Am Rande

Als Buddhist glaube ich, dass das Leben ewig währt. Es hat zwei „Zustände“, wie wir Buddhisten sagen. Den aktiven und den latenten. So deutlich lernte ich dieses Verständnis bei der kleinen buddhistischen Trauerzeremonie, die mein Freund Mario gemeinsam mit Toshi für Sibylle ausrichtete. Wie so oft beim Buddhismus sprach mich dieser Glaube sofort an. So übernahm ich ihn.

Heute hörte ich von einer 94jährigen Frau, die im Seniorenheim ihrem sogenannten Tod entgegenlebt. Sie liegt ruhig in ihrem Bett, in dem sie die letzten zwei Jahre schlief. Bis vor kurzer Zeit war Lotte, wie wir sie nennen wollen, noch munter und lief herum. So ganz rational war ihr Wesen nicht mehr. Dafür umso herzlicher. Auch in dem Zustand dachte ich bereits glücklich an Lotte. Sie bekam noch so ein bisschen aus der Realität mit. Zum Beispiel wusste sie, dass eine gute Freundin nun im Seniorenheim lebt. Andererseits geriet Lotte Vieles durcheinander. Menschen, die sie kannte und mochte, nahm sie aber auf einmal in den Arm. Das hatte es früher nicht gegeben. In Not hätte sie jederzeit geholfen. Doch das Herz schlug hinter einer hohen Mauer. Ich dachte an Lottes Zustand als glücklich. Sie mag die Menschen um sich herum. Von den ewigen Bedrängnissen des Alltags hat sie sich gelöst. Ihr war es vermutlich nicht mehr so wichtig, ob sie angemessen gekleidet ist. Auch was es zum Mittagessen geben werde, trieb sie nicht um. Erst recht nicht das abendliche Fernsehprogramm. Alles Dinge, die, wie ich es miterlebe, die „gesunden“ Menschen durchaus beschäftigen. Lotte war einfach da und im Augnblick und freute sich ihres Lebens. Manch einer nimmt viele Drogen oder klettert auf den Mount Everest, um so etwas im Ansatz zu erleben.

Nach 94 Jahren befindet sich Lotte nun an der Schwelle zum sogenannten Tod. Nach meinem Glauben an der Schwelle zum latenten Lebenszustand. Zum Glück wird sie im Seniorenheim palliativ versorgt. Lotte leidet keine Schmerzen. Auf Lebensverlängerung pocht niemand. Die nahen Angehörigen sind bereits mit der Organisation der nahenden Trauerfeier beschäftigt. Lotte nicht.

Weiterhin glaube ich daran, dass der Mensch Geist, Körper und Seele hat. Alle drei beeinflussen unser aktives Leben. Seit einiger Zeit kommt die Seele bei Lotte mehr zur Geltung. Der Geist hat ein wenig gelitten. Er arbeitet nicht mehr so richtig. Das gibt der eher leisen Seele häufiger Gelegenheit, sich zu melden. Mittlerweile schläft Lottes Geist zumeist. Dem Körper geht es gut. Schmerzen hat er nicht. Gelegentlicher Durst wird gestillt. Hunger hat dieser Körper keinen mehr. Und auch die Seele scheint in Frieden zu leben. Sonst würde sie den Gesamtfrieden stören und wir würden es sehen können. Die Seele erblickt bereits das Land jenseits des aktiven Lebens. Sie findet es gut. Der Körper ist noch nicht ganz so weit. Deshalb schlägt Lottes Herz noch. Wir wollen ihr gönnen, dass die lebenden Menschn um sie herum tschüss sagen können. Wenn sie Lotte festzuhalten versuchen, zögern sie das Unvermeidliche heraus. Es kommt zu Spannungen in Lotte zwischen Geist, Körper und Seele. Das muss nicht sein.

Solch ein Lebenszustand wie bei Lotte rührt mich zutiefst. Deshalb, weil sie so viel Frieden ausstrahlt. Ausstrahlen kann sie den nur, weil sie ihn in sich lebt. Zerrt nicht jemand von außen, dann gehen alle drei Teile gemeinsam. Wie gesagt, nicht in den Tod. Vielmehr in einen anderen Lebenszustand. Aber das ist hier nicht entscheidend. Für mich strahlt zu allererst Frieden von Lotte aus. Frieden, von dem wir uns einen kleinen Teil mitnehmen dürfen, wenn wir Lotte besuchen. Sie hat reichlich davon. Wir nehmen ihr nichts weg. Wir können im aktiven Lebenszustand Lottes Frieden nicht kopieren. Denn wir stehen nicht am Rand. Aber seinen Kern können wir erkennen. Dieser Kern ist auch für das Beieinandersein unseres wacheren Geistes, unseres bedürfnisreicheren Körpers und unserer lebendigen Seele heilsam.

 

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