Bingener Wochenende

In der Geschichte „Am Rande“ hat Thorsten über Buddhismus gesprochen. Dieser Glaube interessiert mich sehr, deshalb nahm ich ausgesprochen gern die Einladung zu einem Kennenlern-Wochenende einer buddhistischen Gemeinschaft an.
Hier meine Erlebnisse:

Samstag, 9.Januar 2016

Um halb zehn startet unser IC nach Bingen. Mit den üblichen widrigen Umständen am Dortmunder Bahnhof (keine Rolltreppe, kein Aufzug, keine Wagenstandsanzeige, geändertes Abfahrtsgleis, konfuse akustische Hinweise) sind wir von anderen Anlässen her hinlänglich vertraut. Also nehmen wir sie gelassen hin. Durch Zufall landen wir im hinteren Teil des Zuges, wo wir einen fast leeren Waggon vorfinden. Also verzichten wir auf unsere reservierten Plätze weiter vorn und machen es uns hier gemütlich. Gestärkt mit zwei Schnitzelbrötchen, Tomaten und Kaffee kann die Reise losgehen.

Gegen 11 Uhr erreichen wir den Kölner Hauptbahnhof, wo ein fahrplanmäßiger Halt von 20 Minuten vorgesehen ist. Natürlich spuken uns die Ereignisse der Silvesternacht im Kopf herum. Für heute Mittag sind rund um den Kölner Bahnhof eine Pegida-Demonstration und mehrere Protestkundgebungen geplant. Noch scheint jedoch alles ruhig zu sein, so dass wir weiterfahren können.

Die Strecke führt uns linksrheinisch von Köln über Bonn, Remagen, Andernach und Koblenz. Ab Andernach geht es immer am Rheinufer entlang mit sicherlich wunderschönen Ausblicken auf Weinberge und Burgen, die sich heute jedoch unter dichtem Nebel verstecken. Aber auch die grau-weißen, über dem Wasser umherwabernden, Nebelschwaden haben ihren Reiz.

Zwischen Remagen und Koblenz – wir sind also schon eine gute Weile unterwegs – fallen uns die inklusions-preisverdächtigen Platznummern in Braille und in Pyramidenschrift an der Stirnseite der Sitze auf. Diese Errungenschaften der Barrierefreiheit erklären allerdings weder den blinden noch den sehenden Reisenden, warum es die Plätze mit den Nummern 14 und 16 doppelt gibt. Und warum Platz 18 sich neben dem Platz 12 breitmacht. Pünktlich um 13 Uhr erreichen wir Bingen am Rhein auf Gleis 101. Auch so ein Phänomen. Die hundert anderen Geleise können wir leider nicht entdecken. Der Bingener Bahnhof ist sehr überschaubar. Doch nun genug zu den ungeklärten Fragen bei der Deutschen Bahn. Wenden wir uns dem eigentlichen Anlass unserer Reise zu.

Wir werden von Thorstens Freund Mario und Angelika herzlich in Empfang genommen. Die beiden fungieren an diesem Wochenende als unsere Gastgeber bei einer Zusammenkunft der SGI (Soka Gakkai International), einer buddhistischen Glaubensgemeinschaft. Sie werden zusammen mit den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft versuchen, den Gästen einen Einblick in die buddhistischen Prinzipien und Philosophie zu vermitteln.

Die Zusammenkunft findet in der Villa Sachsen in Bingen statt. Diese Villa wurde 1994 von der Soka Gakkai International-Deutschland erworben und nach einer umfangreichen Renovierung nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten 1997 offiziell eröffnet. Seitdem steht das ehemalige Weingut Mitgliedern der SGI-D aus Deutschland und Europa als Gemeinde- und Kulturzentrum zur Verfügung und hat offene Türen für alle Menschen aus der Region.

Allein die Rahmenbedingungen, also die wunderschöne Villa mit dem parkähnlichen Außenbereich und dem Ausblick auf den Rhein tragen zum Wohlfühlen bei.

