Aktiver Adressat

„Der Ball ist schneller als der Mann“. Ob auch dieses Zitat vom alten Sepp Herberger stammt, ist nicht bekannt. Wie viele Leitsätze im Fußball klingt er ziemlich banal. Und doch birgt er den Grundgedanken einer Spielphilosophie. Diese ist – wieder wie alles im Fußball – nicht der Weisheit letzter Schluss. Es darf mehrere Wahrheiten nebeneinander geben. Diese Philosophie strebt das Kombinationsspiel an. Sie gibt ihm den Vorrang vor der Einzelaktion.

 

Wir können das Offensivspiel sehr simpel aufbauen: langer Abwurf vom Keeper auf den Stürmer in des Gegners Hälfte. Dieser möge sich durchdribbeln und aus sechs Metern abschließen. So kann es klappen. Letztlich ist der im Recht, der erfolgreich ist. Doch zunehmendes Können der Verteidiger wird diese Art der Erfolgssuche immer mehr erschweren. Ob dies ansehnlich ist, bleibt Geschmackssache. Angezeigt mag dieses Spiel sein, wenn das Team einen überragenden Einzelkönner hat. Im jungen Sport Blindenfußball ist dies hin und wieder zu beobachten. Individualisten ragen durch ihr Talent schnell aus der Masse heraus, die noch Zeit braucht, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Entfalten sich diese Talente ebenfalls, können sie ihren Vorsprung halten. Doch manch einer wird eines Tages an verbesserten Abwehrreihen scheitern.

 

So kommen wir zurück zum Kombinationsspiel und damit zum Thema dieses Textes. Vision ist ein Ball, der zügig über mehrere Stationen nach vorn gespielt und dort von einem Goalgetter verwertet wird. Hält jemand dies bei blinden Kickern von vornherein für unmöglich, ist er an dieser Stelle bereits gescheitert. Doch gibt es einen fassbaren Grund, aus dem blinde Fußballer kein Kombinationsspiel aufziehen könnten?

 

Ballbehandlung ist hier das erste Stichwort. Passen und Stoppen sind Grundfertigkeiten, die von Beginn an geübt werden müssen.

Ziel des Passgebers ist es, dem Ball genau die richtige Richtung und Geschwindigkeit zu verleihen, damit sein Mitspieler diesen perfekt erhält. Das Fußgelenk spürt hierbei, ob dies gelungen ist. Gleichgültig ist, ob mit der Innen- oder Außenseite des Fußes gespielt wird. Entscheidend ist der Erfolg. Nicht jeder Spieler wird hierbei die gleiche Kunst entwickeln. Verbesserung ist aber für jeden möglich.

 

Der Adressat stoppt den Ball in der Weise, dass er ihn augenblicklich weiterverarbeiten kann. Die Kugel klebt am Fuß. Ob er dies unter der Sohle tut, wie es am elegantesten ist oder mit der Innenseite oder in V-Stellung der Füße, ist wiederum gleichgültig. Auch hier ist derjenige auf der richtigen Spur, der den Ball sofort am Fuß hat.

 

Soweit ist dies leicht nachvollziehbar. Kommunikation und Orientierung sind besonders im Blindenfußball wichtige Elemente des Kombinationsspiels. Die Mannschaft soll sich in der Vollendung dieses Spiels tatsächlich „blind“ verstehen. Der Weg dorthin ist weit. Eine Grundvoraussetzung ist die Orientierung auf dem Feld. Ein Spieler muss wissen, wo er sich befindet und wohin er seine Aktion richtet, ohne sich zuvor bei einem der Rufer bzw. beim Torwart rückzuversichern. Der innere Kompass (siehe Kapitel 5) ist hier von großer Bedeutung. Flüssiges Passspiel verträgt keine Einmischung von außen. Vielmehr sollen sich die möglichen Empfänger eines Passes regelmäßig melden. So ist jeder der vier Aktiven über den Standort der anderen im wesentlichen informiert. Ist ein Spieler abgedeckt oder befindet er sich hinter dem Ball, muss er sich erst einmal nicht äußern. Dies mindert die Geräuschkulisse und entlastet das Gehör.

Eingeübte Spielzüge brauchen dieses Melden nicht mehr. In diesem Stadium des Offensivspiels weiß jeder, wo in etwa sein Teamkollege steht bzw. läuft.

 

Rollt erst einmal der Pass übers Feld, geht die Verantwortung für den Erfolg der Aktion auf den Empfänger über. Viele meinen, es sei damit getan, auf der Stelle zu stehen und den Ball zu erwarten. Allenfalls sind sie darauf vorbereitet, ein wenig nach links oder rechts auszuweichen, um einen etwas ungenauen Pass noch zu erreichen. Dies ist nur die halbe Miete. Der Adressat soll die Kugel haben wollen! Er wird aktiv und geht dem rasselnden Leder entgegen. Dies müssen nicht fünf Meter sein, denn dann wird das Spiel zu eng. Oft reichen ein oder zwei Schritte dem Ball entgegen. Situativ kann es sinnvoll sein, aktiv den Weg der Kugel zu kreuzen, falls diese nicht präzise gespielt ist. Diese Aktion des Adressaten beginnt im Kopf. Er muss das Zutrauen zu sich haben, dass er den Ball beherrschen wird. Er soll ihn haben wollen, um ihn nutzbringend zu verwerten. Kein Zweifel darf aufkommen, dass dies „sein Ball“ ist. Dies wirkt auf den Verteidiger entmutigend und fördert den Erfolg der Aktion ungemein. Der bloße Empfänger des Passes wird zum aktiven Adressaten. Mit wachem Geist wird auch die Weiterverarbeitung des Leders sehr viel besser gelingen.

 

Beim aktuellen Stand des Regelwerks muss der Bundesligakicker bei dieser Aktion unbedingt auf das voy achten. Er bewegt sich aktiv auf einen freien Ball zu. Übernimmt er die Kugel ohne voy, wird dies als Foul geahndet.

 

Wie eingangs gesagt gibt es neben dem Kombinationsfußball andere Wege, die zum Erfolg führen. Dribblings, Standards, kick & rush – all das sind Wege zum sieg. Der Königsweg aber ist das Kombinationsspiel. Der Blindenfußball bliebe ein armer Sport, würden sich die Teams hier unnötige Grenzen setzen. Angepasst an die Fähigkeiten der Mannschaft bietet der Kombinationsfußball eine großartige Möglichkeit, den eigenen Erfolg und die Sympathie der Zuschauer zu erringen.

 

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