Der Freistoß

Über den Freistoß im Blindenfußball zu schreiben, ist ein weites Feld. Unzählige Punkte gibt es, von denen er ausgeführt werden kann. Beinahe ebenso zahlreich sind die Varianten, die gespielt werden können.

Im Blindenfußball gibt es nicht so viele Freistöße wie im sehenden Fußball. Das liegt an der Sonderregel, dass ab dem vierten Teamfoul je Halbzeit ein Achtmeter zu schießen ist. Maximal kann es also drei Freistöße je Team in 25 Minuten geben. Ausnahmen hiervon sind die seltenen Fälle, dass ein persönliches Foul nicht als Teamfoul gezählt und somit ein zusätzlicher Freistoß gespielt wird.

 

Betrachtet werden sollen in diesem Text nicht die Freistöße, die im Raum zwischen eigener Torauslinie und etwa 15 Meter vor des Gegners Tor gespielt werden. Diese sollten tunlichst als Pass zum eigenen Mitspieler gelangen. Vielmehr wollen wir uns auf den Freistoß als Standard konzentrieren, mit dem Torgefahr erzeugt werden soll.

Allen Freistoßvarianten ist gemeinsam, dass ein Verteidiger zur Absicherung in der eigenen Hälfte verbleibt. Dort postiert er sich entweder auf der 8 oder wird vom Keeper auf einen lauernden Angreifer aufmerksam gemacht.

 

Klassisch ist der direkte Schuss aufs Tor. Die zweijährige Ligageschichte hat sowohl Bogenlampen gesehen, die sich aus der Sonne heraus ins Netz senkten als auch abgefälschte, harte Schüsse, die den Weg ins Gehäuse fanden. Viele Treffer aber fielen auf diese Weise nicht. Dies muss die Schützen nicht entmutigen. Der Blindenfußball ist noch sehr jung und die Übungszeit für die Aktiven entsprechend kurz. Ausgefeilte Schusstechnik für den direkten Freistoß steht sicher bei den Trainern nicht sehr weit oben auf ihrem Lehrplan. Dennoch sind vereinzelt auch schon gezielte Freistöße zu beobachten.

Es gibt keinen Grund, aus dem ein blinder Spieler nicht in der Lage sein sollte, den Ball im Stile eines Thomas Häßler ins Tor zu zirkeln. Entsprechendes Talent muss ihm hierfür allerdings in die Wiege gelegt sein. Das entscheidende Gefühl im Fuß kann man nicht erlernen. Üben aber kann der Schütze die Technik, wie der Fuß zu halten ist, um dem Ball Drall zu geben, sodass er eine Kurve fliegt. Eventuell mit Einzeltraining oder in ganz kleiner Gruppe kann durch häufiges Wiederholen und Probieren die Torgefahr gesteigert werden.

 

Der Rufer spielt hierbei eine große Rolle. Durch Klopfen an die Pfosten markiert er die Größe des Tores. Mit diesem Signal kann er unbemerkt weitere Information vermitteln. Er klopft unten oder oben an den Pfosten. Je nachdem, ob ihm ein Flachschuss oder einer in Richtung Querlatte günstiger erscheint. Derjenige Pfosten, der ihm erfolgreicher vorkommt, erhält vier Klopfer und der andere nur zwei.

Sollte dem Rufer das Klopfen vom Schiedsrichter untersagt werden, postiert er sich einfach hinter der günstigeren Ecke des Gehäuses. Dort ruft er zuvor festgelegte Vokabeln, die auf die Höhe der Flugbahn hinweisen. Stichwörter können bspw. Glut für einen Flachschuss und Stern für einen solchen Richtung Winkel sein. Letztlich entscheidet natürlich der Freistoßschütze, wohin er die Kugel zielt.

 

Eine häufig gespielte Variante ist der angetippte Freistoß. Er ähnelt der kurzen Ecke (siehe Kapitel 16). Angestrebt wird das Dribbling von Freistoßpunkt hin zu einer günstigeren Position zum Tor, die nicht von der Mauer verstellt ist. Weil aber ein Spieler den Ball beim Freistoß nicht zweimal hintereinander berühren darf, muss ein anderer Akteur die Kugel antippen, ehe der Schütze ins Dribbling geht. Dies geschieht praktischerweise so, dass der Antipper hinter dem Dribbler steht. Der Ball liegt zwischen den Füßen des Dribblers. Nach dem Pfiff schupst der Antipper den Ball leicht nach vorn. Der Dribbler übernimmt und läuft los. Deutschland erzielte auf diese Weise sein einziges Tor bei der Europameisterschaft 2007 in Athen. Wie die kurze Ecke ist dieser angetippte Freistoß  nur dann erfolgreich, wenn der Schütze schnell den Abschlusspunkt erreicht und dort die Aktion beendet. Zweckmäßig ist es, wenn er sich bereits vor dem Pfiff klar darüber ist, wohin er laufen will und wann der Schuss kommen soll.

Die Verteidiger werden in diesem Fall so schnell wie möglich die Mauer auflösen und den Ballführenden angreifen. In manchen Teams wird für den Angriff auf den Mann bereits vor der Ausführung ein Spieler bestimmt.

