Die Mitte der Gesellschaft – ein nebelhaftes Ziel?

Der deutsche Blindenfußball macht sich seit diesem Jahr auf den Weg in die Mitte der Gesellschaft. Wie dieser Weg aussieht, haben wir alle in Mannheim und Hannover erlebt. Über ihn, diesen Weg, wurde viel gesprochen und manchmal auch gestritten. Über das Ziel des Weges, eben die Mitte der Gesellschaft, spricht niemand. Bedeutet das, dass jeder weiß, wo unser Weg enden soll? Oder geht es gar nicht um das Ziel, sondern nur um den Weg? Im folgenden wollen wir der Frage, was denn diese Mitte der Gesellschaft sein kann, einmal nachgehen.

 

Viele von uns werden das Ziel des Weges in die Mitte der Gesellschaft mit dem Bekanntheitsgrad des Blindenfußballs gleichsetzen. Wir könnten unser Ziel mutig so formulieren: 10 % der Deutschen sollten einmal Blindenfußball gesehen oder davon gehört haben. Das sind immerhin 8,2 Millionen Menschen. Niemand kann verhehlen, dass dies ein sehr ambitioniertes Ziel ist. Kann das mit den vorhandenen Mitteln überhaupt erreicht werden? Vielleicht ist bei einer Million Zuschauern der Auftritt des ersten Meisters aus Marburg im ZDF-Sportstudio in Erinnerung geblieben. Das war sicher der medienträchtigste Auftritt in unserer Geschichte. Gefolgt vielleicht vom Livebericht des WDR aus Würzburg. Diese Sendung im dritten WDR-Fernsehprogramm hat vielleicht bei 100.000 Zusehern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Über die vielen Zeitungsartikel der letzten Jahre haben wir geschätzt 500.000 Menschen erreicht. Dann war da noch der Hörfunk. Optimistisch addiert sind bisher also etwa 2 Millionen Menschen medial mit dem Blindenfußball in Berührung gekommen.

 

Die Zuschauerzahl unserer Cityspieltage können wir optimistisch auf 1.000 beziffern. Diese Zuschauer dienen als Multiplikator und erzählen ihr Erlebnis weiter. Wir dürfen hoffen, dass so ein Cityspieltag etwa 5.000 Menschen erreicht. Klubspieltage werden da negativer eingeschätzt. Erreichen wir da 200 Zuschauer insgesamt, sind wir zufrieden. Wieder über die Multiplikation erreicht ein Klubspieltag dann also vielleicht 1.000 Menschen.

Es wird anhand dieser Schätzungen deutlich, dass wir quantitativ das Ziel nie erreichen können. Selbst wenn wir es auf 5 % der Bevölkerung reduzieren, sind 4,1 Millionen erreichte Menschen weit entfernt.

 

Betrachten wir die Sache doch einmal geografisch. In der Gesellschaft angekommen wäre der Blindenfußball doch wohl, wenn er in großen Teilen der Republik gespielt würde. Etwa so, wie es im sehenden Fußball, Handball, Basketball oder Volleyball der Fall ist. Das können wir nie erreichen. Realistisch wäre, wenn es in ganz Deutschland ein Netz von aktiven Standorten gäbe. Bei aktuell dreizehn Standorten ist klar, wie weitmaschig dieses Netz ist. Zudem weist es große Lücken auf. In den großen Flächenländern Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen haben wir jeweils einen verloren wirkenden Standort. In Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und weiteren ostdeutschen Ländern gibt es überhaupt keinen Blindenfußball. Wir müssen diese Aufzählung gar nicht bis zum Ende fortführen, um zu erkennen, dass wir geografisch kleine Inseln sind. Die Cityspieltage sollen da Abhilfe schaffen und zur Gründung neuer Standorte führen.

