Wie der Blinde so auf Abwege gerät – (Kapitel 5)

An diesem Morgen haben Sabine und Manfred länger geschlafen. Erst um sieben sitzen sie beim gemeinsamen Morgenkaffee. Manfred fühlt sich trotzdem wie zerschlagen. Es war eine unruhige Nacht für ihn gewesen. Mehr Wälzen als Schlafen. Pfiffi hatte die Unruhe seines Herrchens gespürt und an der Tür gekratzt. Manfred hatte ihn ausnahmsweise eingelassen und mit ins Bett genommen. Sabine mag das gar nicht. Doch es hatte geholfen. Vor lauter Nervosität zittern Manfreds Hände derart, dass er sich trotz Spezialtasse den heißen Kaffee über den Schlafanzug tropft. Sabine ist voller Verständnis. „Mein lieber Manfred, es wird heute bestimmt kein schlechtes Ergebnis geben. Du musst gar nicht aufgeregt sein. Wir gehen doch seit drei Jahren zu den Vorsorgeuntersuchungen.“ „Ja ich weiß, aber irgendwie habe ich heute so gar keine Lust.“ „Das sagst Du jedes Mal“, lächelt Sabine. „So angenehm ist das ja auch nicht, von innen und außen gespiegelt und durchleuchtet zu werden.“ Ein bisschen heimliche Vorfreude mischt sich beim Gedanken an die Magen-und die Darmspiegelung doch in Manfreds Gedanken. Dieses Zeug zur Beruhigung, Dormikum oder so ähnlich, fühlt sich eigentlich ziemlich gut an. Manfred ist danach immer für eine Weile ziemlich high. Leider kann er dieses Gefühl nicht in Ruhe genießen. Denn nach der Innenansicht geht es gleich weiter mit der Rundum-Kardiologie: Röntgen, EKG, Belastungs-EKG, Ultraschall und Abschlussgespräch. Nach dieser Prozedur schaffen sie es meist zu irgendeinem Bäcker, um eine Kleinigkeit zu essen. Manfred bleibt bis mittags nüchtern. Erst für das große Blutbild am Morgen und dann ist keine Zeit. Nach der Mittagspause folgen der Zahnarzt, der HNO, der Urologe und der Augenarzt. Letzterer ist eventuell verzichtbar, denn um drei Uhr müssen sie wieder zu Hause sein. Manfred hat heute Spätschicht. Außerdem sind die Hoffnungen auf Heilung der Augen eher theoretischer Natur. „Ich weiß. Aber ich will ja noch lange etwas von Dir haben“, sagt Sabine liebevoll. Manfred hatte eingewandt, dass solch eine Vorsorge mit Ende zwanzig vielleicht etwas übertrieben sei. Doch gegen Gattin und Mutter war er da auf verlorenem Posten. In seltener Einigkeit hatten sie ihm klargemacht, wie segensreich die heutige Medizin wirken könne, je früher sie etwas findet. „Ich will ja auch noch lange bei Dir bleiben“, zeigt sich Manfred einsichtig, „wann ist denn Dein Termin?“ „Ach, ich glaube, in vier Wochen oder so. Vor lauter Routine habe ich aus Versehen beim Urologen angerufen. Die haben vielleicht komisch reagiert“, schmunzelt Sabine und nimmt ihren Manfred herzhaft in den Arm. „So mein Patient, jetzt aber los. Wir sind ja noch gar nicht angezogen und Pfiffi muss auch noch raus.“ Diesmal hilft Sabine ihrem blinden Mann im Bad, damit alles etwas schneller geht. Es stellt sich jedes Mal heraus, dass ihr Bad für zwei Menschen etwas zu klein ist. Doch Sabine ist dennoch überzeugt, dass sie hilft. Diesmal ist Pfiffi der Leidtragende. Sein Bedürfnis nach frischer Luft drückt auf seine Blase. Deshalb wuselt er zwischen den vier Menschenbeinen herum. Sabine tritt ihm auf den Schwanz. Pfiffi jault herzerweichend. „Geh doch schon mal mit dem Hund. Ich schaffe das schon“, schlägt Manfred vor. In Wirklichkeit hat er anderes im Sinn und will Sabine nur loswerden. Als sie dann die Wohnungstür hinter sich schließt, macht er schnell Wischiwaschi und eilt zu seinem Smartphone. Hastig und nervös tippt er: „Alles klar heute Abend. Habe eine Stunde früher Feierabend. Dann bis um sieben, Manni“. Manfred wird hektisch. So wirft er leider den Spezialtisch um, den Sabine an der Matratze vergessen hatte. Zum Glück Richtung Wand, sodass seine Liegestatt trocken bleibt. Die Magnettasse hält sich tapfer am Tisch fest. „Egal, Pech. Sabine putzt doch so gerne. Besonders hinter mir her“, denkt Manfred und zieht die Hose verkehrt herum an. Als Sabine heimkommt, findet sie ein kleines Schlachtfeld im Schlafzimmer ihres Gatten. Sie säuselt gottergeben: „Ach mein kleiner Blindfisch, ich mache das nachher.