Angst und Freiheit

Es war im Jahr 2003 oder auch 2004, als ich das erste Mal nach Brüssel fuhr. Ich weiß gar nicht mehr so genau, warum gerade Brüssel. Die Reiselust war groß, bei Graf-Reisen gab es ein Angebot und die belgische Hauptstadt kannte ich noch nicht. So ist es wohl gewesen.

Manchmal fährt man mit großer Vorfreude in eine fremde Stadt und wird enttäuscht. Mitunter ist es umgekehrt. Du fährst einfach hin ohne große Erwartungen und es wird grandios. So ging es mir mit Brüssel. Dieses kleine Hauptstädtchen hat mich von Anfang an verzaubert. Als ich aus dem Bus stieg, schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Ich stolperte direkt in einen kleinen, fröhlichen Trödelmarkt und anschließend in eins der vielen Straßencafés. Es herrschte ein buntes Treiben, ein babylonisches Sprachgewirr und eine wunderbar freundliche und friedliche Atmosphäre. In den folgenden Jahren wiederholte ich die Brüssel-Reise immer mal wieder und jedes Mal war ich aufs Neue begeistert.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich die Bilder, die sich mir seit dem letzten Montag darbieten. Leergefegte Straßen, kein öffentlicher Nahverkehr, in Eile herumhuschende Menschen mit ängstlichen oder versteinerten Gesichtern. Hinzu kommen die durch die Straßen patrouillierenden Soldaten in Tarnuniform, mit Maske vor dem Gesicht und Maschinengewehren in der Hand. Die sehen so aus, als wären sie einem Kriegsfilm entsprungen.

Nun folgt ein Zitat aus dem Spiegel online von heute (24.11.2015). Ich erfahre folgendes:
„Am Sonntagabend hatte es im Großraum Brüssel einen groß angelegten Terroreinsatz gegeben, 16 Menschen wurden dabei vorläufig festgenommen. Am Montagabend teilte die belgische Generalstaatsanwaltschaft mit: Gegen einen Verdächtigen, der bei den Razzien festgenommen worden war, sei ein Strafverfahren eingeleitet worden. Ihm wird vorgeworfen, einer Terrorgruppe anzugehören und an einem terroristischen Akt beteiligt gewesen zu sein. 15 weitere Verdächtige seien inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt worden, hieß es von der Staatsanwaltschaft“.

Aha, denke ich, und fasse das Gelesene für mich noch mal zusammen. 16 Menschen werden festgenommen und 15 davon wieder freigelassen. Da hat man sich wohl vertan. Gegen einen einzigen wird ein Strafverfahren eingeleitet. Das ist das Ergebnis des Terroreinsatzes, der seit Montag eine Stadt komplett lahmlegt und Angst und Schrecken unter den Bewohnern verbreitet.
Gibt es nun die gesuchten Terroristen nicht oder findet man sie nicht?

Ich kann nicht beurteilen, wie gefährlich die Lage in Brüssel ist. Doch ich kann beurteilen, was die aktuellen Bilder aus dieser einstmals bezaubernden Stadt anrichten. Sie machen mir Angst. Sie machen mir jedoch nicht Angst vor nebulösen IS-Kämpfern, sondern vor dem Aktionismus der Regierenden. Was ich in den Mainstream-Medien absolut vermisse, sind die Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der sogenannten Anti-Terror-Maßnahmen. Wenn wir unsere Städte entvölkern und bis an die Zähne bewaffnete martialische Gestalten in den Straßen patrouillieren lassen, tragen wir unsere Freiheit selbst zu Markte. Wir schaffen mit unserem Handeln doch genau das ab, was wir so krampfhaft bewahren wollen. Man kann natürlich gern darüber streiten, wie viel uns allen eine (vermeintliche) Sicherheit wert ist. Es wird höchste Zeit, dass diese Debatte gesamtgesellschaftlich geführt wird.

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