Der Fußballzirkus

Innenstadt oder Hinterhof – Manege frei oder Zauntür zu? Welchen Weg soll der Blindenfußball gehen, welchen wird er gehen und woher kommt er? Damit möchte sich der folgende Text beschäftigen.

 

Ewig wahr, oft ignoriert – die DBFL ging von Aktiven aus. DBS und DBSV sprangen im November 2007 auf den angefahrenen Zug auf. Entsprechend bescheiden, manchmal beschaulich, kam die erste Saison der Blindenfußball-Bundesliga daher. Es trafen sich an den ersten zwei Spieltagen jeweils nur vier Teams in Berlin, Dortmund und Stuttgart. Zuschauer gibt es beim Blindenfußball ja auch erstmal nicht viele. So war es recht idyllisch auf den Plätzen. Wären da nicht das „voy“ und die Platzsprecher gewesen, wir hätten die Vögel zwitschern hören können. Sicherlich, die Medien waren auch schon damals am Start. Doch wurde um sie weniger Getöse gemacht als heute. Dann griff Herr Neukirchner von der DFB-Stiftung Sepp Herberger ein. Der letzte Spieltag wurde auf das neue Gelände des TuS Eving verlegt. Geradezu erschrocken wirkte Herr N., als er das Schulspielfeld betrachtete, welches für den 2. Spieltag noch gut genug war. Schneller als John Wayne seinen Colt zog er sein Handy und rief bei der Stadt Dortmund an. In Eving fand er das richtige Ambiente für die Pokalübergabe durch Dr. Rauball.

 

2009 und 2010 stieg die Herberger-Stiftung nun vollends ein. Ein eigenes Spielfeld mit Bandenwerbung für die Ligaträger, entsprechend des Cooperate Identity-Gedankens gestaltete Zelte für Schiris, Technik und Medien wurden aufgestellt. Der immer noch eher seltene Zuschauer fand, dass dies doch schon wesentlich professioneller aussah. Die Medien blieben dem Spektakel Blindenfußball treu. 2010 kam es zur ersten Spielplanänderung wegen einer Direktübertragung. Die DBFL begann sich zu wandeln. Der Gedanke an die Öffentlichkeit hatte mehr und mehr Raum in den Köpfen der Macher eingenommen. Die Medien lockten. Der Sport blieb zurück. Eine Weiterentwicklung in Richtung Hin- und Rückserie war und ist ausgeschlossen. Es ist nur Geld für eine Entwicklung da! Und die geht in Richtung Präsentation.

 

Denn ab 2011 wird ein weiterer großer Schritt gegangen. Die Bundesliga spielt in den Innenstädten der Republik. Einmal in Berlin vorm Reichstag geübt war das Modell Cityspieltag geboren. Der ganze Tross, ergänzt durch fahrende Sanitäranlagen, besucht in diesem Jahr erstmal Mannheim und Hannover. Am Haupteinkaufstag, dem Samstag, werden Mengen von Menschen am Spielfeld der DBFL vorbeiströmen und sicherlich auch stehen bleiben. Der Blindenfußball wird die Menschen faszinieren. Das ist sicher. Manch einem wird der Gedanke kommen, dass all die Zelte, Wagen und das Spielfeld als Manege einem Zirkus doch nicht ganz unähnlich sehen.

 

Dies beiseite lassend wollen wir uns fragen, was der Blindenfußball mit diesem Weg zu den Menschen erreichen kann.

Automatisch werden die Spiele der DBFL von wesentlich mehr Zuschauern gesehen als früher. Die Menschen sind schon da und müssen nicht extra anreisen. Der Sport kann durch direkte Anschauung auf sich aufmerksam machen und muss nicht extra in örtlichen Medien angekündigt werden. Die direkte Anschauung bietet einen sehr viel höheren Reiz als bloße Ankündigungen. Die Menschen werden stehen bleiben und zusehen. Muss es den Sportler dabei interessieren, wie viel der einzelne Zuseher letztlich von der Leistung wahrnehmen kann? Eigentlich nicht. Jeder, der etwas nachdenkt, wird darauf kommen, dass das Spektakel „frei herumlaufender Blinder“ der häufig zurückbleibende Gedanke sein wird. Wer warum wie gut spielt oder nicht, kann doch nur der beurteilen, der häufiger am Platz steht. Selten spielt eine Heimmannschaft, da die DBFL meist in Städten ohne Heimteam gastiert. Die Anknüpfung über den Lokalpatriotismus kann also ebenfalls nur nachrangig funktionieren. Die Zahl der Zuseher wird immens steigen. Eine echte Bindung an den Sport wird es jedoch nicht geben.

