Wie der Blinde Familientag hat – (Kapitel 4)

In fahlem Grün schimmert Manfreds Zimmer zu Beginn unserer vierten Geschichte. Es geht von der Alltags-Nachtleuchte aus, die Sabine nach dem Ausflug zur Weiberfastnacht in die Steckdose gesteckt hatte. Sabine sagte es Manfred ohne Kommentar. Der fragte auch nicht nach. Überhaupt war die Kommunikation zwischen den Eheleuten in den letzten zwei Tagen sparsam gewesen. Doch heute war Familientag und da würde sich vielleicht alles wieder zum Guten und Gewohnten wenden. Mit diesen Gedanken erwacht Manfred, noch ehe seine Weckautomatik in Gang gekommen ist. Sein Braille-Wecker, den er wegen des Tickens so gern hat, zeigt viertel vor sechs. Im Flur ist es so still, dass Manfred die Tür in die Gummidichtung gleiten hört. Pfiffi und Sabine schlafen wohl noch selig. Auf der Toilette ist es eiskalt. Sabine hat wohl vergessen, das Fenster zu schließen. Die Heizautomatik beginnt gerade erst mit ihrer Aufgabe. Manfred ist etwas früher dran als üblich. Die beschriftete Seife liegt am rechten Fleck. Manfred ist vorsichtig. Er will sie nicht wieder runterwerfen. Das leichte Pieken der Punktschrift-Stecknadeln ignoriert er. Im Flur finden sich keine Hindernisse mehr. Der gesamte Karnevalsschmuck ist weggeräumt. Manfred hört, wie sich Pfiffi aus seinem Körbchen erhebt und ihm in sein Schlafzimmer folgt. Erst klingt leise das Halsglöckchen des Führdackels. Dann stupst er mit seiner feuchten Nase Manfred an, der sich auf seiner Matratze niederlässt. Warm schmiegt sich der Hundekörper an den blinden Mann, dessen Augen nicht einmal das fahle Grün wahrnehmen können.

Etwas später und eine Etage tiefer sitzen Gertrude und Karl-Heinz im Schein einer gedimmten Neonröhre im ehelichen Bett. Seit 40 Ehejahren – oder etwas mehr – ist dies ihr sonntägliches Ritual. Karl-Heinz hatte hierfür extra einen Klapptisch am Fußbrett des Bettes angebracht. Auf dem gibt es jeden Sonntag den romantischen Kaffee, wie Gertrude ihn nennt. Karl-Heinz trägt mit Absicht seinen roten Schlafanzug. Er hofft wohl auf etwas mehr als nur Kaffee. Doch Gertrude scheint nicht in Stimmung zu sein. Als sich das Schweigen ausdehnt, wendet sich Karl-Heinz der Stirnwand des ehelichen Schlafmöbels zu. Dort hat er, genau wie bei Manfred an der Wand, zwei Schalter montiert. Leise erklingen die Nachrichten auf WDR 4. Statt Louis Braille hängt hier der Apostel Petrus überm Bett. „Hast Du mir etwas zu sagen, mein lieber Karl-Heinz?“, fragt Gertrude, während Udo Jürgens vom ehrenwerten Haus zu singen beginnt. „Ja, ich habe mit unserem Sohn gemeinsame Sache gemacht. Die Zahnschmerzen waren keine. Ich habe geschwindelt“, sagt der Gatte mit gesenktem Kopf. „Sieh mich an und entschuldige Dich, wie es sich gehört“, zischt Gertrude. Karl-Heinz hebt pflichtschuldigst das Kinn und sagt: „Liebe Gertrude, es tut mir sehr leid. Ich bitte Dich um Verzeihung. Nie wieder werde ich mit Manfred ein Komplott schmieden.“ „Gut, mein lieber Gatte. Ich will Dir vergeben. Mal wieder. Der rote Schlafanzug war jedoch etwas voreilig. Du weißt ja, dass wir um acht gemeinsam frühstücken. Vorher will ich nochmal den Pfarrbrief lesen. Dir empfehle ich fünf Rosenkränze als Buße und Einstimmung in den Tag“, sagt Gertude und steht auf. Sie trägt ein bis zum Hals zugeknöpftes Nachthemd. Karl-Heinz zieht den Rosenkranz aus der Nachttischschublade, der dort neben uralten Kondomen liegt. Er kniet sich aufs harte Laminat vor den Gekreuzigten und beginnt: „Gegrüßet seist Du, Maria. Voll der Gnade. Der Herr ist mit Dir …“

