Gescheitert! Das Projekt MTV Deutschland

So ein wachsender Sport wie der Blindenfußball entwickelt sich üblicherweise auf verschiedenen Ebenen. Von unten nach oben betrachtet sollten dies die Nachwuchsgewinnung, die Ausbildung von Aktiven und Trainern, der Ligaspielbetrieb und die Nationalmannschaft sein. Heute wollen wir unser Augenmerk auf das Auswahlteam des DBS richten. Es wurde sehr schnell, noch vor der ersten Ligasaison, ins Leben gerufen und darf somit mit Recht als das älteste offiziell aktive Team in Deutschland betrachtet werden.

 

Als der deutsche Blindenfußball im Frühling 2007 so langsam Gestalt annahm, fanden in Tübingen und Neumünster erste Turniere statt. Da wollte der DBS auch nicht hinten anstehen. In Athen stand im September eine Europameisterschaft vor der Tür. An dieser konnte Deutschland qualifikationslos teilnehmen.

 

Es war ein Testlauf – ganz eindeutig. Niemand ist mit einer anderen Einstellung da herangegangen. In Windeseile wurden Auswahllehrgänge veranstaltet. So entstand ein Team. Für den Trainerposten versuchten wir die Tandemlösung. So war es schlussendlich eine Essen-Stuttgart-Connection, die nach Griechenland reiste. Rang sieben von sieben und ein geschossenes Tor sprangen dabei heraus. Dies störte niemanden. Es galt, dabei zu sein und Erfahrungen zu sammeln. Trotz der großen Entfernung wurde viel Wert auf die Pressearbeit, sprich Berichterstattung gelegt. Dies wurde von Nichtaktiven erledigt. Wie wir später sehen werden, blieb es nicht dabei.

 

In Athen lernen hieß dann auch herauszukriegen, dass die Tandemlösung nicht funktioniert. Was im Herbst 2007 geschah, kann der Autor nur aus der Ferne schildern. Ich war nicht dabei und kann daher nur sagen, wie es sich mir darstellte: der DBS und Ulrich Pfisterer wurden sich einig, dass der Stuttgarter künftig der Coach der Nationalmannschaft sein solle. Freilich wurde dies nie publik. Der Essener Trainer Peter Schreiner machte nun mehrere Angebote für Treffen, um eine Lösung des Tandemkonflikts zu finden. Diese Treffen wurden entweder verschoben oder es wurde gar nicht mehr reagiert. Ende des Jahres 2007 schmiss Peter Schreiner die Brocken hin und Ulrich Pfisterer aus Stuttgart wurde alleiniger Trainer der deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft.

 

Bis zur EM in Nantes (Frankreich) sollte nun ein Team aufgebaut werden, dass leistungsfähig und –willig, zuverlässig und harmonisch sein sollte. Dies waren offenbar schwierige Kriterien, denn außerhalb des MTV ließen sich offenbar nicht sehr viele Spieler fürs Auswahlteam finden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es erst eines längeren Telefonats des damaligen ISC-Fußballkoordinators bedurfte, um bspw. Dortmunder Spieler in die Nähe des Nationalkaders zu rücken. Zwei Aktive schafften dann den Sprung, von denen Cengiz Dinc zur Stammkraft avancierte. Vom Meister aus 2008, der SSG Marburg, spielte bspw. nie jemand im Nationalteam. So kam es, dass in Frankreich der Kern des Teams vom MTV gestellt, dieser aber noch relativ reichhaltig aus anderen Mannschaften ergänzt wurde.

 

Im Juli 2009 steigerte sich die Mannschaft von Rang sieben auf Rang fünf. Einigermaßen knapp war das Team am Halbfinale vorbeigeschrammt. Dem ersten Treffer 2007 durch Alexander Fangmann folgten viele weitere, so z.B. beim 4:0 gegen Italien. Der Fortschritt war erkenn- und greifbar. Immerhin hatten die Blindenfußballer nun auch schon zwei Ligaspielzeiten in den Beinen und Köpfen. Alle waren guter Hoffnung, dass bei gleichbleibender Entwicklung 2011 der große Schritt in die europäische Spitze gelingen könne. Die Berichterstattung beschränkte sich diesmal auf Internet-Tagebücher einzelner Spieler.

 

Es vollzog sich nun eine Entwicklung, die im sehenden großen Fußball Blockbildung heißt. Alte Hasen schwärmen ja heute noch vom Bayern-Block in der Nationalmannschaft der 70er Jahre. Es begann mit dem Trainerstab, der fortan nur noch mit Stuttgartern besetzt war. Schied bspw. mit Ringo Mosch klammheimlich der Konditionstrainer aus, wurde er schnell aus den Reihen des MTV ersetzt. Dieser Trend setzte sich auf der Ruferposition fort. Monika Grasmannshausen und Jule Hallanzy waren gesetzt. Gehen wir davon aus, dass auch Rufer jeweils zum team gehören und Aktive sind, sollten wir doch auch auf dieser Position auf Wettbewerb hoffen. Doch niemand nahm dies wohl auch nur ansatzweise ernst. Finanziell und organisatorisch ist es eben günstiger, die RuferInnen gleich vor Ort zu haben. Denn auch die Lehrgänge des Nationalteams verlagerten sich mehr und mehr nach Stuttgart. Als dann im Herbst 2010 Moritz Klotz vom LFC Berlin von der Mannschaft suspendiert wurde, wurde auch die Torwartposition rein stuttgarterisch. Daran änderte auch eine schwere Verletzung der MTV-Nr. 1 nichts. Es gab ja noch die Nr. 2 und wenn die nicht konnte oder wollte, suchten sie im Umfeld Stuttgarts nach Torhütern aus dem sehenden Fußball. Erfahrung im Blindenfußball hatte nie viel gegolten. Schon 2007 war ein Handballkeeper zwischen die Pfosten gestellt worden. Nun waren es eben Jugendkeeper aus den unteren Klassen des DFB. Drei Bereiche schon einmal vollständig mit Stuttgartern besetzt: Trainerstab, Rufer und Torhüter.

