Das Intervallspiel

Ungezählt sind die Ideen, Strategien, Meinungen und Theorien, wie ein Fußballspiel zu gewinnen ist. Wir wollen uns im Folgenden einem bestimmten strategischen Ansatz zuwenden. Er basiert auf dem Gedanken, dass ein Spiel mit 50 Minuten viel zu lang ist, um nur eine Strategie zu beherbergen. Vielmehr kann man die Partie in Phasen einteilen, um durch Variation den Gegner vor zusätzliche Aufgaben zu stellen.

 

Bedingung für diese taktische Finesse ist zunächst einmal, dass die Spieler hinreichend geschult oder erfahren sind, um sich während der laufenden Partie geistig aus dem Bann des Spielverlaufs zu lösen und diesem bewusst eine neue Richtung zu geben. Theorie- und Taktikschulung sind also unabdingbar. Gerade dem Blindenfußballer muss das Spielfeld plastisch vor Augen geführt werden. Zur einfacheren Vermittlung dient hier z.B. die Feldeinteilung mittels Telefontastatur (siehe Kapitel 8). Weiterhin muss den Spielern klar sein, wie sich das gegnerische Team auf dem Feld postieren kann oder soll. Erst wenn dies fest verankert ist, hat der Trainer die Basis, seine Absichten verständlich an seine Schützlinge heranzutragen.

 

Die Einteilung des eigenen Spiels in Intervalle folgt der Maxime, möglichst selber den Verlauf der Partie zu bestimmen. Das eigene Team muss bereit und willens sein, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. Gelingt dies, hat sich die Mannschaft schon einmal einen gehörigen Vorteil verschafft.

 

Unter Berücksichtigung der eigenen Charaktere sowie deren aktuellem Leistungsstand kann der Trainer bspw. vorsichtig beginnen. In den ersten zehn Minuten rücken dann nur die beiden Offensiven in des Gegners Hälfte vor. Bei Ballbesitz des Gegners ziehen sich alle vier Feldspieler bis auf 15 Meter vor das eigene Tor zurück. Dann wird auf Offensive umgeschaltet. Nun geht immer ein Verteidiger mit nach vorn. Die Offensiven stellen die Gegner bereits vor der Mittellinie zum Zweikampf. Diese druckvollere Phase kann bis zur Pause durchgehalten werden. Zu Beginn von Hälfte zwei kann diese Drangphase noch einmal intensiviert werden, um dann nach fünf Minuten wieder in defensive Spielweise umgestellt zu werden. Möglich ist dann wiederum eine Schlussoffensive ab Minute 45.

 

Dies ist freilich nur eine von vielen Varianten. Anstatt zwischen offensiv und defensiv zu wechseln, kann der Schwerpunkt der Angriffsseite getauscht werden. Greift das Team zunächst vorwiegend über links an, kann dies ab Minute 15 über rechts erfolgen. Versucht die Mannschaft es zunächst über Einzelaktionen, kann für zehn Minuten das Passspiel forciert werden, um dann wieder umzuschalten. Abwürfe können phasenweise lang oder kurz gespielt werden. Sie können aggressiv oder behutsam erfolgen.

Der Blindenfußball bietet durch die Möglichkeit des Timeout wie des häufigen Wechselns ausreichend Gelegenheit für den Trainer, Phasenwechsel anzusagen bzw. vom Wechselspieler ansagen zu lassen. Zeit für viele Worte ist nicht. Deshalb müssen die vorgesehenen Varianten im Training geübt und vor dem Spiel besprochen werden. Denn nur Spieler, die die Gedanken des Trainers kennen und verstehen, können diese konstruktiv umsetzen.

 

Fehlt es am nötigen Verständnis, kann eine solche Umstellung zur Verunsicherung einzelner Spieler oder gar des gesamten Teams führen. In diesem Fall wirkt das Intervallspiel kontraproduktiv. Die Mannschaft muss als Ganzes funktionieren und das neue Intervall spielen. Macht ein Mannschaftsteil nicht mit, zerfällt das Team und gefährdet den Erfolg. Dies sind Gefahren, die der Coach einkalkulieren muss.

 

Gelingt aber das punktgenaue Setzen der Intervalle, kann hiermit eine Menge erreicht werden. Ein „eingeschläferter“ Gegner kann plötzlich überrascht werden und den entscheidenden Treffer kassieren. Ein Team, dass unter Druck gesetzt wurde und nun plötzlich Freiraum bekommt, muss mit diesem erstmal etwas anfangen können. Überraschung und Verunsicherung sind zwei Effekte, die beim Gegner erzielt werden können. Dieser kommt ins Nachdenken und gerät damit ins Hintertreffen.

 

Aber auch für den aufmerksamen Zuschauer bietet das Intervallspiel eine zusätzliche Variation im Blindenfußball. Hier wird dann neben dem Sinn fürs Spektakel und die sportliche Leistung auch der Intellekt angesprochen. Ein Pluspunkt für jedes Team, dem neben dem Erfolg auch an der Popularität der eigenen Farben und der Sportart gelegen ist.

 

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