Teilkrankschreibung

Dies ist ein Artikel aus der Süddeutsche vom 07.12.2015. Wir wollen ihn uns unter sprachlichen wie inhaltlichen Gesichtspunkten ansehen. Übrigens sind die Artikel zufällig ausgewählt. Sie fallen uns ins Auge oder eben nicht. Wir sind da nicht auf der Pirsch. 

Deutschland könnte die Teil-Krankschreibung bekommen
Krank sein und trotzdem arbeiten

Wer am Arbeitsplatz wegen Krankheit fehlt, bekommt zunächst weiterhin Gehalt, später springt die Krankenkasse ein. Die Ausgaben für Krankengeld sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Experten überlegen nun, wie sie wieder reduziert werden können. Eine mögliche Lösung: die Teil-Krankschreibung. Jeder kennt das: Man ist krank. Sterbenselend fühlt man sich zwar nicht – fit aber auch nicht. Der Arzt sagt: „Bleiben Sie zu Hause.“ Schön ist das nicht: Die Kollegen müssen die Abwesenheit ausgleichen. Und wenn sie einen dann auch noch im Supermarkt treffen, erwarten sie eigentlich, dass man gerade im Bett Kamillentee herunterwürgt. In so einem Fall könnte es durchaus sinnvoll sein, wenn der Doktor einen nur zu 50 Prozent krankschreiben könnte. 

Tosulit: Hier wird eine Haltung unterstellt, die sicher nicht gesund, dafür aber zu 100 % arbeitgeberfreundlich ist. Der Deutsche hat bitte sehr ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er krank ist. Zumindest, wenn es sich nicht mindestens um Herzinfarkt oder Schlaganfall handelt. Bei 38 Grad Fieber geht doch noch was, oder? 

Allein: In Deutschland geht das – anders als etwa in Skandinavien – bislang nicht. Jetzt hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen angeregt, eine solche Lösung auch in Deutschland einzuführen. Also: Krank sein und trotzdem arbeiten. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hatte Ende 2014 den Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen mit dem Gutachten beauftragt.

 Tosulit: Oben tauchen ja unsere heißgeliebten „Experten“ auf. Hier bekommen sie dann sogar einen organisatorischen Titel. „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ – da hätte ich auch gern so einen hochdotierten Posten. Aber ich bin eben kein Experte. 

Natürlich weniger, um die Lage für die Arbeitnehmer zu vereinfachen, sondern um die Kosten zu reduzieren. 

Stark gestiegene Ausgaben

Zwar sagt der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Ferdinand Gerlach: „Es geht uns nicht primär um Kostensenkung, sondern um die Autonomie der Versicherten.“ 

Tosulit: Hier würden wir gern wissen, was das denn heißen soll. Schon heute haben die guten Arbeitnehmer das Recht, nicht zum Arzt, sondern zur Arbeit zu gehen. Auch bei 38 Grad. Da sind sie autonom. 

Fakt ist aber, dass sich die Ausgaben der Kassen für das Krankengeld in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt haben. 2015 lagen sie bei 10,6 Milliarden Euro und damit auf dem bisherigen Höchststand. Derzeit gilt in Deutschland eine Alles-oder-nichts-Regelung: Entweder man ist zu 100 Prozent krank – oder gar nicht. Bei einer sogenannten Teilarbeitsunfähigkeit könnte hingegen eine Einstufung auf 75 Prozent, 50 Prozent oder 25 Prozent Arbeitsunfähigkeit erfolgen, was eine Verringerung der Arbeitszeit bedeuten würde. Das Einkommen würde dann durch ein Teilkrankengeld ergänzt. 

Tosulit: Hier hätten wir gern Beispiele – gern auch aus Skandinavien – gehört, wie denn zum Beispiel eine Teilkrankschreibung zu 50 % aussieht. 

Bislang bekommen die Arbeitnehmer bei Arbeitsunfähigkeit in der Regel zunächst sechs Wochen lang weiter Lohn oder Gehalt. Danach zahlen die gesetzlichen Kassen ihren Versicherten bei andauernder krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit in der Regel Krankengeld. 2006 erreichten diese Ausgaben mit 5,7 Milliarden Euro einen Tiefststand, seitdem stiegen sie stetig. „Wir wollen das aktuelle System flexibilisieren und alltagsnäher machen“, sagt Gerlach. Politisch geprüft sei der Vorschlag aber noch nicht. 

Tosulit: Hier erfahren wir, dass es um die Zeit geht, wenn der Kranke schon sechs Wochen abwesend ist. Es dürfte sich in der Regel um schwerere Krankheiten handeln. Wiedereingliederungsprogramme nach einer schweren Krankheit gibt es bereits. Ich kenne sie zum Beispiel von meinem lieben Arbeitgeber Telekom. 

