Little Rock mitten in Deutschland?

Manche von euch kennen vielleicht die Geschichte der „Little Rock Nine“.

Die „Little Rock Nine“ waren neun Jugendliche, die im September 1957 nach der offiziellen Aufhebung der Rassentrennung in der Kleinstadt Little Rock (Arkansas, USA) als erste Schwarze eine bis dahin Weißen vorbehaltene Schule besuchen wollten.

Der damalige Gouverneur des Bundesstaates Arkansas, Orval Faubus, hatte am Abend vor dem ersten Schultag die ihm unterstehende Nationalgarde aufmarschieren lassen, um die schwarzen Mädchen und Jungen am Betreten der Schule zu hindern. Außerdem demonstrierten aufgebrachte „besorgte“ weiße Bürger vor dem Schulgebäude. Sie fürchteten u.a. um die „Rassenreinheit“ und die „Ehre“ ihrer Töchter.

Daraufhin griff der damalige Präsident Dwight D. Eisenhower zu einem drastischen Mittel. Er ließ Bundestruppen aufmarschieren und den Weg für die Schüler freiräumen. Die Jugendlichen mussten – von Bundespolizisten eskortiert – durch den geifernden Mob hindurch in die Schulräume geleitet werden.

Eine schlimme Geschichte. Die verstörenden Bilder gingen um die ganze Welt und riefen Empörung und Wut hervor.

Aber all das passierte im fernen Amerika, in einem dieser unsäglich rückständigen Südstaaten und außerdem ist es schon so lange her.

Inzwischen sind wir ja alle viel aufgeklärter, oder?

Wie ich heute darauf komme? Die Assoziation drängt sich (leider) förmlich auf nach den Ereignissen in Clausnitz, Sachsen.

Hier eine kurze Zusammenfassung der Fakten, wie ich sie u.a. der Süddeutschen entnommen habe.

Am 17. Februar informiert das Landratsamt die Polizeidirektion Chemnitz über die Belegung des Hauses in Clausnitz einen Tag später. Den Beamten liegen Informationen vor, dass es Unmutsbekundungen geben könnte. Weil aber nichts von einem organisierten Protest oder gar einer Blockade bekannt ist, wird kein größerer Polizeieinsatz geplant.

Am 18. Februar, 19.20 Uhr trifft schließlich der Bus mit 20 Flüchtlingen ein. Doch ein Traktor mit Schiebeschild, ein kleiner Lkw und ein Pkw blockiert die Zufahrt. 30 bis 40 Demonstranten haben sich bereits vor der Unterkunft eingefunden. Deren Zahl steigt schließlich auf 100 an. Die Polizei geht davon aus, dass es sich vor allem um Ortsansässige handelt. Eine Streifenwagenbesetzung ist mit der Absicherung des Busses betraut. Doch die Beamten müssen Verstärkung anfordern. Auf einen per Lautsprecher erteilten Platzverweis reagieren die Versammelten mit Gelächter. Insgesamt sind an dem Abend 30 Polizisten im Einsatz, darunter auch Beamte der Bundespolizei und der Polizeidirektion Zwickau.

Ab 21 Uhr: Der Bus kann schließlich vor die Unterkunft fahren. Die Protestrufe werden lauter. Die Flüchtlinge weigern sich auszusteigen, drei von ihnen werden mit körperlicher Gewalt aus dem Bus geholt. Der Rest entscheidet sich schließlich, freiwillig in das Haus zu gehen.

22.26 Uhr: Die Demonstranten verlassen die Asylunterkunft. Vier Minuten später ist der Einsatz beendet.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/clausnitz-polizei-gibt-fluechtlingen-mitschuld-an-mob-stimmung-1.2872744

Man muss es sich vorstellen: ein Bus mit Flüchtlingen kommt nicht an die vorgesehene Unterkunft heran, da brauner Mob die Zufahrt blockiert.

Frage: Woher wussten diese Leute überhaupt von der Ankunft des Busses? Dazu ist vielleicht folgender Hinweis ganz interessant. Nach Informationen des ZDF ist der Leiter der Unterkunft seit fünf Wochen Mitglied der rechtspopulistischen AfD und wusste als einer von wenigen darüber Bescheid, wann der Bus eintreffen würde. Der Sender beruft sich auf Bürgermeister Michael Funke.

Die Aufforderungen und Platzverweise unserer „Ordnungshüter“ werden mit Gelächter quittiert.

Waren die Polizisten tatsächlich nicht Herr der Lage? Dann hätten wir hier den von populistischen Politikern und Wortverdrehern vielfach befürchteten „rechtsfreien Raum“. Also braunes Pack bestimmt die Spielregeln im öffentlichen Raum. Das ist nun wirklich besorgniserregend.