“ Als beide ausgehfertig sind, ist es fast acht. Sabine hält Manfred im Treppenhaus ganz fest. „Was hast Du eigentlich mit dem Vermieter wegen Gertrude besprochen?“, fragt Sabine. „Die fangen heute an mit dem ganz neuen Geländer. Wir tun 500 Euro dazu. Als Schadensersatz“, erklärt Manfred, während er sich schwer auf Sabine stützt. „Und das Törchen?“, fragt sie vorsichtig und richtet nebenbei Manfreds linke Armbinde. „Das nehmen sie gleich mit. Ich komme ja schon ganz gut klar“, sagt Manfred und krallt sich in Sabines Haare, weil er stolpert. „Heute ist nicht Dein Glückstag“, stöhnt Sabine. „Hat die eine Ahnung, was heute für ein Tag ist“, denkt der liebende Gatte und stolpert über die nächste Stufe. „Die Erhöhung der Stufenkanten sollten sie vielleicht auch gleich wegmachen“, sagt er. Sabine fehlt die Luft zur Antwort. Unten wartet unvermeidlich Gertrude. „Ach mein lieber Junge. So ist es richtig. Sabine hilft Dir endlich so, wie es sich gehört. Ich drücke Dir alle Daumen für heute. Es wird schon alles gutgehen. Herr Doktor Eisenhand ist doch immer ganz vorsichtig. Den kenne ich schon seit ich ein Backfisch war“, säuselt die Mutter. „Und Du pass ein bisschen besser auf heute! Da draußen kommt gleich ein Umzugswagen, soweit ich weiß“, pfeift sie Sabine an. „Guten Morgen, liebe Schwiegermutter, gut geschlafen?“, entgegnet Sabine und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Da geht die andere Tür auf. „Ah Familie Borkenstock in trauter Eintracht, wie schön. Einen guten Morgen wünsche ich“, sagt Carlo aufgeräumt. „Guten Morgen, Herr Carlo. Wir haben es leider eilig“, stammelt Manfred und zieht seine Frau zur Tür. Als beide verschwunden sind, meint Gertrude: „Na junger Mann, zu solch christlicher Zeit schon auf den Beinen?“ „Ja, ich habe gleich eine Vorlesung über Kommunikation als Grundlage menschlichen Zusammenlebens. Soll ich Ihnen hinterher was davon erzählen, liebe Frau Borkenstock?“ „Jetzt werden Sie aber nicht frech, junger Mann. Meine 70 Jahre haben mir alles beigebracht.“ Als Carlo ebenfalls zur Tür hinaus ist, entfährt es ihr: „Junger Schnösel!“ „Na na, was sind das denn für Ausdrücke. Liebe Frau Borkenstock“, meint Herr Nörgelmann und entschwindet durch die Haustür. Schnell schließt Gertrude die Wohnungstür und eilt in die Küche.

Karl-Heinz sitzt noch beim Frühstück. Gertrude guckt aus dem Küchenfenster. Sie beobachtet, wie Sabine in die Hauptstraße einbiegt und Carlo mit dem Rad Richtung Park abdüst. Dann sagt sie ganz aufgeregt zu Karl-Heinz: „Da drüben, auf der anderen Straßenseite, wo der Theo wohnt, in dem Haus tut sich etwas. Es steht ein Umzugswagen vor dem Haus. Mehrere Leute tragen Umzugskartons und Möbel in das Haus. Ob da nun jemand in die Wohnung einzieht, die schon länger leer steht? Karl-Heinz, Du weißt doch, die Wohnung unter Theo. Geh doch mal rüber zu Theo und frag, wer dort einzieht. Das müssen wir doch wegen Manfred wissen. Der neue Nachbar muss doch auf unseren Manfred Rücksicht nehmen.“ Karl-Heinz guckt sehnsüchtig auf seinen dampfenden Kaffee und geht zu Theo.