Eine Etage höher geht es weniger christlich zu. Obwohl Manfred für ihre halbe Stunde Radio Vatikan eingestellt hat. Sabine kommt mit dem Morgenkaffee und säuselt von der Tür her ihren Morgengruß. „Der Kaffee ist heiß, mein Schatz“, warnt sie ihren blinden Gatten, der das ja nicht sieht. „Vielen Dank, mein Liebling“ sagt Manfred vorsichtig und fährt fort: „Können wir heute ein bisschen reden?“ Sabine hält das morgendliche Schweigen auch nicht mehr aus und nickt. Nach einer Weile sagt sie: „Nun fang doch an!“ „Du hast mir ja noch nicht geantwortet“, flüstert Manfred schüchtern. „Hast Du mein Nicken nicht gehört?“, zickt Sabine schuldbewusst. „Nein, leider nicht“, sagt Manfred und fährt fort: „Ich möchte Dir sagen, dass mit Rosa, ich meine natürlich Susanne, nicht mehr war als ein wenig Schäkern.“ „Und warum bist Du nicht bei mir geblieben? Schon beim Ausstieg in Düsseldorf hattest Du mich ganz vergessen“, sagt Sabine traurig. „Ich weiß auch nicht. Es war so irgendwie die Stimmung, die mich mitgerissen hat. Die waren alle so fröhlich und offen. Da hab‘ ich sogar meine Blindheit irgendwie vergessen“, sagt Manfred. „Und mich gleich mit“, zickt Sabine, „und was heißt überhaupt Blindheit vergessen? Das reden Dir Deine neuen Freunde ein, oder?“ Sabine ist den Tränen nah. „Das sind keine neuen Freunde. Petra und Volker kenne ich doch schon lange. Und sie sind mir immer noch unheimlich, weißt Du“, gesteht Manfred leise. „Ich finde sie verantwortungslos. Als Blinde einfach so loszustürmen und Dich auch noch mitzuschleppen. Was da alles passieren kann“, beginnt Sabine zu schluchzen. Manfred tastet vorsichtig nach ihrer Hand. Pfiffi denkt, er kriegt ein Leckerchen und stupst die Hand an. Manfred aber findet die warme Hand seiner Frau. Sabine hat keine Isolierte Tasse wie er. Dann sagt er liebevoll: „Ach Sabine. Ich habe Dir doch gesagt, die haben ein 1a-Mobitraining gemacht. Und es ist doch auch gar nichts passiert.“ „Doch, es ist so viel passiert in letzter Zeit. Erst die Tour vor Weihnachten und jetzt dieses Desaster zu Karneval. Irgendwie hast Du Dich verändert. Ich verstehe das alles gar nicht“, flüstert Sabine. „Ich auch nicht. Wir müssen mal in Ruhe darüber reden. Meinst Du nicht auch?“, fragt Manfred. Sabine nickt wieder. „Liebst Du mich denn überhaupt noch?“, fragt sie. Diesmal nickt Manfred. Sabine drückt zärtlich seine Hand. Jetzt hat Pfiffi aber genug. Er will raus. Sabine holt tief Luft und sagt im Aufstehen: „Los komm, um acht kommen Deine Eltern zum Frühstück. Lass uns rechtzeitig fertig werden.“ „Ich gehe mit Pfiffi raus, während Du das Frühstück machst“, sagt Manfred mutig.

Leise schleicht er wenig später mit Pfiffi die Treppe runter. Auf den Gurt verzichtet Manfred tapfer, weil der zu viel Lärm macht, wenn er hochsaust. Er traut sich schon ein paar Schritte vor die Tür. Pfiffi weiß bescheid und düst los. Manfred wartet und bibbert. Da stupst ihn ein früher Fußgänger an und sagt: „Hey Herr Borkenstock, so früh schon auf den Beinen? Ich bin der Carlo von unten.“ Manfred erschrickt ein wenig und stottert: „Der Hund – der musste mal. Guten Morgen Herr Carlo.“ „Für mich eher gute Nacht. Ist ein bisschen früh geworden“, lacht Carlo und verschwindet im Haus. Bald ist Pfiffi wieder zur Stelle und begleitet Manfred die Treppe hoch. Wenig später sind aus dem Treppenhaus Hammerschläge zu hören. Carlo streckt den müden Kopf aus der Tür und fragt: „Hey Lady, wollen Sie das Geländer abmontieren? Dann aber bitte später, okay?“ „Lieber Herr Gerstenbinder-Lüdke, es ist gleich acht. Da ist die offizielle Ruhezeit vorbei“, antwortet Gertrude und setzt wieder den Schraubendreher an. „Carlo reicht völlig. Soll ich Ihnen helfen?“, ist der Student ganz selbstlos. Er will nur endlich Ruhe haben. „Nein danke, bin sofort fertig“, schnaubt Gertrude und setzt das Stemmeisen an. Jetzt gibt die Gurthalterung auf und bricht aus dem Holzgeländer. Eine Etage höher wiederholt sie die Prozedur. Dann ruft sie nach unten: „Karl-Heieinz! Frühstück!“ Unten schreckt Carlo nochmal aus erstem Dämmer. Der Gatte jedoch müht sich die Treppe empor. Seine Knie tun noch ziemlich weh von der Büßerei.

