Beobachtungen beim Hallenmasters 2010

Vier Jahre rollt nun das rasselnde Leder durch Deutschland. Etwa ein Dutzend Teams haben sich gebildet, die sich teilweise zu Spielgemeinschaften zusammenschließen. Aber was ist mit dem Fußball? Welche Entwicklung hat das Spiel genommen? Zwei Beobachtungen während der diesjährigen Hallenmasters geben Anlass zum Nachdenken.

 

Von Toraus zu Toraus

Es scheint verlockend, einen Großteil der 40 Meter von Tor zu Tor gleich mit dem Abwurf zu überbrücken. Der Hamburger Hallenboden jedoch ließ viele dieser Bälle zu Zuspielen auf den gegnerischen Torwart werden. Auf Kunstrasen sähe das Bild sicher ein wenig anders aus. Allerdings ist es so oder so auffällig, wie viele Abwürfe im Toraus oder beim gegnerischen Keeper landen. Auch die von den Argentiniern in London bei der WM abgeguckte Technik, den Ball in Hockposition zu stoppen, brachte kaum etwas. In manchen Spielen gab es Phasen, in denen der Ball von Torwart zu Torwart wanderte. Die Feldspieler werden zu Statisten. Und dies ist ein Phänomen, dass sämtliche Mannschaften betrifft. Nur ganz wenige Spieler sind in der Lage, etwa 50 % der Abwürfe aufzunehmen. Viele liegen weit unterhalb dieser Quote.

So etwas muss doch auffallen! Es wäre doch naheliegend, mal eine andere Variante ins Aufbauspiel einzubauen. Gemeint ist der kurze Abwurf auf den Verteidiger. Dieser hat in der Regel Zeit und raum, den Ball aufzunehmen. Führt er diesen in die Nähe der Bande, kann er ihn diagonal übers Feld gegen die andere Bande spielen. Selbst wenn ihn dort niemand aufnimmt, verlässt die Kugel nicht wie beim Abwurf das Feld. Sie läuft vielmehr quer durch die gegnerische Hälfte und kann immer noch genutzt werden. Dies stellt einen großen Unterschied zum Abwurf dar. Dieser läuft in ganz anderem Winkel übers Feld und verlässt es viel schneller.

Musterbeispiel nach dem Prinzip Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel: Pass von rechts an der Bande, zehn Meter vor der eigenen Torauslinie – Ball prallt links gegen die Bande auf Höhe der Mittellinie – Abpraller erreicht die rechte Bande auf Höhe der gegnerischen Zehnmeterlinie – Ball rollt vors gegnerische Tor.

Eingeräumt: der Ball hat womöglich nicht genug Schwung, die Banden sind wegen der Verbindungsstücke uneben, auch der Gegner kriegt ihn leichter  etc.

Letzteres kann kein Argument sein, denn dann dürfte der Torwart die Kugel möglichst nicht aus der Hand geben.

Es liegt also klar vor uns, dass ein solcher Pass wesentlich länger im Feld bleibt und wesentlich größere Chancen auf Verwertung hat. Warum wird er so selten gespielt?

Ist es die Angst vorm Ballverlust in der eigenen Hälfte? Kann schon sein; die Gefahr ist tatsächlich gegeben. Doch rückt der gegnerische Angriff weit auf, gibt es ja noch die Variante des langen Abwurfs, der dann in einer freien Zone zwischen gegnerischer Verteidigung und Angriff landet. Ist es Misstrauen gegen die eigenen Verteidiger? Kann sein, aber deren Fähigkeiten wachsen nicht durch Aussparen dieser Spieler. Kurze Abwürfe bringen Ballkontakt. Dieser ist ungeheuer wichtig, um Sicherheit zu gewinnen. Der Spieler fühlt sich erheblich mehr im Spiel. So wird er auch bei den Angriffen des Gegners sicherer agieren. Die Folge sind weniger Fouls und häufigerer Ballgewinn.

Es spricht unterm Strich eigentlich alles dafür, den kurzen Abwurf wieder ins Repertoire des deutschen Blindenfußballs aufzunehmen.

 

Die Doppelecke

Diese Variante des Eckstoßes existiert schon seit Geburt des Blindenfußballs in Deutschland. Sie ist beliebt, sichert sie doch im ersten Moment den Ballbesitz und minimiert das Risiko von Kontern des Gegners. Doch fällt niemandem auf, dass sie so gut wie nie zum Tor führt? Bekommt auch hier die Sicherung des eigenen Tores Vorrang vor der Risikobereitschaft – schon auf der Torauslinie des Gegners?

Derjenige Angreifer, der den Ball übernimmt, steht einer Phalanx von mindestens drei Verteidigern gegenüber. Hat er in diesem Moment keine Anspielstation auf der anderen Angriffsseite, ist seine Situation praktisch aussichtslos. Auch deshalb, weil er aus spitzem Winkel kommt und sich erst eine gute Schussposition erarbeiten muss. Wegen dieser ungünstigen Lage wird dann häufig aus viel zu spitzem Winkel geschossen. Entweder geht der Ball vorbei oder der Torwart fängt ihn milde lächelnd ab.

Chancen hat ein Dribbler nach solch einem Eckstoß nur dann, wenn er blitzschnell den Ball sicher im Halbkreis an den Sechser- oder Achterpunkt führt und abschließt.

Dass dies gegen drei oder vier Verteidiger sehr schwer ist, belegen auch Beobachtungen von der WM in London. Hier wurde der Laufkreis, unser berühmter Halbmond, vergrößert. Der Ballführende lief bis in die Nähe der Mittellinie, um von hier den Angriff praktisch neu aufzubauen oder ein Dribbling anzusetzen.

Wieder fragen wir uns, warum so viele Mannschaften dennoch weiterhin die Doppelecke praktizieren. Es gibt doch Beispiele, wie es anders geht. Und jeder kann sehen, dass aus anderen Varianten heraus eher ein Tor fällt.

Es gibt den Lupfer in den Strafraum. Er hat den Vorteil der Überraschung auf seiner Seite. Der Ball ist erst zu hören, wenn er auftickt. Leider werden zu viele Eckstöße dieser Art noch in die Hände des Torwarts gespielt. Hier gilt es zu üben, dass der Ball außerhalb des Zweiers aufkommt.

Spannend ist die scharfe Ecke vors Tor, die wir auch als St. Pauli-Eckstoß bezeichnen können. Die Hamburger praktizierten ihn zuerst. Hier setzt der Angreifer auf den Zufall, dass der Ball ins Tor abgefälscht wird.

Drittens haben wir den flachen oder leicht gelupften Pass auf den Sechser- oder Achterpunkt. Leicht gelupft ist er schlechter abzufangen als ein flacher Pass (nicht hörbar). Aus dieser Variante heraus sind auf jeden Fall schon Tore gefallen.

Die gespielten Eckstöße haben auch den Charme, dass nur ein eigener Spieler in der Ecke gebunden ist. Selbst wenn sich nur ein Stürmer vorm Tor tummelt, bleiben für die Sicherheitstaktiker zwei Verteidiger übrig.

 

Tore sind das Salz in der Suppe. Dieser Satz ist so alt wie banal. Anliegen dieses Textes ist es, das Angriffsspiel zu verbessern und damit die Attraktivität zu steigern. Es gibt keinen Königsweg im Fußball. Deshalb sind dies hier nur Varianten eines vielseitigen Spiels.

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