Quer statt steil

Wir haben Blindenfußballspiele gesehen, die waren phasenweise sterbenslangweilig. Der Ball wanderte von Torauslinie zu Torauslinie. Einzige Aktionen während dieser Minuten waren die Abwürfe der Torhüter. Kein Feldspieler kam entscheidend an den Ball. Im günstigen Fall erreichte der Abwurf den gegnerischen Torwartraum. Dann ging es gleich mit Abwurf weiter. Glücklicherweise sind diese Spielszenen seltener geworden.

 

Deutlich wird in solchen Spielsituationen, dass der gerade gespielte Ball in Richtung Tor des Gegners im Blindenfußball oft nicht das optimale Mittel ist. Das offensiv agierende Team geht ein hohes Risiko ein. Entweder stoppt mein Mannschaftskamerad den Ball oder er ist für mein Team verloren. Entweder läuft er über die Torauslinie oder direkt in die Reihen des Gegners. Dabei ist es gleichgültig, ob die Kugel vom Torwart geworfen oder vom Mitspieler gepasst wird. Weiterer Nachteil dieser Spielweise ist, dass das Leder mit dem Rücken zum Tor des Gegners angenommen werden muss. Erst nach einer Drehung von 180 Grad geht’s wieder in die richtige Richtung.

Einen aufs Tor zulaufenden Ball einfach mitzunehmen oder gar aus vollem Lauf zu schießen, ist nicht unmöglich. Das beherrschen aber nur wenige Könner. Der normal begabte Kicker muss sich an diese hohe Kunst zunächst nicht heranwagen.

 

Aus diesen Beobachtungen folgt wieder eine so simple Schlussfolgerung, dass wir sie kaum zu erörtern wagen. Dennoch birgt sie eines der Geheimnisse des erfolgreichen Kombinationsfußballs.

 

Der dosierte Quer- bzw. Schrägpass ist ein probates Mittel, das Leder durch die eigenen Reihen laufen zu lassen. Einem Pass wohnt die Gefahr inne, dass der Gegner ihn abfängt. Deshalb vermeiden wir in der Regel Zuspiele in Richtung des eigenen Tores. Der Querpass parallel zur Toraus- bzw. Mittellinie ist die defensivste Variante. Üblich ist der Schrägpass nach vorn. Der Adressat ist schon bei der Ballannahme dem Tor des Gegners mehr oder minder zugewandt. Niemals aber kehrt er ihm den Rücken zu. So kann der Empfänger die Kugel stoppen und gleich in die gewünschte Richtung verwerten.

 

Gelingt das Stoppen nicht in der gewünschten Weise, springt das Leder selten in Richtung des eigenen Tores ab. Eher quert es wieder das Feld oder springt sogar in Richtung des eigenen Angriffs. So können unter Umständen ungewollt schnelle Offensivaktionen entstehen. Auch der direkte Torschuss ist bei solch einem Zuspiel wesentlich leichter anzusetzen.

 

Verfehlt der Pass seinen Adressaten, ist der Ball nicht gleich verloren. Die Bande hält ihn in jedem Fall auf und lässt ihn ins Feld zurückspringen. Der Adressat hat nachsetzend die Möglichkeit, die Kugel doch noch unter Kontrolle zu bringen.

 

Neben der Richtung ist auch die Geschwindigkeit des Balles ein entscheidendes Kriterium. Zunächst gehen wir davon aus, dass ein Pass umso seltener abgefangen wird, je härter er gespielt wird. Dies ist im Blindenfußball – zumindest derzeit noch – anders. So sehr groß ist die Wahrscheinlichkeit nicht, dass Verteidiger derart gut hören und sich bewegen, dass sie Pässe abfangen. Diese Gefahr wiegt den Vorteil nicht auf. Denn ein dosierter Pass wird sehr viel häufiger zu stoppen sein als ein scharfer Ball. Unter Umständen verliert die Kugel so viel an Fahrt, dass sie noch leichter aufzunehmen ist. Z.B. durch die Berührung eines Verteidigers. Besonders wichtig wird die richtige Dosis Härte, wenn der Pass durch die Luft gespielt wird. Dieser ist für Freund und Feind nicht zu hören. Das ist Absicht. Sinnvoll wird diese Art des Zuspiels, wenn der Ball in der Nähe des Empfängers aufsetzt und dort eher hoch als weit springt. Dann hat der Mitspieler eine gute Chance, das Leder weiterzuverarbeiten.

 

Scharfe Pässe können künftig ein Mittel des Kombinationsfußballs werden. Entweder sind die Spieler dann in der Lage, auch hart geschlagene Bälle unter Kontrolle zu bringen. Oder ein Team könnte die Bande absichtlich mit einbeziehen. Ein scharf geschossener Querpass könnte als Abpraller zum dosierten Pass in die Spielfeldmitte werden. Der Richtungswechsel des Leders an der Bande verwirrt die Verteidiger. Der Mitspieler allerdings muss vorher bescheid wissen, um diesen Vorteil zu nutzen.

 

So ein Schuss gegen die Bande kann auch das letzte Mittel sein, wenn sich ein Angreifer von Gegnern umringt nahe der Bande wähnt. Er bietet auf jeden Fall ein Überraschungsmoment. Verhindert wird das unselige Einklemmen der Kugel an der Bande. Diese Aktionen sind noch recht häufig zu beobachten. Sie bringen meist wenig, kosten Kraft und Zeit.

 

Mit angemessenem Quer- und Schrägpassspiel kann sich ein Team sehr harmonisch vor das gegnerische Tor bewegen. Es entsteht längerer Ballbesitz. Dies bringt Ruhe und Sicherheit in die eigenen Aktionen. Mehr Feldspieler sind am Angriff beteiligt, bleiben wach und motiviert. „Ball und Gegner laufen lassen“ ist eine ebenso alte wie wahre Maxime des Fußballs.

 

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