei Deiner Mutter?“ „Nein, aber sie kommen immer zum Essen. Ich meine, meine Eltern. Die wohnen unten.“ „Habt Ihr ein eigenes Haus?“ „Nein, jeder hat seine Wohnung.“ „Und Du lässt Dir immer helfen?“ „Ja, meistens.“ Rosa schweigt. Sie schweigt länger. Manfred fragt vorsichtig, auch um vom unangenehmen Thema abzulenken: „Du hattest viel Stress letzte Woche?“ „Ach ja, es ging. Mehr so Freizeitstress. Tischtennis, Kino, Frauenabend usw.“ „Ich hätte Dich ganz gern gesehen“, flüstert Manfred. „Hast aber nichts geschrieben. Wie soll ich denn darauf kommen?“, fragt Rosa. „Ich dachte, vielleicht hast Du mich ja auch vermisst.“ „Ja schon, irgendwie, aber zum Kino war ich schon länger verabredet“, stottert Rosa ein wenig. „Hattest Du gar keinen Abend frei?“ „Doch schon. Wird das hier ein Verhör?“, wird Rosa schon etwas ärgerlich. „Nein nein, ich meine ja bloß.“ „Was meinst Du?“ „Ich frage ja bloß.“ „Und ich antworte. Können wir mal das Thema wechseln?“ „Ich dachte halt, wir hätten uns ineinander verliebt“, ist Manfred jetzt mutig. Rosa schweigt. „Ich dachte …“ „Verliebt!“, entfährt es der jungen Frau, „wie kommst Du denn darauf?“ Jetzt schweigt Manfred. „Etwa weil wir einmal im Bett waren?“, setzt Rosa nach, die langsam in Fahrt kommt. Manfred nickt schüchtern. Rosa schnaubt. „Ich dachte halt …“, setzt Manfred erneut an. „Hör mal, Manfred, wir hatten etwas Spaß. Das war alles“, wird Rosa etwas weicher. „Ich wollte für Dich schon Sabine aufgeben“, entfährt es unserem unerfahrenen Liebhaber. „Und ich sollte Dich aufnehmen?“, gibt Rosa wieder Gas. „Ich dachte halt …“ „Stop stop stop! Ich glaube, da biste auf einem Holzweg, mein Lieber.“ “Wir haben uns doch so gut verstanden.“ „Ja im Bett.“ „Ist das nicht das Wichtigste?“ „Hör mal, ich weiß ja nicht, wie Du das mit Deiner Sabine machst, aber für mich war das alles nur Spaß.“ Manfreds Hand zittert dermaßen, dass eine gehörige Portion Kaffee auf seinem ohnehin nicht mehr blitzsauberen Pulli landet. „Was hast Du denn gedacht? Jetzt sag mal!“, fordert Rosa. Der Mann, der ihr gegenüber sitzt, zerzaust, unrasiert, bekleckert – sieht wirklich nicht aus wie Brad Pitt. Nicht einmal wie Thomas Gottschalk. Manfred rafft seinen Mut zusammen: „Na ich dachte, wir verstehen uns gut. Mit Dir war es immer so anders als mit Sabine. So locker und leicht.“ Rosa versteht da etwas falsch: „Aha, so locker und leicht. Du meinst, mich hast Du leichter ins Bett gekriegt?“ „Nein, es war so unkompliziert. Und meine Blindheit spielte keine Rolle.“ „Aha, Du dachtest, ich hole Dich jetzt aus Deinem trüben Blindendasein heraus oder was?“ Rosa fallen plötzlich all die Missgeschicke wieder ein. Von der zerbrochenen Lesebrille bis zu den CD-Hüllen und Manfreds Art, eine Treppe raufzusteigen. „Nein, nicht direkt“, stammelt Manfred. „Nein, ganz undirekt“, kommt Rosa langsam in den 4. Gang, „Du warst für mich ein ganz normaler Mann. Wie andere auch.“ „Warst?“ „Ja irgendwie schon. Du kriegst echt nichts hin. Und dann willst Du Dich an meinen Rockzipfel hängen oder wie!“ „Nein, ich dachte …“ „Nun ist mal genug gedacht. Ich kratz‘ hier die Kurve. Dann kannste mal wirklich denken. Ganz für Dich allein!“ „Aber Rosa, so war das alles nicht gemeint. Ich dachte nur …“ Da erst merkt Manfred, dass Rosa nicht mehr da ist. Er hört sie im Schlafzimmer und dann den Reißverschluss ihrer Reisetasche. „Rosa, Du kannst mich doch nicht einfach …“ „Und ob ich kann. Sowas ist mir ja noch nie passiert. Ein Heiratsantrag nach einer Nacht!“ Manfred versucht, Rosa nachzueilen. Als sie gerade ihren Micra wendet, stolpert er die beiden Stufen an der Haustür runter. Rosa blickt nicht in den Rückspiegel. Manfred schreit vor Schmerz, als er wieder auf sein Knie fällt.

