Gutmensch

Dies ist das Unwort des Jahres 2015. Viele werden dies bereits in den Nachrichten gehört haben. Dort ist keine Zeit für weitere Erläuterungen. Die nehmen wir uns hier als interessierte Sprachbetrachter gern. Die Aktion stellt sich im Netz selber dar.

Herzlich willkommen!

Das Ziel: ein sensiblerer Umgang mit Sprache in der öffentlichen Kommunikation

Die sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“ möchte das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern. Sie lenkt den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch, um damit zu alltäglicher sprachkritischer Reflexion aufzufordern.

Die Jury: ehrenamtlich und institutionell unabhängig

Die Jury besteht aus vier SprachwissenschaftlerInnen und einem Journalisten, die Sprachkritik auch außerhalb der Universität für relevant halten. Die Jury wird im jährlichen Wechsel durch ein weiteres sprachinteressiertes Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes ergänzt. Sie arbeitet institutionell unabhängig, d.h. ist weder an einzelne Universitäten, Sprachgesellschaften/-vereine oder Verlage gebunden. Die Jurymitglieder beteiligen sich ehrenamtlich und aus Interesse und verstehen sich als Vermittler öffentlichen Unbehagens an bestimmten Sprachgebrauchsweisen, nicht aber – ein häufiges Missverstehen – als „Sprachschützer“.

Die Voraussetzung: das Interesse und die Mitwirkung der Bevölkerung

Die sprachkritische Aktion basiert auf dem Interesse und auf der Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger. Jede und jeder kann zum 31.12. eines jeden Jahres schriftlich Unwortvorschläge an die Jury einreichen (bitte mit kurzer Begründung und Quellenangaben!). Die Jury „kreiert“ also keine Unwörter, sondern wählt nach gemeinsamer Diskussion begründet aus den aktuellen Einsendungen aus.

Die Grundannahme: Unwörter entstehen im Gebrauch

Sprachliche Ausdrücke werden dadurch zu Unwörtern, dass sie von Sprechern entweder gedankenlos oder mit kritikwürdigen Intentionen verwendet werden, und dies im öffentlichen Kontext (siehe die Kriterien der Aktion). Die Kritik an ihnen ist Ausdruck der Hoffnung auf mehr Verantwortung im sprachlichen Handeln.

Wikipedia erklärt uns zur Organisation, „die sprachkritische Aktion Unwort des Jahres wurde in Deutschland 1991 von Horst Dieter Schlosser ins Leben gerufen. Bis 1994 wurde das „Unwort des Jahres“ im Rahmen der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gewählt. Nach einem Konflikt mit dem Vorstand der GfdS machte sich die Jury als „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ selbstständig.

Die Jury begründete die Auswahl „Gutmensch“ wie folgt: Als „Gutmenschen“ wurden 2015 insbesondere diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf „Gutmensch“, „Gutbürger“ oder „Gutmenschentum“ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert.

„Gutmenschen“ (Bonhommes, boni homines) war eine Bezeichnung für die Angehörigen der mittelalterlichen häretischen Bewegungen, die auch als Katharer und Albigenser bezeichnet wurden und sich selbst veri christiani, „wahre Christen“, nannten. Im Französischen gibt es den Ausdruck bonhomme (wörtlich: guter Mensch oder guter Mann), der den so bezeichneten Personen moralische Qualitäten zuspricht, aber im Allgemeinen – ähnlich wie eng. gentleman – ein höfliches Wort für „Person“ ist und mit „guter Kerl“ übersetzt werden kann, mit dem kein Spott oder Kritik verbunden ist, wiewohl der Ausdruck gleichfalls als Äquivalent des deutschen Trottels genutzt wird. In spöttischer Absicht hingegen wurde der französische Begriff etwa von Karl Marx verwendet, der sich gelegentlich polemisch mit dem Ausdruck „Jacques le bonhomme“ auf Max Stirner bezog. Als „Gutmann und Gutweib“ überschrieb bereits Goethe eine seiner Balladen.

Der Journalist und Autor Harald Martenstein hat den Terminus „Gutmensch“, nachdem er sich in seinen Publikationen immer wieder mit dem Phänomen Shitstorm auseinandergesetzt hat, neu definiert und 2015 vorgeschlagen, mit diesem Ausdruck einen Typus von aggressiv selbstgerechtem Zeitgenossen zu bezeichnen, der „glaubt, dass er, im Kampf für das, was er für ‚das Gute‘ hält, von jeder zwischenmenschlichen Rücksicht und jeder zivilisatorischen Regel entpflichtet ist. Beleidigungen, Demütigungen und sogar Gewalt sind erlaubt.“ Bereits nach der Vorankündigung des Artikels hielt Matthias Heine Martenstein in der Zeitung Die Welt vor, dass das Wort „durch übermäßigen Gebrauch der falschen Leute […] unbrauchbar gemacht worden“ sei und dass „kein zurechnungsfähiger Mensch“ es mehr benutzen könne. Ein Jahr zuvor hatte Akif Pirinçci in seiner Polemik Deutschland von Sinnen Martenstein seinerseits als „Gutmenschen“ tituliert, während dieser den Ausdruck, etwa zeitgleich, in seinem Buch Die neuen Leiden des alten M. polemisch verteidigt hatte: „Gutsein ist, wie alles, eine Frage der Dosis, wenn man es übertreibt, wird es totalitär“.

