Fußball als Identität

Fußball gilt heutzutage als deutsches Kulturgut und füllt eine klaffende, gähnende Lücke, wo sich eigentlich Identität befinden sollte.

Diesen Satz haben wir im Roman „Die Saat der Lüge“ von Beverley Jones gefunden. Dort steht er mit Rugby anstelle von Fußball und Wales anstelle von Deutschland. Er bringt eine lang gehegte Ansicht derart treffend auf den Punkt, dass wir uns diesen kleinen Diebstahl erlauben möchten.

Nun leben wir beide in Dortmund. Beim BVB ist dieses Phänomen sicher ausgeprägter als bspw. bei Bayer 04 Leverkusen. Die Borussia ist ja ein sogenannter Traditionsverein. In Dortmund ist die Muttermilch schwarz-gelb. In Gelsenkirchen übrigens blau-weiß. Wir glauben aber, dass dies hier im Ruhrgebiet nur Spitzen des Eisberges sind, der ganz Deutschland betriff.

Es begann mit dem WM-Titel 1954. Nach der Depression des verlorenen Krieges gab es am wieder etwas Gutes über Deutschland zu sagen. Wir waren wieder wer! Zumindest Fußball-Weltmeister. Die Helden von Bern werden heute noch verehrt. 1974 holte Deutschland den Titel im eigenen Land. Programmgemäß. Bis heute ist nicht klar, ob die StaSi hinter der 0:1-Niederlage gegen die DDR steckte. Pünktlich zur Wiedervereinigung kam der nächste WM-Titel 1990 in Rom. Das passte zum damals herrschenden Vereinigungstrubel. Deutschland erwartete blühende Landschaften und rosige Fußball-Zeiten. 2006 erlebte das Land das Sommermärchen. Junge Spieler wie Schweini und Poldi verzückten die Nation. Und ganz bemerkenswert: Es wurde Flagge gezeigt. Das vorher verschämt versteckte Symbol war wieder hoffähig geworden. 2014 holte diese Spieler-Generation schnell noch einen WM-Titel, ehe sie in Rente geht.

Wir sehen, Fußball spielte eine große Rolle in der Geschichte der BRD. In der DDR war es weniger der Fußball als andere Sportarten. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Lage nochmal neu dimensioniert. Fußball eignet sich so wunderbar als Event. Und darum geht es. Alles wir gefeiert. Hauptsache, es ist ein Event. Und Fußball immer. Ins Stadion gehen ist Pflicht und Kult. In Dortmund sowieso. Die Liebe und Treue zum Verein ist größer als die zur Partnerin. Ob wir unserer Partnerin / unsrem Partner immer treu sein müssen, diskutieren wir an anderer Stelle vielleicht einmal. Die eigene Mannschaft kann ein noch so schlechtes Spiel abliefern. Wir gehen wieder hin und unterstützen sie. Früher gab es Fußball nur am Wochenende, heute fast jeden Wochentag. Wo früher drei Meinungen publiziert wurden, sind es heute dreißig. Es gibt einfach sehr viel mehr Sender, auf denen die sog. Experten ihre Meinung verbreiten können. Die sog. Fan-Artikel komplettieren die religiöse Bindung an die Mannschaft. Jede Saison ein etwas verändertes Trikot für völlig überzogene 60 Euro aufwärts. Über seine hervorragende Event-Eigenschaft erlangte der Fußball einen religiösen Status.

Nun schauen wir mal, was denn wikipedia zum Begriff Identität sagt. Ganz viel. Wir wählen einen kleinen Auszug: „Da Identität auf Unterscheidung beruht und die Unterscheidung ein Verfahren ist, das ein Ganzes untergliedert („scheidet“), kann ein Körper nur als Ganzes Identität erlangen. Daher wird verständlich, weshalb Menschen ihre Identität als bestimmte Menschen in einem Wechselspiel von „Dazugehören“ und „Abgrenzen“ entwickeln. So entwickelt ein Kind nach der Geburt erst im Laufe der Jahre eine Identität in Abgrenzung von der Mutter.“ Es steht noch viel mehr im wikipedia-Artikel. Doch hierbei wollen wir es bewenden lassen.