„Gertrude, bitte beruhige Dich wieder!“, versucht Karl-Heinz, seine Frau im Krankenbett zu halten. Gerade haben Sabine und Karl-Heinz erzählt, dass Manfred seit gestern verschwunden ist. „Beruhigen! Beruhigen! Das ist mein Junge! Kaum bin ich nicht da, passt niemand mehr auf ihn auf!“ „Immerhin ist er erwachsen. So direkt aufpassen müssen wir da ja nicht“, widerspricht Sabine mutig. „Ach Du mit Deiner modernen Ehe. Ich habe schon immer gesagt, dass Du nicht die Richtige für meinen Manfred bist.“ Gertrude ist außer sich. „Aber Du bist die Richtige mit Deiner Überfürsorge?“, fragt Sabine angriffslustig. „Bitte Ihr beiden, wir sind hier nicht allein“, versucht Karl-Heinz zu schlichten. “Der arme Junge ist ganz allein da draußen“, jammert Gertrude, „wie konnte das nur passieren?“ „Ich hab‘ nur ein kleines Mittagsschläfchen gemacht. Danach war er weg. Und davor war alles noch in Ordnung.“ Sabine wahrt den Schein. „War nicht diese Rotraud morgens bei ihm?“, fällt Karl-Heinz ein. „Ist das diese blinde Frau von gegenüber. Oh Gott, wenn die beiden allein losgezogen sind“, schluchzt Gertrude. „Aber nein, die war abends mit anderen Leuten weg, sagt Theo“, beschwichtigt Karl-Heinz. Er wollte nur ein bisschen ablenken. „Wenn Du zu Hause gewesen wärst, wäre das natürlich nie passiert“, höhnt Sabine. „Es ist nie passiert“, entgegnet Gertrude böse. Zum Glück kommt die Schwester zum Blutdruck-Messen. „170 zu 90“, sagt sie vorwurfsvoll, “Frau Borkenstock, Sie sollten sich nicht so aufregen. Wir wollen doch gesund werden.“ „Ach wenn Sie wüssten“, weint Gertrude. Erste Tränen kullern ihre Wangen hinab. Da läutet ihr Telefon.