 

Sehr wohl vorstellbar ist, dass sehende Zuschauer den Sport begeistert erleben. Sind manche von diesen Zuschauern in Fußballvereinen aktiv, könnte die Idee einer eigenen Blindenfußball-Mannschaft geboren werden. Sehendes Personal wie Trainer, Torwart und Rufer lassen sich erfahrungsgemäß relativ leicht finden. Schwieriger wird es für diese begeisterten Fußballer sein, für diesen Sport geeignete blinde Spieler zusammenzutrommeln, um ein Team aufbauen zu können. Wir dürfen hier wohl von einer Mindestzahl von sechs Kickern ausgehen, die es zu finden gilt. Dies dürfte nicht leicht fallen. Die Gründe hierfür sind vielfältig und müssen an einer anderen Stelle näher beleuchtet werden.

Es scheint also nicht sehr wahrscheinlich, dass die genannten Faktoren alle zusammenkommen, sodass am Orte eines Cityspieltages anschließend ein Blindenfußballteam entsteht. Ein halbwegs engmaschiges Netz über die gesamte Republik ist folglich nicht zu erwarten.

 

Wir könnten auch dem Prinzip der Leuchttürme folgen. Von einigen blühenden und lebendigen Blindenfußball-Standorten könnte unser Sport ins Land hinausgetragen werden. Haben wir solche Leuchttürme? Dies wird kaum jemand behaupten können. Denn ein solcher Standort müsste einige Faktoren aufweisen.

Die Infrastruktur müsste stimmen. Ein regelkonformer Blindenfußball-Platz mit den entsprechenden sanitären Anlagen müsste vorhanden sein. Es sollte ein Team von mindestens zwei gut ausgebildeten Trainern geben. Dazu kämen jeweils zwei engagierte Torleute und Rufer sowie eben die genannten sechs blinden Aktiven. All diese Menschen müssten sich regelmäßig zum Training treffen und Spiele austragen. Rund um den Leuchtturm müsste es in den Schulen, seien es sog. Sonderschulen mit Schwerpunkt Sehen oder auch Regelschulen, in denen integrativ beschult wird, ein Blindenfußball-Angebot geben. Nur so lässt sich ausreichend Nachwuchs gewinnen. Die Presse- und Medienlandschaft rund um den Leuchtturm müsste als Partner für den Blindenfußball gewonnen und betreut werden. Und nicht zuletzt müsste das ganze Konstrukt auf eine solide finanzielle Basis gestellt werden.

Einzelne dieser Faktoren sind am einen oder anderen Standort zu finden. Doch leider ist nicht einmal das Bestreben zu erkennen, weitere dieser Faktoren an eben diesen Standorten zu installieren. Auch läuft das Konzept der Cityspieltage einem Leuchtturm-Prinzip zuwider. Denn selbstverständlich müsste die Liga einmal pro Jahr an diesen Standorten gastieren. So viele Spieltage gibt es nicht, wollen wir gleichzeitig in jeder Saison drei, vier neue Standorte besuchen. Weiterhin könnte das Nationalteam an diesen Standorten Lehrgänge abhalten und immer mal wieder Spiele austragen. Davon sind wir meilenweit entfernt. In kurzen Worten: die Strategie der Leuchttürme wird nicht verfolgt.

 

Ein weiteres Streben könnte darin bestehen, den Blindenfußball qualitativ zu verbessern und dadurch sportlich ansehnlicher zu gestalten. Hier gab es in den ersten Jahren über Seminare wie „train the trainers“ Ansätze. Diese scheinen aber im Sande zu verlaufen. Schauen wir uns die Saison dieses Jahres 2011 an, ist eine eindeutige Dominanz von Stuttgart und dann Marburg zu konstatieren. In diesen Teams wird in Ansätzen Kombinationsfußball gespielt. Der Torhüter ist ins Aufbau- und der Rufer aktiv ins Sturmspiel eingebunden. Eine gewisse Strategie und Taktik der Trainer ist zu erkennen. Dann aber gibt es einige Teams, die bewusst nur aus „Spaß an der Freud“ spielen. Dies können wir ihnen nicht verwehren oder übel nehmen. Nur trägt es eben nicht zu einer breiten Qualitätssteigerung bei. Und dann gibt es einige wenige Teams, bei denen sportlich nichts vorangeht. Hier fehlt es offenkundig an den ausbilderischen Fähigkeiten des Übungsleiterpersonals.

