Karfreitag

Heute ist Karfreitag. Ein Trauertag oder auch ein Festtag, je nachdem, welcher christlichen Richtung man Glauben schenken möchte. Auf jeden Fall ein sehr merkwürdiger Feiertag, in dessen Mittelpunkt die Ermordung eines Menschen steht. Das Hinrichtungsinstrument wurde tatsächlich zum Symbol für eine gesamte Religion.

Ich versuche zusammen zu tragen, was ich noch aus dem Religionsunterricht im Kopf habe:

Der „liebe Gott“ hat seinen Sohn die brutale Hinrichtung erleiden lassen, damit die Menschen von ihrer Schuld befreit werden. Zugegeben, das ist aus theologischer Sicht vielleicht etwas verkürzt dargestellt, aber ich denke, es trifft den Kern der Sache.

Nun ja, mein Religionsunterricht ist lange her. Deshalb möchte ich herausfinden, ob sich in den letzten 50 Jahren an dieser Sichtweise etwas geändert hat. Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich schon über mich selbst lachen. 50 Jahre für eine Veränderung in der christlichen Kirche sind wahrlich kein Zeitraum. (Denkt nur an Galilei, der sage und schreibe im Jahr 1992 von der katholischen Kirche rehabilitiert wurde).

Beim Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland (katholisch.de) finde ich einen aktuellen Beitrag: „Der Karfreitag steht im Zeichen des Leidens und Kreuzestodes Christi. Für den Trierer Bischof Stefan Ackermann gibt der Tag den Blick frei in das innerste Geheimnis Gottes. Zugleich lenkt er den Blick auf den Menschen in seiner Würde, seiner Schuldbeladenheit, seinem Schmerz und seiner Erlösungsbedürftigkeit, so Ackermann in seinem Gastbeitrag für katholisch.de“

Auch die ERF-Medien (Evangeliums-Rundfunk) haben etwas zu bieten. Zitat des Redaktionsleiters Abteilung Theologie Wolf-Dieter Kretschmer: „Jesus nahm als Sohn Gottes stellvertretend für mich die Strafe Gottes auf sich. Ich bin von meiner Schuld freigesprochen, wenn ich das, was Jesus tat, für mich in Anspruch nehme“.

Natürlich hat sich nichts geändert. Die relevanten Stichworte sind: Leiden, Schuldbeladenheit, Erlösungsbedürftigkeit und Strafe Gottes. Ich fasse es noch einmal zusammen, weil es in einfachen Worten so absurd klingt wie es ist:

Ich als kleiner Mensch bin schuldbeladen, habe deshalb die Strafe Gottes verdient, kann ihr aber entgehen, weil sein Sohn unmenschliches Leiden für mich auf sich genommen hat. Dieses fürchterliche Konstrukt bekommt dann auch noch das Mäntelchen Liebe umgehängt. Mit solch kruden Vorstellungen vom Menschen und vom „lieben Gott“ hat man seit fast 2000 Jahren die Gehirne der Menschen vernebelt und ihre Psyche verkorkst.

Mir wird von der Kirche gesagt, ich sei nicht von Natur aus gut, sondern ich bedürfe grundsätzlich der Vergebung.

Dieser Glaubenssatz hat zwei Konsequenzen:

  • Ich bin nicht autonom, sondern brauche einen Kirchenvertreter, der mich von meiner „Schuld“ losspricht. Das tut dieser nur, wenn ich ihn als Autorität anerkenne und mich den gerade aktuellen Kirchengesetzen beuge.
  • Da ich nicht gut bin, so wie ich bin, bin ich so auch nicht liebenswert. Ich muss mir Liebe und Glück erst verdienen.

Psychologen können eine Menge dazu sagen, was in und mit einem Menschen passiert, dem man von Kind an einredet, er sei nicht gut. Letztendlich übernimmt er diese Sichtweise. Er hält sich selbst für minderwertig und verbesserungswürdig. Er kann gar nicht auf die Idee kommen, in seinem Inneren Liebe und Glück zu suchen, denn er hat ja gelernt, dass dort nichts Gutes ist. Er sucht es im Außen, indem er sich so verhält, wie es ihm als richtig suggeriert wird. Nur so kann er sich Glück und Liebe verdienen.

Können wir uns – auch wenn wir der christlichen Kirche nicht (mehr) angehören – wirklich freimachen von diesem Menschenbild? Wie tief verwurzelt ist in unseren Köpfen der Gedanke, dass ich Glück nicht einfach deshalb verdiene, weil ich ein Mensch, ein Lebewesen bin, sondern dass ich etwas dafür leisten muss? Es lohnt sich, dieser Frage nachzuspüren.

Sicherlich gibt es viele Möglichkeiten, den Tod und die angebliche Auferstehung von Jesus so zu interpretieren, dass diese Ereignisse in die heutige Zeit passen und mir noch etwas sagen. Das ist keine Frage.

Nur die zugrunde liegende Prämisse, nämlich „der Mensch ist schlecht und muss erlöst werden“, kann von keiner möglichen theologischen Spitzfindigkeit in etwas Positives verwandelt werden. Diese Grundvoraussetzung, die von der Kirche nie infrage gestellt wird, ist zutiefst menschenverachtend und dient in erster Linie dem Machterhalt.

Quellen:

http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/blick-in-das-innerste-geheimnis-gottes

http://www.erf.de/online/uebersicht/bibel-und-theologie/wieso-karfreitag/6865-542-5443

 

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