Pünktlich um acht klopft es bei Manfred an der Wohnungstür. Sabine öffnet. Triumphierend steht Gertrude da und hält in jeder Hand eine Halterung des Treppengurtes: „Schau meine Liebe, was eine alte Frau noch alles kann.“ Holzsplitter rieseln von den metallenen Trophäen. Würdevoll betritt Gertrude den Flur und legt den gehassten Gurt auf der Kommode ab. Es folgt Karl-Heinz, der schon einmal ein paar Splitter des ruinierten Geländers aufsammelt. In der Küche wartet Manfred und begrüßt seine Eltern herzlich: „Hallo Ihr zwei, wie schön, dass Ihr da seid. Was hat denn da eben so gerumpst im Treppenhaus?“ „Ich habe nur das gemacht, was Dein Vater machen sollte. Jetzt darf Dich Sabine immer runterbringen. Setz Dich, dein Stuhl steht links vor Dir“, antwortet ihm seine Mutter. „Heute beten wir das Vater unser. Oder hat jemand Einwände?“, schlägt Gertrude vor, als alle sitzen. Keiner wagt es. Karl-Heinz hebt an: „Gegrüßet seist Du, Maria …“ Gertrude boxt ihn in die Rippen „Ach ja, entschuldigt. Ich war noch ganz bei meiner Buße“, sagt Karl-Heinz und beginnt erneut: „Vater unser im Himmel …“

„Amen“, sagt Sabine und will zur Kaffeekanne greifen. „Einen Moment, meine Liebe. Erst will Euch Euer Vater was sagen“, fährt ihr Gertrude in die Parade. Es wird still. Manfreds Vater räuspert sich: „Liebe Familie, ich möchte Euch um Verzeihung bitten. Ich habe gefehlt. Meinen armen blinden Sohn habe ich in Gefahr gebracht. Nur Gott weiß, was ihm alles in Düsseldorf passieren konnte. Doch er hielt seine schützende Hand über Dich, lieber Manfred. Und brachte Dich uns heil zurück. Deine Mutter hat Ängste ausgestanden, die Ihr Euch gar nicht vorstellen könnt. Ich gelobe feierlich, nie wieder bei einem Komplott mitzumachen.“ „Und Ihr beide überlegt Euch mal im Laufe unseres schönen Familientages, ob Ihr nicht auch was sagen wollt“, setzt Gertrude nach. Vorläufig nicht. So fragt sie: „Mein lieber Sohn, was möchtest Du denn aufs Brötchen haben?“ Es wird ein schweigsames Frühstück. Alle sind froh, wenn sie etwas im Mund haben. Dann greift Gertrude in die Rocktasche und sagt: „Ich will Euch eine Stelle aus dem Pfarrbrief vorlesen. Unser Pfarrer Seelighaus schreibt: Die Familie ist das wärmste Nest für viele Menschen. Hier kommen die Menschen in Liebe zueinander zusammen. Sie helfen sich mit Rat und Tat. Ihre Sorgen können sie miteinander teilen. Gott soll Teil einer jeden Familie sein. Nur er vermag den rechten Geist in die Gemeinschaft zu tragen.“ Wieder herrscht Schweigen. „Wir treffen uns dann gleich, bitte kommt pünktlich!“, kommandiert Gertrude. Karl-Heinz springt auf, so gut dies mit seinen lädierten Knien geht.

