Wie der Blinde so ohne Mutter klarkommt – (Kapitel 6)

Es ist ein Taxi, das vorm Haus in der ruhigen Straße zur Mitternacht vorfährt. In der Küche sind zwei Frauen elektrisiert. Ist das endlich ihr Manfred, ihr Junge? Trotz ihrer siebzigjährigen Knochen ist Gertrude als erste an der Wohnungs- und dann an der Haustür. Sie eilt zum Taxi und hat Tränen in den Augen, als sie ihren Sohn auf dem Vordersitz erspäht. Gertrude reißt die Beifahrertür auf. „Manfred, mein Junge, wo warst Du denn?“, fragt sie mitten in den laufenden Bezahlvorgang. Sabine will ihr in nichts nachstehen und schiebt sich ebenfalls halb in den Wagen. Der Fahrer muss den Gurt lösen, weil Manfred sich kaum bewegen kann. Er weiß gar nicht, wie viele Hände es sind, die ihm aus dem Wagen helfen. Der Fahrer ist immer nachts unterwegs und daher Kummer gewöhnt. Geduldig erwartet er das Schließen der Tür. Gestützt, gezerrt und mit Fragen bombardiert erreicht Manfred den Hausflur. Zur selben Zeit schließt Carlo sein Fahrrad an Gertrudes Briefkasten fest. „Hey Manfred, mal wieder ohne Frauen unterwegs gewesen? Muss auch mal sein!“, meint Carlo fröhlich und verschwindet schnell in seiner Wohnung. Er kann ja nicht wissen, dass Gertrude alles andere im Sinn hat als ihn zu tadeln. Normalerweise mag sie es gar nicht, wenn Carlo sein Rad mit ins Haus bringt. Vielmehr drückt Gertrude dreimal auf den Lichtschalter im Treppenhaus. In der Hoffnung, dass es dreimal so lang leuchtet als sonst. „Ich habe mir – also wir haben uns solche Sorgen gemacht,“ jammert Gertrude und greift Manfred unter den linken Arm. Am rechten hängt Sabine und so bewegt sich das Trio an die Wand gedrückt die Stiegen hinauf. Denn das Geländer konnte bis zum Feierabend noch nicht wieder vollständig installiert werden.

Als Sabine die Wohnungstür aufschließt, saust ihnen Pfiffi entgegen und schlängelt sich irgendwie durch die sechs Beine, die die Tür blockieren. Ein gut katholisch erzogener Hund erledigt seine Geschäfte nicht in der eigenen Wohnung. Weil Sabine aber den ganzen Abend unten blieb, baute sich bei Pfiffi ein gewisser Druck auf. Unten angekommen findet Pfiffi die Haustür verschlossen. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich vor Gertrudes Wohnung zu erleichtern. Unser Trio bekommt davon nichts mit. Beide Frauen zerren an Manfreds Jacke. „Wo sind denn Deine Armbinden?“, fragt Sabine lauernd. Manfred hat bis jetzt noch kein Wort gesagt. Pfiffi auch nicht. Es reden nur die Frauen. Schon ist wieder Gertrude dran: „Hast Du denn was gegessen, mein Junge?“, fragt sie besorgt. Zum Glück hat Manfred zwei Schuhe. So sind beide Frauen gleichzeitig beschäftigt. „Ich möchte jetzt ins Bett. Mir geht es gut“, sind Manfreds erste Worte. „Aber vorher sagst Du mir noch, wo Du warst!“, fordert Sabine. „Ach mein Junge, ich bin so froh, dass Dir nichts passiert ist. Komm, ich helfe Dir“, säuselt hingegen Gertrude und schleppt ihren Manfred ins Schlafzimmer. Sabine lässt vorübergehend von ihrem Mann ab. Gertrude hat den Vorteil auf ihrer Seite. So huscht sie kurz ins Wohnzimmer und stärkt sich. Als sie wieder ins Schlafzimmer kommt, liegt Manfred im gelben Schlafanzug mit den roten Herzen unter der Decke. „Lass deinen Mann jetzt in Ruhe. Der hat bestimmt Schlimmes erlebt und muss sich erholen“, zischt Gertrude ihre Schwiegertochter an, „Ich habe Dir ja gesagt, was ich davon halte“. Damit verschwindet sie. Sabine steht einen Moment entschlusslos da. Manfreds Tür fällt automatisch vor ihrer Nase ins Schloss. Aus dem Treppenhaus erklingen ein Schrei, ein Rumpsen und dann lautes Wehklagen.

