Du Opfer!

Wer mit Bus und Bahn fährt oder auf Schulhöfen unterwegs ist, hat den Ausdruck sicher schon gehört. „Du Opfer“ ist seit längerer Zeit eine oft genutzte Redewendung im jugendlichen Sprachgebrauch. Opfer ist hier ein Synonym für „Versager“ oder „Loser“. Ein Schimpfwort, das das Gegenüber beleidigen und erniedrigen soll.

Jugendsprache ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Natürlich wollen sich Jugendliche mit ihrer eigenen Sprache abgrenzen von den Erwachsenen. Trotz allem leben sie mit ihnen zusammen, werden von ihnen erzogen und sind von ihren Werten geprägt. Wenn also das Wort Opfer zu einem Schimpfwort mutiert, geschieht das nicht im luftleeren Raum. Was ist da passiert?

Im ursprünglichen Sprachgebrauch ist ein Opfer ein Mensch, dem etwas Schreckliches widerfährt, ohne dass er eine Chance zur Gegenwehr hat. Beispiele sind Bombenopfer, Folteropfer oder Opfer von Krankheiten etc. Ein wichtiger Aspekt bei dieser Wortauslegung ist die Ohnmacht der Opfer. Sie sind eben nicht Versager, sondern sie sind hilf- und wehrlos schlimmsten Erfahrungen ausgeliefert. Deshalb bedürfen sie des Schutzes und besonders der Solidarität derjenigen, denen es gerade besser geht.

Wenn man jedoch als Opfer keine Unterstützung erfährt, sondern für sein Schicksal selbst verantwortlich gemacht und noch verhöhnt wird, stimmt etwas nicht mehr.

Ich werfe einen Blick auf die Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate. Ja, natürlich rede ich von der Debatte über Flüchtlinge. Die Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen und unter teils furchtbaren Bedingungen versuchen, einen Weg nach Deutschland zu finden. Diese Menschen sind Opfer. Opfer von Bombenangriffen, von Bürgerkriegen, Hunger und katastrophalen Lebensbedingungen. Wie wird über sie bei uns berichtet? Hier einige Beispielwörter: Asylantenflut, Flüchtlingsstrom, Asylantenkrise, usw. usw. Meine besonderen Favoriten sind der Flüchtlings-Tsunami und die Immigranteninvasion. Permanent werden wir mit solchen menschenverachtenden Begriffen bombardiert. Wir nehmen sie wahr, in den Zeitungen, in den Internet-Meldungen, auf den Leinwänden in den U-Bahn-Stationen. Wir kriegen sie ins Hirn gehämmert, ob wir wollen oder nicht. So werden die Opfer semantisch zu Bedrohern gemacht und wir – die Nutznießer der höchst ungerecht verteilten Ressourcen in der Welt – werden zu den Bedrohten.

Da stimmt auch etwas nicht mehr.

Ich komme zurück auf das Schimpfwort „Du Opfer“. Nur in einer entsolidarisierten Gesellschaft, in der  – unabhängig von existierenden Machtstrukturen – ausschließlich das Individuum für sein Scheitern verantwortlich gemacht wird, kann aus einem Opfer ein Versager werden.

Und anders herum wirkt sich die sprachliche Entmenschlichung, wie sie bei den Berichten über Flüchtlinge verbreitet ist, auf die gesellschaftliche Stimmung aus.

Denn Sprache und die Realität, in der wir leben, beeinflussen sich gegenseitig.

In Zeiten, in denen es schon wieder salonfähig ist, den „totalen Krieg“ zu fordern, müssen wir doppelt vorsichtig sein beim Lesen oder Hören von politischen Meldungen. Ist es denn nicht furchtbar erschreckend, dass bei Sarkozys Formulierung kaum ein Aufschrei durch die Medien ging?

Sprache wird von Politikern gerade wieder benutzt zum Vernebeln, Verwirren, zum Hetzen, zum In-den-Krieg-Treiben. Einen Journalismus, der sich kritisch damit auseinandersetzt, gibt es – zumindest in den Mainstream-Medien, kaum.

Abschließend ein Zitat von George Orwell, das mir gerade sehr passend erscheint:
„Politische Sprache ist dazu geschaffen, Lügen wahrhaft und Mord respektabel klingen zu lassen“.

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