Meine Wünsche zum Frauentag

Als ich am Dienstag zur Feier des Internationalen Frauentages das Dortmunder Rathaus betrete, verbreitet sich Oberbürgermeister Ulli Sierau gerade zum Thema Frauenrechte.

Die weitestgehend inhaltsleere Rede findet kein Ende. Worthülse folgt auf Worthülse. Er redet so lange, dass unsere Forumsveranstaltungen, das Kernstück der gesamten Feier, zu spät beginnen und deshalb zeitlich gekürzt werden. Unter anderem erklärt Herr Sierau. dass bei der Dortmunder Stadtverwaltung der Anteil der weiblichen Führungskräfte bei 28,8 % liegt. Ausführlich zählt er die einzelnen Abteilungen und die entsprechenden Frauen in Leitungspositionen auf.

Meine Güte, welch eine Errungenschaft, denke ich. Sollen wir uns über magere 28,8 % wirklich freuen? Und was ist das überhaupt für ein Kriterium? Ginge es uns Frauen besser, wenn wir in diesem Bereich 50 % stellten?

Vor dem Gesetz sind wir in Deutschland seit einiger Zeit gleichberechtigt. Wir haben das aktive und passive Wahlrecht (seit 1918). Wir dürfen als Verheiratete einer bezahlten Arbeit nachgehen, ohne dass unser Gatte dies verbieten oder verhindern kann (seit 1977). Es gibt den Straftatbestand „Vergewaltigung“ auch in der Ehe (seit 1997).

Doch wie sieht denn die Praxis aus?

Auch im Jahr 2016 verdienen Frauen noch 22 % weniger als Männer. Man muss sich das vorstellen. Es ist eine Binsenweisheit, dass Mädchen und Frauen die Schulen und Universitäten mit besseren Abschlüssen verlassen als die Jungen und die Männer. Mangelnde Qualifikation kann also nicht die Ursache von schlechterer Bezahlung sein.

Weiter mit der Realität:

Die für eine Gesellschaft zum Überleben notwendigen Arbeiten werden fast ausschließlich von Frauen verrichtet. Das fängt bei der Versorgung der Kinder an, geht über die Pflege der Kranken bis hin zur Betreuung der Alten. Alle diese Tätigkeiten leisten Frauen. Meist sehr schlecht bezahlt oder – wenn man an die Arbeit in den Familien denkt – völlig ohne finanzielle Vergütung. Wir sind also ganz weit entfernt von einer wirklichen Gleichberechtigung.

Stellt euch doch mal einen Tag vor, an dem alle Frauen ihre Arbeit niederlegen, sowohl die Arbeit in der Familie, als auch die bezahlte.

Die Babys und Kleinkinder liegen hungrig, nass und schreiend in ihren Bettchen. Die Kitas, Kindergärten und Grundschulen werden gar nicht erst geöffnet. Es wird nicht geputzt, gekocht und aufgeräumt. Die Arztpraxen bleiben geschlossen, der Betrieb in den Krankenhäusern bricht zusammen, in den Altenheimen herrscht Notstand. Menschen, die auf mobile Pflege angewiesen sind, bleiben unversorgt. Ihr seht, was ich meine: Frauen erledigen die wirklich wichtigen Dinge. Gingen dagegen alle Finanzbeamten, alle Informatiker, alle Bundeswehrsoldaten, Fußballer oder Oberbürgermeister einen Tag nicht zur Arbeit, hätte das keine gravierenden Auswirkungen. Bei den Soldaten wäre es sogar segensreich. Bei Oberbürgermeistern unter Umständen auch.

Ein paar laute und kritische Töne hätte ich mir deshalb im Rathaus von den Frauen schon gewünscht. Statt dessen stimmen sie „Happy birthday dear Ulli“ an. Ich frage mich, wie es wieder einmal ein Mann schafft, sogar in dieser Runde sich selbst in den Mittelpunkt zu katapultieren.

Ich habe an diesem Frauentag ein paar Wünsche:

Ich wünsche mir, dass Frauen ihre Realität und ihre Benachteiligungen wahrnehmen und sich zur Wehr setzen. Ich wünsche mir, dass Frauen sich dessen bewusst werden, welch wichtigen Beitrag sie für die Gesellschaft leisten. Ich wünsche mir den Kampf für ein anderes Wertesystem. Für ein System, das die wertvollen Pflege- und Betreuungsarbeiten von Frauen als existenziell für eine Gesellschaft anerkennt und dementsprechend auch (finanziell) honoriert, damit Frauen im Alter eben nicht auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Und ich wünsche mir vor allem, dass die Frage nach der „Rolle der Frau“ einmal in den Hintergrund tritt. Was ist uns von Männern und auch von anderen Frauen schon alles erzählt worden, welche Funktion wir erfüllen sollen. Immer richteten sich diese zugewiesenen Rollenbilder nach den Ideen der Wirtschaft, nach den Ideen der Mächtigen. Wenn Frau wahlweise mal wieder das Heimchen am Herd sein sollte, wurde ihr verkündet, dies entspräche den Bedürfnissen ihrer Kinder. Wenn Frau in der Wirtschaft gebraucht wurde und ihre Kinder in die Kitas geben sollte, nutzte man genau dasselbe Argument. Man bezahlte eben für ein anderes Ergebnis bei der neuesten pädagogischen Studie. Und der Frau wurde so lange das „richtige“ Rollenbild eingeredet, bis sie selbst daran glaubte, dass dieses auch genau ihren eigenen Idealen entspricht.

Und zuletzt wünsche ich mir ganz sehr, dass eine Diskussion in Gang kommt zum Thema „Die Rolle des Mannes“. Was trägt „Mann“ so bei zum Wohle der Gesellschaft? Eine völlig vernachlässigte Frage.

 

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