Wenig später hören sie von unten lautes Staubsaugergetöse. Gertrude entfernt die Spuren ihres handwerklichen Tuns. Diesmal erwacht Carlo aus dem ersten Tiefschlaf. Sabine räumt den Tisch ab, während Manfred nur dasitzt. „Ach Sabine, Du kennst sie doch. Wenn sie nicht weiter weiß, kommt Gott ins Spiel. Das hilft ihr immer“, fängt er ein Gespräch an. „Ich weiß, aber muss sie denn so feldweblhaft daherkommen?“, antwortet Sabine. „Komm, ich bring Dich rüber. Du bist sicher mit den Nerven runter“, sagt sie und greift Manfred am Ellbogen. Der legt seinen BVB-Schlabberlatz ab und geht gesenkten Hauptes mit. „Weißt Du, manchmal denke ich an ein anderes Leben für uns“, flüstert er in seinem Zimmer. „Wie meinst Du das?“, fragt Sabine. „Naja, eben anders. Ohne meine Eltern unten. Ich könnte etwas selbständiger werden. wir könnten vielleicht leben, wie andere auch“, spricht Manfred leise. „Weißt Du, manchmal denke ich auch an sowas. Aber dann kommt wieder der Alltag. Wie jetzt zum Beispiel. Ich muss Gertrudes Spuren beseitigen, ehe der Nörgelmann von oben in die Splitter tritt“, seufzt Sabine und steht von der Schlafmatratze auf. Manfred nimmt Pfiffi in den Arm und sagt ihm ins Fell: „Ach mein Lieber, wenn doch eine Fee käme und uns verzaubern würde.“

Kurz vor zehn trifft unser junges Paar Gertrude unten im Hausflur. „Kind, Kind“, stöhnt sie und zupft Manfred die Krawatte zurecht. (Und findest Du nicht, dass ein gelber Schal zu schrill ist fürs Hochamt?“, wendet sie sich an ihre Schwiegertochter. „Ich dachte nur … da nehmen die Leute mehr Rücksicht, “, rechtfertigt sich Sabine. Das Argument zieht immer. Manfred trägt selbstverständlich die beiden gelben Armbinden mit drei schwarzen Punkten zur Kennzeichnung. Alle vier haben sie sich Plaketten mit dem Stockmännchn angesteckt. Karl-Heinz hat draußen schon einmal ihren alten Mercedes angelassen. Er pustet mit aufheulendem Motor alte Dieselreste aus dem Auspuff. Die beiden Frauen geleiten Manfred zum Wagen. Gertrude hilft beim Einsteigen. Karl-Heinz musste im eigenen Wagen mehrere Haltegriffe anbringen. Anders als bei den ignoranten Taxis. Manfred hat schon viel Übung, sich zwischen der helfenden Gertrude und diesen Griffen hindurch zu quetschen. Diesmal stößt er sich doch den Kopf, weil auch Sabine hilfreich zur Seite steht. Der Sitz ist eine Spezialanfertigung mit seitlichen Verstärkungen. Weil der Junge die Kurven ja nicht kommen sieht, hatte Gertrude gemeint. „Nun nimm mal hier den Gurt!“, fährt sie ihren Mann an. „Das kann ich schon irgendwie“, sagt Manfred. „Nein mein Junge, der Vati macht das gleich, nicht wahr?“, wird Gertrude drohender. Karl-Heinz greift herzhaft zu und zieht. Dabei verheddert sich der Gurt am Stockmännchen und die Plakette fliegt Gertrude direkt ins Auge, die sich hilfreich über ihren Sohn beugt. „Du ungeschickter Mensch Du!“, zischt Gertrude. Böse Worte dürfen ja in Gegenwart des zarten Blinden nicht fallen. Während Karl-Heinz weiter am Gurt zerrt, heftet Gertrude das Stockmännchen wieder an seinen Platz. „So wird auch der Riss verdeckt, den Du gemacht hast“, sagt sie zu ihrem Gatten. Der lehnt sich nach erfolgreichem Anschnallen des Sohnes zurück und kommt dabei auf die Hupe. Carlo wird wieder wach. Gerade träumte er von Jessica oder Samantha. Gertrude schließt sanft Manfreds Tür und steigt hinten ein. „Bist Du auch angegurtet, liebe Sabine?“, säuselt sie. „Aber sicher, liebe Schwiegermutter“, antwortet Sabine. Sie spürt noch den Ellbogenstoß in die Rippen, den ihr Gertrude beim gemeinsamen Helfen verpasst hat. Karl-Heinz weckt Carlo endgültig mit aufheulendem Motor. Auf geht’s zum heiligen Hochamt.

