Die Kluft

Mitten im mittelalterlichen Deutschland liegt ein Dorf. In dem Dorf wohnen hundert Menschen. Es ist durch einen tiefen Graben in zwei gleich große Hälften geteilt. In jeder Hälfte wohnen also 50 Leute. Der Dorfälteste hat bestimmt, dass seine Bewohner fortan vom Weben leben sollen. Er hat dafür vom Häuptling des Landes 100 Webstühle kommen lassen. Für jeden Bewohner einen, hatte er gemeint. Doch kurz vor der Verteilung tritt ein junger, gut gekleideter Dorfbewohner in die Mitte des Kreises. Er sagt: „Hört Ihr Leute, für jeden einen Webstuhl. Das ist Verteilen wie im Mittelalter. Ich kenne eine Verteilung, wie sie im Jahr 2013 in Deutschland gemacht werden wird. Wollen wir nicht verteilen wie unsere Nachfahren? Wir alle glauben doch, dass die Zukunft besser sein wird.“ In der Tat, das glauben viele. Nach längerem Gemurmel und Beraten wird es beschlossen. „Wir verteilen also wie in 500 Jahren!“, ruft der Dorfälteste und schwingt seinen Hirtenstab. Alle 100 Webstühle verschwinden vom Dorfplatz. Als die Leute nach Hause gehen, herrscht auf der reichen Seite große Freude. Jeder hat einen Webstuhl zu Hause. So, wie sie sich das gedacht hatten. Nur der junge Mann, der hat 50 Stühle bekommen und macht daraus eine Fabrik. Er freut sich erstmal nur leise. In der ärmeren Hälfte des Dorfes herrscht Verwirrung. Die 50 Bewohner suchen nach Webstühlen. Erst am Abend finden sie in der hintersten Hütte einen einzigen Webstuhl. Sie sind empört und rennen zum breiten Graben. Die Zugbrücke ist jedoch hochgekurblt worden. Da schreien sie ihren Protest heraus. Auf der anderen Seite stehen die reicheren Leute und rufen: „Ihr habt mit abgestimmt. Das ist eben so in der Zukunft!“ Keiner will seinen Stuhl abgeben. Im Hintergrund hält sich der junge Mann. Er wird erst in die ärmere Hälfte gehen, wenn sich die Gemüter beruhigt haben. Dann wird er den armen Leuten anbieten, an seinen Webstühlen für ihn zu arbeiten. Natürlich nur für einen Bruchteil dessen, was sie mit einem eigenen Webstuhl erarbeitet hätten. 

Dies ist keine links versponnene Propagandageschichte. Sie schildert die echten Verhältnisse. Im Jahr 2013 besitzt in der Bundesrepublik Deutschland die Hälfte der Einwohner genau ein Prozent des gesamten Vermögens. Dies ist nur ein Drittel dessen, was diese ärmere Hälfte vor fünfzehn Jahren besaß. Dazwischen gab es die rot-grüne Regierung mit ihren Hartz-Gesetzen. Die Arbeitslosenhilfe wurde abgeschafft. Die Sozialhilfe wurde zum Arbeitslosengeld II. Dem Empfänger dieser Leistung ist eine Vermögens-Obergrenze von 2.600 € verordnet worden. Angespartes Vermögen, ob in Geld, Stein, Gold oder Wertpapier, muss aufgebraucht werden. Es kam die Finanzkrise. Sie machte deutlich, wie die Reichen mit dem vielen Geld, das sie haben, spekulieren und spielen. Banken erhielten Milliarden, auf dass die Kasinos geöffnet blieben. Die Sozialgesetze wurden leise weiter verschärft. Bis sogar das Bundesverfassungsgericht meinte, der Hartz IV-Satz sei zu niedrig. Die Neuberechnung war auch kein großer Wurf. 

