Visegrad

Gesprochen wird dieses Wort Wischegrad. So dürfte es vielen Menschen bekannt sein. Meist heißt es Visegrad-Gruppe oder –Länder. Dazu gehören Polen, Slowakei, Tschechien und Ungarn. In den Meldungen heißt es, diese Gruppe verfolgt eine ganz andere Flüchtlingspolitik als Angela Merkel. Wir suchen heute nach weiteren Informationen zur Stadt und zur Gruppe.

Visegrad (deutsch Plintenburg) ist eine Stadt (Stadtrecht seit 2000) im ungarischen Komitat Pest, ca. 40 Kilometer nördlich von Budapest an der Donau gelegen. Sie hat etwa 2.000 Einwohner. Bekannt ist sie durch eine auf einem Bergkegel am Donauknie gelegene, um 1247 entstandene Burg, die sogenannte „Zitadelle“ mit dem Salomonturm und dem ab 1323 entstandenen Königspalast. Der slawische Ortsname više grad („hohe Burg“) stammt aus dem 9. Jahrhundert und bezog sich auf das spätrömische Kastell auf dem Sibrik-Hügel.

Im Jahr 1009 wurde Visegrád erstmals als Komitatssitz unter seinem heutigen Namen erwähnt, das damit als offizielles Gründungsdatum gilt. Die noch vorhandenen römischen Befestigungen wurden ausgebaut und verstärkt. Nach dem Ende des Mongolensturms ließ Béla IV. die Burg Visegrád als Teil der Grenzsicherungen entlang der Donau umfangreich erweitern.

Im Jahr 1325 verlegte Karl I. seine Residenz von Temesvár nach Visegrád. Auch als 1408 Buda zur ungarischen Hauptstadt wurde, behielt Visegrád seine Bedeutung und wurde weiter ausgebaut. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt unter der Herrschaft von Matthias Corvinus und seiner Frau Beatrix von Aragón. Ab 1476 wurde die Burg im spätgotischen Stil erneuert und von italienischen Künstlern um einen prunkvollen Renaissancepalast erweitert.

Türkische Truppen eroberten 1544 die Burg und zerstörten sie um 1685 auf ihrem Rückzug fast völlig. Unter der habsburgischen Herrschaft siedelten sich im 18. Jahrhundert deutsche Familien an und brachten Visegrád einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die neuen Herrscher ließen das Burgschloss sprengen aus Angst, es könnte Ausgangspunkt einer Rebellion werden.

Schon im Jahr 1335 war die Burg von Visegrad Sinnbild der regionalen Kooperation. Als Sitz des ungarischen Königs war der Ort damals Schauplatz eines Gipfeltreffens der Könige von Polen, Böhmen und Ungarn. Diese vereinbarten eine enge Zusammenarbeit in den Bereichen Politik und Handel und inspirierten damit ihre Nachfolger in den 1990er Jahren, die Region gemeinsam in die EU zu führen. In der Erklärung von Visegrád vom Februar 1991 verpflichteten sich die Staatschefs Ungarns, Polens und der Tschechoslowakei, sich dem politisch-wirtschaftlichen System Europas anzuschließen sowie ihre Zusammenarbeit auf den Gebieten Regionales, Wirtschaft und Kultur zu intensivieren. Sie bildeten damit eine Art ostmitteleuropäisches Pendant zu Benelux.

Nach der Auflösung der Tschechoslowakei im Jahr 1993 bildeten dann deren Nachfolgestaaten Tschechien und Slowakei gemeinsam mit Ungarn und Polen die „Visegrád-Gruppe“ (V4). Das gemeinsam erreichte Ziel der V4-Staaten war die Mitgliedschaft in der EU und der NATO.

Nach dem Beitritt aller vier Mitgliedstaaten zur NATO und EU besteht die Staatengruppe fort, steht aber vor einer Neudefinition ihrer Ziele. Innerhalb der Mitgliedstaaten leben etwa 65 Millionen Menschen auf einer Fläche von ca. 530.000 km². Das gemeinsame BIP beträgt rund 940 Mrd. US$.

Wichtiges Kernanliegen ist die weitere wirtschaftliche Integration in die EU und das Anziehen von ausländischen Direktinvestitionen. Eine einheitliche Wirtschaftspolitik der Staaten existiert aber nicht. Auch in Bezug auf die weitere europäische Integration gab es keine gemeinsame Vorgehensweise. So hat beispielsweise die Slowakei als einziges Land der Gruppe den Euro eingeführt.

Am 15. Februar 2016, dem 25. Gründungstag der Gruppe, wurde hervorgehoben, dass man in Zukunft verstärkt gemeinsam innerhalb der EU auftreten möchte, da „der Einfluss der Mitgliedsstaaten in der EU durch eine Gruppierung vervielfacht wird“, so der tschechische Premier Bohuslav Sobotka.