 

Auf dem Feld konnte es nicht soweit kommen. In 2011 umfasste das MTV-Team noch sechs Feldspieler. Davon sahen zwei zu gut und konnten nicht als B1 eingestuft werden. Mit dem Rückzug des Kölner Stürmers Michael Wahl aus dem Nationalteam änderte sich dies. Vedat Sarikaya wurde von deutschen wie wohl auch von den internationalen Augenärzten als B1 eingestuft. Es kann ja durchaus eine Verschlechterung des Sehvermögens geben. Wir alle wollen es Vedat nicht wünschen. Immerhin ermöglichte seine neue Einstufung seine Teilnahme an der Europameisterschaft 2011. So waren es dann fünf MTV-, zwei Braunschweig- und ein Würzburg-Feldspieler, die sich auf die EM vorbereiteten. Alle Lehrgänge fanden nun in Stuttgart statt. Es war eben praktisch und kostengünstig. Mehr Blockbildung ist kaum denkbar: 100 % bei den Trainern, 100 % bei den Rufern, 100 % bei den Torhütern, 100 % beim Lehrgangsort und 62,5 % bei den Feldspielern.

 

Sportlich fehlte da bspw. ein klassischer Defensivmann im Kader. Einzig gelernter Verteidiger war Mulgheta Russom. Ihm zur Seite stand Alexander Fangmann, der inzwischen auch beim MTV zum Abfangjäger, etwa vergleichbar mit der 6 im sehenden Fußball, umfunktioniert worden war. Cengiz Dinc von der Eintracht hatte in seinen Anfangsmonaten als Verteidiger agiert, war fortan aber Stürmer geworden. 2010 war er Torschützenkönig der DBFL. Alle anderen waren klassische Offensivkräfte in ihren Klubs. Es gab für Mulgheta im Verletzungsfall also keinen adäquaten Ersatz. Dass es in der Liga keinen gegeben hätte, kann nicht ernsthaft behauptet werden. Spielen doch die meisten Teams sehr defensiv und müssen daher Verteidigungskünstler in ihren Reihen haben.

 

Dass alle Beteiligten zu wenig Energie, Zeit und Geld in den Erfolg investiert haben, kann niemand ernsthaft behaupten. Sie flogen im April in die Türkei, um bei den World Games in Antalya noch einmal Erfahrung zu sammeln und ihren Leistungsstand zu bestimmen. Von dort aus starteten sie in der Liga gleich durch und absolvierten acht Pflichtspiele. Gleichzeitig fanden immer wieder Wochenendlehrgänge statt, deren Häufigkeit während des Sommers noch deutlich gesteigert wurde. Das DBS-Team wollte mit aller Macht den Erfolg bei der EM und damit die Qualifikation für die Paralympics in London im kommenden Jahr. Die deutschen Blindenfußballer wollten endlich im Konzert der Großen mitspielen. Sie wähnten sich nahe daran.

 

Die Geschichte der EM ist größtenteils bekannt und schnell erzählt. Dem verdienten Remis gegen England folgten eine knappe Niederlage gegen Frankreich sowie der Pflichtsieg gegen Italien. Das bedeutete Rang drei in der Gruppe. Durch Niederlagen gegen Griechenland und Italien rutschte die Mannschaft von Ulrich Pfisterer noch auf Rang acht ab und trug die rote Laterne. Es ging wie so häufig im Sport knapp zu. Es hätte mit mehr Glück anders laufen können. Doch dafür kann sich niemand etwas kaufen. Hier ist der Sport gnadenlos. Am Ende steht tabellarisch das gleiche Ergebnis wie 2007.

 

Der Suche nach all den kleinen und großen Ursachen wollen wir uns hier gar nicht hingeben. Fest aber steht eines: das Konzept der Konzentration auf einen Standort ist gescheitert! Auf ganzer Linie gescheitert!

 

Wie es nun weitergeht, wird die Zukunft zeigen. Im großen sehenden Fußball würde ein Nationaltrainer mit diesem Ergebnis seinen Hut nehmen. Im Blindenfußball ist dies unwahrscheinlich. Ob von den Spielern jemand aufhört, vielleicht die Ü30, werden wir sehen. Es kann sein, dass ihnen die EM 2013 zu weit weg ist. Der Leihgabe aus dem sehenden Fußball wird es relativ egal sein. Er kehrt in sein größeres Gehäuse im Schwabenland zurück. Wahrscheinlich tritt erstmal Ruhe ein. Länderspiele stehen nicht ins Haus. Lehrgänge dürften wenig von Interesse sein. Geben wir allen Beteiligten die Zeit, durchzuschnaufen und in Ruhe ihre Zukunft zu überdenken.

 

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