Meridian

Dieses Wort haben wir uns ausgesucht, weil es einfach schön klingt. Über den Weg gelaufen ist es uns im Zusammenhang mit dem Zugunglück in Bayern. Zuvor kannten wir Meridian aus dem Erdkunde-Unterricht. Beide wussten wir nicht genau, ob Längen- oder Breitengrade so bezeichnet werden. Beim Stöbern begegneten uns noch interessante Dinge zu Meridian. 

Das Wort Meridian (lat. circulus meridianus = Mittagskreis) steht für: 

Astronomie: Himmelsmeridian, einen Großkreis an der Himmelskugel, der durch Zenit, Nadir und die Himmelspole verläuft, 

Geographie: einen senkrecht auf dem Äquator stehenden und vom Nord- zum Südpol verlaufenden Halbkreis, 

Magnetischer Meridian: eine Ebene oder Linie, welche die Richtung der Horizontalkomponente des Erdmagnetfeldes beschreibt. 

Meridian in der TCM: in der Traditionellen Chinesischen Medizin eine Bahn im Körper, in der das Qi, die innere Energie, fließt, 

Meridianschnitt: ein Schnitt entlang der Rotationsachse eines Rotationskörpers, 

Meridianbogen: eine von Norden nach Süden verlaufende, lange Messstrecke an der Erdoberfläche zur Bestimmung der Erdfigur, 

Wenden wir uns zuerst dem bekanntn Terrain der Geografie zu. Das Wort Meridian bezeichnet im Gradnetz der Erde einen halben Längenkreis auf der Erdoberfläche, der von einem geographischen Pol zum anderen verläuft. Er ist die Verbindungslinie aller Orte auf der Erde, an denen die Sonne zur gleichen Zeit den höchsten Punkt ihrer Tageslaufbahn (Tagesbogen) am Himmel einnimmt, an denen also gleichzeitig Mittag ist. Die Wortherkunft vom lateinischen circulus meridianus („Mittagskreis“) weist ebenfalls auf diesen Zusammenhang hin.

Alle Punkte mit gleicher geographischer Länge, also mit dem gleichen „Längengrad“, liegen auf demselben Meridian. Die Begriffe ‚Längengrad‘ und ‚Meridian‘ bezeichnen also genau gleiche Linien auf der Erdoberfläche und können daher synonym verwendet werden. Allerdings wird bei der Verwendung des Begriffs Längengrad der Aspekt der Winkelangabe und bei der Verwendung des Begriffs Meridian der Aspekt des Sonnenstandes zur Mittagszeit betont.

Manchmal wird der Begriff ungenauerweise auch als Synonym zum vollen Längenkreis verwendet. 

Verwechslungsgefahr besteht mit dem Meridianbegriff der Astronomen. Sie nennen den Himmelsmeridian in der Kurzform ebenfalls Meridian, verstehen darunter aber einen speziellen Großkreis an der Himmelskugel. 

Bei den Meridianen gibt es – anders als bei den Breitenkreisen – keinen, der sich gegenüber den anderen auszeichnet. Daher könnte jeder Meridian als Bezugs- oder Nullmeridian festgelegt werden. Wichtige Nullmeridiane waren der Meridian von Ferro (in vielen europäischen Landkarten), der Meridian von Paris (durch das Pariser Observatorium, 1718 festgelegt) und der Meridian von Greenwich bei London (in vielen Seekarten). Auf der Internationalen Meridian-Konferenz von 1884 wurde der Meridian von Greenwich als internationaler Nullmeridian und die mittlere Sonnenzeit an diesem Meridian als Greenwich Mean Time festgelegt. 

Bestimmte Meridiane begrenzen die Zeitzonen, in die die Erde aufgeteilt ist. Eine volle Umdrehung der Erde um 360 Grad dauert einen Tag von 24 Stunden, also 1.440 Minuten. Demzufolge beträgt der Zeitabstand zwischen zwei Meridianen genau 4 Minuten (1.440 / 360). Die Differenz der Ortszeit zweier Orte, die im Gradnetz der Erde einen Abstand von 15 Längengraden aufweisen, ist daher genau 1 Stunde = 60 Minuten. Da der Verlauf der Zeitzonen sich aber nicht nur an geographischen, sondern auch praktischen und politischen Vorgaben orientiert, kann die Differenz der gesetzlichen Zeit zwischen zwei Orten auch größer oder kleiner als die Ortszeitdifferenz sein. Eine Besonderheit stellen die Pole dar, da hier alle Meridiane und damit auch alle Zeitzonen zusammenfallen. Am Pol ist es möglich, mit wenigen Schritten alle Zeitzonen zu durchschreiten. 