Auf die Verachtung des „Guten“, menschlichen, die die Nationalsozialisten am schamlosesten äußerten, wies auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) 2006 hin: „Erstmals findet sich das Wort („Gutmensch“, C.K.) als Bezeichnung für die Anhänger von Kardinal Graf Galen, der gegen die Vernichtung lebensunwerten Lebens , also die Tötung körperlich und geistig Behinderter durch die Nationalsozialisten (schließlich mit Erfolg) gekämpft haben. Nicht klar ist, ob der Begriff von Josef Göbbels oder Redakteuren des Stürmer 1941 ersonnen worden ist. Gutmensch geht auf das jiddische a gutt Mensch zurück, womit von den Nationalsozialisten auch ein Bezug zu den lebensunwerten Juden hergestellt werden sollte. Adolf Hitler hat in seinen Reden und in Mein Kampf ebenfalls die Vorsilbe gut als abwertend verwendet. So sind für ihn gutmeinende und gutmütige Menschen diejenigen, die den Feinden des deutschen Volkes in die Hände spielen“. 

So kommen wir nach dieser Recherchereise zum Eindruck, dass das Wort wieder bei den Nazis angekommen ist, nachdem es vorübergehend allzu gutmeinenden Menschen zugedacht war. In letzterer Bedeutung haben wir es kennengelernt. Ein Gutmensch radelt mit Helm zum Biomarkt und kauft Karotten aus freilaufender Züchtung. Er raucht und trinkt nicht und erhebt niemals seine Hand gegen irgendwas. Er arbeitet in der Elternpflegschaft und in der Kirchengemeinde mit. Das ist alles soweit begrüßenswert, wie es nicht missionarisch wird. Gutmenschen finden wir immer schwierig, wenn sie uns ihre Lebensweise aufdrücken wollen. Die Grünen haben sich in der NRW-Regierung bspw. damit verbreitet, ein scharfes Nichtraucherschutzgesetz durchzusetzen. Jetzt aber verschiebt sich der Wortgebrauch wieder hin zu den Menschen, die diejenigen beschimpfen, die sich für die Flüchtlinge des Jahres 2015 barmherzig eingesetzt haben. Wir halten dies für eine gravierende Verschiebung. Nicht mehr politische Ziele wie das Nichtrauchen oder Farradhelmtragen werden verspottet, sondern zutiefst menschliche Regungen wie Hilfe und Barmherzigkeit. Damit erlangt die jetzige Verwendung des Wortes Gutmensch auch aus unserer Sicht den Rang eines Unwortes. Im Sinne der heutigen Nazis zählen wir uns gern zu den Gutmenschen. Es gehört zu unseren mitmenschlichen Eigenschaften, Hilfebedürftigen beizustehen. Nur die Zuwendung zu anderen kann Frieden auf der Welt schaffen, niemals das Abschotten. Es gib viele gute Gründe, ein Gutmensch zu sein.

Für die besonders Sprachinteressierten haben wir hier noch die bisherigen Unwörter.

2014 = Lügenpresse

2013 = Sozialtourismus

2012 = Opfer-Abo

2011 = Döner-Morde

2010 = alternativlos

2009 = betriebsratsverseucht

2008 = notleidende Banken

2007 = Herdprämie

2006 = freiwillige Ausreise

2005 = Entlassungsproduktivität

2004 = Humankapital

2003 = Tätervolk

2002 = Ich-AG

2001 = Gotteskrieger

2000 = national befreite Zone

1999 = Kollateralschaden

1998 = sozialverträgliches Frühableben

1997 = Wohlstandsmüll

1996 = Rentnerschwemme

1995 = Diätenanpassung

1994 = Peanuts

1993 = Überfremdung

1992 = ethnische Säuberung

1991 = ausländerfrei

2011 stand Gutmensch schon einmal auf der Favoritenliste zum Unwort. Die Begründung lautete vor vier Jahren: Insbesondere in Internet-Foren werde der demokratisch geprägte Ausdruck abwertend gebraucht, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren. Obgleich schon seit über 20 Jahren in dieser Form gebraucht, sei er 2011 einflussreicher geworden und habe somit ein verstärktes Potenzial als Kampfbegriff entfaltet.

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