Direkt vor der Kirche hat Gertrude für einen Behindertenparkplatz gesorgt. Der ist heute besetzt. Gertrude läuft rot an. „Guck mal, da laden sie einen Rollstuhl aus. Der darf da stehen“, kommt Sabine einem Vulkanausbruch zuvor. Karl-Heinz kurbelt heftig am Lenkrad. Diese alte Kiste hat noch keine Servolenkung. Gertrude ist irgendwie doch wütend, dass jemand ihren Parkplatz besetzt. „Guck mal, dahinten!“, ruft sie. „Da kommt der Junge nicht raus“, antwortet ihr Mann. Das Argument zieht immer. Irgendwann stehen alle vier auf dem Parkplatz. Gertrude schaut kritisch und greift dann nach Manfreds rechten Arm. Sabine nimmt den linken und Karl-Heinz trottet hinterher. „Junge, guck etwas fröhlicher. Du trittst jetzt ins Haus Deines Schöpfers“, mahnt die Mutter. „Ich kann doch gar nicht gucken“, versucht Manfred einen lahmen Witz. „Sowas sagen Dir wohl Deine merkwürdigen Freunde bei der Arbeit, nicht wahr? Als Du noch bei mir lebtest, gab es solche lockeren Sprüche nicht“, spricht Gertrude mehr mit sich selbst. Oder mit Sabine? „Blindheit ist eine ernste Sache. Der Herr hat Dir diese Bürde auferlegt. Und uns natürlich auch ein wenig, Deinem Vati und mir. Er will uns prüfen“, erklärt Gertrude. Am Eingang begrüßt sie der Pfarrer: „Guten Tag, liebe Familie Borkenstock.“

In seiner Predigt kommt Pfarrer Seelighaus später so richtig in Fahrt: „Das Gleichnis des Evangelisten Matthäus will uns mahnen. Die Liebe unserer Eltern zu uns Kindern ist fast so groß wie die Liebe Gottes. Gott und die Eltern wollen immer nur das Beste für ihre Kinder. Der Her hat dies in Taten, die niedergeschrieben sind, gezeigt. Unsere Eltern zeigen es jeden Tag. Mögen wir es auch nicht immer erkennen. Das Wort der Eltern sollte uns immer Leitschnur sein im turbulenten Alltag. Sie kennen uns länger als wir uns selbst. Sie wissen um unsere Stärken und Schwächen. Manchmal mag uns der Hinweis eines Elternteils lästig sein. Dann sollen wir daran denken, dass er in Liebe gegeben wird. Denn ihr Leben lang, von unserer Geburt an, sind unsere Eltern für uns da. Nehmt dies mit in den heutigen Tag Gottes und die vielen Tage hernach. Gelobt sei Jesus Christus. In Ewigkeit.“ Die Gemeinde ist nicht mehr so fit wie vor einer Stunde und bringt ein etwas schwaches „Amen“ hervor. „Mein Junge, wir singen jetzt Nr. 578. Das steht da an der Tafel. Das weißt Du ja. Leider haben wir immer noch kein Blindenschrift-Gesangbuch“, flüstert Gertrude. Sabine sitzt auf der anderen Seite Manfreds und beobachtet ihren Nachbarn. Der hat die BILD auf den Knien und liest natürlich nur den Sportteil. Sabines Blick fällt auf die Schlagzeile: „68 % der Frauen leiden unter ihren Schwiegermüttern“. Sie schlägt versehentlich die 587 auf und singt entsprechend falsch. Mit einer wütenden Handbewegung schlägt Gertrude Sabines Gesangbuch einfach zu. Nach dem Hochamt verabschiedet Pfarrer Seelighaus alle Besucher. Sabines Nachbarn empfiehlt er zehn „Vater unser“ als Buße für Unaufmerksamkeit. Manfred nimmt er beiseite und spricht: „Komm mein Junge. Ich tupfe Dir mit dem Weihwasser ein Kreuz. Ich bete für Dich, denn der Herr will Dich besonders prüfen.“ Etwas apathisch – oder beseelt – wankt unser Quartett zum Auto.

