Datenmassen in der Luft

So langsam werden Science-Fiction-Romane Wirklichkeit. Wir nähern uns rasant der totalen Überwachung. Und wir machen freiwillig mit. Niemand muss uns zu irgendwas zwingen. Es reichen entweder die Bequemlichkeit, fehlendes Körpergefühl oder finanzielle Lockungen.

Wir stoßen auf das Thema aus aktuellem Anlass. Autoversicherer beginnen damit, sogenannte Telematik-Tarife anzubieten. Moderne Autos liefern und speichern bereits eine Menge von Daten. Geplant ist nun, diese direkt via Smartphone sichtbar zu machen und an den Versicherer zu melden. Erzieherisch soll das wirken. Als ob ein Fahrer nicht wüsste, was er tut oder getan hat. Sicherheit auf den Straßen soll es verbessern. Immer gern genommen. Wer wollte das nicht? Sparen soll es helfen. Die Tarife für junge Fahrer wurden prima erhöht. Umso glanzvoller können sie nun gesenkt werden, wenn die Fahrer mitmachen. Was genau positiv gewertet wird, ist dabei völlig unklar. Gilt allein die STVO? Oder gilt besonders umweltfreundliches Fahren? Werden besondere Strecken günstiger bewertet? Welche Rolle spielen Jahres- und Tageszeit? Sollten wir Mitfahrer mitnehmen oder lieber nicht? Wie werden die Daten bei Strafprozessen genutzt? In einem Interview in „Politikum“ auf WDR 5 erklärte uns ein Experte, das werde sich im Betrieb herausstellen. Diese Algorithmen kenne noch niemand. Was sich aber jeder leicht vorstellen kann, ist, dass eine Menge Daten unterwegs sind. Von wo nach wo wurde das Auto wann bewegt. Wie viele fuhren mit? Ein Teil der Daten für ein Bewegungsprofil sind dabei. Ein Baustein für die Gesamtschau. Wie leicht diese Datenströme abzufangen und fremd zu gebrauchen sind, wird nirgends besprochen. Wir bringen dazu unten einen Auszug aus der Süddeutschen Zeitung vom 7. April.

Die Versicherungsbranche ist groß. Da haben wir auch noch die Krankenversicherer. Die haben vom Gesetzgeber sogar den Auftrag, gesundheitsförderndes Verhalten zu honorieren. Und da denken sich die schlauen Kassen, warum nicht die Technik nutzen? Die Fitness-Szene hat doch das meiste bereits vorbereitet. Schrittzähler am Handgelenk, die auch Treppen und Steigungen berücksichtigen. Herzüberwacher für Jogger. Die App, die abends alles zeigt, was wir geschafft haben. Strecken, Durchschnittsgeschwindigkeit usw. Für Diabetiker gibt es Zucker-Überwach-Apps. Alles zu unserem Besten. Als ob wir am Abend nicht merken, dass der Tag anstrengend war oder nicht. So eine bunte Kurve macht das freilich viel anschaulicher als schmerzende Füße. Die könnten auch von falschen Schuhen kommen und wir müssen schnell teure Superspezialschuhe kaufen. Die Beratung via Skype ist im Kommen, damit der lästige Besuch beim Arzt wegfällt. Daten über Daten, zum Teil sehr persönlich, funken durch die Luft. Wer fängt sie auf? Wir wissen es nicht. Wer macht was damit? Wir wissen es nicht. Unsere Krankenkasse sagt uns, ob wir gesund leben oder nicht. Wie gesagt, wer die Regeln festlegt, wissen wir nicht. Dann drückt sich das Alles in unserem Beitrag zur Versicherung aus. Was aber, wenn wir ein appes Bein haben und nicht so viele Schritte schaffen? Kriegen wir dann Sondertarife und jedes Jahr wird überprüft, ob nicht eines nachgewachsen ist? Sie meinen, das klingt zynisch. Ich kenne Dialysepatienten, die gefragt wurden, wann denn endlich die Behandlung zu Ende und sie geheilt seien. Und wenn ich gar keinen Bock habe auf das dauernde Gelatsche und lieber Bahn fahre? Dann schade ich der Gemeinschaft, bin unsolidarisch und habe keinen Nachlass beim Beitrag verdient. Derjenige, der unsere Daten aufschnappt und sie zu denen für die Autoversicherer fügt, weiß jetzt, wo wir waren, als wir nicht gerade Auto fuhren. Außerdem kann er in den Krankendaten gleich gucken, wie fahrtauglich wir noch sind. Passt prima. Unten finden Sie einen Artikel aus dem Deutschlandfunk vom 8. April. Da fällt sogar unseren Politschauspielern was auf.

