Armenhaus Ruhrgebiet

Gestern, am 23. Februar 2016, veröffentlichte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen Bericht zur Armut in Deutschland. Ein Alleinstehender ist im Sinne des Verbands arm, wenn er 917 € oder weniger im Monat zur Verfügung hat. Dies sind 60 % des Durchschnittseinkommens. Demnach liegt das Durchschnittseinkommen eines Alleinstehenden bei etwa 1.500 €. Gut zwölf Millionen Menschen in Deutschland sind nach dem vorgelegten Bericht arm. Dies sind 15,4 % der Gesamtbevölkerung. Als besonders betroffene Gruppen macht der Bericht Alleinerziehende, Rentner und Arbeitslose aus. Die Armut ist unterschiedlich im Lande verteilt. NRW ist beispielsweise mit 17,5 % überdurchschnittlich betroffen. Das Ruhrgebiet mit 20 % ist trauriger Spitzenreiter.

Wir haben das schon vor 30 Jahren im Erdkunde-Unterricht gelernt. Das Ruhrgebiet ist mit gut fünf Millionen Einwohnern der größte Ballungsraum Deutschlands. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Obgleich sich in diesem Zeitraum vollendete, was damals längst begonnen hatte. Die Hauptarbeitgeber, Kohle und Stahl, wanderten ab nach China oder starben aus. Durch statliche Subventionen wurde dieser Tod verlängert, jedoch nicht aufgehalten. Vor und nach dem zweiten Weltkrieg schlug an der Ruhr das Herz der deutschen Wirtschaft. So kamen viele Menschen hierher, um Arbeit zu finden. Deshalb war die Region im Krieg Ziel zahlreicher Bombenangriffe und wurde erheblich zerstört. Es gab viel aufzubauen und aus dem Osten des ehemaligen dritten Reicheskamen viele Flüchtlinge nach Westen. Somit wuchs die Bevölkerungszahl an der Ruhr. Die Schlote qualmten derart für den Fortschritt, dass die Politik alsbald die Losung ausgab: „Der Himmel über der Ruhr soll wieder blau werden.“ Viele der sog. „Gastarbeiter“ kamen in den Pott, wie er damals hieß. Es bildeten sich Ghettos – Wohnviertel, in denen vorwiegend Ausländer wohnten und wohnen. Damals waren dies noch keine Migrationshintergründler.

Die großen Arbeitgeber gibt es nicht mehr. Zuletzt machte Opel in Bochum dicht. Die Menschen sind aber noch da. Sie sind der Arbeit nicht hinterher gezogen. Nach Süden in die reicheren Bundesländer. Anders als in Ostdeutschland, von wo es doch eine gewisse Wanderungsbewegung gen Westen gab. Das Ruhrgebiet ist heute noch so bevölkert wie vor dreißig oder vierzig Jahren. Damit ist klar, warum die Arbeitslosigkeit hoch ist. Zahlreiche neue Firmen haben sich angesiedelt. Manch Stadt des Ruhrgebiets hat da ganz gute Erfolge. Doch sind es nicht mehr die Massenarbeitgeber wie früher. In Technoparks arbeiten längst nicht so viele Menschen wie auf einer Zeche. Auch sind die Anforderungen an die Arbeitnehmer ganz andere. Eine höhere Arbeitslosigkeit ist durch den Wirtschaftswandel begründet. Aktuelle Ballungen von Rumänen und Bulgaren in Duisburg oder Dortmund können vernachlässigt werden. Sie wirken sich allenfalls auf einzelne Stadtteile aus. Aufs Ganze gesehen wissen es die lebensklugen Menschen an Ruhr und Emscher längst. Die Beschäftigung und damit breiter gestreutes Auskommen wie in den 60er- und 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wird es hier nie wieder geben. Es braucht Geld und Konzepte, um den Menschen hier bessere Perspektiven zu geben. Das harte Harz IV-Regime treibt viele Menschen an den Rand der Existenz. Suppenküchen, sog. Tafeln, sind normal geworden. Flaschensammler und andere Armutserscheinungen ebenfalls. Geld ist bereits geflossen. Ideen gab es auch schon. Beides hat womöglich Schlimmeres verhindert. Doch ist die Situation, wie oben gezeigt, immer noch schlecht. Um sie grundlegend zu ändern, brauchen wir grundlegende Ideen. Eine davon wäre, das Rurgebiet zum ersten Versuchsareal Deutschlands mit bedingungslosem Grundeinkommen von 1.000 € netto zu machen. Finanziert durch den Bund. Nach fünf Jahren könnten wir schaun, was die Menschen daraus gemacht haben. Sie hätten eine echte Chance. Und unser Land hätte die Chance, vom rein ökonomisierten Lebensentwurf wieder wegzukommen.

 

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