Auf der Rückfahrt schwärmt Gertrude von Herrn Seelighaus: „Dieser Pfarrer ist gut für seine Schäfchen. Wie schön er die Dinge aus der Bibel immer mit unserem Leben verbindet, nicht wahr, Karl-Heinz?“ Der kichert leise: „Weißt Du noch, wie er uns damals getraut und sich total verhaspelt hat? Da war er noch ein ganz junger Hüpfer.“ Die Anspielung auf ihr Alter treibt Gertrude eine weitere Falte auf die Stirn. „Und wie er immer auf unseren Jungen eingeht. Ein wahrer Christenmensch. Vielleicht begleitet er uns nochmal auf eine Wallfahrt“, ist Gertrude ganz beseelt. Sabine schaut derweil aus dem Seitenfenster, damit ihre Schwiegermutter ihr wehmütiges Lächeln nicht sieht. Vorm Haus ist ihr Behindertenparkplatz besetzt. „Was ist das denn für eine Rostlaube? Und wie sieht die überhaupt aus?“, empört sich Gertrude. Auf dem für Manfred eingerichteten Parkplatz steht ein roter Corsa mit weißen Tauben darauf. „Ich werde die Polizei rufen“, erbost sich Gertrude, „“und bis dahin parken wir bei Herzogs. Ich glaube, die sind in Wellness oder wie das heißt.“ Im Hauseingang trennen sich die vier. Manfred will zum Geländer greifen. Seine Hand landet in einem hervorragenden Holzsplitter. Mannhaft wehrt er Gertrudes Tröstungen ab: „Ach Mama, nicht so schlimm.“ Eilig steigen Sabine und ihr Mann die Stiegen hinauf. „Kommt bald runter, ich muss das Essen nur warm machen“, flötet Gertrude. „Nimm bitte die Hand vom Geländer. Hier ist es auch kaputt“, mahnt Sabine kurz vorm Ende der Treppe. Im Flur besieht sie sich den Schaden. Es blutet ein wenig. „Ich hole Dir ein Pflaster. Dann müsste das schon gehen“, sagt Sabine. Manfred steht nur da und hält die Hand in die Luft. Mit der anderen krault er Pfiffi, der zur Begrüßung an ihm hochspringt. Sabine klebt ihm schweigend das Pflaster auf die Hand und entfernt weitere kleine Splitter. „Was ist denn los, Sabine?“, fragt Manfred beunruhigt. „Ach ich dachte, wir könnten heute ein bisschen reden und für uns sein“, sagt seine Frau. „Gleich nach dem Essen haben wir doch etwas Zeit“, beschwichtigt Manfred. „Jaja, wenn sie uns lässt“, seufzt Sabine. „Ach Sabine, meine Mami meint es doch immer nur gut“, sagt Manfred nicht gerade das, was Sabine jetzt aufmuntern kann. Pünktlich um zwölf stehen beide vor der elterlichen Wohnung. Aus der Nachbarwohnung dringen Kaffeegeruch und Gelächter. Karl-Heinz öffnet schweigend die Tür. „Hier habe ich Deinen Schutzstoff mit dem Kreuz drauf. Den trägst Du ja immer am Familientag“, begrüßt Gertrude ihren Sohn. Als Sabine sich setzen will, faucht sie: „Hast Du vergessen, dass Manfred am Familientag vorbetet?“ Manfred wirkt ziemlich unsexy mit diesem grauen Lätzchen um den Hals. Dann beginnt er: „Vater unser im Himmel …“ „So ist es fein“, sagt Gertrude, „heute gibt es Grünkohl. Ich habe Dir die Kartoffeln und das Würstchen ganz klein geschnitten, mein Junge. Die Würstchen fangen halb zehn an. Der Rest ist durcheinander.“ “ Manfred greift zum Löffel und wirft dabei beinahe sein Glas um. Zum Glück ist es magnetisch fixiert. Weil das Mittagsmahl schweigend verläuft, hören sie von nebenan Stimmen und Gelächter. Plötzlich klingelt es an der Wohnungstür. Karl-Heinz erhebt sich mühsam. Das Knien in der Kirche hat seine Schmerzen nicht gebessert. So ist seine Frau schneller. „Guten Tag, Herr Nörgelmann“, begrüßt sie ihren Nachbarn aus dem zweiten Stock. „Guten Tag, Frau Borkenstock. Wer hat das Treppengeländer ruiniert?“ „Ich habe nur diesen elenden Gurt wieder abgemacht“, antwortet Gertrude. „Und dabei mussten sie den halben Pfosten mit rausreißen?“ „Papperlapapp! Das ist nur für meinen blinden Sohn.“ „Ach, damit er sich die Splitter einfängt?“ „Jetzt nehmen Sie aber mal Rücksicht. Mein Manfred hat es schließlich nicht leicht im Leben.“ „Immer dieselbe Leier. Ich werde den Vermieter informieren. Guten Tag noch.“ „Ihnen auch.“ Gertrude kehrt an den familiären Tisch zurück. „Vielleicht hätten wir das doch einen Schreiner machen lassen sollen“, meint Karl-Heinz schüchtern. „Und wem habe ich das tausendmal gesagt?“, schnaubt Gertrude. Wieder Stille. Zum Glück sind die Teller irgendwann leer. Die Frauen räumen das Geschirr weg. „Wir kommen dann um drei zum Spaziergang“, sagt Manfred zum Abschied. Oben angekommen bricht Sabine in Tränen aus: „Ich kann nicht mehr! Ich halte das alles nicht mehr aus!“ Manfred steht etwas verloren und hilflos wirkend daneben.

