E-Scooter bleiben tabu

Die Mitnahme dieser Fahrzeuge ist sehr umstritten. Krankenkassen bezahlen sie ihren Mitgliedern gern als billigere Alternative zum Rollstuhl. In verschiedener Hinsicht sind die Scooter den Anforderungen an eine Busfahrt nicht gewachsen, wie Tosulit fachmännisch erklärt wurde.

Der Rollstuhl parkt im Bus mit seiner Rückseite in Fahrtrichtung des Busses. Dort befindet sich im Bus eine Vorrichtung, die den besonderen Belastungen bei einem Bremsmanöver standhält. Deshalb soll auch der Scooter rückwärts in den Bus fahren, um entsprechend zu parken. Das wird von den Herstellern ausdrücklich nicht emfohlen. Ein Wenden im Bus ist aus Platzgründen nicht machbar.

Der Rollstuhlfahrer sitzt tief und ziemlich fest in seinem Sitz. Von drei Seiten her ist er gesichert durch Rückenlehne und Armstützen. Ein Scooter bietet diesen Halt nicht. Wie oben beschrieben, steht der Scooter rückwärts zur Fahrtrichtung. Darauf der gehbehinderte Nutzer. Bei scharfen Bremsmanövern durch nichts als seine Hände am Lenker gehalten.

Nun könnte der noch recht mobile Scooter-Fahrer sein Gefährt verlassen und sich auf einen Platz im Bus setzen. In diesem Fall passt niemand mehr auf den Scooter auf. Er könnte mit Gurten oder entsprechenden Stangen gesichert werden. So etwas gibt es bislang in keinem Bus.

Der Stellplatz im Bus wird enger. Kinderwagen, Fahrräder, Rollatoren und Rollstühle möchten ihn nutzen. Besonders die Anzahl der Rollator-Nutzer nimmt ständig zu. Die Bushersteller werden darauf hoffentlich mit mehr Freiraum im Fahrzeug reagieren. Natürlich gehen beim Vergrößern der Stellfläche normale Sitzplätze verloren. Busse haben eine lange Nutzungsdauer. Alle 20 bis 30 Jahre schaffen Nahverkehrsbetriebe neue Busse an. In Dortmund steht dieser Wechsel in den kommenden Jahren ins Haus.

Dies sind nur einige der offenen Fragen. Techniker und Fachleute kennen viele mehr. Weitere Gespräche sind sicher sinnvoll. Ihr Nachteil ist, dass sie Zeit brauchen. Eine Lösung für die betroffenen Dortmunder Bürger sollte schneller gefunden werden. Die Interessenvertretung der behinderten Menschen, das BPN, hat diese Aufgabe an die Stadtwerke weitergereicht. Unserer Ansicht nach sollten die Mitglieder des behindertenpolitischen Netzwerks es als eine ehrenvolle Aufgabe ansehen, sich selber ebenfalls zu kümmern. Wenigstens konstruktive Vorschläge zur Lösung sind aus diesem Gremium zu erwarten. Aufs geforderte Nahverkehrskonzept der Stadt Dortmund zu verweisen, hilft nicht. Auch das wird Jahre brauchen. Die Mitglieder des BPN könnten mit Taxiunternehmen über Transportmöglichkeiten und mit Stadt und DSW21 über deren Finanzierungsmöglichkeiten sprechen. Das BPN sollte an die Krankenkassen und die Kassenärztlichen Vereinigungen herantreten, damit die Patienten besser aufgeklärt werden über die Nachteile eines E-Scooters. Beim nächsten „bike ma anders“, an dem das BPN indirekt beteiligt ist, könnte ein Scooter-Parcours aufgebaut werden. Darin könnte bspw. das Einparken im Bus simuliert werden. Möglichkeiten gibt es viele, um den Betroffenen vielleicht zügiger zu helfen als durch politische Gespräche, die Jahre dauern.

Anlass unseres Beitrags ist ein Artikel aus den Ruhr-Nachrichten vom 19. Dezember 2015. Oliver Volmerich beschreibt darin anschaulich die Situation in Dortmund.

„Auch neues Gutachten zu Elektro-Fahrzeugen in Bus und Bahn bringt keine Klarheit

Aus Sorge, dass die E-Scooter bei abrupten Bremsungen kippen oder rutschen könnten, hatten zahlreiche Verkehrsunternehmen, darunter auch die Dortmunder Stadtwerke (DSW), die Mitnahme der Gefährte verboten. Nach den Protesten vieler Betroffener gab das NRW-Verkehrsministerium ein Gutachten zu E-Scootern in öffentlichen Verkehrsmitteln in Auftrag. Die rund 100seitige Studie liegt seit Anfang November vor. Doch wirkliche Klarheit bringt sie nicht. Die Gutachter deuten zwar an, dass die Mitnahme bestimmter E-Scooter-Modelle in Bus und Bahn möglich sein könnte. Doch das trifft nur für wenige, kleinere Modelle unter 1,20 Meter Länge zu und noch dazu unter Bedingungen, die zur Zeit nicht zu erfüllen sind.

Gefährliche Rückwärtsfahrt

So empfiehlt etwa das Gutachten, dass die Scooter rückwärts über die ausfahrbare Rampe in den Bus einfahren sollen. Von solchen Rückwärtsfahrten wird aber in den meisten Bedienungsanleitungen der Hersteller ausdrücklich abgeraten. Im Bus soll sich der E-Scooter-Fahrer dann an einem seitlichen Bügel festhalten, den es in den meisten Bussen allerdings gar nicht gibt. „Die Anforderungen sind zum Teil fiktiv und weder mit unseren Fahrzeugen noch mit den meisten E-Scooter-Modellen zu erfüllen“, fasst DSW-Betriebsleiter Ralf Habbes die Erkenntnisse aus dem Gutachten zusammen. Die Konsequenz: Für DSW bleibt es beim konsequenten Mitnahmeverbot, kündigte Habbes an.

Ganz schließen will der DSW-Betriebsleiter die Tür für E-Scooter-Fahrer allerdings nicht. Habbes spricht sich dafür aus, der Idee weiterzufolgen, einzelne Modelle zu zertifizieren und mit einer Plakette zu kennzeichnen, wenn sie für die Mitfahrt in Bus und Bahn als sicher eingestuft werden können. Die Prüfung sollten unabhängige Institutionen wie der TÜV oder Dekra vornehmen. Die gefundene Lösung soll dann mindestens im gesamten Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) gelten.

Weitere Gespräche

Dabei ist sich DSW durchaus mit dem Behindertenpolitischen Netzwerk einig, wie der Vorsitzende Friedrich-Wilhelm Herkelmann erklärt. Er kann die Bedenken der Verkehrsunternehmen angesichts vieler offener Fragen aus dem Gutachten durchaus nachvollziehen. Jetzt sollen weitere Gespräche geführt werden, an denen neben den Verkehrsunternehmen, der Politik und den Interessenverbänden der Behinderten auch die Hersteller der E-Scooter beteiligt sind.“

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