Fazit 2010

So manches war zu erwarten vom Fußballjahr 2010. Doch müssen wir ehrlicherweise festhalten, dass auf einigen Feldern Stagnation oder sogar Rückschritt stattfand.

 

Recht verheißungsvoll begann das Jahr im Februar mit zwei Vorbereitungsturnieren. In Mainz gewann die SSG Marburg, in heimischer Halle der ISC Dortmund. Der erste Spieltag in Barsinghausen musste wetterbedingt in die Halle verlegt werden. Und es fielen in neun Partien sagenhafte 41 Tore. Jedoch war die Liga ohne ihren Vizemeister PSV Köln gestartet. Auch Mitgründer BSG Mainz konnte an der Saison nicht teilnehmen. Zwei Verluste, die durch den Neuling SG Saar/Braunschweig sowie die gesplittete Spielgemeinschaft aus Würzburg und Berlin eher nur quantitativ ausgeglichen werden konnten. Das BFW Würzburg konnte die Saison überhaupt nur durchspielen, weil sie mit  drei Kölnern verstärkt wurde. Saar/Braunschweig versammelte ebenfalls weitgehend gestandene Blindenfußballer in ihren Reihen. Einzig Berlin konnte mit einer echten Verstärkung aufwahrten. Kofi Osei schoss die Hauptstädter auf Rang drei der Schlusstabelle. Er blieb jedoch eine umstrittene Figur. Nicht wenige sagten ihm nach, unter der Brille hindurchzuschauen. Gelsenkirchen wagte es, das 0:4 am 2. Spieltag aus diesem Grund anzufechten. Der VFB blieb erfolglos, schärfte aber vielleicht die Aufmerksamkeit der Schiedsrichter. Der LFC selber nahm sich von den Vorwürfen überhaupt nichts an.

Berlin profitierte dann auch vom ersten Spielausfall. St. Pauli konnte am 3. Spieltag nicht antreten, weil der einzige Torhüter am Vortag folgenschwer verletzt wurde. Die sportliche Leitung der DBFL entschied regelgemäß auf 2:0 für Berlin. Unnötigerweise löste dies eine Diskussion um Fairplay und mehr Lockerheit in der Liga aus.

Sportlich setzte sich der MTV Stuttgart verlustpunktfrei und souverän vor Dortmund und Berlin durch. Neuzugang Schwarze verstärkte das Team. Zu keiner Zeit geriet der MTV in Gefahr, hatte er doch schon die Auftaktpartien mit 4:1 gegen Berlin und 4:0 gegen Marburg gewonnen. Chemnitz blieb ohne Torerfolg, wurde jedoch wegen eines 0:0 gegen Gelsenkirchen Vorletzter vor St. Pauli.

 

Organisatorisch hat die DBFL das Niveau des Vorjahres gehalten. Weiterhin kümmerte sich die Herberger-Stiftung um das Umfeld der Spieltage. Der DBS sorgte für das Sportliche. Hier wurde im Schiedsrichterwesen eine Kehrtwende vollzogen. Es pfiffen nur noch Referees, die eine reguläre DFB-Ausbildung hatten. Bis auf Günter Mankel verabschiedeten sich somit alle anderen Schiedsrichter, die 2008 noch dabei waren. Wie immer hat diese Entscheidung zwei Seiten. Zum einen arbeiteten die Unparteiischen vielleicht ein wenig professioneller. Zum anderen aber hatten sie keinerlei Erfahrung im Behindertensport. Dies verursachte manch Missverständnis und schuf zunächst eine große Distanz zu den Aktiven. Ein Vorstoß des neuen Ligaausschusses, hier durch Dialog Abhilfe zu schaffen, wurde bislang nicht aufgenommen. Der DBSV gab die Fanbetreuung wieder auf und beschränkte sich auf die finanzielle Unterstützung der Mannschaften aus Mitteln der Aktion Mensch.