Das Vorhaben der vier Visegrad-Staaten, die Balkanroute stärker gegen Flüchtlinge abzuriegeln, wird in der europäischen und internationalen Presse kontrovers diskutiert. Tschechien, Polen, Ungarn und die Slowakei hatten am Montag angekündigt, notfalls einen Zaun an der mazedonisch-griechischen Grenze zu bauen, um Flüchtlinge abzuwehren. Ein Affront gegen Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik – kurz vor dem EU-Gipfel am Donnerstag in Brüssel.

Die Tageszeitung La Croix aus Frankreich beschreibt grundsätzlich Angela Merkels derzeitige Position: „Die mächtigste Frau der Welt, wie sie das amerikanische Forbes-Magazin genannt hat, war noch nie so isoliert. In ihrem Land wie in der Europäischen Union hat Angela Merkel Schwierigkeiten, Verbündete ihrer Flüchtlingspolitik zu finden. Nach zehn Jahren im Kanzleramt erlebt sie die schwerste Krise ihrer Karriere. (…) Die Quasi-Einhelligkeit gegen sie in Zentraleuropa macht ihr zu schaffen.“

Die konservative französische Zeitung Le Figaro kommentiert ebenfalls Angela Merkels Position: „Die Kanzlerin steht in der Krise wie eine Angeklagte da: Ihre europäischen Partner werfen ihr die Politik der Öffnung vor und das Klima, das sie geschaffen habe. Am Montag haben Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei beschlossen, eine Abriegelung der Balkanroute zu diskutieren. Selbst Frankreich hat sich von Deutschland distanziert.“

Die linksliberale Tageszeitung Pravda aus der Slowakei relativiert die Differenzen zwischen der Visegrad-Gruppe und der deutschen Asylpolitik: „Wenn die Visegrad-Staaten vorschlagen, die Kontrollen an der mazedonisch-griechischen und bulgarisch-griechischen Grenze zu verstärken, bedeutet das nicht mehr, als eine zusätzliche „Verlangsamung“ in die Flüchtlingsbewegung einzubauen. So eine Bremse richtet sich nicht gegen die deutsche Vorstellung, Nato-Schiffe in der Ägäis einzusetzen. Sie ist vielmehr eine Ergänzung dazu, die Schengen nützt und zugleich zur Stabilität des Balkans beiträgt.“

Die konservative Zeitung Lidové noviny aus Tschechien kommentiert: „Der traurigste Aspekt am missglückten Visegrad-Trotzanfall ist eigentlich, dass die Grundeinschätzungen richtig sind. Griechenland bekommt die Registrierung der Flüchtlinge tatsächlich nicht in den Griff. Und die Türkei unternimmt nichts, um den Zustrom von Tausenden auf Hunderte täglich abzubremsen. Sobald sich Österreich und früher oder später auch Deutschland auf eine Obergrenze festlegen und die Flüchtlinge festsitzen, wird die Westbalkanroute zu einem explosiven Kessel. Wenn es zu einem solchen Überdruck kommt, wären die Visegrad-Staaten als Einzige in der Lage, Dampf abzulassen.“

Die linksliberale Tageszeitung Népszabadság aus Ungarn hebt hervor, dass die eigentliche Auseinandersetzung erst beim EU-Gipfel am Donnerstag stattfindet: „Das von vielen erwartete Einschwenken auf einen Kurs der offenen Konfrontation zur Flüchtlingspolitik von Angela Merkel blieb diesmal aus. (…) In Prag sahen und hörten wir fein herausgeputzte Regierungschefs, die sich ihre Positionen nicht durch Herumkrakeelen verderben wollten. Selbst über die (von ihnen entschieden abgelehnten) Flüchtlingsquoten verloren sie öffentlich kein Wort. Die eigentliche politische Schlacht wollen sie auf dem (unmittelbar bevorstehenden) EU-Gipfel schlagen. (…) Dort wird sich herausstellen, ob die Visegrad-Vier wirklich so geschlossen sind, wie sie sich in Prag darstellten.“

Auch die US-amerikanische New York Times stellt die Einigkeit der vier Länder infrage. „Die Visegrad-Gruppe, vor 25 Jahren eingerichtet, um die europäische Integration voranzutreiben, hat am Montag ihren Geburtstag gefeiert. Aber erst kürzlich hat sie ein gemeinsames Ziel gefunden: die Weigerung, eine signifikante Zahl von Migranten aufzunehmen. Dieser Entschluss hat die Gruppe ermutigt. Sie ist einer der neuen Miniblöcke, die derzeit in Europa entstehen, angesichts der chaotischen, unangemessenen Antwort des Kontinents, angesichts der größten Migrationskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Visegrad-Gruppe wird zu einer Kraft, die die Pläne der deutschen Kanzlerin Angela Merkel bedroht.“

Quellen:

http://www.wikipedia.de

http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-02/internationale-presseschau-angela-merkel-visegrad-gruppe-fluechtlingspolitik

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Sprachbetrachtungen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s