 

Die geringe Zahl an Feldspielern gibt einer weiteren Möglichkeit gute Chancen. Die Mauer sollte aus mindestens drei Spielern bestehen, um einen vernünftigen Raum des Gehäuses abzudecken. So bleibt nur ein Feldspieler übrig, der Angreifer abdecken kann. Ist nun das angreifende Team mit drei Akteuren in des Gegners Hälfte, steht automatisch einer frei oder die Mauer ist schmal, wenn sie nur von zwei Verteidigern gebildet wird. Entscheidend ist nun, dass sich die beiden Angreifer so postieren, dass sie einerseits eine gute Position zum Tor einnehmen und zweitens soweit voneinander entfernt stehen, dass sie nicht von einem Verteidiger gleichzeitig gedeckt werden können. Der Freistoß wird nun als Pass in den Fuß einer der beiden Angreifer gespielt. Dieser nimmt den Ball an und schließt die Aktion augenblicklich ab. Um dies einigermaßen frei tun zu können, ist die Geschwindigkeit der Variante von großer Bedeutung. Verspringt dem Adressaten des Passes der Ball, ist der Gegner zur Stelle und der Vorteil dahin. Das Spiel läuft mit einem gewöhnlichen Zweikampf weiter. Nur ein flüssig vorgetragener Ablauf Pass – Stoppen – Schuss wahrt den Vorteil.

Der Weg der Verteidiger aus der Mauer heraus zum Adressaten kann zusätzlich vom dritten Angreifer verstellt werden. Dieser Baustein der Aktion stammt sicher nicht aus der Kiste des Fairplays. Verboten ist er nicht. Dem Adressaten wird etwas mehr Zeit verschafft, ehe die Verteidiger am Mann sind. Allerdings lenkt diese Aufstellung der Stürmer die Aufmerksamkeit der gegnerischen Verteidigung eher Richtung Adressaten als wenn der dritte Angreifer auf der anderen Seite der Mauer steht.

 

Ausbaustufe dieser Freistoßausführung ist der Doppelpass. In diesem Fall wird der Pass zum ursprünglich Ausführenden des Freistoßes zurückgespielt. Dies versucht, die natürliche Abwehrreaktion der Verteidiger auszuspielen. Diese wenden sich instinktiv dorthin, wohin der Freistoß gespielt wird. Um dem zurückgespielten Ball zu folgen, müssen sie ihre Bewegungsrichtung um bis zu 180 Grad ändern. Dazu braucht der Mensch relativ lang. Diesen Zeitvorteil kann der Freistoßschütze nutzen, um vom Punkt des Vergehens aus nach Doppelpass einen freien Torabschluss zu suchen.

 

Dieser Doppelpass kann variiert werden, indem der Adressat des Freistoßes diesen nicht zum Schützen, sondern zum dritten Angreifer zurück- bzw. weiterspielt.

 

Weitere Variation kann sein, dass sich ein Angreifer als Randfigur in die Mauer stellt. So ist er dann z.B. der vierte Mann in der Mauer. Auf diesen eigenen Mann spielt der Freistoßschütze nun einen dosierten Pass zu. Der Adressat nimmt diesen an, dreht sich und hat freie Bahn. Idealerweise lässt der Adressat die Kugel sogar passieren. So rollt sie weiter Richtung Tor an der Mauer vorbei. Den rollenden Ball schießt er nun aus der Drehung heraus aufs Tor. Diese Aktion hat den Vorteil, dass sich das Leder – anders als beim oben geschilderten Passspiel – bereits Richtung Tor bewegt. Es nimmt den kürzesten Weg in den freien Raum hinter der Mauer. Dieser ist in der Regel nur noch vom Torhüter besetzt. Vom letztendlichen Schützen wird eine große Leistung verlangt. Er muss die Kugel sehr schnell verarbeiten.

 

Letzte Möglichkeit, die wir zeigen wollen, ist der Schuss durch ein Loch in der Mauer. Dieses wird wiederum von einem eigenen Angreifer erzeugt. Diesmal stellt er sich aber nicht als Eckpfeiler der Mauer auf, sondern schmuggelt sich mitten hinein. Dort meldet er sich deutlich hörbar, um dem Schützen seinen genauen Standort anzuzeigen. Mit dem Schuss springt er nach vorn aus der Mauer und zieht dabei die Beine an. Durch das unter ihm entstehende Loch in der Mauer hindurch findet die Kugel ihren Weg aufs Tor. Zeitpunkt des Schusses und Absprung des zweiten Angreifers müssen exakt aufeinander abgestimmt sein. Der Schütze muss punktgenau zielen, um nicht doch den stehen bleibenden Nebenmann seines springenden Angreifers zu treffen.

 

Mit Standards kann ein Team große Torgefahr erzeugen. Sie haben den Vorteil, dass sie im Training gut geübt werden können. Manche Teams – auch in der großen Bundesliga – kaprizieren sich gern auf Standardsituationen. Doch jedem Team sind natürliche Grenzen gesetzt. Nur mit Spielern, die eine entsprechende Begabung mitbringen, kann ein Trainer die jeweiligen Varianten einüben. Begabung lässt sich zu Können ausbauen, doch fehlende Begabung wird zur Stümperei.

Die Vielzahl der möglichen Freistöße bietet zum einen die Chance, sich für die eigenen Akteure passende Formen herauszusuchen. Diese Vielzahl bietet Gelegenheit, im Spielverlauf abzuwechseln. Dies macht es dem Gegner schwerer, sich auf die kommenden Aktionen einzustellen.

Geduld ist unbedingt erforderlich, ehe ein Team zwei oder drei Standardvarianten erfolgversprechend beherrscht.

 

Deshalb sollte sich der deutsche Blindenfußball die Zeit geben, um diese Fußballkunst zu erlernen, zu verfeinern und dann dem Publikum einen weiteren Baustein ansehnlichen Blindenfußballs bieten zu können. Keinesfalls darf er den Kardinalfehler begehen, bestimmte Varianten von vornherein für unmöglich zu halten.

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