Dass der deutsche Blindenfußball international noch lange nicht an die führenden Länder herankommt, hat die Europameisterschaft in der Türkei eindrucksvoll bewiesen. Auch dies ein Indiz dafür, dass wir in Deutschland noch lange nicht den ansehnlichen Fußball spielen, der die Massen begeistern und binden kann.

Es sieht so aus, als sei auch dieser Weg sehr weit – vielleicht zu weit.

 

Böse Zungen behaupten ja, es sei in erster Linie das Spektakel, dass die Zuschauer am Cityspielfeld stehen bleiben lässt. Das mag so sein. Zumindest zum teil könnte diese Behauptung stimmen.

Das mag dem einzelnen Sportler jetzt nicht gefallen, dass man ihm zusieht wie dem Löwen, der durch den brennenden Reifen springt. Sei’s drum, nehmen wir mit gutem Grund als gegeben an, dass das Motiv Spektakel wichtig ist. Wie arbeiten Zirkusunternehmen daran, ihre Ränge auszuverkaufen? Sie bieten immer spektakulärere Darbietungen. Diesen Weg können wir im Fußball nicht gehen. Das Verletzungsrisiko steigt immens, wenn wir Torausbanden einführen, das Spielfeld verkleinern oder die Feldspieleranzahl erhöhen. Von Regelfinessen wie der vom eigenen Torwart geschlagenen Ecke einmal ganz abgesehen. Mit gutem Grund könnten wir aber davon ausgehen, dass einer beträchtlichen Zahl an Zusehern das gebotene Spektakel ausreicht. Dann kämen sie wieder, gastierte die DBFL regelmäßig am selben Ort.

 

Hier kommen wir zur Kundenbindung. Diesem Marketing-Element läuft die bisherige Strategie der Cityspieltage zuwider. Das Leuchtturm-Prinzip wäre für die Kundenbindung besser. Derzeit kommt die DBFL selten einmal pro Jahr in dieselbe Stadt. Vielleicht kehrt sie erst nach zwei oder drei oder mehr Jahren wieder. Bis dahin ist vieles in Vergessenheit geraten. Kommt der Zirkus nur so selten in die Stadt, muss er jedes Mal wieder für sich werben. Über das Element Spektakel ist also nur jeweils eine überschaubare Zahl an Menschen für kürzere Zeit für den Blindenfußball zu gewinnen.

 

Kundenbindung müsste dann wenigstens über das moderne Medium Internet stattfinden. Oft ist die Liga geografisch weit vom einmal begeisterten Zuseher entfernt. Möchte er am Ball bleiben, kann er nur aufs Internet hoffen. Denn die Medien Fernsehen, Funk und Presse berichten jeweils nur isoliert und nicht kontinuierlich. Leider hat der deutsche Blindenfußball im Internet große Rückschritte gemacht. Die von Aktiven und ehemaligen Aktiven betriebene Plattform blindenfussball.net hat es zeitweilig geschafft, eine Sportberichterstattung über den Blindenfußball zu bieten, die den Namen verdient hatte. Leider ist diese Seite inzwischen ähnlich tot wie blindenfussball.info des DBSV oder Liga aktuell auf der Vereinsseite der Dortmunder. Bleibt blindenfussball.de, das von den Ligaträgern gestaltet wird. Die Seite ist geeignet, einen ersten Eindruck vom Blindenfußball zu festigen. Sie ist aber keinesfalls in der Lage, die Ereignisse dieses Sports einigermaßen zeitnah darzustellen. Eine Berichterstattung in Text und Bild findet nicht statt. Lediglich die Ergebnisse werden zeitnah eingestellt. Bleibt dem Zuhörer, sich die kommentierten Spiele herunterzuladen. Dies konnte er in diesem Jahr oft erst lange nach dem Spieltag tun, wenn es sich längst um kalten Kaffee handelte. Weiterhin müssen wir schon die Frage stellen, ob es angemessen ist, einem Interessenten gleich das zeitraubende Zuhören anzubieten statt ihm die Wahl zu lassen, zeitökonomisch lieber kurze Berichte, Analysen und Kommentare zu lesen.