Sabine reißt die Wohnungstür auf und ruft ins Dunkle: „Was ist denn los?“ Es klingt wie Gertrude, die da unten laute Schmerzensrufe hören lässt. Pfiffi nutzt die Dunkelheit und verschwindet schnell in seinem Körbchen. Ihm geht es besser. Sabine tastet nach dem Lichtschalter. Vorsichtig klettert sie die Treppe runter. Was sie zuerst erblickt, sind Pfiffis Hinterlassenschaften vor Gertrudes Tür. Dann sieht sie die verkrümmt daliegende Schwiegermutter. In diesem Augenblick öffnet sich Carlos Tür. Mit einem Satz ist der junge Mann bei seiner Nachbarin: „Was ist los, Frau Borkenstock? Sind Sie die Treppe runtergefallen?“ Aus dem ersten Stock fragt Frau Borgstein-Waldschmidt alarmiert: „Brauchen wir einen Krankenwagen?“ „Ja ja ja“, jammert Gertrude lautstark. Frau Borgstein-Waldschmidt zieht sich zurück und wählt 112. Den ganzen Tag hat sie sich nicht aus der Wohnung getraut. Wegen des fehlenden Geländers. Und jetzt das. Aber sie hat es ja gewusst. Lehrerinnen wissen eben alles. Von noch weiter oben mischt sich Herr Nörgelmann ein: „Jetzt aber mal Ruhe! Es ist bereits 0.47 Uhr.“ „Hier ist ein Unfall, Sie Nörgelmann Sie!“, entfährt es Sabine, die immer noch versteinert auf die Szene blickt. „Bitte beruhigen Sie sich, Herr Nörgelmann. Die Ambulanz ist verständigt“, taucht Frau Borgstein-Waldschmidt wieder auf. „Wo ist denn eigentlich der Herr Borkenstock?“, fragt Carlo. „Oben in seinem Blindenbett“, murmelt Sabine. „Nein, ich meine den Mann von dieser Frau hier“, sagt Carlo und hält Gertrudes Hand. Frau Borgstein-Waldschmidt hat sich inzwischen bis zur Treppe vorgetastet und späht vorsichtig nach unten. Unguter Geruch kommt ihr entgegen. „Wer stinkt denn hier so?“, schreit Herr Nörgelmann, „War der Hund wieder undicht oder was?“ „Aber Herr Nörgelmann, etwas mehr Mitgefühl bitte“, mahnt die ehemalige Lehrerin Borgstein-Waldschmidt. „Mit diesem Land geht es nur noch bergab“, schimpft der Nachbar und schlägt seine Wohnungstür zu. „Der ist bei seinem Kumpel gegenüber“, beantwortet Sabine nun endlich die Frage. „Na dann holen Sie ihn doch mal ganz schnell“, fährt Carlo sie an. Da kommt Karl-Heinz in Schräglage zur Haustür rein. „Was ist denn hier los“, fragt er mit schwerer Zunge. „Ihre Frau ist gestürzt. Weil kein Geländer da ist“, antwortet Carlo. „Frau Borkenstock, können Sie nicht mal den Mist da wegmachen?“, wird Carlo langsam ärgerlich. Automatisch greift Sabine sich Karl-Heinzens Schlüssel und geht in die schwiegerelterliche Wohnung. „Ich brauch ein Bier“, lallt Karl-Heinz und will hinterher. Ehe er Pfiffis Spuren noch weiter verteilt, schupst ihn Carlo gerade noch auf die Treppe. Schon ist Sabine da und beseitigt alles. Darin ist sie geübt. „Jetzt aber“, murmelt KarlHeinz und erhebt sich, „was ist denn eigentlich mit Gertrude los?