 

Wachsende Bekanntheit soll zur Gründung neuer Mannschaften führen. Eine Gründung in DFB-Vereinen ist gewünscht. Fest steht, bislang wächst die Spielergemeinde nicht. Begeistern wir nun sehende Zuschauer für die Gründung neuer Teams, wo finden diese dann die nötigen Spieler? Das wird der große Knackpunkt bei der Erfüllung dieses Wunsches sein. Vorstellbar ist, dass sich Trainer, Torwart und Rufer finden lassen. Doch die blinden Menschen, die bereit und in der Lage sind, Fußball zu spielen, sind dünn gesät.

 

Auch für die Sportler soll ein professionelles Ambiente geschaffen werden. Professioneller als auf manchem Hinterhofsportplatz wird es werden. Doch ein Duschwagen kann nicht mit einer Umkleidekabine gewöhnlichen Standards mithalten. Das mag ein Preis sein, der für die höhere Durchdringung der Öffentlichkeit zu zahlen ist. Spannend ist die Frage, inwieweit die akustische Umgebung in der Innenstadt den Spielbetrieb stört. Dies werden die Erfahrungen des Jahres 2011 lehren.

 

Blindenfußball ist nicht der erste Sport, der den Weg zu den Menschen geht. Skilanglauf oder Beachvolleyball in der Stadt, Parallelslalom unter Flutlicht oder Biathlon bei Malle-Atmosphäre in Oberhof – all das gibt es. Doch muss eine sich vollziehende Bewegung gleichzeitig gut sein? Sicher nicht. Niemand weiß, wie der Biathlet mit Herz wirklich darüber denkt. Denn den Medien wird er es kaum ins Mikrofon sprechen. Sicher ist es schön, vor vielen Zusehern seine Leistung zu präsentieren. Doch ist es das wert, wenn sich der Langläufer statt im verschneiten Wald auf einem kleinen Kunstschneeoval durch den Matsch sprintet. Dies kann nur jeder Sportler für sich selbst beantworten. In einigen Sportarten wird dieser Preis zusätzlich in klingender Münze durch Preisgelder und Werbeverträge versüßt. Im Blindenfußball wird dies sicher niemals der Fall sein.

 

Förderer der Cityspieltage sind in erster Linie die Ligaträger. Schauen wir doch mal, was sie davon haben könnten neben den o.g. Beweggründen. Offen erklärtes Ziel ist es, die DBFL nicht langfristig mit derart hohen Summen fördern zu wollen und zu müssen. Dieses Ziel scheint erreichbar. Ein Sponsor für das Spektakel Blindenfußball könnte gefunden werden, der einen Teil der Kosten übernimmt. Dies umso eher, je mehr Menschen zusehen.

Der DBS ist nun ureigens für den gesamten Behindertensport da. Blindenfußball scheint eine der öffentlichkeitswirksamsten Sportarten zu sein, die wir uns denken können. Blindheit ist für viele die schlimmste Behinderung, die sie sich vorstellen können. Fußball ist unbestrittene Sportart Nr. 1 in Deutschland. Eine Kombination, wie sie besser nicht sein kann. Allein seine Präsenzzeiten im Fernsehen kann der DBS durch diese eine Sportart immens erhöhen. Die Politik kann aufmerksamer gemacht werden. Hierdurch fließen möglicherweise größere Summen in den Behindertensport. Motivationen, die niemand dem DBS ankreiden wird.

Sepp Herberger sprach schon zu seiner Zeit oft von der integrativen Kraft des Fußballs. Die seinen Namen tragende Stiftung wird diese Maxime nicht vergessen haben. Im Blindenfußball kommen behinderte und nichtbehinderte Menschen ohne große Schwierigkeiten zusammen. Insofern könnte das Projekt Blindenfußball ganz oben auf der Erfolgsseite der Stiftung stehen.

 

Aus Sicht der Medien kann es doch kaum besser kommen. Was gibt das für ein Bild: der grüne Rasen, gelbe Zelte, eine bunte Menschenmenge und dahinter das Mannheimer Schloss! Und dann noch die faszinierende Kombination blind und spielt Fußball. Daran kommt kaum ein Journalist vorbei. Doch macht sich einer dieser Journalisten Gedanken darüber, warum jetzt der Rote gewonnen oder der Blaue verloren hat? Wohl kaum, kommt auch nicht darauf an. Hauptsache, ein Behindertensport ist im Fernsehen.

 

Dies mag sich auch die Selbsthilfeorganisation unter den Ligaträgern, der DBSV, denken. Und dies nicht einmal zu Unrecht. Denn zum einen erhöht Präsenz das Spendenaufkommen und zum anderen wird vielleicht auch klar, wie normal viele Blinde leben. So normal, dass sie sogar Fußball spielen können.

 

Wer mag sich nach all den guten Gründen dem Gang zu den Menschen noch verschließen? Wohl nur der Fußballer, der auf dem Rasen steht und einfach nur kicken will. Dem geht vielleicht einiges an Freude am Sport, an fairem Wettkampf verloren. Vielleicht geht es ihm wie dem Elefanten, der vor lauter Tamtam nicht weiß, was er da inmitten der bunten Pracht eigentlich verloren hat.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Blindenfußball veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s