Dieser kommt völlig gestresst aus der Haustür und sieht seinen Freund: „Karl-Heinz, wenn du mit tragen helfen willst, nimm dir einen Karton und bring ihn in die Wohnung unter meiner. Weißt du, meine getrennt lebende Frau zieht hier ein und sie kommt heute Mittag. Aber wenn du nicht helfen willst, dann steh nicht im Weg herum. „Tja“, denkt sich Karl-Heinz, „die sind heute alle übergeschnappt.“ Und geht zum Bäcker an der nächsten Ecke. Der hat ein kleines Stehcafé. Dort bestellt sich Karl-Heinz einen großen heißen Kaffee und ein Mettbrötchen. Dieses Frühstück genießt er sehr, da Gertrude ihm Mettbrötchen verboten hat.

Gut gestärkt geht er wieder nach Hause. Gertrude erwartet ihn schon voller Ungeduld. Sie fragt auch gleich: „Wie war es? Wer zieht da drüben ein?“ Karl-Heinz antwortet: „Da zieht Theos getrennt lebende Frau ein. Sie müsste bald kommen.“ „Ach“, sagt Gertrude, „die ist doch wie unser Manfred auch blind. Oh je, der arme Theo, da hat er sich viel Arbeit aufgeladen.“

Gertrude steht am Küchenfenster und beobachtet die Umzugsleute. Sie wartet darauf, dass Theos getrennt lebende Ehefrau ankommt. Auf ihrem spannenden Beobachtungsposten hat Gertrude völlig vergessen, Mittagessen zu kochen. Das ist in vier Ehejahrzehnten so selten vorgekommen, dass wir es an einer Hand abzählen können. Aber sie hat noch Reste vom Wochenende. Die sind schnell aufgewärmt. Heute geht es ja nur um Karl-Heinz. Manfred hat zu dieser Zeit vermutlich schon die Spiegelungen hinter sich. Nach dem Essen steht Gertrude wieder auf ihrem Beobachtungsposten. Gegen 14 Uhr kommt Theos getrennt lebende Ehefrau, den weißen Stock vor sich herschwenkend, den Bürgersteig entlang. Gertrude ist alarmiert und läuft völlig aufgelöst quer über die Straße, Reifenquietschen und die getrennt lebende Ehefrau bleibt erschrocken stehen. Ganz außer Atem fragt Gertrude ihr lang ersehntes Opfer: „Ist etwas passiert? Sie wollten doch schon heute Mittag kommen.“ Und ganz laut fährt sie fort: „Sie arme, sie tragen ein Hörgerät. Können sie mich überhaupt hören?“ Die getrennt lebende Ehefrau holt tief Luft und denkt bei sich: Das ist Gertrude. Von der hat Theo mir schon viel erzählt. Dann streckt sie Gertrude die Hand hin und sagt: „Guten Tag, ich bin Rotraud Steinbruck. Und wer sind sie überhaupt?“ „Mein Name ist Borkenstock, ich wohne gegenüber. Mein Sohn Manfred ist genauso arm dran wie sie. Nein, nicht ganz. Immerhin hört er noch gut“, antwortet Gertrude atemlos. Frau Steinbruck, die getrennt lebende Ehefrau, schmunzelt: „Nein, ich bin nicht schwerhörig. Das, was in meinem Ohr steckt, ist ein Headset. In dem höre ich mein Navigationsgerät. Das sagt mir, wo ich langgehen muss. „Ja, schön und gut, die neue Technik“, sagt Gertrude, „aber jetzt bin ich ja da und führe Sie sicher nach Hause.“ Gertrude fasst Rotraud am Arm und will sie weiterführen. Rotraud allerdings bleibt stehen und sagt zu Gertrude: „Die Autoreifen eben, die haben doch Ihretwegen so gequietscht. Also ich geh lieber allein, da weiß ich, dass ich mein Ziel sicher erreiche.“ In diesem Moment hält der Autofahrer am Straßenrand: „Junge Frau, sind Sie auch blind oder tun Sie nur so?