1792 sollte die Entfernung der Breitengrade zwischen Dünkirchen und Barcelona, die ungefähr auf einem Meridian liegen, möglichst exakt bestimmt werden. Die sogenannte Meridianexpedition wurde von Jean-Baptiste Joseph Delambre, Pierre Méchain und dessen Assistent Jean Joseph Tranchot durchgeführt. Méchain und Tranchot übernahmen dabei den südlichen und Delambre den nördlichen Sektor. Die Expedition dauerte, behindert durch die Auswirkungen der französischen Revolution und kriegerischer Ereignisse im Ganzen sieben Jahre. Die Grundlinie der Triangulationen wurde bei Paris vermessen. Ihre Ergebnisse wurden durch eine internationale Wissenschaftler-Konferenz 1799 in Paris akzeptiert. Eine direkte Folge war die Berechnung und Konstruktion des Urmeters, das als Maßeinheit zunächst in ganz Frankreich Geltung erlangte. Seine Abweichung aufgrund der Messungenauigkeit betrug nur 0,2 Millimeter zu späteren Messungen. Die damalige neue Maßeinheit war definiert als der zehnmillionste Teil der Strecke vom Pol zum Äquator. 

Soweit zu den Meridianen auf unserer Erdkugel. Die traditionelle chinesische Medizin geht davon aus, dass wir im Körper auch welche haben. Meridiane, treffender gesagt „Leitbahnen“, sind in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) Kanäle, in denen die Lebensenergie (Qi) fließt. Nach diesen Vorstellungen gibt es zwölf Hauptleitbahnen. Jeder Meridian ist einem Funktionskreis (Organsystem) zugeordnet. Auf den Meridianen liegen die Akupunkte, die bei Akupunktur mit Nadeln, bei Akupressur mit Fingerdruck behandelt werden. Verschiedene Meridiantherapien sollen den Patienten beim Gesundbleiben oder -werden helfen. Die bekanntesten Methoden sind die Akupunktur und Akupressur. Gesundheit ist nach den Vorstellungen der TCM u. a. verbunden mit einem freien und ausreichenden Fluss des Qi in den Meridianen. Wenn z. B. zu wenig Qi fließe, könne schädliches Qi in den Kanal eindringen und das zugehörige Organ im Funktionskreis schädigen. Es gibt keine anerkannten Belege für die Existenz von Meridianen im Sinne der TCM. 

Nähern wir uns nun dem Thema, durch das wir auf Meridian aufmerksam wurden. Dabei beschäftigen wir uns zunächst mit einem historischen Zug, der auf dem 15. Längengrad Ost fuhr. Der Meridian wurde, noch als namenloser D-Zug, mit Beginn des Sommerfahrplans 1969 im Mai dieses Jahres mit dem Laufweg von Berlin Ostbahnhof über Dresden, Prag, Bratislava und Budapest bis Belgrad eingeführt. Ein Jahr später wurde er in Richtung Norden über die Königslinie bis Malmö verlängert und erhielt gleichzeitig seinen Namen, abgeleitet von seiner Führung weitgehend entlang des 15. Längengrads. Zunächst verkehrte allerdings lediglich ein einziger Liegewagen über die gesamte Strecke. Im Sommerfahrplan 1976 verlängerten die beteiligten Bahnen den Meridian über Belgrad hinaus bis Bar, damit verkehrte der Zug über einen Laufweg von fast 2.100 km. Durchgehend von Malmö bis Bar eingesetzt wurden dabei ausschließlich Liege- und Schlafwagen, keine Sitzwagen. Ab 1987 fuhr der Meridian südlich von Belgrad weiter bis Sofia, 1990 bekam der Zug zudem kurzzeitig erneut Kurswagen nach Bar. Die Jugoslawienkriege sorgten für erhebliche Nachfrageverluste, so dass der Zuglauf mit Ende des Winterfahrplans 1992/93 eingestellt wurde. 