Was hätte also anstelle des Fußballs als Unterscheidungsmerkmal dienen können? In vielen Staaten ist es die Nationalität. Wir wären also einfach Deutsche gewesen. Das ging aber nach den Gräuel des zweiten Weltkrieges nicht. Der Deutsche war diskreditiert. Die Kriegsgeneration hatte zwar noch die Indoktrination durch die Nazis erlebt. Im Krieg spätestens wurde vielen klar, dass dieser Wahn nur Unheil bringt. Die Nachkriegsgeneration blickte noch viel nüchterner auf die Geschichte des tausendjährigen Reiches. Sie schämte sich, Deutscher zu sein. Außerdem war es ja auch aus einem anderen Grund schwierig. Was waren denn die da drüben? Eigentlich ja auch Deutsch. Mindestens bis zur Ostpolitik Brandts aber falsche Deutsche. So laut durften das die Abgrenzer auch nicht sagen. Schließlich gab es noch haufenweise familiäre Bindungen zwischen Ost und West. Also das übliche Kriterium taugte nichts zur Unterscheidung von anderen. In Korea könnten sie ähnliche Probleme haben.

So versuchen wir mal eine Utopie zu entwickeln, wie es hätte gehen können. Deutschland als Friedensnation mitten im Westen. So wäre die Bundeswehr 1955 nicht aufgestellt worden. Stattdessen hätten unsere Politiker eine Zivilschutztruppe aufgebaut. Die wäre darauf geschult worden, den Menschen im Falle eines Krieges zu helfen. Auf die Einbindung in die NATO hätte Westdeutschland verzichtet. Ob die Westalliierten geblieben wären, wissen wir nicht genau. Vermutlich schon. Sie wollten gern den Daumen auf der westdeutschen Politik behalten und Deutschland als mögliches Schlachtfeld nutzen. Die Bevölkerung wäre für die Ausrichtung auf Frieden zu haben gewesen. Die Menschen hatten vom Krieg die Nase voll. Statt der Hallstein-Doktrin hätte es vorsichtige Näherungsgespräche mit Ost-Berlin schon viel früher geben können. Die Doktrin untersagte diplomatische Kontakte zu jedem Land, das solche mit der DDR aufnahm. Der NATO-Doppelbeschluss hätte die Bundesrepublik nicht berührt. Sie wäre ja kein NATO-Territorium. Dass die Alliierten gegen den Widerstand der Bundesregierung Atomwaffen auf ihren Stützpunkten stationiert hätten, halten wir für unwahrscheinlich. Deutschland hätte sich an keinem Krieg der USA finanziell beteiligt. Später natürlich auch nicht mit der Bundeswehr, die es gar nicht gibt. Stattdessen hätte die BRD Zivilhelfer in beruhigte Kriegsgebiete entsenden können. Eine Rolle des guten Vermittlers hätte der deutschen Außenpolitik zuwachsen können. Erst recht nach der friedlichen Vereinigung. Das Afghanistan-Desaster und viele weitere Einsätze der heute existierenden Bundeswehr gäbe es gar nicht. Statt 35 Milliarden jährlicher Militärausgaben kämen wir locker mit zehn Milliarden für den Zivilschutz hin. Ein Großteil der Bevölkerung würde heute noch hinter dieser Politik stehen. Denn die Militarisierung der deutschen Politik einschließlich der Sprache der Politschauspieler gäbe es nicht. Gauck könnte ruhig von „Verantwortung übernehmen“ reden. Das hieße dann aber nicht Militär hinschicken, sondern Diplomatie versuchen und Hilfe senden. Es ist klar, dass Deutschland von vielen als Weichei verlacht würde. Wir glauben aber, die Mehrheit hätte im Laufe der Jahrzehnte großen Respekt bekommen. Auch die „bösen Russen“, die ja tatsächlich lieber mit Deutschland Handel treiben als Bedrohung aufzubauen. Eine schöne Utopie, die Identität hätte stiften können. Mehr als der Fußball. Und friedlicher. Denn Friede nach außen zu leben macht auch mehr Frieden im Innern. Natürlich hätte eine solche Identität auch wesentlich mehr Substanz.

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