“ Gertrude dreht sich zu ihm um. „Ja, Sie meine ich. Ich hätte Sie beinahe auf den Kühler genommen“, sagt der etwa 45jährige Fahrer. Da holt Gertrude tief Luft: „Nun hören Sie mal. Dies ist eine 30er-Zone. Außerdem wohnen hier jetzt zwei blinde Menschen. Da sollten Sie Schritttempo fahren.“ „Viel Schneller war ich nicht. Sonst würden Sie sich jetzt die Radieschen von unten ansehen. Ich würde mal zum Augenarzt gehen“, ist der Fahrer keineswegs eingeschüchtert. „Auf Wiedersehen, mein Herr. Ich muss jetzt hier dieser blinden Dame helfen“, schnaubt Gertrude und will wieder nach Rotraud greifen. Doch als sie sich umdreht, ist die getrennt lebende Ehefrau gar nicht mehr da. Gertrude beobachtet, wie sie im Hauseingang von Theos Haus verschwindet. „Die war wohl schneller als erwartet. Soll ich Sie jetzt sicher wieder über die Straße bringen?“, fragt der Autofahrer geistreich. „Lassen Sie mich bloß in Ruhe, Sie Mensch Sie“, sagt Gertrude. Vor lauter Sanftheit in Gegenwart ihres Sohnes fällt ihr nicht einmal mehr ein ordentliches Schimpfwort ein. Gertrude trollt sich heim. Dort geht ein Donnerwetter über Karl-Heinz hernieder, der am offenen Küchenfenster alles gehört und gesehen hat. „Warum hast Du Deiner Frau nicht beigestanden, so, wie es sich gehört hätte?! Drei Vaterunser zur Buße – aber auf den Knien!“, endet Gertrudes Ausbruch und duldet keinen Widerspruch. „Aber mein Mausezähnchen, die tun mir doch immer noch weh“, versucht es der erfahrene Gatte. Dieser Kosename wirkt eigentlich immer. „Na gut, aber Du gehst bald zu Theo und kriegst alles über diese Frau raus. Ich will alles wissen. Ist das klar?“, gibt Gertrude nach. „Aber sicher“, seufzt Karl Heinz und sagt: „Gleich kommen Manfred und Sabine. Ich decke schon mal den Tisch.“

Kurz nach drei sind sie endlich da. Gertrude steht schon in der Haustür. „Mein Junge, wie war es? Ist alles in Ordnung!“, ruft sie. „Ach Mami, wie immer“, antwortet Manfred matt. „Ich habe für Dich gebetet“, schwindelt Gertrude. „Der Herr sorgt für Dich und für uns alle.“ „Amen“, entfährt es der sehr gestresst aussehenden Sabine. „Etwas mehr Ernst bitte. Es geht um die Gesundheit Deines Mannes!“ Gertrude wirkt fast böse. Sie braucht dringend Erfolgserlebnisse nach der Schmach mit dem Autofahrer. „Gibt es vielleicht ein Stück Kuchen?“, fragt Manfred, um die Frauen abzulenken, „ich fühle mich total leer.“ „Ach mein armer Junge, komm setz Dich. Hier habe ich Dein Schutztuch.“ Gertrude sieht sich suchend um. „Das liegt noch oben bei uns. Ich hole es schnell“, reagiert Sabine und düst die Treppe hoch. Oben gönnt sie sich einen tiefen Seufzer, ein schnelles Schnäpschen und sucht das graue Stück Stoff. Leider hatte Pfiffi wenig Respekt vor dem Kruzifix darauf. Der Schutzstoff bietet einen traurigen Anblick. Sabine greift schnell den BVB-Latz und erzählt unten angekommen, dass sie den mit dem Kreuz gerade nicht finden konnte. Manfred hatte solch einen Hunger, dass er beim Marmorkuchen gleich zugegriffen hatte. Leider krümelte die Schokolade auf sein Hemd. „Manfred konnte solange nicht warten. Wo warst Du eigentlich solange? Geh und hol ihm ein frisches Hemd für die Arbeit“, kommandiert Gertrude. Sabine macht auf dem Absatz kehrt und düst wieder die Treppe hoch. Als sie fast abstürzt, merkt sie erst, dass das Geländer fehlt. Von oben sind Handwerker zu hören. Der BVB-Latz landet