Pfiffi ist verwirrt. Er stupst Sabine an. Keine Reaktion. Er stupst Manfred an. Der krault ihn mechanisch. „Statt den Hund zu tätscheln, solltest Du mich mal in den Arm nehmen“, schluchzt Sabine. Das will Manfred eigentlich ganz gern und tastet sich vorsichtig an Sabine heran. „Nimm erst diesen widerlichen Latz ab“, heult sie auf. Manfred fummelt hilflos am Knoten im Nacken. „Kannst Du denn gar nichts alleine?“, ruft Sabine verzweifelt. Sie löst den Knoten und feuert den Kreuzlatz für Familientage in die Ecke. Manfred tastet wieder nach ihr. „Ach vergiss es. Ich hab’s nicht so gemeint!“, ruft Sabine und will ihre Tür hinter sich zuknallen. Nicht mal das geht, weil sie ja einen Gummirahmen zur Dämmung hat. Manfred steht etwas ratlos da. Auch ihm rollt eine Träne die Wange hinab. „Ach Pfiffi, was soll ich nur machen?“, sucht er beim Tier Zuflucht und nimmt es mit in sein Zimmer. Gegen halb drei öffnet sich langsam die Tür. „Darf ich mal reinkommen?“, fragt Sabine sehr zaghaft. Manfred liegt verkehrt herum auf seiner Spezialmatratze. Eine SMS von Susanne hatte ihn Manches vergessen lassen. Mittwoch will sie ihn von der Arbeit abholen. Was soll er bloß Sabine sagen? „Ja sicher, komm nur“, flüstert er. Sabine hockt sich neben ihren Mann aufs Polster. „Es tut mir sehr leid, was ich da eben gesagt habe“, sagt Sabine. „Ach Sabine, Du hattest irgendwie ja Recht. Ich kriege nichts alleine hin.“ „Das stimmt ja auch nicht. Denk mal an Düsseldorf.“ „Das meine ich nicht. Ich meine, ich will selbst über meine Zeit entscheiden. Ich will am freien Sonntag machen, was mir Freude macht. Und natürlich will ich auch den blöden Latz allein aufknüpfen können.“ „Ich habe mir überlegt, wir könnten ja ganz langsam damit anfangen. Gemeinsam, verstehst Du? Ich habe doch gar nichts dagegen, wenn Du selbständiger wirst. Im Gegenteil.“ „Sollen wir den Spaziergang absagen?“ „Nein, das wäre vielleicht doch zu viel für Gertrude. Lass uns heute Abend allein bleiben, was meinst Du? „Wir können es ja mal versuchen. Du weißt ja, wie penetrant meine Mutter sein kann.“ „Oh ja.“ Manfred ist jetzt mutig und nimmt Sabine ganz vorsichtig in den Arm. Sie drückt sich an ihn und haucht ihm einen Kuss auf die Wange. Zu Sabines totaler Überraschung wendet Manfred den Kopf und erwidert die Zärtlichkeit. Auch Pfiffi ist verwirrt. Er will mitkuscheln. Manfred schiebt ihn sanft beiseite. Bald mahnt die schwiegermütterliche Indoktrination zum Aufbruch. „Komm, wir ziehen uns fesch an. Ohne den ganzen Kennzeichnungs-Schnickschnack“, schlägt Manfred vor.

