Fragen Sie Ihre Apothekerin oder deren Computer!

Es regnet Bindfäden und so bin ich froh, den Eingangsraum gefunden zu haben. Bimbam! Die Glocke verkündet, dass ich die richtige Glasschiebetür zur Apotheke erwischt habe. Bis zum Thresen sind es nurmehr acht Meter. Doch die haben es in sich. Ich mache mich so dünn wie möglich, halte die Luft an und den Stock ganz doll mittig. Denn vor meinem geistigen Auge fallen sonst all die wohltätigen Produkte zu Boden, die die menschenfreundliche Apotheke ihren Kund_innen darbietet. Das sind hochbeladene Regale, kann ich Ihnen sagen. Und liegen Sie mal unter einem Berg Hustensaft für Schwangere, für Mütter, für Babys, für junge Männer, für Männer in der Menopause, Jungen ohne Bartwuchs oder älteren Damen mit Rollatorlenkproblemen. Womöglich sind da Flaschen dabei. Dann kommen die zahlreichen Cremes, deren Anwendung das Entfernen der Hornhaut auch an den unmöglichsten Stellen verspricht. Wenn ich irgendwo anstoße, stehen mir die Haare zu Berge und werden grau. Zum Glück folgt das Regal mit den Bio-Haarfärbemittln, deren Anwendung schon nach neun Kuren Abhilfe verspricht. Für Männer meines Alters gibt es brandneu Rotlichtlampen gegen Haarausfall. Garantiert gluten- und laktosefrei. Irgendwann bin ich durch und an der Reihe. Nun suche ich zwischen all den Wohltaten auf dem Thresen einen kleinen Freiraum, um meine Rezepte anzureichen. Dabei streiche ich millimeternah an der Feuchtigkeitscreme vorbei. Die ist nicht für die Anwendung im Gesicht. Doch ist das für mich in diesem Moment irrelevant.

Die Apothekerin sagt „hm“ und beginnt zu tippen. Ich bin begeistert. Diesmal ist es herrlich still in der Apotheke. Kein Lautsprecher verkündet uns die Nichtigkeiten des Lokalradios Dortmund 91. Kein Opa klagt sein Herzeleid, um hier getröstet zu werden. Aus Langeweile entziffere ich die Braille-Schrift auf den Verpackungen. Seit einigen Jahren gibt es die auf fast allen Pappschachteln. Zum Glück sind es nur Halspastillen, die ich in der Hand halte. Meinem Hals geht es gut. Also weg damit. Irgendwann frage ich das Tippen: „Was machen Sie denn gerade?“ „Ich muss doch im Computer gucken,“ belehrt mich eine barsche Stimme. „Waren Sie denn schon mal bei uns? Wegen der kundennummer,“ werde ich gefragt. „Ungefähr 245mal. Aber eine Karte habe ich nicht,“ versuche ich, die Stimmung zu lockern. „Aha deshalb,“ sagt das Tippen. „Aber diese Lotion haben wir Ihnen doch schon mal angerührt, oder?“ In der Tat bekomme ich eine vom Arzt detailliert aufgeschriebene Mischung, die die Apothekerin selber anrühren darf. Ich denke immer, ich tue denen einen Gefallen. Können sie doch bei mir ein bisschen echte Arzneifachfrau spielen. „Ungefähr 143mal,“ bleibe ich standhaft witzig. Das Tippen fragt ihre Kollegin. Diese ruft fröhlich: „Jaja, den Herrn P haben wir abgespeichert. Aber wo weiß ich auch nicht.“ Wie bei einem Computerspiel höre ich nach den Tipintervallen Ahs und Ohs. Letztlich ohne Erfolg. „Ich kann alles zusammen beim Abholen bezahlen,“ versuche ich vorsichtig eine Abkürzung. Die Lotion ist natürlich erst morgen gerührt. Ein Schrei! Welch ein Jubel. Sogar die Hornhautschachteln hüpfen. Unter R wie Rezeptur bin ich drin. Nun ist die Tipperin bereit, mir einen Abholzettel zu geben. „Wo ist der denn bloß?“ Naja, auch der findet sich. Genau wie die Tüte mit den Medikamenten, die schon da sind. Wenn ich vorlaut wäre, würde ich jetzt sagen: „Vielen Dank für die fröhliche Viertelstunde in Ihrem Hause.“ So bedanke ich mich herzlich bei den Apothekerinnen und im Stillen beim Computer, der mich dann doch noch lieb hatte. Bis zum nächsten Mal unter R!

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