Über unsere Gedanken berichten wir ja fleißig in Facebook und anderen Netzwerken. Gleich mit Fotos zur besseren Anschaulichkeit. Viele kaufen im Netz. Sehr leicht zu erfassen. So nebenbei soll das Bargeld abgeschafft werden. Finden viele gut. Mit Karte ist doch einfacher. Jeder Einkauf kann dann überwacht werden. Die Tiefkühl-Pizza könnte sich schlecht auf den Krankenkassen-Beitrag auswirken. Oder ein Stop bei McDrive. Wer isst denn beim Fahren? Sofortanpassung des Kfz-Tarifs. Im Sand sitzen und aufs Meer gucken! Wie viele Schritte sie da versäumen. Minuspunkt. Der Schlaf wird natürlich auch überwacht. Um das unters Volk zu bringen, wurden eigens die Atemaussetzer bei Schnarchern erfunden. Und natürlich die Schlaflabors. Von den Kameras, die mehr und mehr herumhängen, gar nicht zu reden. Alles für die Sicherheit. Von diesem dritten Täter, den sie jetzt haben, dem da mit heller Jacke und Hut, da hatten sie ein Video im Netz, das seinen Fußweg nach dem Attentat nachzeichnet. Überall Kameras. Die nicht überwachten Abschnitte lassen sich ergänzen. Haben sie ihn jetzt deswegen geschnappt?

Sie sehen, wir sind nah dran an der Totalüberwachung. Viele machen gern und mit Begeisterung mit. Hoffentlich lässt sich unsere Luft weiterhin atmen. Bei den vielen Daten, die da rumfliegen.

„Versicherer hoffen auf die erzieherische Wirkung der Telematik: Sieht der junge Fahrer auf seinem Smartphone, wie halsbrecherisch er fährt und erhält vom Versicherer keinen Preisnachlass, wird er seinen Fahrstil anpassen und umsichtiger fahren, so die Erwartung. Das ist gut für die Autoversicherer: Sinkt die Zahl der Unfälle, müssen sie weniger für Schäden ausgeben.

Kfz-Versicherer im Zugzwang

Doch das ist nicht der Hauptgrund, weswegen Versicherer Millionen für die Erforschung der Telematik ausgeben. Die Kfz-Versicherer sind im Zugzwang. Sie müssen beim technischen Fortschritt mithalten und dürfen außerdem nicht den Kontakt zu ihren Kunden verlieren. Große Autohersteller bieten ihren Kunden beim Neuwagenkauf auch Autoversicherungen an. Moderne Fahrzeuge liefern zudem eine Flut von Daten – für Versicherer hochinteressant. Bald könnte jedoch die Autoindustrie zum Hauptnutzer der Fahrdaten werden. Von 2018 an bauen alle Hersteller in Neuwagen auf Weisung der EU den Notruf „E-Call“ ein. Das System liefert kontinuierlich Daten aus dem Fahrzeug, bei Unfällen oder Pannen ist der Hersteller erster Ansprechpartner der Autofahrer. Um dem etwas entgegenzusetzen, bringen die Versicherer gerade ein eigenes System auf den Markt, den Unfallmeldedienst.

Der Vorstoß der Allianz könnte den Durchbruch für die Telematik bringen. Bislang sind die Tarife in Deutschland selten. Angebote von Axa und Signal Iduna richten sich an jüngere Fahrer. Bei der Axa erhalten Fahrer bis 25 Jahre bis zu 15 Prozent Rabatt. Bei der Signal Iduna können Fahrer bis 30 Jahre mitmachen, mit vorbildlicher Fahrweise sind satte 40 Prozent Preisnachlass möglich. Bei der VHV gibt es keine Alterseinschränkung. Wer mit dem Telematik-Stecker im Zigarettenanzünder des Fahrzeugs fährt, soll bis zu 30 Prozent sparen können – allerdings kostet die Miete des Steckers jährlich etwa 90 Euro. Auch die zur Itzehoer gehörende Admiral Direkt hat ein Telematik-System. Es besteht aus Mess-Stecker und App, mit dem Fahrer bis zu 20 Prozent sparen können sollen. Das Angebot ist derzeit auf die Schadenfreiheitsklassen null bis vier begrenzt.

HUK-Coburg, in Deutschland der Marktführer in der Autoversicherung mit mehr als zehn Millionen versicherten Fahrzeugen, will in diesem Jahr auch in die Telematik einsteigen, ebenfalls mit einem Tarif für junge Fahrer. Auch die Generali will mitmischen und im Juli dieses Jahres ein Angebot starten.“

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/auto/auto-versicherung-neue-versicherungs-app-ueberwacht-den-fahrer-1.2938986

DLF 8.4.2016

Fitness-Apps

Geld gegen Gesundheitsdaten

Erste Krankenkassen bieten sie bereits an: Boni-Programme für Kunden, die mit Fitness-Apps jeden Klimmzug vermessen. Nicht nur bei Datenschützern sind die Anwendungen umstritten. Für klare Regeln setzen sich auch Gesundheitsexperten im Bundestag ein.

