Lehrreiches Wochenende

Es begann mit einer Meldung am Mittwoch. Die Allianz zieht ihre Investitionen aus der Kohle zurück. Das habe vermutlich mehr Auswirkung auf das Klima als jeder Beschluss beim anstehenden Gipfel in Paris. Ich recherchierte ein wenig im Netz. Es verdichtete sich die Information, dass es voraussichtlich um 4 Milliarden Euro geht, die die Allianz aus bestimmten Firmen abziehen will. Das sind solche, deren Umsatz zu 30 % oder mehr auf Kohle beruht. E.ON und RWE konnten aus den Meldungen nicht recht entnehmen, ob sie betroffen sind. Je nachdem, wie ihr Konzern betrachtet wird, liegen sie unter oder über dieser Marke. Zum Beispiel liegt RWE bei der Stromerzeugung bei 60 % Kohleanteil, bei Betrachtung des gesamten Betriebsergebnisses des Konzerns aber unter 30 %. Die sogenannten Experten schätzen, dass 50 bis 75 Firmen betroffen sein werden. Also auch recht vage Schätzungen. Weiterhin müssen wir wissen, dass die Allianz auf den weltweiten Finanzmärkten etwa eine Summe von 2.000 Milliarden Euro bewegen kann. Für den Konzern Allianz sind 4 Milliarden Euro also genau zwei Promille der Gesamtsumme. Nicht gerade ein gigantischer Strategiewechsel, wie manch Umweltorganisation feiert. Denn dies ist so, als würden Sie in einer Geldbörse mit 100 Euro Inhalt 20 Cent von einem Fach ins andere legen.

Ob die Allianz nun grüner agiert als vorher und es sich um einen Strategiewechsel handelt, ist doch völlig egal. Interessant für die fossilen Brennstoffe und deren Nutzung ist eine größere Entwicklung, auf die ich bei den Betrachtungen stieß. Die Investoren dieser Welt gehen ein wenig aus Kohle, Gas und Öl raus. Genannt wird da zum Beispiel auch der norwegische Pensionsfond, der vom Osloer Parlament gesteuert im Juni die Order erhielt, sich ähnlich zu verhalten wie jetzt die Allianz. Pikanterweise speist sich dieser Fond aus der norwegischen Ölförderung. Dieser Wechsel des Investments hat aber bei allen Akteuren nichts mit einem grünen Umdenken zu tun. Vielmehr dreht sich der Wind. Investitionen in die fossilen Brennstoffe, deren Förderung und Verbrennung versprechen keine gute Rendite mehr. Das ist der einfache wie einleuchtende Hintergrund. Dass uns dieses Divestment – so heißt das Abziehen von Geld – diesmal gefallen mag, ist Zufall. Das kann bei einem gleichzeitig stattfindenden Investment schon wieder anders sein. Ist aber auch egal. Vielleicht freut sich mancher über diese Geldverlagerung.

Mir jedenfalls scheint sie in der Tat sehr viel wirksamer als jeder mehr oder weniger gute Beschluss in Paris. Ich erwarte ein wochenlanges Gehampel, bei dem jeder mal irgendwelche Wohltaten verkünden will. Die Länder Afrikas wollen zum Beispiel Entschädigung für Schäden durch den Klimawandel. Sicher nicht zu unrecht. Aber viel wird es nicht geben. China wird irgendwas verkünden. Nicht zu früh, gibt es dort doch schon Atemprobleme wegen der Luftverschmutzung. Sie haben es bunt getrieben im Reich der Mitte. Wenn die Ressource Luft schon knapp wird. Auch das Supervorbild Europa ist doch längst keines mehr. Polen setzt auf Kohle, Großbritannien auf Atom. Unsere Energiewende wird in Bayern in die Erde verbuddelt. Das berühmte 2 Grad-Ziel ist doch längst Makulatur. Da ist es gut, wenn die Geldwirtschaft ihren Kurs etwas ändert. Dadurch tut sich viel eher etwas.

Und so wurde überdeutlich, welch Kasperletheater dort in Paris abläuft. Ganz egal, was die dort beschließen, das Handeln der Financiers ist wirksamer. Was China, Russland, Europa oder die USA da halbherzig beschließen, ist völlig egal.