Wieso kam nicht noch mehr Verstärkung? Wurde keine weitere angefordert? Wurde sie angefordert und keine geschickt? Waren die verfügbaren Polizisten vielleicht alle unterwegs, um bei irgendeinem Fußballspiel die Fans zu beaufsichtigen?

Oder sollte die Situation so eskalieren? Welche Rolle spielt eigentlich die Polizei in Sachsen?

Die Insassen des Busses, unter ihnen möglicherweise traumatisierte Menschen, erleben also entweder die Machtlosigkeit oder das befohlene Nichteingreifen der Polizeibeamten. Statt Schutz und Fürsorge erfahren sie wieder einmal Gewalt. Sie werden unter Drohungen, Hohngelächter und Beschimpfungen der „besorgten Bürger“ teilweise mit körperlichen Attacken in ihr „Asyl“ geleitet.

Man kann sich nur mit Grausen abwenden. Wohin sind wir geraten? Die „normalen“ Mitmenschen sind nicht so, denke ich immer. Es war doch eine große Welle von Hilfsbereitschaft zu spüren, bevor das Thema Flüchtlinge für alle Wahlkampf- und Machtspielchen in den Ring geworfen und bis zum letzten ausgeschlachtet wurde.

Die entsprechenden Videoclips zu den Ereignissen in Clausnitz gehen heute noch viel, viel schneller um die Welt als 1957 die Bilder von Little Rock. Was richten sie an? Sie sind zutiefst beschämend.

Zum Schluss noch eine Einschätzung des Chemnitzer Polizeipräsidenten Uwe Reißmann:

Konsequenzen gegen das harte Eingreifen der Polizisten gegen Flüchtlinge hält Reißmann nicht für nötig. Die Maßnahme sei absolut notwendig und verhältnismäßig gewesen, auch weil die Anweisungen des Dolmetschers nicht befolgt worden seien. Ermittelt werde nun sowohl gegen Businsassen, wegen der beleidigenden Gesten, als auch gegen Demonstranten, wegen möglicher Verstöße gegen das Versammlungsgesetz und der Androhung von Straftaten. Erkenntnisse über einen rechtsextremen Hintergrund gebe es bisher nicht.

Quelle: http://www.n-tv.de/politik/Polizeichef-will-gegen-Fluechtlinge-ermitteln-article17044661.html

Besonders bemerkenswert ist der letzte Satz:

„Erkenntnisse über einen rechtsextremen Hintergrund gäbe es bisher nicht“.
Was muss man in diesem Land eigentlich tun und grölen, um als „Rechter“ zu gelten?

Noch eine nachträgliche Meldung, die ich gerade las:
In einem leer stehenden Hotel im sächsischen Bautzen ist in der Nacht ein Feuer ausgebrochen. Dort sollten Flüchtlinge untergebracht werden. Betrunkene Schaulustige jubelten und störten die Feuerwehr beim Löschen.
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/bautzen-brand-in-kuenftiger-asylbewerberunterkunft-a-1078501.html

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Eine Antwort zu Little Rock mitten in Deutschland?

  1. Anonymous schreibt:

    An genau dieses Szenario musste ich auch denken, als ich die Nachrichten hörte. Aber nun verteidigen ja sogar die Oberen das Verhalten der Polizei und ja, es kommt alles den Ereignissen aus den 50er Jahren in den USA immer näher. Beschämend ist das und noch beschämender sind all die „besorgten Bürger“, die bei solchen Nachrichten innerlich fleißig mit dem Kopf nicken und denken: richtig so! Wir haben in Deutschland ein neues Feindbild… der islamistische Flüchtling. Und wir haben in den oberen Reihen der Bilderberger & Rotschild-Fraktion ein neues Ziel: Die Menschen aus den zerbombten Ländern als billige Arbeitskräfte in den Westen zu holen und damit das menschliche Miteinander durch vorherige Propaganda zu zerstören. Eine win-win-Situation: Rohstoffe aus den zerbombten Ländern abgreifen (& Waffen liefern) UND billige, wehrlose Arbeitssklaven im Westen die Drecksarbeiten machen lassen. So hat der Deutsche ein schönes Feindbild und auch der Hartz4-Empfänger jemanden, auf den er runter gucken und sich aufwerten kann. Runter gucken war schon immer leichter… Und der dumme Durchschnittsbürger in seiner (noch vorhandenen) Wohlstandswelt ist nicht in der Lage, über die Titelseiten von BILD und SPIEGEL hinaus zu denken!

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