“, fällt ihm dann plötzlich seine Frau auf. Draußen ist Motorengeräusch. Carlo öffnet die Haustür. Zwei junge Männer rollen eine Trage in den Hausflur und heben die stöhnende Gertrude vorsichtig darauf. „Wo bringt Ihr sie denn hin?“, fragt Carlo. „Klinik Nord, ist vermutlich der Oberschenkelhals“, antwortet der eine routiniert, „hat sie Verwandte?“ Carlo schaut sich um. Weder Sabine noch Karl-Heinzreagieren. Für beide geht alles zu schnell. „Ja schon, aber ich glaube, die sind noch unter Schock“, meint Carlo, „die kommen dann morgen ins Krankenhaus.“ Der junge Mann nickt und rollt Gertrude raus in den Krankenwagen. Die Haustür fällt ins Schloss. Oben sorgt Frau Borgstein-Waldschmidt regelmäßig für Licht. „Geh nach oben. Heute können wir eh nichts mehr machen“, wendet sich Karl-Heinz väterlich schwankend an Sabine. Die nickt und steigt vorsichtig aufwärts. Carlo stützt derweil Karl-Heinz und bringt ihn in sein Wohnzimmer. „Willste auch ein Bier?“, fragt dieser. Carlo nickt und schließt die Wohnungstür. „Vorsicht!“, schreit oben Frau Borgstein-Waldschmidt. Manfred erscheint nun auch auf der Bildfläche. Barfuß und im hübschen Schlafgewand. Frau Borgstein-Waldschmidt greift beherzt zu und bewahrt Manfred davor, seiner Mutter zu folgen. „Ich bringe Sie zu Bett. Da sind Sie sicher. Gleich kommt Ihre Frau“, spricht die Nachbarin begütigend auf Manfred ein und führt ihn zur Spezialmatratze. So etwas hat sie zwar noch nie gesehen, ist als Lehrerin aber immer souverän. Manfred bedankt sich artig und weiß gar nicht, wo ihm der Kopf steht. „Vielen Dank, dass Sie sich um Manfred gekümmert haben, Frau Borgstein Waldschmidt. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht“, hört er Sabine im Treppenhaus sagen. Da fällt seine Tür wieder sanft ins Schloss. Kurz darauf kommt Sabine ins Zimmer. „Wo warst Du denn?“, fragt sie mit fremder Stimme. „Mit Petra und Volker weg. Was ist denn hier passiert?“, bringt Manfred die zurechtgelegte Ausrede vor. „Deine Mutter ist die Treppe runtergefallen. Weil es dunkel war und das Geländer fehlt. Geschieht ihr ganz recht“, antwortet Sabine ohne das übliche Säuseln. „Habt Ihr sie denn ins Krankenhaus gebracht?“ „Sie wurde eben abgeholt. Wo wart Ihr denn? Warum hast Du nicht angerufen?“ „Lass uns morgen darüber reden. Ich bin hundemüde“, bittet Manfred. Wortlos verlässt Sabine das Zimmer. Ihr ist es egal, dass Pfiffi schnell hineinschlüpft. Manfred ist völlig außer oder auch neben sich. All die Ereignisse des Abends sausen durch seinen Kopf. Rosas Auto, beinahe überfahren, dann in der Wohnung, der Abschied … Wach liegt er da mit Pfiffi im Arm. Von nebenan hört er abwechselnd leises Fluchen, Schluchzen und das Klingen von Glas. Was für ihn Pfiffi ist, ist für Sabine Mariacron. Das weiß Manfred. Beide Eheleute sind einsam in dieser Nacht.