So ganz neu ist die Erkenntnis nicht. Diesmal ist sie nur so greifbar. Mit „Geld regiert die Welt“ wollte ich also meinen Text überschreiben. Neugierig wollte ich mal gucken, wo dieses Sprichwort herkommt. Es wurde erstmals 1616 in Briefen nachgewiesen. Ich stieß aber bei der Suche auf einen ARD-Beitrag aus dem Januar 2014. Der hieß schon so und befasst sich mit der weltweiten Macht weniger Finanzjongleure. Dazu gehört auch die Allianz. Keine Frage. Im Visier des Beitrags stand der Konzern Blackrock aus den USA. Der verfügt über doppelt so viel Kapital wie die Allianz. Das sind dann 4 Billionen Euro. Mal zum Vergleich – der Bundeshaushalt für das kommende Jahr beläuft sich auf 311 Milliarden Euro. Das Vermögen, das Blackrock verwaltet, ist also etwa dreizehnmal so groß. Natürlich sind die Geldhäuser untereinander verflochten. Jedes hat Anteile vom anderen. Keine Krähe hackt der anderen ein Auge aus. Nicht, dass Sie glauben, da herrsche Wettbewerb bei den Oberkapitalisten! Jeder kann nach diesem Bericht sein Weltbild verändern. Jeder sollte das endlich mal tun. Denn Geld regiert die Welt ist kein Sprichwort mehr. Es ist weltweit gelebte Realität. Regierungschefs wie Obama, Merkel, Putin oder Hollande wirken daneben wie eine Schauspieltruppe, die auch mal was entscheiden darf. Aber nichts Entscheidendes, das die Kreise der Geldleute stören könnte. Sie dürfen auf Syrien herumbomben, weil das ja Geld bringt. Sie dürfen Flüchtlinge nach Deutschland lassen, solange das hier den sozialen Frieden nicht nachhaltig stört und damit die Produktion einschränkt. Sie dürfen halbgar aus der Kohle aussteigen. Ist doch egal, die Financiers sind längst weg. Wir dürfen diese Schauspieler wählen. Oder andere. Ist ganz egal. Wir können es auch lassen. Bei 20 % Wahlbeteiligung lassen sich die Mehrheiten sogar leichter errechnen. Wir in Europa leben ganz gut in diesem System. Wir haben einfach Glück gehabt. Wären wir in Afrika oder Asien geboren, würden wir anders in die Welt gucken. Die haben oft Hampelmänner an der Regierung, die sich skrupelloser die Taschen füllen. Da bleibt dann nichts mehr übrig für Aufbau und Verbesserung der Lebensumstände. Aber wie auch immer so ein Staat organisiert ist, gelenkt wird er letztlich von Geldfirmen. Weder Europa noch die USA oder Russland sind davon ausgenommen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es so ist.

Warum gab es keinen Aufschrei im Januar 2014, als all dies so klar auf dem Tisch lag? Das erklärte mir dann an diesem Wochenende auch noch der Kabarettist Volker Pispers in seinem Programm „Bis neulich 2015“. Er führt da sehr schön auf, dass unsere deutschen Medien in der Hand weniger reicher Familien sind. Und die stehen mit ihren Vermögen den Finanzjongleuren ziemlich nahe. So gab es ein kurzes Aufhorchen, aber bald beschäftigte uns der ADAC-Skandal mit seinen gefälschten Statistiken. Solch leichte Kost ist auch besser zu verdauen. Die Medien galten mal als vierte Gewalt in der Demokratie. Sie sind mittlerweile aufgekauft und gleichgeschaltet. Sie dienen der Ablenkung vom Wesentlichen, um das wir uns kümmern müssten. Was das alles ist, ahnen wir nur manchmal. Denn meist funktioniert ja die Ablenkung.

Wir alle sind in einer Demokratie groß geworden und wir wurden erzogen, an die Grundregeln dieser Staatsform zu glauben. Das war gut so nach der schlimmen Nazizeit. Demokratie ist eine nette Sache. Gleichzeitig sind wir im Kapitalismus groß geworden. Das wird kaschiert mit dem Begriff soziale Marktwirtschaft. Ein bisschen davon wurde in der BRD sicher umgesetzt. Doch ist sie seit der „geistig-moralischen Wende“ von 1983 auf dem Rückzug. Mit dem aufkommenden Neoliberalismus neigte sich die Waage immer mehr hin zur Ökonomisierung. Das Soziale blieb in der leichten Waagschale zurück. Und deshalb scheint es hohe Zeit, das Weltbild zu verändern. Geld regiert inzwischen wirklich die Welt. Es kann in Sekundenschnelle global agieren.

 

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