ebenfalls in der Ecke. Auf den Schreck genehmig sich Sabine einen zweiten. Dann holt sie das frische Hemd und geht vorsichtig die ungesicherte Treppe hinab. „Zu diesem Hemd passt doch seine Krawatte gar nicht. Geh und hol eine andere“, kommandiert Gertrude, als Sabine in der Küche steht. „Der arme Junge soll doch nicht aussehen wie ein armer Blinder“, ruft Gertrude der wieder hinauf hastenden Sabine nach. So langsam wird die Zeit knapp. Gleich kommt das Taxi. Für ein Gläschen ist immer Zeit. Sabine hat mittags nur eine Banane gegessen. So langsam wirken die Gläschen. Unten angekommen drückt sie Gertrude die neue Krawatte in die Hand und lässt sich auf einen Stuhl fallen. Sie nimmt einen großen Schluck Kaffee und atmet tief durch. „Das war meine Tasse“, zischt Gertrude und hilft Manfred, sich umzuziehen. Dabei stößt sie Manfreds Tasse um, deren Inhalt sich quer über den Tisch verteilt. Karl-Heinz hatte die Magnetunterlage vergessen. Draußen hupt es. Sabine flüstert: „Mir ist schwindelig.“ „Komm mein Junge, Deine Sabine kann mal wieder nicht. Ich bringe Dich raus“, flötet Gertrude und ist glücklich, wieder die Oberhand zu haben. Manfred ist irgendwie gar nicht bei der Sache. Fast ohne Abschied von Vater und Gattin schiebt ihn Gertrude nach draußen. Beim Einsteigen stößt er sich erst das Knie und dann den Kopf. „Mein Junge, geht es denn?“, fragt Gertrude besorgt. Manfred räuspert sich. „Schon gut, Mama. Es tut gar nicht weh.“ Sanft schließt Gertrude die Tür und sieht zu, wie das Taxi wendet und davon fährt. Drinnen findet sie nur noch Karl-Heinz, der den Tisch abräumt. „Sabine war völlig fertig und ist hochgegangen. Der Kardiologe hat was gesehen“, sagt er. „Auch das noch. Das klären wir beim Abendessen. Ich muss jetzt zum Friseur“, antwortet Gertrude.

Manfred versucht auf der Fahrt zur Arbeit, zu sich zu kommen. Immer wieder tastet er nach dem Smartphone in seiner Jacke. Zum Glück beschimpft der Taxifahrer dauernd die anderen Fahrer und lässt Manfred in Ruhe. Am Schreibtisch hört er sich noch einmal die SMS an: Komme um sieben zum Haupteingang. Freue mich. R“. Allein von diesen wenigen Worten kriegt Manfred Herzklopfen. Die drei Stunden Dienst werden lang. Niemand ruft an, der vermittelt werden möchte. Es ist ja auch gar kein Mitarbeiter mehr im Gebäude. Diese Spätschicht ist völlig überflüssig. Doch niemand in der Verwaltung traut sich, diesen gebastelten Behinderten-Arbeitsplatz zu kürzen. Manfred weiß das. Doch heute interessiert es ihn nicht. Er ist froh über die Ruhe. Anfangs jedenfalls. Gegen fünf hat er sich beruhigt. Da sind es noch zwei Stunden. Manchmal denkt er an Sabine. Die war ganz schön fertig nach diesem Vorsorge-Marathon. Irgendwelche Zacken auf dem EKG, die sonst nicht da waren. Manfred fragt sich ernsthaft, ob so etwas möglich ist und mit Rosa zu tun hat. Gertrude wollte ihm doch irgendwas Wichtiges erzählen. Aber da hatte er ein neues Hemd gebraucht. Warum eigentlich? Egal, für Rosa ist das sicher schöner. Wieso überhaupt Rosa? Wie heißt sie eigentlich nochmal richtig? Er hatte sie in Düsseldorf immer Rosa genannt. Wenn er überhaupt mal was gesagt hat. Ein Karussell dreht sich im Kopf. Manfred kriegt es nicht gebremst. Endlich viertel vor sieben. Er greift zu seinem Stock, den er hier für Notfälle deponiert hat. Zum Hauptausgang sind es nur ein paar Meter den Gang entlang. Kein Problem und Manfred steht vor der Tür. Auf der anderen Straßenseite hupt jemand. Manfred erschrickt. Rosa kurbelt die Scheibe runter und ruft: „Komm, mein Glücksmann!