Im Schatten Tschernobyls

Es war ein ereignisreiches Frühjahr vor dreißig Jahren. In den Rückblicken rund um den 26. April erlebten wir es. „Die verseuchte Zone rund um den Reaktor beträgt 30 Kilometer. Wir sind 2.000 Kilometer weit weg“, beschwichtigte der damalige CSU-Innenminister Tage nach der Katastrophe in der Ukraine. Alle Staatsorgane beschwichtigten. Von Moskau bis Bonn.

Für mich persönlich war es ein noch aufregenderes Frühjahr. Zum Zeitpunkt des GAUs war ich Dialysepatient und noch ziemlich frisch erblindet. Der Tag der Arbeit fiel auf einen Donnerstag und erzeugte ein langes Wochenende. Die Schule in Marburg machte dicht und so fuhren alle nach Hause. Dort in Marburg bleiben, ging nicht, weil wir alle noch nicht volljährig waren. Ich fuhr aber nicht nach Hause, weil meine Mutter zu mir nach Marburg kam. Ich habe dieses Wochenende zu zweit als schön in Erinnerung. Das liegt hoffentlich nicht nur daran, dass ich unter ihrer Verantwortung mal wieder richtig essen durfte. Als Dialysekind von fünfzehn Jahren stand ich unter den Diätvorschriften. Dialysediät bezieht sich nicht auf Kalorien, sondern auf Mineralstoffe wie Kalium und Phosphor. Die sind überall drin. Entweder das eine oder das andere oder beides. So war alles rationiert. Und diese Diät wirkte bei mir „besser“ als jede wegen der Kalorien. Es schmeckte einfach nichts mehr. So war ich bei einer Größe von 1,67 m auf sagenhafte 49 kg abgemagert. Hinzu kam eine starke Blutarmut. Ich war nicht nur blass, sondern auch sehr schwach. Das rote Blut transportiert den Sauerstoff in unsere Muskeln. Nun war nur noch die Hälfte des roten Blutes da und dann kommen Sie auch als Fünfzehnjähriger kaum mehr eine Treppe hoch. Dieser Zustand rührte das Mutterherz und so fütterte sie mich durch. 

Am Dienstag nach dem langen Wochenende machte ich mit meiner „Betreuerin“ Marita einen Ausflug nach Frankfurt. Dort lag mein WG-Kumpel Patrick im Krankenhaus. Ich weiß nicht mehr genau, was ihm fehlte. Es war jedenfalls lebensbedrohlich. Irgendwas mit der Lunge. Als wir ihn besuchten, musste er sich den Luftröhrenschnitt zuhalten, um mit uns reden zu können. Fortan und solange ich Patrick kannte, hatte er eine heisere Stimme. Vorher nicht. Ich mochte Patrick und so war dies kein leichter Besuch. Unter den oben geschilderten Umständen auch ein anstrengender. 

Dann kam Mittwoch, der 7. Mai 1986. Wegen dieses Tages schreibe ich dies hier überhaupt. Ich lag recht friedlich an der Dialyse. Da fragte mich mein burschikoser Dr. Burkhardt, ob ich wohl eine Niere haben möchte. Ich nehme an, dass ich noch irgendwas wie Ja herausgebracht habe. Aber die folgenden Stunden bis zur Narkose waren aufwühlend. In erster Linie hatte ich wohl Angst. Dabei hatte ich sogar Zeit gespart, weil ich schon an der Maschine hing. Andere müssen erst hinfahren und dann noch eine ganze Dialyse durchleben. Die Mutter eines kleineren Mitpatienten war an diesem Nachmittag da. Sie tröstete mich ein wenig. Das Pflegepersonal war mit OP-Vorbereitungen beschäftigt. Erste Infusionen liefen. Es war ein Nachmittag echt kreatürlichen Daseins. Ich hatte bis dahin schon Manches erlebt in meiner Gesundheitslaufbahn, die im Sommer 1985 begonnen hatte. Doch was nun kam, übertraf alles bei weitem. Einzelheiten erspare ich mir und Ihnen. Die folgenden Erfahrungen bewogen mich 1998 dazu, auf einen erneuten Platz auf der Warteliste für eine Niere zu verzichten. Das damalige Organ sollte von einem 56jährigen Essener stammen. Das hörten wir hinter vorgehaltener Hand. Denn sowas soll kein Organempfänger wissen. Es passte einigermaßen. Ich hatte gravierende Nebenwirkungen durch die notwendigen Medikamente. Diese Niere hielt bis zur erneuten Dialyse am 1. August 1998 etwa zwölf Jahre. Das ist kein schlechter Wert. Sie machte mir die Ausbildung bei der Telekom 1992 – 95 möglich. Mit Dialyse hätte ich diese wohl nicht geschafft. Dieser 7. Mai wird mir nie aus dem Gedächtnis flutschen. Hätte die Niere bis heute gehalten oder wären es deutlich weniger Nebenwirkungen gewesen, hätte sich die damalige Qual gelohnt. Feinfühlige Seelen werden in der Krankenhaus-Maschinerie buchstäblich zerfleischt und müssen hinterher langsam wieder heilen. Narben bleiben ewig. Deshalb kann ich persönlich kein Befürworter der Transplantation sein, obgleich sie vielfach statistisch gut klappt. Wie es den Seelen der Patienten geht, wird ja zahlenmäßig nicht erfasst. 

Wer dies hier als Vorwand für die beliebte Nichtspendenbereitschaft nimmt, der versteht mich miss. Ich erzähle von meinem Erleben. Für viele Menschen ist die Transplantation der Ausweg zur Dialyse. Denken Sie nur an Menschen, die ihre Familie ernähren müssen. Mit Dialyse ist das eine übermenschliche Anforderung und geht nicht lange gut. Meine Skepsis gegenüber Transplantation dient nicht als Flucht ins Wegdrücken der Frage, ob Spenden oder nicht. Sie richtet sich an die Maschinisten im Krankenhaus.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erlebnisberichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s