Ich bin dann mal ein Flüchtling

Es gibt Meldungen, die man zweimal lesen muss und immer noch nicht glauben kann. So erging es mir mit der folgenden Mitteilung im Spiegel online:

22.1.2016 um 6.13 Uhr
+++ Der Morgen live +++: Die Nachrichten in Echtzeit

Nachrichten, Themen und Pressestimmen aus Deutschland und der Welt im Live-Überblick
Mit Michael Kröger

„Während sich die Schönen und Reichen in Berlin auf der Faishonweek vergnügen, diskutieren die Mächtigen und Reichen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Eine Veranstaltung am Rande des Treffens in dem noblen Wintersportort verdient der besonderen Erwähung. In einem Rollenspiel ließen sich Teilnehmer für kurze Zeit in die Situation von Flüchtlingen versetzen und erlebten am eigenen ausgewählte Stationen einer Flucht nach. Das Drehbuch hatten Betroffene geschrieben, der Eindruck war an den Mienen der Beteiligten abzulesen. Wenn eine Aufführung eine Auszeichung nach Art des Oskars verdient hätte, dann diese“.

Ende des Zitats
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nachrichten-am-morgen-die-news-in-echtzeit-a-1071948.html
tosulit: Die grammatikalischen, orthographischen und stilistischen Stolpersteine finden sich so im Original.

Garniert wird dieses journalistische Meisterwerk mit einem Foto, auf dem wir Menschen bei der Essensverteilung sehen. Sie stehen vor einem langen grob zusammen gezimmerten Tisch, halten Blechnäpfe in den Händen und sind in löcherige Klamotten und Kopftücher gehüllt.

Unter dem Foto lesen wir:
„Rollenspiel in Davos: Nicht nur die Initiative war Bemerkenswert – auch dass die Beteiligten sich darauf einließen“.

Leider erzählt er uns der Autor Michael Kröger nicht, wie sich dieses Theaterstück der Reichen und Mächtigen als Flüchtlinge praktisch abgespielt hat. Also müssen wir ein wenig Phantasie walten lassen, damit wir es uns besser vorstellen können.

Hier ist mein fiktiver Bericht:

Wir befinden uns im 5-Sterne-Hotel Mountain View in Davos. In einem der Restaurants treffen wir auf eine Dame und einen Herrn, die es sich an einem Fenstertisch gemütlich gemacht haben. Das Restaurant ist von gediegener Eleganz, die Bedienung so unauffällig, dass man sie nicht wahrnimmt, der Blick aus dem Fenster zeigt die prächtige schneebedeckte Alpenkulisse.

Short: „Schön, Sie zu treffen, Frau Schmidt-Spiegelfelder“.

Schmidt-Spiegelfelder: „Indeed, nice to meet you“.

Short: „Ich hatte die Hoffnung, Sie schon heute Mittag beim Vortrag von Herrn Schäuble zu sehen“.

Schmidt-Spiegelfelder: „Leider war ich verhindert, Mr. Short. Ich habe am Flüchtlings-Event teilgenommen“.

Short: „Ich hörte von diesem Programmpunkt. Entsprach das Angebot Ihren Erwartungen“?

Schmidt-Spiegelfelder: „Ich bin noch sehr schockiert. Stellen Sie sich vor, der Konferenzraum 5 in der 10. Etage war als Flüchtlingslager hergerichtet worden. Matratzen, Kleiderbündel und Müll lagen auf dem Boden. Die Zimmertemperatur war gesenkt worden. Das Hotelmanagement hatte für die Ausstattung eigens den berühmten Designer Jerome Middletown aus Manhattan einfliegen lassen. Alles war ja so AUTHENTISCH! Wir Darsteller in dem Rollenspiel wurden in regelrechte Lumpen gehüllt. Und die Frauen zusätzlich in ein Kopftuch!“

An dieser Stelle greift sich Frau Schmidt-Spiegelfelder in ihre Haare. „Ich glaube, ich bin noch ziemlich derangiert. Pierre hat leider erst um 20 Uhr Zeit für mich“.

Short: „Sie sehen wunderbar aus, Frau Schmidt-Spiegelfelder. Wie immer. Und wie ging es weiter?“

Schmidt-Spiegelfelder: „Wir bekamen Blechnäpfe in die Hand gedrückt. Solche Blechnäpfe wie wir sie aus den alten Kriegsfilmen kennen. Und dann sollten wir uns anstellen zur Essenausgabe. Die Mahlzeit bestand aus einem undefinierbaren Eintopf. Ich habe das natürlich nicht gegessen. Also, so weit ging meine Experimentierfreudigkeit denn doch nicht.“

Frau Schmidt-Spiegelfelder schüttelt sich bei der Erinnerung an den Eintopf, nimmt ihr Champagnerglas in die Hand und leert es in einem Zug.

„Nach der Essensausgabe musste ich dieses Event verlassen, denn parallel dazu sprach in Raum 8 in der 4. Etage Madame Lagarde über die Risiken durch Chinas Wachstumsrückgang und den Preiszerfall auf dem Rohölmarkt.“

Short: „Ich bin beeindruckt, Frau Schmidt-Spiegelfelder. Sie sind eine solch engagierte Frau“.

Schmidt-Spiegelfelder: „Das war eine wichtige Erfahrung. Wissen Sie, Mr. Short, man kann doch gleich ganz anders mitreden in der Flüchtlingsfrage, wenn man am eigenen Leib erfahren hat, wie man sich in deren Situation fühlt.“

Sie schaut auf ihre elegante Cartier-Armbanduhr. „Oh, ich muss los. Pierre darf man nicht warten lassen. Vielleicht sehen wir uns später noch einmal, Mr. Short“.

Ehe Mr. Short noch seinen dringenden Wunsch nach einem gemeinsamen späten Umtrunk an der Bar loswerden kann, eilt sie zum Ausgang und ist verschwunden. Beim Weltwirtschaftsforum jagt eben ein wichtiger Termin den nächsten.

 

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