“ Manfred erschrickt noch mehr. Den Stock hält er krampfhaft in der Hand vor sich. Tapsend setzt er sich in Bewegung. Üblicherweise holt ihn der Taxifahrer direkt bei der Tür ab. „Galopp galopp!“, ruft Rosa, „das Leben wartet nicht!“ Plötzlich erbostes Hupen von links. Kurz vor Manfreds Nase düst ein Bulli vorbei. Rosa kriegt es nun mit der Angst zu tun und steigt aus. „Ich komme, Du Blindling!“, ruft sie und fällt Manfred gleich um den Hals. Ihm wird ganz schwindelig. „Du bist wohl etwas nervös, dass Du mir hier fast vors Auto läufst“, sagt Rosa und lässt Manfred auf der Beifahrerseite stehen. Er tastet umher und findet den Seitenspiegel. Bald sitzt er neben seiner Rosa im Wagen. „Na, so schüchtern heute?“, fragt sie und drückt ihn heftig an sich. „Es ist gar nicht weit, vielleicht fünfzehn Minuten. Wie war es denn heute bei der Arbeit?“, sprudelt Rosa los. Manfred rechnet: Fünfzehn hin und her, bleiben dreißig für einen Kaffee bei Rosa. Denn das Taxi kommt um acht zum Abholen. Wie immer.

Die Fahrt dauert doch ein wenig länger. Vorerst rechnet Manfred noch. Doch Rosa ist ansteckend. Wie damals in Düsseldorf. Das dauernde auf die Uhr drücken stört auch irgendwie. Stattdessen macht sich seine linke Hand auf die Reise. Sie findet Rosas Oberarm, ihre Schulter und leicht legt er ihr den Arm um den Hals. „Aber schön auf die Straße gucken“, neckt Manfred mutig. „So kenne ich Dich. Immer ein bisschen vorwitzig, der junge Mann“, lächelt Rosa. Miteinander wärmer werdend kommen sie vor Rosas Haustür an. Wie ein Gentleman öffnet Manfred Rosas Gurt, nicht ohne ihren Oberschenkel zu streifen. Dann öffnet er die Tür. Ein Hupgetöse saust am Wagen vorbei. „Ein bisschen gucken musst Du schon noch – oh Entschuldigung“, kichert Rosa. Manfred ist es gewöhnt, am Straßenrand abgesetzt zu werden. Jetzt lauscht er und flitzt dann zügig vom Sitz. Der Fuß bleibt im herumhängenden Gurt hängen. Zu Hause verhindern Gertrude oder Sabine solche Missgeschicke. Hier rettet etwas Akrobatik den Auftritt und Manfred beeilt sich, ums Auto herum zu Rosa zu gelangen. Arm in Arm geht es los. Rosa weiß nicht, dass sie Stufen ansagen soll. So taumeln und stolpern sie zur Tür herein. „Ich mach oben schon mal das Licht an“, sagt Rosa und husch die Treppe hinauf. Manfred steht da – ohne Gurt – ohne Mutter – ohne Sabine. Aber er will da hinauf. So hält er sich mit beiden Händen am Geländer fest und steigt mutig hinan. Oben wird Musik angeschaltet. „Ich mach‘ schon mal den Wein auf!“, ruft Rosa, „Wo bleibst Du denn?“ Manfred verliert seinen Langstock, der polternd abwärts hüpft. Dennoch steigt er tapfer weiter. Oben angekommen, empfängt ihn auch schon Rosa. „Komm rein!“ Rosa wird initiativ. Ruckzuck ist Manfred seine Jacke los und hat ein Glas in der Hand. „Kling“ macht es und Rosa meint: „Auf einen schönen Abend.“ „Abend?“, steht ein großes Fragezeichen kurz in Manfreds Kopf. Nur so lange, bis Rosa ihre Lippen auf die seinen haucht und ihm das Glas aus der Hand nimmt.