Sus u Tho

Ein weiterer Aspekt ist die freundliche, menschlich-zugewandte Atmosphäre. Alle, denen wir begegnen, sind offen, hilfsbereit, interessiert, gehen achtsam miteinander um. Ein gewaltiger Unterschied zu der Hektik und Rücksichtslosigkeit, die oftmals das öffentliche Leben beherrschen.

Nach einer leckeren Suppe und einem ersten gegenseitigen Kennenlernen beginnen die Veranstaltungen. Wir chanten, hören Diskussionsbeiträge, Erfahrungsberichte und kulturelle Darbietungen.

Insgesamt haben mehr als 100 Menschen den Weg in die Villa Sachsen gefunden.

So viele Menschen – das macht sich beim Chanten bemerkbar. Das Chanten ist eine Art Sprechgesang, bei dem immer wieder dieselben Worte, nämlich „Nam-Myoho-Renge-Kyo“ wiederholt werden. Auf die Bedeutung dieser Worte komme ich zum Ende des Textes, weil es mir an dieser Stelle wichtiger ist, die Wirkung des Chantens zu beschreiben.

Der Sprechgesang so vieler Menschen erzeugt kraftvolle Schwingungen und setzt eine Energie frei, die eine tiefe Wirkung hat. Ich kann mich dieser Wirkung nicht entziehen, will es auch gar nicht. Ein Loslassen vom Alltag setzt ein, denn nach einer Weile gelingt es, das „Kopfkino“ mehr und mehr abzuschalten und völlig einzutauchen in die chantende Gemeinschaft. Ein unglaublich beeindruckendes, beglückendes Erlebnis!

Noch vor dem Abendessen sind wir von den vielfältigen Eindrücken völlig erschöpft, so dass wir uns in unser reserviertes Zimmer im Römerhof zurückziehen. Ein gemütliches, ruhiges Hotel. Nur Thorsten verursacht ungewollt Aufruhr, als er im Treppenhaus nach der Zigarettenpause direkt der Wirtin in die Arme läuft. Die hatte zu diesem Zeitpunkt nicht mit Gästen gerechnet – sie wähnte uns noch alle in der Villa Sachsen. So ist sie entsprechend erschrocken und ruft völlig aufgelöst nach ihrem Karl-Heinz. Karl-Heinz eilt ihr zur Hilfe in Erwartung eines finsteren Einbrechers. Na ja, die Situation lässt sich schnell klären. Sie sorgt am nächsten Morgen beim Frühstück noch für herzliches Gelächter.

Sonntag, 10. Januar 2016

Apropos Frühstück. Das ist wirklich vom Feinsten. Es gibt alles, was man sich nur wünschen kann. Wir sitzen mit Mario und Christoph an einem Tisch. Christoph ist auch das erste Mal als Gast dabei, so dass für ihn alles genauso neu ist wie für mich.

Auch heute wird gechantet und Teilnehmer erzählen von ihren Erfahrungen. Diese Berichte sind teilweise sehr persönlich und berührend. Der Kopf bekommt Betrachtungen zur buddhistischen Philosophie geboten. Ein Höhepunkt ist die Verleihung des Gohonzons an fünf neue Mitglieder. Was es mit diesem Gohonzon auf sich hat, erklärt Thorsten später im Text.

Noch ein Wort zu den kulturellen Beiträgen. Hier treten keine professionellen Künstler auf, sondern jeder, der etwas vortragen möchte, kann sich dazu melden. Eine portugiesische Sängerin beeindruckt durch ihre ausdrucksstarke Stimme. Ein anderes Lied berührt uns besonders wegen des Refrains: „I tried to hide my secrets behind bushes and stones“, weil diese Worte uns sofort an „unseren“ Text denken lassen.

Absoluter Höhepunkt ist Stefan, der seiner Klarinette im Außengelände ganz stimmungsvolle Töne entlockt. Ich lausche eine Weile mit Blick auf den Fluss und das in der Sonne glitzernde Wasser und weiß, dass dies ein Moment ist, der mir immer in Erinnerung bleiben wird.

