Winterleuchten

Endlich mal eine gute Erfindung in dieser Stadt. Sonst ist alles immer nur das Größte. Einkaufszentrum, Weihnachtsbaum, Weihnachtsmarkt, Stadion. Fürs Winterleuchten bringen sie im Westfalenpark viele Lämpchen an. Dass bislang kein Winter kam, dafür können sie ja nichts. Immerhin wird es früh dunkel.

In diesem Jahr fragte mich Susanne ganz vorsichtig, ob ich mit ihr dort hingehen würde. Ist ja eigentlich Quatsch – ein Blinder beim Winterleuchten. Doch ich bin schon einmal dort gewesen. Und warum soll ich nicht mit meiner Lieben etwas machen, dass eher für sie schön ist. Klar, beim Opernbesuch wäre eindeutig eine Grenze überschritten. Obgleich die Oper ja zum Hören ist.

Wir suchten uns einen Dienstagabend zwischen den Jahren aus. Sie wissen schon, die Zeit nach Weihnachten, in der alle noch die Gans und drei Kilo Schokolade verdauen. Da weiß das Jahr nicht mehr, was es eigentlich noch soll. Leer und romantisch war es dennoch nicht. Einigermaßen kühl schon. Dunkel auch. Lämpchen waren auch da. Ungefähr so viele wie Kinder. So musste Susanne einen Teil ihrer Aufmerksamkeit darauf verwenden, uns durchs Gewusel zu steuern. Ich konnte die Eltern dabei beobachten, wie sie ihre lieben Kleinen im Auge behalten wollten. Geh bloß nicht zu weit weg! Bei den vielen Kindern nimmst Du am Ende das falsche mit nach Hause. Irgendwo stand auch ein Märchenzelt herum. Davor eine Schlange. Schlange bedeutet Meiden, weil überfüllt.

Nach all dem Zauber landeten wir ausgerechnet vorm Jobcenter. Beglückt, wie wir waren, konnte uns das gar nicht schocken.

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An dieser Stelle möchte ich Thorstens Bericht ergänzen. Sein Text beschreibt die Atmosphäre im Park sehr treffend. Und wie ging es uns beiden an diesem Abend?

Thorsten hat völlig Recht, der Anblick des Jobcenter schockte überhaupt nicht, sondern trug ganz im Gegenteil zu dem großen Glück bei, das wir mit uns trugen. Welch eine Erleichterung, diesen Gängeleien, Verdächtigungen und dem permanenten Kontrollwahn entronnen zu sein. Es fühlte sich leicht und gut an, vor dem Gebäude zu stehen und zu realisieren, dass ich es nie mehr betreten muss. Ein riesiges Stück Freiheit, das mir geschenkt wird.

Mich treiben noch ein paar andere Gedanken um nach dem Winterleuchten-Erlebnis. Es war das erste Mal, dass wir etwas unternahmen, von dem Thorsten eigentlich nichts hat. Ein Experiment also. Kann ich das Leuchten trotzdem genießen? Also, in dem Bewusstsein, dass er es nicht sieht? Ganz sicher war ich mir im Vorfeld nicht. Meine Frage kann ich nun beantworten. Ich konnte die Lichtbilder bewundern und mich daran freuen. Und es war sehr schön, ihn an meiner Seite zu haben. Ich habe mich auch dort wohl gefühlt mit Thorsten zusammen. Wenn ich nicht so völlig eintauchen konnte in die Magie der Winterleuchten-Welt, lag es ausschließlich an den Menschenmengen, die unterwegs waren.

Ja, das ist meine Sicht. Wie hat er es erlebt? War es schön? War es traurig? Mir ist aufgefallen, dass wir noch gar nicht darüber gesprochen haben.

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Ich bin ja so ein Blinder, der gern in der Welt bleibt, die er mit seinen eigenen Sinnen wahrnimmt. Das Vermitteln der visuellen Welt mittels Sprache finde ich oft mühsam. Die vielen Kinder ersetzten mir die vielen Lämpchen. Ich kam in eher quirlende denn romantisch-beschauliche Stimmung. Das hatte ich anders erwartet. Eingestellt war ich mehr darauf, Susanne zu begleiten. Anteil zu nehmen an ihrer Stimmung. Also mehr am Echo der Lichter denn an ihrer Ausstrahlung. So kam es dann anders. Beglückend ist die große Freiheit, die ich vorm Jobcenter spüren durfte. Ein wenig habe ich ja teilgehabt an der Gängelung. Das war eine wichtige Erfahrung für mich. Sozusagen Neuland. Ich freue mich sehr, dass Susanne dort nicht mehr hin muss.

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