0,6 Gramm

Wir wollen erstmal die Fakten zusammenfassn, soweit sie bekannt sind. Am Dienstagabend (01.03.16) wird Volker Beck beim Verlassen einer Dealer-Wohnung am Nollendorfplatz von Zivilbeamten erwischt. Gefunden werden bei ihm 0,6 Gramm einer drogenähnlich suspekten Substanz. Per Twitter tritt Beck kurz darauf von seinen Fraktionsämtern zurück. Dies sind der innen- und religionspolitische Fraktionssprecher sowie der Leiter der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe. Mitglied des Bundestages bleibt Beck. Das ist alles. Ob die Staatsanwaltschaft Berlin nun ein Verfahren eröffnet und deshalb die Aufhebung von Becks Immunität beantragt, ist offen. Drei volle Tage sind vergangen, während derer sich kein Beteiligter äußerte. Lediglich haufenweise Nachrufe auf den guten Politiker Beck sind zu vernehmen. Sie klingen, als sei er tot. Umgebracht von 0,6 Gramm einer suspekten Substanz.

Wir bei Tosulit haben diese Version nie glauben können. Seit Mittwoch versuchen wir, Zusammenhänge zu deuten. Uns läuft das alles viel zu glatt ab wie bei einer Seifenoper. Volker Beck geht in die Wohnung eines Dealers, um sich 0,6 Grammzu kaufen. Das muss eine sehr wirksame Droge sein. Wenn es denn eine ist. Diese Wohnung wird von Zivilfahndern überwacht und der Promi geht zufällig ins Netz. Jetzt entdecken diese Zivilfahnder die suspekte Substanz. Wie dürfn wir uns 0,6 Gramm vorstellen? Drei Krümel in einem Tütchen, das so groß ist wie ein Fingernagel. Und das haben sie gleich gefunden? Daraufhin, eigentlich ist nicht viel passiert, tritt Beck zurück und taucht unter. Weitere Äußerungen zum möglichen Verfahren laufen über seinen Anwalt. Wo ist Volker Beck? Was hat er vor? Was macht die Berliner Staatsanwaltschaft aus dem Fund? All dies ist unbeantwortet. Also können wir Zusammenhänge deuten. Das tun wir ja ganz gern.

Das Erwischen des Volker Beck halten wir für inszeniert. Alles läuft zu glatt. Wer hat die Polizei instruiert? Da denken wir zunächst an politische Gegner. Aber wem hat Beck so sehr auf die Füße getreten, dass er aus der Politik verschwinden soll? Hören wir den Großteil der Nachrufe, war er ziemlich beliebt. Mit Minderheiten setzte er sich auch für Themen ein, die niemandem wehtaten. Sicherlich konnten christlich Unionierte mit seinem konsequenten Anwenden der Menschenrechte nicht immer etwas anfangen. Aber dafür wird niemand eliminiert. Hinter viele seiner Forderungen konnte er sicher eine Mehrheit des hohen Hauses versammeln. Zumindest bei Sonntagsreden. Wenn er im Netz scharfzüngig stichelte, wird das manchen Netztollpatsch der alten Garde geärgert haben. Doch es fand mehr im Netz denn auf der großen Bühne statt. Zunächst einmal können wir uns so recht keinen politischen Gegner denken.

Volker Beck wurde am 12.12.1960 in Stuttgart geboren. Nach dem Abi studierte er Geschichte, Kunstgeschichte und Germanistik in seinem Heimatort. Einen Abschluss machte Beck nicht. 1985 trat er den Grünen bei und sitzt seit 1994 für die Partei im Bundestag. Als Fraktions-Geschäftsführer gehörte er von 2005 bis 2013 dem Ältestenrat des Bundestages an. Unter anderem ist er Sprecher des Lesben- und Schwulen-Verbandes Deutschland (LSVD). Dies ist der größte Verein, der sich für die Rechte homosexueller Menschen einsetzt. Lange Jahre war er mit dem französischen Manager Jacques Teyssier zusammen, der 2009 einem Krebsleiden erlag. Becks Wahlbezirk liegt in Köln.

Unsere zweite Variante ist, dass Beck seinen Fauxpas selber inszeniert hat. Möglicherweise hat er keine Lust mehr, für Menschen- und Minderheitenrechte zu kämpfen, die in der Politik immer mehr von der Ökonomisierung verdrängt werden. Seine Zeit ist um. Den Zeitpunkt wählte Beck möglicherweise, um seinem Partei-Kollegen vom anderen Flügel, Winfried Kretschmann, Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Kretschmann können wir als absoluten Pragmatiker erkennen. Volker Beck ist ein Moralist oder auch Idealist. Bei den konservativen Wählern, die Kretschmann zum Teil wählen könten, kommt so ein Drogenfund überhaupt nicht gut an. Nur mit dieser Wählergruppe im Rücken kann Kretschmann hoffen, dass die Grünen am 13. März stärkste Partei im Ländle werden. Gehen ihm da nur ein paar Prozentpünktchen verloren, bleibt die Sensation aus. Winfried Kretschmann hat sich deshalb am Donnerstag pflichtschuldigst von Becks Verhalten distanziert. Ob das reicht?

Wie gesagt, an dieser Geschichte ist was faul. Sie läuft nicht so, wie die Medien sie uns darstellen. Nach drei vollen Tagen ist noch immer nicht klar, ob es einen Anfangsverdacht gibt und Ermittlungen aufgenommen werden. Wir meinen, das ist schon eine sehr lange Zeit. Längst muss klar sein, um welche Substanz es sich handelt. Alle Politschauspieler bis hin zu Thomas de Maiziere halten sich sehr zurück. Haben alle Angst, dass ein üblicher Drogenkonsum in der Politik auffliegt? Vielleicht einer, der zum Beispiel hilft, die langen Nachtsitzungendurchzuhalten? Oder einer, der den Rausch des Rampenlichts ersetzt, wenn es mal nicht mehr so läuft? Es gibt gute Gründe, warum dies hier kein Skandal werden soll. Wenn sie einen anderen Zusammenhang deuten können, lesen wir den herzlich gern.

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