Ehe Susanne nun die Rückfahrt beschreibt, möchte ich noch ein inhaltliches Besonderes einfügen. Treue Leser kennen ja unser Interesse für Politik und Gesellschaft. Mir schien dieses Interesse immer getrennt vom Buddhismus der SGI. In Bingen begegnete ich erstmals einer Verbindung. Eine Frau aus Köln erzählte von ihrem Engagement zugunsten von Flüchtlingen, die in ihrem Quartier Heimat finden sollten. Gemeinsam mit ihrer örtlichen Gruppe und verschiedenen anderen Lokalorganisationen konnte sie helfen. Im Studium lernten wir, dass der Begründer dieses Glaubens, Nichiren Daishonin,  im 13. Jahrhundert Briefe an den Herrscher Japans schrieb und mit ihm darüber diskutierte, wie die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert werden könnten. Ebenso macht es der heutige SGI-Präsident Ikeda und schreibt jährlich an den UN-Vorsitzenden Ban Ki Mun. Während dieser Vorträge ergriff uns Hoffnung auf Frieden, der uns bei der Beobachtung von Politik heute und früher abhanden gekommen ist. Die „menschliche Revolution“, das Hervorholen des obersten Lebenszustandes in die Realität, kann den Weltfrieden bringen. Weiter unten wird kurz erklärt, was damit gemeint ist. Hier beschränke ich mich auf diese beseelende Erkenntnis, den vermutlich einzigen Weg für die Menschen gefunden zu haben.

Um 12.30 Uhr ist es Zeit für die Rückfahrt. Mario bringt uns zum Bahnhof, nicht ohne uns vorher mit Lunch-Paketen für unterwegs versorgt zu haben. Da wir wieder mal viel zu früh aufgebrochen sind, setzen wir uns in die Sonne und machen uns über den Proviant her. Nur die hyper-gesunden Joghurt-Drinks werden verschmäht.

Pünktlich läuft unser Zug ein. Wir finden sogar den richtigen Wagen, was nicht einfach ist. Denn die Nummernschilder an den Türen sind von Hand mit Kuli geschrieben. Also nicht so ohne weiteres lesbar, wenn die Waggons an den Reisenden vorbeizuckeln. Manches wirkt schon arg dilettantisch. Bei den reservierten Plätzen hapert es dann auch wieder. Wir haben laut Ticket die 11 und 12. Nun, die 11 gibt es schlichtweg nicht. Die Sitze fangen mit der 12 an. Neben ihr befindet sich – wir kennen es ja schon von der Hinfahrt – die Nummer 18. Also alles ganz logisch. Egal, wir haben zwei freie Plätze und lassen uns dort nieder. Es wäre eine Überlegung wert, ob wir uns die Platzreservierungen bei kommenden Fahrten nicht wirklich sparen. Der Zugbegleiter begrüßt uns mit einem flotten „Grüß Gott“, was etwas merkwürdig anmutet, wenn man gerade von einem buddhistischen Wochenende kommt. Aber dieser IC hat seinen Ausgangspunkt in Oberstdorf. Das erklärt natürlich alles. Auf einen Kaffee hoffen wir allerdings vergeblich. „Aber heute ist doch Sonntag. Da gibt es keinen Bistrowagen“, lautet die entrüstete Antwort einer Zugbegleiterin auf meine diesbezügliche Frage. Am späten Nachmittag erreichen wir Dortmund.

Hinter uns liegt ein Wochenende voller neuer, spannender Eindrücke. Mein erstes vorläufiges Fazit ist: gut, dass ich mitgefahren bin. Ich habe ganz besondere Erfahrungen gemacht und ganz besondere Menschen kennengelernt. Das alles muss erstmal verarbeitet werden.

Am Ende meines Berichts nun die versprochene Erklärung für das „Nam-Myoho-Renge-Kyo“: Ich habe sie der Homepage der SGI entnommen: es bezeichnet das ultimative Gesetz oder das wahre Wesen des Lebens, das das gesamte Universum durchdringt und das Leben aller Menschen verbindet.

