In der Hombrucher Fußgängerzone

Mittwochmittag, kurz nach 12 Uhr in der Hombrucher Fußgängerzone. Heute ist Markt. Das Wetter spielt mit, also sind eine Menge Menschen auf den Beinen. Sie schlendern zwischen den Ständen herum, schauen hier und dort, überprüfen die Waren und die Preise, treffen sich und bleiben gern mitten im Weg für ein kurzes oder auch längeres Schwätzchen stehen. Eine freundliche, friedliche Atmosphäre auf den ersten Blick.

Ich bin unterwegs zu meinem Massagetermin bei Sarah. Da ich zu früh dran bin, schließe ich mich noch ein wenig den Marktbesuchern an. Mitten im Zentrum, nahe dem Café Feines, sehe ich eine junge Frau, die bettelnd auf dem Boden sitzt. Als Schutz vor der Kälte hat sie lediglich einen zusammengefalteten Pappkarton unter sich. Auch sonst ist sie für die heutigen Temperaturen zu dünn angezogen. Ein langer Rock, ein Pullover, eine Strickjacke, ein Paar schäbige Turnschuhe ohne Socken. Um den Kopf hat sie einen Schal gewickelt. Vor ihr steht ein ausgefranster Pappbecher für die Münzen, die sie zu bekommen hofft. Bittend streckt sie die Hand aus.

Während ich noch nach Kleingeld suche, nähern sich zwei Paare. Alle vier sind so Mitte bis Ende 70, noch fit und rüstig. Schick und den Temperaturen angemessen gekleidet, die Haare frisiert, sind sie, mit Einkaufstüten behängt, offensichtlich auf dem Weg zu ihren Autos. Sie bemerken die bettelnde Frau und bleiben stehen, um sich besser austauschen zu können. Ich komme nicht umhin, die nun folgende Unterhaltung mitzuhören, aus der ich einige Sätze zitieren werde:

„Wie wäre es mit arbeiten?“

„Genau, das mussten wir schließlich auch“.

„Das werden immer mehr.“

„Man kann ja nicht jedem was geben“

„Wissen Sie, ich habe neulich gelesen, dass das alles nicht echt ist. Die sind gar nicht so arm“.

„Da sagen Sie was. Es stand in der Zeitung, dass ein Bettler an guten Tagen über 100 Euro machen kann“.

„Ja, ja, und um die Ecke steht dann der Mercedes, in den die einsteigen“.

„So ist das. Ne, ne, von mir kriegt keiner was. Mir wurde auch nichts geschenkt“!

Ich mustere die zwei Damen und Herren noch einmal. Gepflegt, gesund, wahrscheinlich mit einer sicheren Rente oder Pension ausgestattet, vermutlich sogar Kirchgänger. Von außen betrachtet, also nach materiellen Maßstäben, haben sie sehr viel. Warum strahlen sie dann eine solche Kälte aus? Eine solche Selbstgerechtigkeit? Eine solche Unbarmherzigkeit?

Es scheint ihnen in keiner Weise bewusst zu sein, wie gut es ihnen geht. Wie dankbar sie dafür sein könnten. Anscheinend fühlen sie sich dermaßen unglücklich, dass sie sich an einer armen Bettlerin abarbeiten müssen. So gesehen, könnte man die Vier eigentlich bedauern. Aber ich fühle große Wut in mir aufsteigen.

Ob sich einer von denen auch nur im Ansatz vorstellen kann, was es bedeutet, im Winter stundenlang auf dem Boden zu sitzen ohne passende Kleidung, ohne Heizung, ohne warme Getränke? Völlig schutzlos den im besten Fall mitleidigen, meist aber verachtenden Blicken und Kommentaren aller Vorübergehenden ausgesetzt?

Tatsächlich überlege ich einen Moment, ob ich dieser Wut Luft mache und den beiden Paaren die Meinung sage. Diese Idee verwerfe ich. Lieber stecke ich ein wenig Geld in den Pappbecher der jungen Frau – mit einem freundlichen Lächeln. Auch das bekommt sie eher selten zu sehen, vermute ich.

Als ich eine gute Stunde später sehr entspannt und wohlig erwärmt von meinem Massagetermin zurückkomme, sitzt die junge Frau immer noch in der Fußgängerzone auf dem kalten Boden.

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