Seitdem stolpern wir durch Euro-, Griechenland- und nun Flüchtlingskrise. Da dauernd Krise herscht, regieren die Politschauspieler im Alarm-Modus. Populismus statt Pragmatismus, laut statt schlau, neoliberal statt sozial. Dabei war der „soziale Frieden“ in Deutschland einmal ein hohes Gut. Wir waren stolz auf das Wirtschaftswunder mit gleichzeitiger sozialer Marktwirtschaft. Unionisten verehren heute noch Ludwig Erhard. Das ist genauso verdreht wie die heutigen Sozialdemokraten, die Willy Brand verehren. Aufsichtsräte wurden paritätisch besetzt. Betriebsräte hatten was zu sagen und waren angesehen. Solidarische Systeme für Kranke, Arbeitslose und Rentner wurden aufgebaut. Übrigens funktionieren sie nicht wie ein Sparkonto. Viele Menschen irren an dieser Stelle gründlich. Das eingezahlte Geld wird sofort an andere Menschen weitergezahlt. Das Studieren sollte durchs BAFÖG auch Arbeiterkindern möglich sein. Die geistig-moralische Wende des Helmut Kohl und des Otto Graf Lambsdorff machte Schluss mit den „sozialen Wohltaten“ der Sozis. Fortan galt „Leistung muss sich lohnen“. Der Sozi Schröder setzte noch einen drauf und schubste die Menschen aus der „sozialen Hängematte“. Neoliberale Trompeter wie Hans Olaf Henkel oder Werner Sinn bevölkerten die Talkshows. Die new economy zog durchs Land und platzte wie eine Seifenblase. Der Euro kam, den viele als Teuro empfanden. Das Klima hat sich gründlich geändert in dieser Republik. Das Soziale hat eine so unwichtige Stellung, dass diese o.g. Zahlen keinen Politschauspieler auf den Plan rufen. Plan A2 ist wichtiger, heute ein Brief der CSU. Köln und die Nordafrikaner. Neue Kriegseinsätze zum Beispiel in Libyen erfordern Milliarden für die Bundeswehr, deren Beschaffungswesen an düsterste Kolchose-Zeiten erinnert. Heute sprach ein Vertreter des SPD-Arbeitnehmerflügels davon, dass mit den Unionisten nichts zu machen sei. Abschöpfen des vielen Geldes durch Erbschaftssteuer, höheren Spitzensteuersatz oder Wertpapier-Transaktionssteuer sei frühestens in der nächsten Legislaturperiode denkbar. Der SoVD erhob pflichtschuldigst seine Stimme. Die Kirchen oder Gewerkschaften bislang nicht. Mag sein, dass uns das eine oder andere Flüstern entgangen ist. Es wird also so weitergehen in Deutschland. Wenn unsere Marktwirtschaft jemals sozial war, wächst sie nun wildwuchernd ungebremst. Weltweit gesehen passt eine jüngst veröffentlichte Zahl dazu. 62 Menschen haben auf dem Globus soviel Vermögen wie die ärmeren 3,6 Milliarden Menschen. Diese Tatsache sprengt jedes Vorstellungsvermögen. 

In unserem Dorf lebt es sich nach den ersten Unruhen ganz nett. Die 50 ärmeren Leute haben beim jungen Mann Arbeit gefunden. Er verwaltet das Geschäft. Klammheimlich wird er immer reicher. Er kann trotz der Lohnkosten billiger produzieren als die Leute mit nur einem Stuhl zu Hause. Denn er muss für die notwendigen Rohstoffe viel weniger bezahlen, weil er sie in größeren Mengen kauft. Manchmal ist für die Einzelweber gar nichts mehr da. Dann verkaufen sie ihren Webstuhl an den Fabrikanten und finden bei ihm Arbeit. So hat der junge Dorfbewohner nach fünf Jahren 70 Webstühle, 29 stehen noch in der reicheren Hälfte und der eine jenseits des tiefen Grabens stellt aus Resten Kleidung für die Bewohner der ärmeren Hälfte her. Irgendwann klopfen zehn Knechte aus den umliegenden Dörfern beim Fabrikanten. Sie wollen für zwei Drittel des bisher gezahlten Lohns arbeiten. Der pfiffige Fabrikant tritt vor seine Belegschaft hin und bietet allen ein Fünftel Lohnabzug dafür an, dass sie alle bleiben dürfen. Sonst müsste er leider zehn von ihnen entlassen und die Knechte einstellen. Fünf Arbeiter kündigen empört. Der Rest nimmt das „Angebot“ an. Weil die Lohnkosten ja insgesamt um 20 % sinken, kann der Fabrikant alle zehn Knechte einstellen und fünf Webstühle zukaufen. So geht die Entwicklung weiter. Irgendwann wird der Fabrikant Sicherheitsleute engagieren müssen, um seine Fabrik zu schützen. Einige Leute des Dorfes werden so arm, dass sie klauen gehen. Die Kriminalität steigt. Der Dorfälteste lässt Spiele abhalten, um das Volk abzulenken. Der Fabrikant bezahlt diese Spiele und wird dafür sehr gelobt. Zum Schluss nur eine Frage: Möchten Sie in dem Dorf mit den zwei Hälften und dem tiefen Graben leben?

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