DddWnb – Teil 1

Unter diesem Kürzel möchten wir von Dingen erzählen, die die Welt nicht braucht. Heute geht es um die Neuauflage von Hitlers „Mein Kampf“. Das Institut für Zeitgeschichte in München hat es erarbeitet und verlegt. Zu beziehen ist es über die Bugrim Verlagsausliefrung in Berlin. Die Erstauflage von 4.000 Exemplaren war gestern bereits vergriffen. Laut Medien gab es 15.000 Anfragen. Das sieht so aus, als brauche die Welt eben doch diese 2.000-seitige Ausgabe mit Originaltext und Kommentaren. Wir haben auf der Seite des Institutes für Zeitgeschichte nach Gründen gesucht, warum sie dieses Buch herausgebracht haben.

„Warum eine kritische wissenschaftliche Edition?

„Mein Kampf“ ist eine der zentralen Quellen des Nationalsozialismus. Zu ihrer Bedeutung und Wirkung hat Eberhard Jäckel bereits 1981 geschrieben: „Selten oder vielleicht tatsächlich nie in der Geschichte hat ein Herrscher, ehe er an die Macht kam, so genau wie Adolf Hitler schriftlich entworfen, was er danach tat. Nur deswegen verdient der Entwurf Beachtung. Anderenfalls wären die frühen Aufzeichnungen, die Reden und die Bücher, die Hitler verfaßte, höchstens von biographischem Interesse. Erst die Verwirklichung erhebt sie in den Rang einer historischen Quelle.“ Hitlers Politik, die von ihm initiierten Kriege und Verbrechen haben die Welt vollkommen verändert. Schon deshalb wurden alle Texte, die sich von ihm erhalten haben − seine Reden, seine frühen Aufzeichnungen, seine Gespräche mit Diplomaten, seine „Monologe“ im „Führerhauptquartier“, seine Weisungen für die Kriegführung und schließlich auch sein Testament − längst veröffentlicht. Dagegen liegt von dem umfangreichsten und in gewisser Weise auch persönlichsten Zeugnis Hitlers keine wissenschaftlich erschlossene Fassung vor. Nur in Auszügen wurde „Mein Kampf“ bislang publiziert – eine Lücke, die innerhalb der NS-Forschung seit langem als Desiderat gilt.

Ziel der Edition ist es daher, „Mein Kampf“ als bedeutende zeithistorische Quelle zu erschließen, den Entstehungskontext von Hitlers Weltanschauung nachzuzeichnen, seine gedanklichen Vorläufer offenzulegen und seine Ideen und Behauptungen mit den Ergebnissen der modernen Forschung zu kontrastieren.

Das Institut für Zeitgeschichte verfügt in der wissenschaftlichen Edition von NS-Schriften bereits über vielfältige Expertise: Zwölf Teilbände umfasst beispielsweise die in den Jahren 1991 bis 1998/2003 erschienene Sammlung von „Hitlers Reden, Schriften, Anordnungen 1925-1933“. Ebenfalls vom IfZ herausgegeben wurden 1961 Hitlers „Zweites Buch“, in den 1990er Jahren die Tagebücher von Joseph Goebbels sowie unlängst die Tagebücher des NSDAP-„Chefideologen“ Alfred Rosenberg. Deshalb ist es nur folgerichtig, wenn sich das Institut nun auch dieser Herausforderung stellt und mit „Mein Kampf“ eine Quelle ediert, die sich sicher nicht so präsentieren lässt wie andere historische Dokumente. Gefragt ist vielmehr neben nüchterner, handwerklich präziser Wissenschaft eine kritische und selbstbewusste Auseinandersetzung mit Hitlers Text, mit einem Wort: eine Edition mit Standpunkt.