 

Sportlich brachten weder die Saison noch die wenigen folgenden Turniere nennenswerte Fortschritte. Stuttgart entwickelte sich zum Leistungszentrum Deutschlands. Sie gewannen die Liga, den Lichtkick, das eigene Turnier, das Hallenmasters sowie das Finale für Drei. Im Sommer weihten sie ihren neuen Kunstrasenplatz ein. Dieser wurde mehrfach zu verschiedenen Veranstaltungen genutzt. Den Schwaben kommt das Verdienst zu, dass der Ball ab Sommer weiterrollte. Denn sie luden verschiedene Spieler und Teams zu ihren Fußballwochenenden ein. Blicken wir aber genau auf das Spiel des deutschen Topteams, identifizieren wir noch erhebliches Entwicklungspotential vor allem in Sachen Kombinationsspiel. Viel läuft über Einzelaktionen. Hier sollte weiter an Ballsicherheit und Spielverständnis gearbeitet werden. Dann könnten auch internationale Ansprüche eher erfüllt werden. Denn der MTV stellt das Gros des Nationalteams und dieses möchte sich 2011 für die Olympiade 2012 qualifizieren.

Mangelt es beim MTV schon an Spielzügen, so werden sie beim Rest der Liga immer rarer. Der ISC Dortmund sowie die SSG Marburg konnten in dieser Hinsicht eines ansehnlichen Spiels noch einigermaßen mit den Schwaben mithalten. Berlins Erfolg hängt leider an der umstrittenen Figur Kofi Osei. Das Mittelfeld der Liga bietet Würzburg, die neben Schäfer und Heim weitgehend aus Köln bestanden; Gelsenkirchen, dass sich weitgehend auf defensives Kampfspiel beschränkt und Braunschweig, das wenig Belebung in die Liga brachte. St. Pauli zeigt immer wieder gute Ansätze, konnte aber häufig die Leistung nicht über 50 Minuten konstant halten und litt an schwachen Torhütern. Eine torlose Saison, wie sie der CFC hinlegte, muss leider als peinlich bezeichnet werden. Oft war nicht einmal das Bestreben zu erkennen, offensiv in Erscheinung zu treten.

Unterm Strich muss wohl viel an der Trainerausbildung gearbeitet werden. Denn wie sollen Spieler besser werden, wenn ihnen nicht viel beigebracht wird? Und hier beginnt es mit Orientierung auf dem Feld, aus der dann ein Verständnis für raumüberbrückendes und variantenreiches Spiel erwachsen kann. Dies kann nur gespielt werden, wenn eine gewisse Ballsicherheit und –behandlung vorhanden ist. Hier liegt noch viel Grundlagenarbeit vor den Übungsleitern. Erst wenn diese – vielleicht von neuen Gesichtern – geleistet wird, kann sich der Blindenfußball sportlich entwickeln. Vielleicht ist hier vor allem der oberste Übungsleiter, Bundestrainer Ulrich Pfisterer gefragt, Impulse zu setzen.

 

Das Jahr klang bereits im Herbst aus mit Turnieren in Chemnitz und Stuttgart. Das Hallenmasters verlor enorm an Wert durch die hohe Teilnehmerzahl und die dadurch erzwungenen Kurzspiele. Gipfel des Mittelmaßes waren die drei torlosen Remis in der unteren Finalgruppe. Wäre da nicht das Turnier der besten Drei kurz vor Weihnachten gewesen – das Fußballjahr wäre mit dem glanzlosen Auftritt des Nationalteams Mitte Oktober in Griechenland zu Ende gegangen. Keine gute Entwicklung und wir müssen schon fragen, warum die Vereine nicht mehr auf die Beine stellen. Weder auf die Einweihung eines Platzes in Marburg noch auf eine solche in Würzburg im Vorjahr folgten weitere Spiele oder gar Turniere an diesen Standorten. Auf das 1. Cologne Nikolaus Masters im Dezember 2009 folgte kein zweites. Anfang September weihte Chemnitz ein Feld ein – folgen hier weitere Aktivitäten? Dortmund weiht im April 2011 sein eigenes Feld ein. Da der ISC Viktoria bereits in der Vergangenheit einlud, dürfen wir hoffen, hier neben Stuttgart einen zweiten Standort zu erleben, an dem der Ball etwas häufiger rollt.