Morgens erwacht Manfred durch das Piepen seines Mobiltelefons. Sabine hatte die Weckautomatik nicht aktiviert. Manfreds Kopf tut weh. Als er dann endlich eingeschlafen war, hatte er wild geträumt. Pfiffi ist auch noch da. Der Tastwecker zeigt halb acht. „Der Hund muss raus“, denkt Manfred. Damit will er Sabine jetzt nicht kommen. Also schleicht sich Manfred zur Wohnungstür und rutscht auf dem Popo Stufe für Stufe hinunter zur Haustür. Pfiffi düst hinaus in die Freiheit. „Hoffentlich sieht mich hier niemand so barfuß und im Schlafanzug“, denkt Manfred noch, als Herr Nörgelmann pünktlich zur Arbeit geht. „Guten Morgen, Herr Borkenstock“, grüßt er mit einem Grinsen. „Guten Morgen“, bringt Manfred auf der Stufe sitzend tapfer hervor. Irgendwann kommt Pfiffi zurück und beide erklimmen auf allen Vieren den ersten Stock. Oben ist noch alles still und Manfred verschwindet in seinem Zimmer. Er fühlt sich ganz schön gedemütigt. Im Smartphone findet er Rosas Nachricht: „Na mein Freudenmann, alles gut heute morgen?“ „Möchte Dich bald wiedersehen. Gibt kleine Probleme hier zu Hause. Mutter im Krankenhaus“, antwortet Manfred und fühlt die schöne Erinnerung aufsteigen. Leise hört er WDR 4. Irgendwann steckt Sabine den Kopf zur Tür herein: „Kommst Du bitte gleich zum Frühstück. Wir müssen gucken, wie es weitergeht.“ „Ja klar, ich komme.“ Zum Glück ist der Kleiderschrank beschriftet. So findet Manfred zumindest ein neues Hemd und etwas Unterwäsche. „Ein Schutztuch haben wir im Moment nicht. Die hat beide der Hund“, begrüßt ihn Sabine in der Küche. Sie bleibt auf Abstand. Manfred setzt sich und tastet vorsichtig umher. „Alles wie immer“, sagt Sabine und setzt sich. Manfred gönnt sich erstmal einen Schluck Kaffee. Doch ehe er auf den gestrigen Abend zu sprechen kommen kann, plant Sabine: „Ich muss mich jetzt um zwei Haushalte und zwei Männer kümmern. Gertrude wird heute Morgen operiert. Ich habe eben angerufen. Wir werden versuchen, alles so zu machen, wie es immer war.“ „Aber Bienchen, was ist denn eigentlich passiert?“ Normalerweise wirkt dieser Kosename. „Deine Mutter und ich haben unten auf Dich gewartet. Karl-Heinz war bei Theo. Dann kamst Du und Deine Mutter hat Dich ins Bett gebracht.“ An dieser Stelle klingt Sabines Stimme verächtlich. „Dann ist Deine Mutter im Dunkeln die Treppe runtergefallen. Und Du fast hinterher. Wärst Du mal lieber in Deinem Bettchen geblieben.“ Manfred kann gar nichts sagen. Pfiffi hat sich längst in sein Körbchen verzogen. Hunde merken schnell, wenn ein Gewitter in der Luft liegt. „Dir ist da gestern was aus der Jacke gefallen“, sagt Sabine und drückt Manfred etwas in die Hand. „Ein Labello. Der stammt sicher von Petra. Gib ihr den doch bitte zurück“, sagt Sabine. Manfred nickt nur. Den hatte er in Rosas Auto gefunden und damit gespielt. Gedankenlos muss er ihn dann in die Jackentasche gesteckt haben. „Ich gehe dann runter zu Karl-Heinz und sehe mal nach ihm.“ Sabine steht auf. Manfred ist allein. „Sie ahnt etwas. Ist aber eigentlich egal. Ob Rosa heute schon Zeit hat?“ Manfreds Gedanken schweifen ab und werden zu Phantasien. Als Sabine vom Schwiegervater zurückkommt, sitzt Manfred auf seiner Matratze und liest in einem seiner Braille-Bücher. Immerhin sieht es so aus. „Karl-Heinz kommt nachher zum Mittagessen. Dann fahre ich mit ihm in die Klinik. Für Dich lohnt sich das nicht. Du musst ja zur Arbeit“, teilt seine Frau mit. „Ich könnte ja frei nehmen“, versucht Manfred ein Gespräch. Sabine geht gar nicht darauf ein. Große Ruhe breitet sich aus. Wie meist im Hause Borkenstock, wenn Gertrude nicht da ist. Leise erledigt Sabine die Hausarbeit. Mittags gibt es Linsensuppe. Gesprochen wird nicht viel. Als Manfred nach dem Essen ein frisches Hemd braucht, sagt Sabine nur: „Ich besorge ein neues Schutztuch.“ Gegen zwei geht Sabine aus der Wohnung. „Heute Abend erzählen wir Dir dann, wie es Deiner Mutter geht“, verabschiedet sie sich. Bis das Taxi zur Arbeit kommt, wartet Manfred auf eine Nachricht von Rosa. Um halb vier klingelt Frau Borgstein-Waldschmidt. „Ihre Frau hat mich gebeten, Ihnen zu helfen, lieber Herr Borkenstock. Haben Sie denn alles?“ Manfred steht seit einer Viertelstunde angezogen im Flur. Frau Borgstein-Waldschmidt hat genau aufgepasst, wie Gertrude das macht. Sie krallt sich von hinten an Manfreds Oberarm und schiebt ihn die Treppe hinab.