Ein Beitrag zur historisch-politischen Aufklärung

Die Kommentierung von „Mein Kampf“ ist nicht nur eine wissenschaftliche Aufgabe. Es gibt kaum ein Buch, das mit so vielen Mythen überfrachtet ist, das so viel Abscheu und Ängste weckt, Neugier und Spekulation hervorruft und nicht zuletzt mit der Aura des Geheimnisvollen, des Verbotenen wirbt. Ein Tabu, an dem sich auch gut verdienen lässt. Daher versteht sich diese kritische Edition von „Mein Kampf“ auch als Beitrag zur historisch-politischen Aufklärung. Es gilt, Hitler und seine Propaganda nachhaltig zu dekonstruieren und damit der nach wie vor wirksamen Symbolkraft dieses Buchs den Boden zu entziehen. Auch auf diese Weise lässt sich einem ideologisch-propagandistischen wie kommerziellen Missbrauch von „Mein Kampf“ entgegenwirken. Denn allen Debatten um eine Neuauflage zum Trotz – Hitlers Text ist schon längst auf vielfältigen Wegen zugänglich: Ob in antiquarischen Buchläden, über legal gedruckte englischsprachige Ausgaben oder über wenige Mausklicks im Internet – „Mein Kampf“ ist in der Welt und findet jedes Jahr neue Leser, Agitatoren und Geschäftemacher. Aufgabe einer wissenschaftlich kommentierten Fassung ist es daher auch, die Debatte zu versachlichen und ein seriöses Gegenangebot zur ungefilterten Verbreitung von Hitlers Propaganda, seinen Lügen, Halbwahrheiten und Hasstiraden zu machen. Die Edition des Instituts für Zeitgeschichte setzt auf politische Aufklärung und wendet sich in Form und Stil deshalb bewusst an einen breiten Leserkreis. Durch eine Art „Einrahmung“ des Originaltexts in Form einer Einleitung und einer ausführlichen wissenschaftlichen Kommentierung entsteht ein Subtext zu „Mein Kampf“, durch den rasch klar wird, wie Hitlers Ideologie entstand, wie selektiv und verzerrt er die Wirklichkeit wahrnahm und auch, welche schrecklichen Folgen sich aus ihr ergaben.“

Dieses Buch schließt eine Lücke in der historischen Bearbeitung von Hitlers Texten in Wort und Schrift. Insofern können wir uns ganz vorsichtig den Ausführungen des Institutes anschließen. Wenn es Kommentierungen von „Mein Kampf“ nicht längst schon gegeben hat. Das wissen wir nicht. Möglich ist es, weil es ja hinreichnd Ausgaben gab. Vielleicht ist diese Ausgabe nur eine von bereits sehr vielen. Die Vermutung liegt nahe. Und warum wissen wir das nicht genau? Weil es die breite Öffentlichkeit überhaupt nicht interessiert hat, wie oft „Mein Kampf“ bereits kommentiert wurde. Weil dies so ist, kommen wir bestenfalls zu der Ansicht, dass diese Ausgabe die Wissenschaftswelt um einen Kommentar zum Buch bereichert. Mehr nicht!

Laut obiger Aussage wenden sich die Autoren aber an einen breiten Leserkreis. Das halten wir für vermessen und verfehlt. Schon damals hatte die Originalausgabe 800 Seiten. 12 Millionen Exemplare wurden verkauft. Es geht das Gerücht, dass kaum einer das Buch in Gänze gelesen hat. Ausgenommen natürlich Wissenschaftler. Heute ist das Buch dann doppelt so dick. Allein quantitativ abschreckend kann es doch keinen größeren Leserkreis finden. Weiterhin ist für die Bevölkerung sicherlich ausreichend nachgewiesen, welch Geistes Kind Hitler war und was er angerichtet hat. Forderungen, unsere Schüler damit zu belästigen, halten wir für komplett verfehlt. Der Unterricht zur NS-Zeit hat genug Material. „Mein Kampf“ halten wir für völlig ungeeignet, hierzu noch etwas beizutragen. Es wirkt auf Schüler eher abschreckend, weil es schwer zu verstehen ist. So wird eher eine Abwehrhaltung gegen Unterricht zur NS-Zeit erzeugt. Sicher nicht im Sinne des Erfinders.

Warum nun aber das große Interesse? Dem Institut ist es gelungen, sein Werk in die Medien zu bringen. „Mein Kampf“ kennt jeder. Das ist ein Begriff. Pünktlich zum Auslaufen des Urheberschutzes stehen sie auf der Matte. Über dieses Ende der Herrschaft des Freistaates Bayern über die Veröffentlichung hättn die Medien ohnehin berichtet. Sie haben die Veröffentlichung pressewirksam platziert. Weiterhin geben sich die Herausgeber den Anschein, als seien die Kommentare für jedermann verständlich. Niemand kann dies bislang beurteilen. Bis auf wenige Rezensenten wird dies auch künftig kaum jemand können. Denn wer mag 2.000 Seiten lang Hitlers Vorstellungn durcharbeiten? Dick genug sind die beiden Bände, um als Trophäe im Regal von entsprechend gesinnten Menschen zu landen. Ganz sicher ebenfalls nicht im Sinne der Erfinder.

Unterm Strich mag es eine gewisse Bereicherung für die Historikerwelt darstellen. Für den Rest der Welt ist dieses Buch uninteressant bis schädlich. Deshalb sagen wir – ein Ding, das die Welt nicht braucht.

Quelle: http://www.ifz-muenchen.de/aktuelles/themen/edition-mein-kampf/

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Zeitgeschehen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s