Manfred rappelt sich hoch. Er kann kaum auftreten. Stöhnend humpelt er zurück ins Ferienhaus am See, in dem er ein glückliches Wochenende verbringen wollte. In der Küche findet er tatsächlich die Kaffeemaschine. Immerhin die Hälfte des heißen Gebräus landet in seiner Tasse. Der Rest auf Anrichte und Fußboden. Manfred setzt sich wieder. Er muss Hilfe holen. Aber wen soll er anrufen? Sabine? Auf keinen Fall. Seine Mutter! Die wird für ihn da sein und Hilfe schicken. Sie ist immer für ihn da. Eigentlich will er das gar nicht mehr so sehr. Doch jetzt geht es nicht anders. Verdammt, es ist alles schiefegangen mit Rosa. Hätte er doch bloß seine Klappe gehalten. Manfred beginnt, sein Smartphone zu suchen. Das steckt in seiner Jacke? Aber wo steckt seine Jacke? Manfred tastet sich zunächst durchs Wohnzimmer. Beide Arme nach vorn ausgestreckt setzt er Fuß vor Fuß. Das Knie ist angeschwollen. Es tut sehr weh. Er findet ein Sofa und den niedrigen Tisch, mit dem er schon so schmerzhaft Kontakt aufnahm. Er wühlt in den Sofakissen. Dann findet er eine Kommode mit Fernseher darauf. Am Rand hatte Rosa ein halbvolles Glas stehen lassen. Manfred fegt es ungewollt zu Boden. Jetzt muss er erstmal seine Schuhe finden, damit er nicht barfuß in die Scherben tritt. So macht er einen großen Bogen und findet bald das Schlafzimmer. Auf zwei Händen und einem Knie krabbelt unser Held am Boden entlang. Schnell findet er den linken Schuh. Auf dem Nachtschränkchen liegt sein Smartphone. Manfred ist erleichtert. Mühsam hievt er sich hoch aufs Bett. Das blöde Ding gibt keinen Ton von sich. Fünfmal wischt und tippt Manfred auf dem Bildschirm herum. „Grundgütiger Gott!“, entfährt es ihm, „jetzt bin ich im Eimer.“ Manfred ist verzweifelt. Er sieht keine Chance, Hilfe zu holen. Nicht einmal einen Stock hat er dabei. Wie soll er da das Haus verlassen? Wieder sinkt er auf alle Dreie, um wenigstens den Schuh zu finden. Plötzlich fällt ihm das Ladegerät ein, das er gestern eingesteckt hat. Das muss in der Jacke stecken. Manfred erhebt sich erneut und tapst Arme voraus durch die ganze Wohnung. Im Bad holt er sich nasse Socken. Rosa hatte nicht allzu gründlich gewischt. Die Jacke findet er endlich in der Küche überm Stuhl. Auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer stolpert Manfred über den zweiten Schuh. Jetzt braucht er nur noch eine Steckdose. Nach dem Fußboden tastet Manfred nun die Wände ab. Schließlich findet er eine. Darin steckt seine Nachttischlampe. Er hätte nur ihrem Kabel folgen müssen. Egal. Als die Elektronik auflädt, zieht sich Manfred die Schuhe an. Nach zehn Minuten greift er zum Telefon und wählt seine Mutter an.

Gertrude winkt ab. „Ich kann jetzt nicht telefonieren.“ Karl-Heinz greift zu ihrem Senioren-Smartphone und liest „Manfred“. „Hallo Manfred, bist Du das wirklich?“, fragt er. Gertrude versucht, ihm das Gerät zu entreißen. Karl-Heinz flüchtet außer Reichweite. „Was sagst Du, ich soll Dich abholen. Ja wo bist Du denn?“ Gertrude rudert wild mit den Armen und zischt: „Gib mir sofort mein Telefon!“ „Wo bist Du? An der Müritz?“, fragt Karl-Heinz in den Hörer. Sabine sehnt sich nach ihrer Flasche. „Wo denn da genau?“ fragt ihr Schwiegervater. „Ja alles klar, ruf dann auf meiner Nummer an. Bis später.“ Karl-Heinz legt auf. „Warum hast Du mich nicht mit ihm reden lassen?“, faucht Gertrude sofort. „Weil Du zu aufgeregt bist. Denk an Deinen Blutruck. Ich hole unseren Jungen jetzt ab.“ „Wo ist er denn?“ „Er hat einen missglückten Ausflug gemacht. Komm Sabine, ich bringe Dich nach Hause und frage dann Theo, ob er mitkommt.“ Beim Hinausgehen hören sie noch: „Manfred, mein Junge. Hier ist Deine Mutter. Was machst Du denn nur?“

Im Auto erklärt Karl-Heinz seiner Schwiegertochter die Situation: „Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn Du mitfährst“, sagt er. „Damit ich nicht sehe, was mein Mann so treibt?“, zischt Sabine. „Ja vielleicht. Manchmal ist das besser so.“ Sabine schweigt verbissen. Bis nach Hause. Dort steigt sie beleidigt die Treppe hoch. „einen gesegneten Sonntag, liebe Frau Borkenstock“, flötet eine beseelte Frau Borgstein-Waldschmidt, die gerade aus der Frühmesse kommt. „Sie mich auch“, entgegnet Sabine und schließt ihre Wohnungstür. Durchs Fenster sieht sie, wie Karl-Heinz und Theo den alten Daimler besteigen. Sie haben eine lange Fahrt vor sich.

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