„Politisch erwünschte Entwicklungen“
Den Experten zufolge ist ein erheblicher Teil der Ausgabensteigerungen auf „politisch erwünschte Entwicklungen zurückzuführen“. Demnach führten sowohl höhere Durchschnittseinkommen als auch eine größere Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter insgesamt zu höheren Krankengeldausgaben. Zugleich gibt es mehr ältere Versicherte mit durchschnittlich höheren Einkommen, die ebenfalls Anspruch auf Krankengeld haben. 

Reformplan der Union
Ohne Arztbesuch zum Krankengymnasten
Moderne Ausbildung, gute Bezahlung und mehr Verantwortung: Die Unionsfraktion will Physiotherapeuten, Masseure und Logopäden besser stellen. Für die Patienten könnte damit der Arztbesuch überflüssig werden. Und die Krankenkassen profitieren. Die Experten fordern zudem, Ungleichbehandlungen zwischen verschiedenen Krankengeldbeziehern abzubauen. Vor allem sollten die Übergänge zwischen Krankengeld, Übergangsgeld, Arbeitslosengeld I und Erwerbsminderungsrente klarer geregelt und damit potenziellen Fehlanreizen entgegengewirkt werden, den Krankengeldbezug möglichst lange auszuschöpfen. 

Möglicher Test in einem Bundesland

Vorgeschlagen wird auch, bei befristeten Beschäftigungsverhältnissen das Krankengeld auf die Höhe des Arbeitslosengelds zu beschränken, wenn die Arbeitsunfähigkeit über das Ende des Beschäftigungsverhältnisses hinausgeht. Derzeit werden Arbeitnehmer, die vor Ende der befristeten Beschäftigung erkranken, gegenüber denjenigen, die kurz nach dessen Ende krank werden, bessergestellt, da sie das höhere Krankengeld anstelle von Arbeitslosengeld I erhalten.

Doch wird es die Teilkrankschreibung nun geben? Gesundheitsminister Gröhe erklärt, das Gutachten gebe „wichtige Anstöße“ für weitere Maßnahmen. Doch um die Empfehlungen umzusetzen „wäre wohl eine Gesetzesänderung nötig“, räumt Gerlach ein. Denkbar sei demnach, das neue System zunächst in einem Bundesland zu erproben. Und die Arbeitnehmer? „Es wird sicher auch Beispiele geben, wo sich jemand bedrängt fühlt“, räumt Ratsmitglied Marion Haubitz ein, die Nierenärztin ist. „Insgesamt ist es aber eine Win-win-Situation.“ 

Tosulit: Die letzte Äußerung halten wir für eine Frechheit! Ehrlicher ist es, von einer win-Druck-Situation zu sprechen.

Unterm Strich hätte Gröhe dem Steuerzahler die Hunderttausende für dieses Gutachten ersparen können. Es betrifft die Zeit, wenn jemand bereits sechs Wochen krank ist. Wiedereingliederungen mit begrenzter Arbeitszeit gibt es bereits. Die müssen nicht neu erfunden werden. Der Hinweis auf die Ungleichbehandlung soll suggerieren, dass hier auch bewusst ein Vorteil gesucht wird. Das mag in Einzelfällen so sein. Es hat mit diesen Milliardensummen aber überhaupt nichts zu tun. Es werden doch Gründe genannt, die zu der Ausgabensteigerung führten. Nicht genannt werden die Arbeitsbedingungen, die zu längerer Krankheit führen können. Das Gremium trägt eigentlich einen neutralen Titel. Dieses hier beschriebene Gutachten ist jedoch absolut menschenunfreundlich und wirtschaftslastig. So etwas füllt nur die Mülleimer und die Taschen der sogenannten Experten.

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Eine Antwort zu Teilkrankschreibung

  1. Carmen schreibt:

    Wenn ich das lese, dann bekomme ich das blanke Kotzen… Die Ganzheitlichkeit des Menschen, seine Genesung und die Ruhe, die es dafür braucht, werden mit Füßen getreten (seit jeher). Dieses System bringt immer mehr “Kranke” hervor! Diese haben dann weniger einen Schnupfen, als vielmehr massive psychische und damit auch psychosomatische Probleme. Die entsprechenden Kliniken sind übervoll und allmählich auch nur noch Abfertigungs-Fabriken! All das lässt sich nun mit einer Teilkrankschreibung auch nicht mehr vertuschen! Der Kapitalismus ist an seinem Ende angelangt und die letzten Zuckungen der sog. Experten werden das auch nicht mehr ändern können… zum Glück!!!

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