An dieser Stelle möchte ich einige Grundsätze der buddhistischen Philosophie erläutern und nun kommt dein Part, lieber Thorsten, das traue ich mir nicht zu. Du hast dich schon länger mit dem Thema beschäftigt. Du kriegst das sicher hin:

Dann will ich mich mal versuchen. Seit 22 Jahren bezeichne ich mich als gläubigen Buddhisten und interessierten Laien. Eigene Studien habe ich nicht betrieben. Mein Wissen stammt von sog. Studienversammlungen und Erzählungen meines Freundes Mario. Auf der SGI-Seite klingt das sehr kryptisch. Ich kenne „Nam-Myoho-Renge-Kyo“ als das Gesetz von Ursache und Wirkung. Alles, was wir im Leben erleben, hat irgendwo seine Ursache. Das kann ganz einfach sein. Entscheide ich mich in einer fremden Stadt, links abzubiegen, habe ich mich verirrt. Rechts wäre richtig gewesen. Weil ich mich für eine Ausbildung bei der Telekom entschied, hatte ich hinterher ein langweiliges Berufsleben. Dafür war es sicher und gut bezahlt. Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt für alles – für kleine und große Zusammenhänge. Im Zweifel kann die Ursache im vorigen Leben liegen. Da kommen wir dazu, dass Buddhisten nicht an den Tod glauben. Vielmehr gibt es den latenten und den aktiven Lebenszustand. Den latenten bezeichnen wir im Westen als Tod. Der Buddhist muss nicht wieder auferstehen wie Jesus, weil er das Leben gar nicht verlässt. Er pendelt sozusagen zwischen zwei Zuständen. Allerdings glaube ich nicht daran, dass ein böser Mensch als Assel wiedergeboren wird. Das scheint mir doch zu simpel. Vielmehr enthält diese Vorstellung den erstaunlichen Fakt, dass jeder Tod auch eine Geburt im anderen Lebenszustand ist. Und jede Geburt ist auch ein Tod. So verliert der bei uns tabuisierte Tod enorm an Schrecken, nicht wahr? Im Buddhismus gibt es keinen Gott. Buddha ist überhaupt nicht mit Gott gleichzusetzen. Er ist der Verkünder der Lehre, also ein Stück weit wie Jesus. Die Buddhisten der SGI glauben an Nichiren Daishonin als ihren Buddha. Er lebte im 13. Jahrhundert in Japan. Nichiren erklärt uns das Lotus Utra. Aus diesen Schriften rezitieren Nichiren-Buddhisten zwei Kapitel als Morgen- und Abendgebet zusätzlich zum Chanten. Dieses Gebet nennen wir Gongyo. Mitglieder der SGI chanten und beten gewöhnlich vor dem Gohonzon. Dies ist ein Pergament, auf dem das Gesetz von Ursache und Wirkung verschriftlicht ist. Um zu praktizieren, ist das Gohonzon nicht notwendig. Ich habe keines. Jeder Mensch trägt die sog. Buddhaschaft in sich. Wir haben das in Bingen gehört: „Ich bin wie ich bin und ich bin gut so.“ Nichts von Erbsünde oder ähnlichen Bedrängnissen. Jeder von uns trägt die Buddhaschaft, also den höchsten Lebenszustand in sich verborgen. Ziel z.B. der Praxis ist das Hervorholen dieses Lebenszustandes. Jeder Mitmensch hat ebenfalls die Buddhaschaft. Jeder! Deshalb treten wir jedem Menschen mit Respekt und Verehrung gegenüber. Durch unser Verhalten können wir jedem helfen, seine eigene Buddaschaft hervorzubringen. Nur tun muss er es dann selber. Und so komme ich abschließend dazu, was mich u.a. an den Nichiren-Buddhismus band. Jeder ist für sich verantwortlich. Kein Gott oder Schicksal. Alle Menschen sind im Kern gut. Es gilt lediglich, dies hervorzubringen. Der Tod ist wie eine Geburt und damit gar nicht mehr schrecklich. Ich hoffe, ich konnte den mir zugedachten Part ein wenig ausfüllen. Es hat mir viel Freude gemacht, einmal vom Buddhismus zu schreiben. Vielleicht beginnt mit dem Binger Wochenende und Susanne ein neues Kapitel für mich im Buddhismus.

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