Filmriss ist der falsche Begriff für das, was Manfred nun erlebt. Er ist schon mit allen Sinnen dabei. Rausch ist sicher das treffendere Wort. So viele Berührungen, so viele Empfindungen. Angst, die kurz aufflackert und mit Rosas Nähe wieder verfliegt. Gewissensbisse, die kneifen wollen und doch nur in Watte beißen. Denn Manfred ist derzeit immun gegen sie. Zwei Jahrzehnte der gutkatholischen Erziehung wie weggeblasen. “Ist das Liebe?“, fragt er sich kurz. „Auf jeden Fall ist es schön“, antwortet er sich in Gedanken, während er Rosa den Pulli über den Kopf ziehen hilft. „Komm komm, hier geht’s lang“, lockt diese Stimme, die er so anregend findet. Gar nicht so weich wie Sabines. Mehr fordernd und lockend. Unbeholfen strampelt er sich die Hose von den Knien. Manfred wird ganz warm. Ein wenig stößt er sich das Schienbein. Da begreift Manfred, dass er in diesem Moment in ein Bett geschupst wird. Wir Leser haben nun Pause. Nur Manfred und Rosa fühlen, erleben und genießen.

Irgendwann taucht unser Held langsam wieder auf: „Ich bin wohl eingeschlafen“, tröpfelt es zäh durch sein Gehirn. Doch noch befindet er sich in einer dicken Schicht aus wohliger, rosiger Watte. Seine umhertastende Hand findet Rosas Arm, dann einen Schenkel. Hier einen Zipfel zerwühlte Decke und dort seine Armbanduhr. Die hat einen extra großen Knopf, den Manfred gar nicht verfehlen kann. „Es ist 22.09 Uhr“, quäkt es durch die angenehme Stille. Manfreds Erinnerung befindet sich noch jenseits der Watteschicht. Ein anderes Bedürfnis beginnt, ihn umzutreiben. Vorsichtig stupst er Rosa an: “Du, wo ist denn das Bad?“, fragt er leise. „Gegenüber vom Eingang“, murmelt Rosa und döst weiter. Manfred will sie nicht wecken. So krabbelt er aus dem Bett. Da steht er nun, wie Gott ihn schuf. Die Hände vorgestreckt kommt er ans Fenster. Linksrum weiter, da steht ein Stuhl. Der Schmerz im Knie beseitigt etwas Watte. Ein kleiner Schreibtisch mit Laptop. Manfred sinkt auf den Drehstuhl. Es knackt. Viel später stellt sich heraus, dass auf dem Stuhl Rosas Lesebrille liegt. Vorerst ist da noch die Watte im Kopf. So kommt er zur Tür und wähnt sich im Korridor. Dass sie durchs Wohnzimmer ins Schlafgemach gelangten, hatte Manfred nicht mitbekommen. So tritt er erstmal auf ein paar CD-Hüllen, die verstreut am Boden liegen. Mit nackten Füßen tut das weh. Zu Hause gibt es sowas nicht. Ein offenbar kunstvoll wacklig geschichteter Turm aus Büchern zerfällt in seine Einzelteile. Als Manfreds tastende Hände ein Sofa finden, ahnt er, dass er sich in einem Durchgangszimmer befindet. Der innere Druck nimmt auf all diese Schwierigkeiten keine Rücksicht. So muss Manfred seine Suche intensivieren. Einzig der Wellensittich, der zum Schlafen längst abgedeckt ist, wird unsanft geweckt, als Manfred den Käfig „findet“. Endlich der Korridor. Rumsbums! Eine Kommode. Die abgestellten Weingläser von der Begrüßung klirren leise aneinander. Manfred wird hektisch. Endlich das Bad. Alles ohne Beschriftung. Die Toilette erkennt Manfred auch so. Vorher geraten die am Waschbecken sorgfältig aufgestellten Tiegel und Fläschchen noch etwas ins Wanken. Ein oder zwei Exemplare landen am Boden, bleiben aber heil. Welch eine Erleichterung. Doch nur kurz. Denn langsam wird Manfreds Hirn wieder durchblutet und am Horizont taucht ein neues, viel größeres Problem auf. Zurück im Korridor hört Manfred Rosa rufen: „Hey Süßer, komm doch wieder ins Bett!“ „Aber, aber – ich muss doch nach Hause!“, stammelt Manfred halblaut.

In der Erdgeschosswohnung an der kleinen Straße nahe des friedlichen Parks sitzen zwei Frauen schweigend am Küchentisch. Es ist alles gesagt. Gertrude hat ihr Urteil gefällt. Sabine ist Schuld. Der Herr des Hauses ist geflüchtet. Nur über die Straße zu Theo. Kurz vor Mitternacht hält draußen ein Auto.

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