Von Stephanie Lob

„Dein Einsatz zahlt sich aus“, prangt in Großbuchstaben auf der Webseite einer gesetzlichen Krankenkasse. „Du trainierst. Du kämpfst. Du belohnst dich und deinen Körper. Und die AOK Nordost belohnt dich dafür: mit jeder Menge attraktiver Prämien.“

So bewirbt die Kasse für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern ihre neue Fitness-App. Das Handy wird nach Darstellung der Versicherung zum „digitalen Bonusheft“. Prämien wie ein Fitnessarmband oder Bargeld winken allen Kunden, die damit jeden Klimmzug oder Schritt im Park dokumentieren.

Jeder Dritte misst Trainingserfolge

Auch andere gesetzliche wie private Kassen prüfen, ob sie das Modell der AOK übernehmen. Sie folgen damit einem gesellschaftlichen Trend: Fast jeder dritte Bundesbürger nutzt nach einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom Fitness-Armbänder oder -Apps zur Selbstvermessung.

Die Entwicklung ruft Datenschützer wie Gesundheitspolitiker auf den Plan. Experten von Bund und Ländern warnten am Donnerstag auf einer Konferenz in Schwerin vor „Risiken, insbesondere für das Persönlichkeitsrecht“. Zahlreiche Gesundheits-Apps und andere Fitness-Tracker gäben die aufgezeichneten Daten an andere Personen oder Stellen weiter, ohne dass die Nutzer hiervon wüssten, heißt es in einer Erklärung der Datenschutz-Beauftragten.

Auch die gezielte Nutzung solcher Daten durch Krankenkassen stößt bei den Bund-Länder-Experten auf Vorbehalte: Die Konferenzteilnehmer rufen die Politik auf zu prüfen, ob im Zusammenhang mit Fitness-Apps und anderen Geräten zur Selbstvermessung „die Möglichkeit beschränkt werden sollte, materielle Vorteile von der Einwilligung in die Verwendung von Gesundheitsdaten abhängig zu machen“. Im Klartext: Ob das Tauschgeschäft Daten gegen Prämien gesetzlich geregelt werden muss.

Ruf nach gesetzlichen Regeln

Ja, sagte Maria Klein-Schmeink von Bündnis 90/Die Grünen dem Deutschlandfunk. „Es muss gewährleistet sein, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher wissen, welche gesundheitsbezogene Daten über sie erhoben werden und von wem“, betont die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen. Zudem dürfe die Verarbeitung der Informationen nur mit Zustimmung der Betroffenen erfolgen. Die Bundesregierung habe es bisher versäumt, den Bereich zu regeln.

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht „große Sicherheitsprobleme“. Er sagt: „Niemand kann garantieren, dass Gesundheitsdaten oder Fitness-Werte nicht für andere Zwecke abgegriffen, missbraucht oder manipuliert werden.“ So könnten etwa die Krankenkassen diese Informationen nutzen, um gesunde Mitglieder anzuwerben und andere loszuwerden. „Wir wollen aber keinen Wettbewerb um den gesündesten Versicherten“, so Lauterbach. Der Gesetzgeber müsse prüfen, „ob hier gesetzgeberische Maßnahmen notwendig sind und wenn ja, welche“.

Wettbewerb um den gesündesten Versicherten

Möglichen Handlungsbedarf für die Politik sieht auch Benedikt Dederichs vom Sozialverband SoVD in Berlin. Er warnt davor, dass über Fitness-Programme und speziell Fitness-Apps das Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung in Frage gestellt wird. „Am Ende könnten Menschen, die sich an solchen Programmen beteiligen, niedrigere Kassenbeiträge zahlen als solche, die es nicht können.“ Dederichs denkt dabei nicht nur an chronisch Kranke, sondern auch an Menschen, die sich die Mitgliedschaft im Fitnessclub oder ein Smartphone schlicht nicht leisten können.

Der Wettbewerb um den gesündesten Versicherten, vor dem alle warnen, ist allerdings bereits Realität. Nach dem Präventionsgesetz, das der Bundestag im vergangenen Jahr mit der Mehrheit der Großen Koalition verabschiedet hat, sind die Krankenkassen angehalten, gesundheitsbewusstes Verhalten noch stärker zu belohnen als es bisher schon der Fall ist. Im Zweifelsfall also auch per App.

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