Die Abendschicht verläuft wieder einmal sehr ruhig. Manfred ist unglücklich. Die Erinnerung an gestern Abend macht ihn immer noch schwindelig. Aber was dann alles kam, ist doch kaum zu fassen. Seine Mutter, die doch immer so übervorsichtig ist, fällt die Treppe runter. Oberschenkelhalsbruch. Da ist sie mit Reha locker sechs Wochen von zu Hause weg. Wie soll Sabine das schaffen? Warum ruft Rosa nicht mal an? Hat sie gar keine Sehnsucht? Manfred möchte gern, aber er traut sich nicht. Und dann dieser blöde Labello! Ob Sabine ihm geglaubt hat? Sie hat sich doch sehr anders benommen als sonst. Irgendwie distanzierter. Kann das nicht auch an der doppelten Verantwortung liegen, die sie jetzt tragen muss? Manfred versucht, Sabine anzurufen. Er erreicht aber nur die Mailbox. Im Krankenhaus müssen sie ihr Mobiltelefon wahrscheinlich abschalten. Soll er stattdessen Rosa anrufen? Da klingelt endlich das Telefon. Aber das dienstliche: „Grünflächenamt der Stadt. Sie sprechen mit Herrn Borkenstock. Was kann ich für Sie tun?“, meldet sich Manfred vorschriftsmäßig. „Hier Stinkstiefel aus dem Hahnenkamm. Ich habe schon dreimal angerufen und jetzt reicht es mir. Die Hecke der Gemeindewiese ragt mittlerweile vier Zentimeter zu weit auf den Gehsteig. Wann unternehmen Sie endlich mal was?“, erklingt eine erboste Männerstimme. Ein dienstlicher Anruf! Manfred muss sich sammeln: „Ja, Herr Stinkstiefel, richtig?“ „Jawoll, Manfred Stinkstiefel, wohnhaft Hahnenkamm 9.“ „Lieber – ähm – sehr verehrter Herr Stinkstiefel, ich werde Ihr Anliegen an den zuständigen Heckenwart weitergeben. Gleich morgen kümmert sich jemand darum.“ „Das will ich Ihnen auch geraten haben. Sonst schneide ich die Hecke selber und kippe Ihnen den Mist vor die Tür!“ Das hatte unserem Manfred gerade noch gefehlt. Fahrig sucht er das Zuständigenbuch in Braille. Dabei schießt er den vollen Wassernapf von Petras Führhund in die Ecke. Petra hatte vergessen, ihn wegzuräumen. Wo gibt es denn hier einen Lappen? Manfred ist hilflos. Da klingelt schon wieder das Diensttelefon. Nach den üblichen Worten zur Begrüßung hört Manfred eine heilige Stimme: „Lieber Herr Borkenstock, hier spricht Pfarrer Seelighaus. Mein Schäfchen … ichmeine, Frau Borgstein-Waldschmidt hat mir erzählt, Ihre Mutter sei lädiert worden?“ „Ja guten Tag Herr Pastor, ja also, ich glaube, sie wird gerade operiert“, stottert Manfred. „Lieber Herr Borkenstock, das ist ja furchtbar. Wissen Sie denn schon, was Ihre liebe Frau Mutter hat?“ „Leider nicht genau, Herr Pfarrer.“ „Der Herr prüft seine liebsten Kinder am härtesten. Das wissen Sie ja am besten, lieber Manfred. Ich wünsche Ihnen und Ihrer lieben Frau Mama nur das Beste und werde für Sie beten.“ „Recht vielen Dank, Herr Seelighaus. Auf Wiederhören.“ „Gott sei mit Ihnen.“ Wieder versucht Manfred vergeblich, Sabine zu erreichen. Als er Petra anrufen will, um nach einem Lappen zu fragen, ist der Akku seines Smarttelefons leer. Die Telefonliste in Braille haben sie weggeworfen, weil ja jeder eine Anrufliste im Telefon hat. So sucht Manfred wieder nach der Nummer des Heckenwartes. Siedendheiß fällt ihm ein, dass er nun Rosas Anruf verpassen könnte. Und noch drei Stunden, bis er wieder ans Ladegerät kommt. Hoffentlich will sie sich nicht spontan verabreden. Tausend Gedanken rasen Manfred durch den Kopf. Er stellt sich sogar vor, wie Rosa nachts Steinchen an sein Fenster wirft. Irgendwann findet er den Ordner und darin die Nummer von Herrn Hexelmann. Da fällt Manfred ein, dass der ihm was von seinem Urlaub erzählt hat. Da muss Herr Stinkstiefel wohl noch etwas mit der Hecke leben. Der Vertreter fällt Manfred nicht ein. Er träumt lieber von Rosa, die ihn gerade zu erreichen versucht.