Im Treppenhaus öffnet sich die Nachbarwohnung. „Was ist denn mit dem Geländer passiert?“, fragt Frau Borgstein-Waldschmidt, eine ehemalige Lehrerin. „Entschuldigen Sie bitte, Frau Borgstein-Waldschmidt. Meine Mutter war etwas übereifrig. Ich werde das richten lassen“, antwortet Manfred schnell. Sabine hatte bereits Luft geholt. „Dann ist es ja gut. Passen Sie auf, sonst verletzen Sie sich“, mahnt die Nachbarin freundlich. „Das werde ich machen, vielen Dank“, verabschiedet sich Manfred. „Die kommt auch bald weg“, sagt er, als die Klapptür hinter ihnen wieder die Treppe versperrt. „Hey Herr Borkenstock“, begrüßt sie Carlo im Erdgeschoss, „ist die hübsche Lady an Ihrer Seite Ihre Frau?“ „Das ist sie“, sagt Manfred etwas stolz, „und sagen Sie nicht mehr Herr Borkenstock, ich bin Manfred und dies ist Sabine.“ „Hey Sabine, auf gute Nachbarschaft.“ Sie lächelt schüchtern. „Sie sind Carlo, nicht wahr?“, fragt sie den jungen Mann. „Genau, aber ich muss noch etwas pennen. Die Kumpels zum Frühstück kamen schon mittags.“ „Waren die das mit dem roten Corsa?“, erkundigt sich Sabine. „Genau. Ihre Mutter wollte uns schon abschleppen lassen.“ „Schwiegermutter“, korrigiert Sabine freundlich, „hat sie aber hoffentlich nicht gemacht?“ „Sie sagte irgendwas von Gnade vor Recht, wenn wir sofort da wegfahren. Das hat Tilo dann auch gemacht.“ „Aber das war das letzte Mal“, fährt Gertrudes strenge Stimme dazwischen. „Tschüss dann“, murmelt Carlo und schließt schnell die Tür. „Wie seht Ihr denn aus?“, wendet sich Gertrude an Sabine. „Wir gehen heute mal einfach so“, antwortet Manfred seiner Mutter. Diese trägt ihre zwei Armbinden und ihren Leuchtgürtel. „Aber mein Junge, ich hab‘ Dir das doch erklärt. Die Leute sehen Dich dann besser.“ „Ich passe schon auf ihn auf“, wagt sich Sabine etwas vor. „Das haben wir ja neulich gesehen, als Ihr alle im Gebüsch gelandet seid. Karl-Heieinz, wo bleibst Du denn?“ „Der blöde Leuchtgürtel klemmt. Bin gleich soweit.“ Irgendwas reißt und dann riecht es verschmort. „Tut mir leid, liebe Gertrude, jetzt ist er gerissen. Hast Du einen zum Ersatz?“ „Natürlich nicht. Wer ist schon so blöd und macht seinen Gürtel kaputt?“ Eigentlich alle außer Gertrude, wenn wir an frühere Geschichten denken. „Na gut, dann gehe ich voraus. Mich sehen die Leute wenigstens“, beschließt Gertrude und schreitet munter aus. Hinter ihr folgen Sabine und Manfred, etwas näher aneinander als sonnst, und der arme Karl-Heinz, dessen Knie durch den Mittagsschlaf nicht deutlich besser sind. „Ist es nicht herrliche Luft!“, jubelt Gertrude, „und so ein schöner Familientag. Was hast Du denn da an der Hand?“ „Das Treppengeländer ist kaputt“, antwortet Manfred diplomatisch. „Hat Sabine wieder nicht richtig aufgepasst. Das kennen wir ja.“ „Irgend jemand hat Kleinholz hinterlassen“, wird Sabine mutig. Gertrude geht nicht darauf ein, sondern breitet die Arme aus, als drei Radfahrer von vorn kommen. Diese machen große Augen. „Hier geht ein Blinder, bitte steigen Sie ab“, ordnet Gertrude an. Die drei sind ziemlich verdattert und schieben ihre Räder. Gertrude verfolgt es aufmerksam. Da fällt ihr was auf. „Wo ist denn Euer Vater?“, fragt sie lauernd. „Ich achte nur auf Manfred“, sagt Sabine unschuldig. „Karl-Heieinz!“, ruft Gertrude. Wild um sich blickend rast sie an Manfred vorbei. Die beiden schlendern weiter. Aus einiger Entfernung hören sie ihre Stimme: „Was machst Du denn hier auf der Bank?“ Und dann: „Was ist mit Deinen Knien?“ „Komm, wir nutzen die Gunst der Stunde“, sagt Manfred. „Was meinst Du?“ „Naja, wenn wir jetzt einfach schneller gehen, findet sie uns nicht wieder. Dann haben wir den Abend für uns.“ „Hast Du das wieder verabredet mit Deinem Vater?“ „Nein, aber der musste heute so viel knien. Das hält er nicht mehr aus.“ „Verstehe ich gut, aber wo sollen wir denn hin?“ „Hast Du den Autoschlüssel dabei?“ Sabine wühlt in ihren Taschen. „Hab ich.“ „Gut, dann fahren wir jetzt irgendwo nett was trinken und kommen erst heim, wenn Mutter schon ihre Lockenwickler trägt“, plant Manfred die abendliche Flucht. Tatsächlich gewinnen die beiden einen gehörigen Abstand zu Gertrude. In der Ferne blitzt es einmal auf, als auch ihr Leuchtgürtel mit einem Aufflackern den Geist aufgibt.

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