 

Abschließend soll noch kurz auf zwei Nebenschauplätze eingegangen werden. Die Präsenz im Internet wurde Anfang des Jahres durch blinden-fussball.de erhöht. Diese Seite wurde von DBS und Herberger-Stiftung eingerichtet, als im Dezember 2009 Jörg Pilawa in „Frag doch mal die Maus“ vom Blindenfußball berichtete. Bis heute blieb die Seite jedoch eine Visitenkarte, auf der nicht aktuell berichtet wird. Blindenfussball.net litt während des Jahres unter Autorenmangel und wurde am Ende erstmal auf offline geschaltet. So gibt es derzeit keine Internetplattform mehr, über die aktuelle Informationen zu beziehen sind. Ausgewichen ist die Aktivengemeinde auf ein Blindenfußball-Telegramm; eine Plattform, auf der jeder mitschreiben kann.

Reportagen vom Blindenfußball gab es auch in 2010. Jedoch blieb dieses Instrument der Information im Improvisationsstadium stecken. Hierfür sorgten personelle Wechsel am Mikrofon und wenig persönlicher Einsatz, der über das Erscheinen und Sprechen am Spieltag hinausgeht. Ausweis dieser Einstellung der Protagonisten war das Fernbleiben von einer Fortbildung für Sprecher, obgleich diese sogar finanziert worden wäre. So bleibt es zwar eine einzigartige Sache im Behindertensport, dass direkt übertragen wird. Aber die Qualität der Reportagen hat viel Luft nach oben.

 

Neuland betrat unser Sport mit dem „Tag des Blindenfußballs“ im Mai in Berlin. In der Nähe des Reichstags fand auf einem eigens aufgebauten Feld das Länderspiel Deutschland gegen die Türkei statt. Die Partie war umgeben von einem großen Rahmenprogramm. Dieses Ereignis nahm die Herberger-Stiftung zum Anlass, eine Idee weiterzuentwickeln: der Blindenfußball geht zu den Menschen und nicht umgekehrt. So sollte die Saison 2011 ursprünglich in vier Innenstädten abgewickelt werden. Nach Protesten der Mannschaften werden es nun zwei werden, zwei weitere Spieltage finden an Spielstätten der DBFL (Chemnitz) bzw. in deren Umfeld (Efferen bei Köln) statt. Mit Sicherheit bringt diese Art der Veranstaltung mehr Zuschauer an die Bande. Denn diese laufen automatisch am Spielfeld vorbei und werden auf den faszinierenden Blindenfußball aufmerksam werden. Auch das nach wie vor hohe Medieninteresse wird hierdurch gefördert werden. Ob es gelingen wird, durch diese enorme Steigerung der Öffentlichkeit weitere Teams zu bilden, die in DFB-Vereinen ihre Heimat finden, darf offen bleiben. Wir wollen an anderer Stelle näher auf diese immens wichtige Entwicklung eingehen.

 

Wie gesagt, die Idee der reinen Städteserie fand wenig Anklang bei den Mannschaften. So flammte am Jahresende noch einmal das Feuer der Selbstbestimmung auf. Doch diese Flamme entpuppte sich als Strohfeuer. Letztlich kehrten die Mannschaften in den Schoß der drei Verbände bzw. Stiftungen zurück und vergaben so die letzte Chance, vom ursprünglichen Ligagedanken aus dem Jahre 2007 noch etwas zu retten.

 

Vielleicht ist dies letztendlich nur normal und Ausdruck einer natürlichen Entwicklung. Die Organisation der Liga geht nach einem Jahr der Konsolidierung 2011 neue Wege. Der sportlichen Seite muss daran gelegen sein, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. Gelingt es nicht, ansehnlichen Fußball zu zeigen, bleibt die Faszination dieses Sports dadurch verursacht, dass blinde Menschen frei auf einem Feld herumlaufen und auch noch gegen den Ball treten. Vor allem die Trainer sind nun aufgefordert, ihre Spieler und Spielerinnen so auszubilden, dass guter Sport zu sehen sein wird.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Blindenfußball veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s