Ganz kurzer Exkurs: Susanne, alias Rosa, spielt gerade mit einer Freundin Tischtennis und verschwendet nicht einen Gedanken an Manfred.

Karl-Heinz ist es, der Manfred vom Taxi abholt. Er hilft seinem Sohn nicht beim Aussteigen. Manfred hängt sich beim Vater ein und so kommen sie spielend die Treppe hoch. „Deine Mutter hat einen Oberschenkelhalsbruch. Sie muss wahrscheinlich drei Wochen im Krankenhaus bleiben. Ihr geht es aber gut. Was hast Du bloß gestern Abend gemacht? Ich hab‘ ja nicht mehr viel mitgekriegt. Sabine ist stocksauer“, sprudelt Karl-Heinz los, ohne Atem zu holen. „Ach Papa, ich war bei einer Bekannten. Und die war ganz schön stürmisch“, tut Manfred geheimnisvoll. Da sind sie schon oben und Pfiffi begrüßt freudig sein Herrchen. Das Abendessen verläuft einsilbig. Sabine hat nachmittags einen neuen Schlabberlatz besorgt. „Weiß mit roten Punkten. Ist mal was anderes“, sagt sie und drückt Manfred das Stück Stoff in die Hand. Weil er den Knoten natürlich immer noch nicht hinkriegt, stopft sich Manfred die Bänder hinten in den Kragen. Karl-Heinz verabschiedet sich bald und sagt zu Sabine: „Wir machen das dann wie besprochen. Morgen früh kommt Ihr runter.“ Seinem Sohn klopft er väterlich auf die Schulter: „Schlaf gut, mein Junge. Es wird schon alles wieder gut.“ Von Sabine hört Manfred an diesem Abend nur noch: „Unsere halbe Stunde morgens ist gestrichen. Ich muss mich ja jetzt um alles kümmern.“ Manfred schleicht aus der Küche. „Dann soll sie sich auch um Pfiffi kümmern“, denkt er. Seinen Schlafanzug muss Manfred lange suchen, weil er nicht am gewohnten Platz bereitliegt. Noch länger sucht er nach dem Ladekabel für sein Smarttelefon. Manfred wird immer hektischer. Auf dem Schreibtisch endlich findet er das Ladegerät. Das Kabel hat sich leider um den Becher mit Sabines Buntstiften gewickelt. Rumsbums liegen alle unten. Hastig will sich Manfred bücken, um sie alle aufzusammeln. Dabei stößt er mit der Stirn auf die Schreibtischkante. Die einzige Kante im ganzen Zimmer, die nicht gepolstert ist. Allmählich wird Manfred wütend. Er kriegt aber auch gar nichts alleine hin. Die einzige Steckdose, die ihm einfällt, ist die neben der Tür. Zornig zieht Manfred die Nachtleuchte raus und pfeffert sie in die andere Ecke. Es hört sich an, als tue das der Lampe nicht gut. Manfred geht es aber besser. Nach fünf Minuten hat das Telefon wieder genug Akkuladung. Die PIN ist ihr Hochzeitsdatum: 1411 – 1. April 2011. Manfreds Herz beginnt zu klopfen. Da, ein Piepen. Eine Nachricht. Bestimmt von Rosa. Von wem sonst? Manfred lauscht gebannt der Sprachausgabe: „Hallo Manfred, ich bin Rotraud, Deine alte Klassenkameradin. Ich wohne jetzt gegenüber. Meld Dich doch mal!“

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