Nach diesem Ausflug in die Geschichte kommen wir zur aktuellen Marke Meridian. Wichtig zu sagen ist, dass der folgende Text keinerlei Hinweis auf Ursachen des Unglücks geben will. Vielmehr arbeitet er schön heraus, wie verflochten die Firmen sind, seit Bahnen privat auf den Schienen der DB betrieben werden. 

Das Unternehmen Meridian hat erst vor zwei Jahren sein Streckennetz in Oberbayern übernommen. Die beiden verunglückten Züge werden von der Bayerischen Oberlandbahn GmbH (BOB) unter der Marke Meridian betrieben. Das private Eisenbahnverkehrsunternehmen ist erst seit Ende 2013 auf den Strecken von München nach Salzburg und Kufstein sowie über Holzkirchen nach Rosenheim unterwegs. Davor war der Personenverkehr von der Deutschen Bahn durchgeführt worden. Auf den drei Strecken kommen laut BOB 35 „hochmoderne, elektrische Triebzüge“ des Berliner Herstellers Stadler zum Einsatz. Sie stammen aus der Fahrzeugfamilie Flirt – die Abkürzung steht für „Flinker Leichter Innovativer Regional-Triebzug“. Züge dieses Typs sind in mehreren Ländern in Betrieb.

Meridian war Mitte Dezember vor zwei Jahren mit einem Fehlstart ans Netz gegangen. Es kam zu erheblichen Verspätungen, Zugausfällen und fehlenden Informationen der Fahrgäste. In den Zügen herrschte drangvolle Enge. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die für den Freistaat den Schienenverkehr im Freistaat bestellt, organisiert und kontrolliert, machte zwei Wochen nach Betriebsbeginn deutlich, dass sie mit Meridian „in hohem Maße unzufrieden“ sei. Das Hauptproblem waren fehlende Züge. Bereits vor Betriebsbeginn hatte sich der Engpass abgezeichnet, da für einige Garnituren die Genehmigungen des Eisenbahnbundesamtes fehlten. Ende Dezember 2013 waren nach Angaben des damaligen BOB-Chefs zwar 16 der 28 bestellten sechsteiligen Flirts eingetroffen, aber nur zehn davon waren einsatzbereit. Die restlichen mussten erst nach und nach fahrbereit gemacht werden. Deshalb hatte sich die BOB etliche Fremdzüge ausgeliehen. Diese erwiesen sich aber als störanfällig.

Doch auch jüngst gab es wieder Probleme. Erst Anfang Februar dieses Jahres hatten sich Verantwortliche von BOB, BEG und Stadler wegen gehäufter technischer Mängel zu einem Krisengespräch getroffen. Kurz zuvor hatte die Bayerische Oberlandbahn bekannt gegeben, dass zehn Züge wegen verschiedener technischer Störungen nicht einsatzfähig seien. Die BOB sicherte damals nach Zeitungsberichten zu, in München-Freimann einen zusätzlichen Reparatur-Punkt einzurichten. Bisher müssen Züge zur Regensburger Werkstatt gefahren werden.

Die Bayerische Oberlandbahn, die seit 1998 bereits die Strecken von München nach Bayrischzell, Bad Tölz/Lenggries und Tegernsee betreibt, ist Teil des französischen Verkehrskonzerns Transdev, der mit 83.000 Mitarbeitern in 20 Ländern tätig ist und 6,6 Milliarden Euro im Jahr umsetzt. Die Transdev GmbH in Deutschland beschäftigt mehr als 5.000 Mitarbeiter bei einem Umsatz von knapp 850 Millionen Euro. Der Konzern gehört je zur Hälfte dem staatlichen französischen Finanzinstitut Caisse des Dépôts (CDC) und dem börsennotierten Konzern Veolia Environnement.

Es gibt noch ein paar andere Zusammenhänge, in denen unser Meridian auftaucht. 

Raumfaht: eine Serie von russischen Kommunikationssatelliten, 

Meridian Lossless Packing: einen verlustfreien Kompressionsalgorithmus für digitale Tonaufzeichnungen, 

Audio: britischer Hersteller von Unterhaltungselektronik, 

Meridian 59: eines der ersten Onlinerollenspiele, 

Eisenbahn: ein Doppelstock-Triebzug (Versuchsfahrzeug) der Deutschen Bahn, 

Schifffahrt: deutsches Forschungsschiff.

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