Schein ist Sein?

Wir wollen einmal die Begriffe Nationalspieler und Bundesliga vor dem Hintergrund von Anspruch und Wirklichkeit betrachten. Wie sieht unser Selbstbild und unsere Darstellung in den Medien aus und was steckt tatsächlich dahinter?

 

Die Gemeinde der aktiven Blindenfußballer ist klein und eher schrumpfend als wachsend. So stellen wir für die Meisterrunde mit Mühe und Not neun Teams auf die Beine. Der Vizemeister Dortmund sowie der in 2010 neue Standort Saarbrücken fallen heraus aus dem Titelkampf. Essen tritt traditionell gar nicht an. Mainz und Würzburg schließen sich zu einer Spielgemeinschaft zusammen. Wenn wir wohlwollend schätzen, hat jede Mannschaft acht weitgehend aktive Mitglieder. So kommen wir auf knapp 80, eher 70 aktive Blindenfußballer. Darin eingerechnet sind bereits Torwart und Rufer/in.

 

Für diese gerade einmal 70 „Figuren“ wird tatsächlich seitens des DBS eine Meisterrunde ausgerichtet. Das ist soweit okay, denn dafür ist der Verband schließlich da. Glücklicherweise wird die Runde auch in diesem Jahr wieder im Modus jeder gegen jeden ausgetragen. Ursprünglich planten die Ligaträger und Geldgeber etwas anderes. Doch nun kehren sie zurück zum üblichen Modus. Deswegen können wir unsere Meisterrunde Liga nennen. Sie spielt an Spieltagen und im üblichen Modus. Freilich sind es keine Heimspieltage wie in der großen Fußball-Bundesliga. Köln hat keinen heimischen Platz und lässt in Efferen spielen. Wir alle werden diesen bedeutenden Vorort bald kennenlernen. Chemnitz hat einen eigenen Platz. Erst wollten sie ihn, nun wollen sie ihn doch nicht benutzen. Sie weichen in die Innenstadt aus. In Hannover und Mannheim gibt es ohnehin keine Blindenfußballteams. So ist es am Ende doch fast eine Städteserie, die nur in Efferen aufs Dorf geht. Eine Verwandtschaft zu Heimspielen wie im großen Fußball können wir allenfalls um drei Ecken herum feststellen.

 

Mit etwas Mühe, dann aber doch können wir die Meisterrunde Liga nennen. Weil Mannschaften aus ganz Deutschland teilnehmen können, nennen wir das Konstrukt sogar Bundesliga. Und hier wird es etwas haarig. Freilich handelt es sich um die höchste Spielklasse im Blindenfußball. Es handelt sich andererseits aber auch um die einzige. Niemand kann absteigen. Wer ein Jahr fehlt, steigt im nächsten wieder ein. Mit kurzen Worten: das Kind hat einen schönen Namen, bietet aber nur einer winzigen Sportgemeinde Raum für ihr Fußballspiel. Dies sollte jeder berücksichtigen, wenn er erzählt, wo er spielt. Der Titel Bundesligaspieler ist keine Auszeichnung an sich. Jeder kann mitmachen, ist er nur gesund und blind genug.

 

In der Presse, und woher soll sie es haben als von uns, tauchen dann manchmal eine Menge Nationalspieler auf. Dies verwundert. Denn gebräuchlich ist der Begriff nur für aktuelle Nationalspieler, die auch schon einmal während eines Spiels auf dem Feld standen. So haben wir derzeit einschließlich Torwart und Ruferinnen etwa zwölf Nationalspieler. Nicht mehr und nicht weniger. Andere, die nicht zum aktuellen Kader gehören, jedoch früher mal auf dem Feld standen, sind Ex-Nationalspieler. Wer einmal einen Lehrgang besuchte und nie antrat, ist nichts dergleichen.

Aber dürfen im Fernsehen nur Nationalspieler auftauchen? Bietet der Sport nicht viele andere Begriffe? Begriffe, die erstens ehrlich und zweitens viel phantasievoller sind. Wo sind denn die Turbodribbler, Flügelflitzer, Knipser oder Abwehrrecken? Freilich müssen wir schon etwas genauer hinsehen, wenn wir besondere Vorzüge oder Eigenheiten eines Feldspielers erkennen wollen. Der Blindenfußballer muss universeller einsetzbar sein als der sehende Kicker – siehe Kapitel 3. Dennoch sollte es möglich sein, zumindest hervorstechende Spieler mit derartigen Attributen zu versehen. Unvergessen ist mir Wolf Schmidts „master mind of blindenfussball“ für Alican Pektas. Ingo Feistner hielt einst Reiner Delgado „für den besten Abwehrspieler der Liga“. Bei Wolf Schmidt war er gemeinsam mit Gerd Franzka der „Grandseigneur“. Wir können diese Attribute richtig oder falsch finden. Immerhin bringen sie Abwechslung in die Beschreibung.

Und so ist es doch nicht nötig, immer gleich Nationalspieler sein zu wollen oder zu müssen. „Ich bin die Sturmspitze von Gelsenkirchen“ oder die „Geheimwaffe von Würzburg“ sind doch sehr viel interessantere Beschreibungen. Die Medien werden auch solche Attribute gern aufnehmen. Wenn jeder gleich Nationalspieler ist, wird es langweilig. Ganz abgesehen davon, dass es nicht immer zutrifft.

 

Denn wir müssen doch ehrlich sein. Wer von den vielleicht 70 oder 80 Akteuren erfüllt denn den Anspruch, der an einen Bundesliga- oder Nationalspieler zu stellen ist? Das fängt an mit der Kondition. Selbstverständlich muss ein Akteur, der sich bewusst so nennt, in der Lage sein, 50 Minuten voll durchzuspielen. Das geht weiter mit grundlegenden Ballfertigkeiten. Einem, der sich bewusst Bundesligaspieler nennt, darf der Ball nicht häufiger als einmal pro Spiel durch die Beine laufen. Seine Pässe sollten planvoll und relativ präzise kommen. Bei Nationalspielern wären die Kriterien noch etwas höher. Da dürften wir dann auf spielentscheidende Aktionen warten oder besondere Fähigkeiten bewundern, die andere Akteure nicht haben.

Alles in allem täte wohl etwas Bescheidenheit im Umgang mit diesen Begriffen in Bezug auf unser Selbstbild und unsere Darstellung in der Öffentlichkeit ganz gut.

 

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