Unterm Strich ist das derzeitige Internetangebot ungeeignet, die ohnehin schwierige Kundenbindung auch nur nennenswert zu unterstützen.

 

Wir haben versucht, den Begriff „Mitte der Gesellschaft“ konkret zu fassen zu bekommen. Bekanntheitsgrad, bundesweite Verbreitung, blühende Einzelstandorte, hohe Qualität des Spiels oder Kundenbindung. All dies sind Elemente, mit der sich die Mitte der Gesellschaft beschreiben lässt. Keines dieser Elemente ist erreicht oder in greifbarer Nähe.

 

Aus PR-Sicht ist der Weg gut. Gut für den Blindenfußball und den Behindertensport allgemein, wenn der Zuseher in Innenstädten gar nicht an ihm vorübergehen kann. Für diejenigen Aktiven, die sich viel aus ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit machen und gern in Medien auftauchen. Gut für die Förderer als Institution und Person, denen dieses Projekt auf ihrem beruflichen wie institutionellen Weg nach oben hilft.

 

Gar nicht gut ist der Weg für den Sport an sich, der hinter anderen Belangen zurücktreten muss. Der Fußballer wiederum, der einfach nur spielen will, kann mit den fragwürdigen Bedingungen, die er vorfindet, oft wenig anfangen.

 

Der Weg hat zwei Seiten und das Ziel ist auf diesem Weg unerreichbar. Der Leser mag sich die Frage nun selbst beantworten, was er von dem eingeschlagenen „Weg in die Mitte der Gesellschaft“ hält.

 

Anmerkung: Hiermit enden meine Texte über den Blindenfußball. Von 2007 bis 2011 investierte ich sehr viel Zeit, Energie und Emotion in diesen Sport. Es war keine schlechte Zeit. Dieses letzte Kapitel stammt wohl aus dem Herbst 2011. Seither kriege ich ab und zu die Ergebnisse mit. International treten sie wohl auf der Stelle. National spielt immer noch die DBFL. Teams wie Chemnitz und Pauli haben sich positiv entwickelt. Andere wie Dortmund oder Köln negativ. Was da im einzelnen zugrunde liegt, weiß ichnicht. Im Überblick sind es immer noch dieselben Mannschaften wie vor vier Jahren. DBSV-Vize Lange kündigte im DBFL-Vorstand mal vollmundig an, mit dem Weg in die Mitte der Gesellschaft werden es mal 40 Mannschaften sein. Das war vor vier oder fünf Jahren. Es sind immer noch neun. So ein wenig fühle ich mich bestätigt in dem, was ich in den Texten zum Blindenfußball äußerte. Das erzeugt kein Gefühl mehr in mir. Die emotionale Distanz ist riesig. Die Liebe zu diesem Sport haben mir die Dortmunder Teamkameraden und die Funktionäre gründlich ausgetrieben. Zu meiner Zeit hier in Dortmund waren wir Zweiter oder Dritter. Gern hätte ich den ISC Kirchderne zu einem Bestandteil der Dortmunder Fußballandschaft gemacht. In dieser verrückten Stadt ginge das. Nun ist der ISC eben ein exotischer, unbedeutender Tupfer geblieben.

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