Eingemauert

Nach über vier Jahrzehnten in Einzelhaft öffneten sich für den Inhaftierten am vergangenen Freitag die Tore des Gefängnisses. An seinem 69. Geburtstag verließ er nach exakt 43 Jahren und zehn Monaten seine knapp fünf Quadratmeter große Zelle. Nach dem jahrzehntelangen Kampf um seine Freiheit dankte der freigelassene Mann seinen Unterstützern und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, die unermüdlich für seine Freilassung eingetreten waren.

Fast 44 Jahre Einzelhaft in einer fünf Quadratmeter großen Zelle! Das ist mit noch so viel Phantasie nicht vorstellbar. Schaudern überkommt jeden, der nur kurz darüber nachdenkt.

Wer vermutet, der Inhaftierte habe in China, Russland oder vielleicht im Iran unter solchen Bedingungen vor sich hin vegetiert, der irrt. Der Mann, von dem ich rede, heißt Albert Woodfox. Er ist US-amerikanischer Staatsbürger und war inhaftiert im US-Staatsgefängnis Angola nahe Baton Rouge im US-Bundesstaat Louisiana. Überflüssig zu erwähnen, dass Albert Woodfox schwarz ist?

Mir geht es hier nicht um die politischen und juristischen Hintergründe seiner Geschichte. Dazu ist viel geschrieben worden. Wer sich dafür interessiert, kann das alles nachlesen. Am Ende des Textes werde ich entsprechende Links einfügen.

Seit ich von Albert Woodfox hörte, treiben mich folgende Fragen um: wie kann man überleben unter solchen Bedingungen? Wie hat er es geschafft? Wie soll er nun weiterleben? Und was ist das für ein Land, das zu solch einer barbarischen Verurteilung fähig ist?

Die Einzelzellen im Gefängnis Angola sind 2,4 Meter mal drei Meter groß und haben kein Fenster. 23 Stunden am Tag verbringen die Gefangenen in ihren Zellen unter künstlichem Licht, eine Stunde haben sie Ausgang. Aber nur, wenn es nicht regnet, gewittert oder es nicht zu heiß ist. Der menschliche Kontakt beschränkt sich auf die Gefängniswärterhände, die das Essen durch einen Schacht in der Zellentür schieben.

Woodfox berichtete nach seiner Freilassung dem britischen Journalisten Ed Pilington: von klaustrophobischen Panik-Attacken, bei denen er in der Enge zu ersticken glaubte. Nacht für Nacht, fast drei Jahre lang, stellte er seine Matratze hochkant an die Wand, setzte sich davor und versuchte im Sitzen zu schlafen, weil er es anders nicht aushielt. Er erzählte, dass er oft dem Wahnsinn nahe war. Dass er nur mit Hilfe von Selbstgesprächen sich selbst überzeugen konnte, stark genug für ein Weiterleben zu sein.

Fast 44 Jahre in solch einer Folterkammer. Draußen spielt sich das Leben ab. Die Freunde gehen ihren Berufen und Hobbies nach, bekommen Kinder, Enkel, erleben die Liebe, Freundschaft, Trennungen und all das, was das Leben ausmacht. In der Politik erleben wir das Ende des Vietnamkrieges, den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan, das Ende des kalten Krieges, das Ende der Apartheid, die Anschläge auf das World Trade Center, den Kampf gegen die „Achse des Bösen“, Umweltkatastrophen, Tsunamis, ein paar Päpste, ein paar US-Präsidenten, darunter auch einen schwarzen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Währenddessen sitzt Albert Woodfox in seinen fünf Quadratmetern. Ich überlege, dass ein großes Doppelbett mit zwei Nachtschränkchen fast dieser Fläche entspricht. Kein Fenster. Keine Natur. Keine Farben. Eine schmale Matratze. Tisch und Stuhl aus Beton. Eine Toilette. Fast 44 Jahre. Keine Gespräche, kein Austausch, keine Berührungen. Lebendig begraben.

Die Frage nach Schuld oder Unschuld des Inhaftierten stellt sich für mich nicht. Wirklich gar nichts, was ein Mensch getan haben könnte, rechtfertigt eine solche Behandlung. Sie ist grausam, barbarisch, zutiefst unmenschlich. Und da sich die US-Amerikaner ja so oft den „lieben Gott“ auf die Fahne heften, sage ich es auch gern in diese Richtung: sie ist absolut unchristlich.

Man weiß nicht genau, wie viele Menschen in den USA in Einzelhaft sitzen. Der Menschenrechtsverband solitarywatch.org schätzt die Zahl auf etwa 100.000. Anlässlich der Freilassung von Albert Woodfox sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, vor Reportern, Präsident Barack Obama sei davon überzeugt, dass Isolationshaft „angemessen und sparsam“ eingesetzt werden sollte. Obama wolle diese Praxis künftig einschränken, denn Isolationshaft habe „möglicherweise schwere und anhaltende psychologische Konsequenzen“.

Das Wort „möglicherweise“ im letzten Satz ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten.

Menschenrechtsorganisationen bezeichnen Isolationshaft als Folter. Folgen für die Opfer sind u.a. Halluzinationen, Panikattacken, Konzentrationsschwierigkeiten, Artikulationsprobleme bis hin zur Aphasie, extreme Stimmungsschwankungen, vegetative Störungen, Bluthochdruck, Alpträume, Depressionen. Selbstverletzungen und Suizidversuche sind an der Tagesordnung.

Kommen wir zurück zu Albert Woodfox. Er ist nun „frei“. Wie kann er jetzt leben? Kann er es überhaupt? Oder wird das, was nun kommt, nur ein Überleben sein, so wie es die letzten 44 Jahre waren? Ist ein Mensch, dem so etwas angetan wurde, noch zu normalen sozialen Kontakten und Emotionen fähig? Kann er menschliche Nähe überhaupt aushalten nach 44 Jahren Alleinsein nur mit sich und seinen Gedanken? Traut er sich, ein Zimmer zu verlassen? Wofür interessiert er sich?

Fast alle Berichte, die ich über die Freilassung von Albert Woodfox fand, beschäftigen sich mit seiner Schuld oder Unschuld, seiner politischen Vergangenheit, seinen Haftbedingungen und dem Kampf um seine Freilassung. Er selbst als Mensch kommt darin wenig vor.

Ich glaube, dass sein Kampf noch nicht zu Ende ist.

Quellen:

https://www.jungewelt.de/2016/02-22/001.php

http://www.berliner-kurier.de/news/panorama/-black-panthers–aktivist–dieser-mann-ist-nach-mehr-als-40-jahren-einzelhaft-frei-23605552#plx1849557820

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Eine Antwort zu Eingemauert

  1. Anonymous schreibt:

    Danke für diesen Artikel. Ich habe von dem Fall gelesen und er hat auch mich sehr bweget. Ich musste sowohl an den schwarzen Inhaftierten Mumia Abu Jamal denken, der Zeit MEINES Lebens (also 33 Jahre) im Gefängnis sitzt, als auch an den Film „Die Verurteilten“. Dort wird ein alter Mann nach unendlich vielen Jahren Gefängnis entlassen und nimmt sich das Leben… ein Leben, das er im Grunde nicht geführt hat!

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