Das gelbe Fahrrad

Gern erzählen wir manchmal die Erlebnisse von Freunden. Dieses hier ereignete sich in Mülheim am Ende eines Postboten-Arbeitstages.

„Ich war bestens gelaunt bis fast zum Ende. Aber gegen 16 Uhr hatte ich leicht  die Schnauze voll und beeilte mich, um fertig zu werden. Die Straße zog sich steil bergab und war nicht besonders breit. Zuerst wollte der Kleinbus, der über Kettwig herumfährt, an meinem E-bike vorbeifahren und konnte es nicht. Der Fahrer war gereizt. Reiz traf auf Reiz und der Postbote schmiss verachtend die Briefe, die er in der Hand hielt, wütend zu Boden, um sein Fahrrad mehr an die Straßenseite zu bewegen, damit der Kleinbus vorüber konnte.

Wie das Gesetz von Ursache und Wirkung funktioniert, zeigte sich kurze Zeit später. Auf der gleichen Straße, 10 Nummern weiter, wo der Weg noch steiler nach unten wurde. Unser Postbote wollte zur Hausnummer 13, um einen großen Brief der Frau zu reichen, die rausgekommen war, um ihn in Empfang zu nehmen. Er las was Unstimmiges in ihrem Gesicht, drehte sich um und sah, wie das Fahrrad sich selbständig machte, langsam Fahrt aufnahm und den Berg herunterrollte. Mit dem großen Brief noch in der Hand rannte unser Held wie ein 100-Meter-Lauf-Sprinter hinterher. Er schaffte es sogar, das Rad an der hinteren Postkiste zu packen. Fehler!

Hätte er es am Metallgestell gepackt, alles wäre womöglich gut gegangen. So sprang die Kiste aus ihrem Halt heraus. Der Mann rutschte auf dem nassen Asphalt durch den Ruck weg und landete unsanft mit Kiste und Post auf dem Boden. Da saß er und konnte nur dem Rad hinterher starren, wie es immer mehr an Fahrt gewann und schnurstracks geradeaus ein Auto ansteuerte, dessen Fahrer wie gelähmt auf den unvermeidlichen Zusammenprall wartete. Es war nichts mehr zu machen. Der Knall war heftig. Die übrige Post, eine gute halbe Kiste voll, flog durch die Gegend und verteilte kleine und große Briefe schön durcheinander, was den Postboten fast mehr ärgerte als der Unfall selbst. Eine filmreife Szene. Unser Mann saß immer noch da und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Der Fahrer stieg aus, war sehr liebenswürdig und vergewisserte sich zuerst, ob bei dem Postboten alles in Ordnung war. Eine andere Frau, die zufällig da war, wollte die Briefe aufsammeln, was der Postmann dankbar verneinte, da er hoffte, irgendwie die Reihenfolge so besser wieder zusammen zu kriegen. Am schönsten aber war die Frau von Haus Nummer 13. Natürlich hatte sie das Ganze verfolgt und war kurzerhand inzwischen in den ersten Stock ihres Hauses gestiegen.  Sie lehnte sich aus dem Fenster und rief ganz im Ernst: „Wo ist meine Post geblieben? Sie wollten mir gerade die Post in die Hand geben!“

Die Abwicklung des Unfalls war unproblematisch. Da zuckt die Post nicht einmal, da sie, hauptsächlich von der Hektik verursacht, an Arbeitsunfälle gewöhnt ist. Ich muss dabei nichts bezahlen. Das erklärt auch meine Heiterkeit bei der Sache. Müsste ich dafür haften, wäre ich jetzt ruiniert. Um den Schaden an dem Alfa Romeo Sportwagen, dessen edle Front gründlich und mit postgelbem Lack verbeult wurde, wieder gut machen, müsste ich eventuell ein Jahr lang arbeiten.

Heute bin ich da vorbei gefahren mit einem normalen Fahrrad, ich alter Mann! Und habe das Auto gesehen. An der Motorhaube ist zwar eine dicke Beule zu sehen, aber vorgestern sah das in der Aufregung viel schlimmer aus. Die Straße ist da wirklich steil, so dass das Fahrrad an der Stelle wie eine Rakete herunterrollte. Zu sagen ist auch, dass das Standgestell das Fahrrad aufrecht gehalten hat und dass es dadurch ein Eigenleben zu entwickeln schien und den starken Willen, sich diesen Hang, endlich ohne doofen Postboten drauf, volle Kanne hinunterzustürzen.“

Das Gesetz von Ursache und Wirkung stammt aus dem Buddhismus. Es besagt, dass der Mensch in seinem Leben Ursachen setzt. Deren Wirkung tritt irgendwann ein. In dieser Geschichte war vielleicht das unfreundliche Verhalten gegenüber dem Busfahrer die Ursache für das spätere Unglück.

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