Mit der Tür ins Haus fallen

Dies ist eine so bildhafte Redewendung, dass sie eigentlich jeder auf Anhieb verstehen kann. Selbst von Politiker- oder Journalisten-Schwadroneuren kann sie nicht versaubeutelt werden. Leider kommt sie nur noch selten zur Anwendung. Mir fällt dabei zuerst Obelix ein. Wer die Serie nicht kennt – Obelix ist der dicke Kumpel von Asterix. Als Junge ist er in den Zaubertrank von Mirakulix gefallen. Deshalb ist er so stark, dass er beim Klopfen jede Tür einschlägt. Allerdings stürzt er nicht hinterher, sodass die Redewendung wieder nicht ganz passt. Nehmen wir aber das Sprichwort beim Wort, sehen wir im Flur unserer Wohnung oder unseres Hauses einen Menschen auf unserer Eingangstür liegen. Dass er oder sie unkonventionell Einlass begehrte, wird deutlich. Er oder sie hat sich diesen Einlass auch verschafft. Ohne weiteres werden wir den Besucher nicht wieder los. Das beschreibt so schön die Situation, wie sie nach der Aktion aussieht. Wir müssen uns dem Anliegen unseres Besuchers stellen – so oder so. Wir müssen Position beziehen – werfen wir ihn massiv wieder raus (ihm die Tür weisen) oder akzeptieren wir das abrupte Eindringen und sprechen mit diesem Menschen. Wollen wir eine angenehme Gesprächsatmosphäre schaffen, helfen wir unserem Eindringling auf. Wir bemühen uns, das Gespräch zu beruhigen. Ob durch die Gewaltaktion bleibender Schaden entsteht, ist ungewiss. Je nach Eindringen ist die Tür mehr oder weniger kaputt – sind wir mehr oder weniger dauerhaft negativ beeinflusst. Manchmal mag es lohnenswert erscheinen, solch einen Schaden zu riskieren, um überhaupt einmal Zugang zu bekommen. Wer seine Tür so gar nicht öffnen mag, dem können wir sie eintreten. Diese Redewendung ist so schön bildhaft, dass sie sowohl in ihrer Ausprägung als auch in ihren Folgen menschliches Handeln beschreiben kann, ohne das Bild zu verlassen. 

Für die englische Sprache haben wir eine Entsprechung gefunden: to go like a bull at a gate. 

Synonyme sind zum Beispiel: gleich in die Vollen gehen, sich nicht lange mit Höflichkeiten aufhalten, sofort auf den Punkt kommen. 

Im Netz finden wir diese Beschreibung: Die Tür ist die Verbindung zwischen der Außenwelt und der inneren Welt des Hauses. Durch ihre Funktion als Ein- und Ausgang stellt sie das redensartliche Bild par exellence für Kontakte dar, und zwar für Kontaktsuche, -aufnahme, -vertiefung und -abbruch. Konkret finden wir in den verschiedenen Wendungen offene und geschlossene Türen, solche, an die man klopft, und solche, die einem gewiesen werden, eigene und fremde Türen usw. Die damit verknüpften Bedeutungen verstehen sich meist von selbst. Wer „mit der Tür ins Haus fällt“, benimmt sich wie ein ungeschickter Tölpel, weil er die rituellen Schritte des Sich-Annäherns an die fremde Sphäre nicht beherrscht und mit seiner ungezügelten Kraft eher einem Eindringling gleicht als einem Gast. Das Haus steht hier für das Thema oder den Besuchsanlass. Die Konvention verlangt es, dass man den Besuchsanlass zunächst nicht thematisiert, sondern das Gespräch mit einigen floskelhaften wechselseitigen Fragen zu Gesundheit und Befinden eröffnet, über das Wetter redet usw. In vielen (insbesondere asiatischen) Kulturen ist diese Konvention sogar noch viel ausgeprägter als im deutschen (oder westlichen) Kulturkreis. Als Gesprächsfloskel dient die Wendung dem übereilt sein Anliegen vortragenden Besucher dazu, sich vorweg für sein Benehmen zu entschuldigen. Durch diese Entschuldigung weist sich der Betreffende als jemand aus, der die Konvention kennt und sie als normalerweise gültige Norm anerkennt, der aber ihre generelle Gültigkeit momentan aus übergeordneten Zwängen nicht beachten kann. In dieser Funktion ist die Redensart seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts belegt, so dass man sie als Zeugnis für das Alter unserer sozialen Verhaltensweisen heranziehen kann. 

Quelle: http://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~mit der Tür ins Haus fallen&bool=relevanz&gawoe=an&suchspalte[]=rart_ou&suchspalte[]=rart_varianten_ou

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