Das neue Voy

In Kapitel 10 ist die Funktion und Bedeutung des Rufes ausführlich erörtert worden. In Vorbereitung auf die Saison 2009 erarbeiteten die Schiedsrichter der DBFL ein deutsches Regelwerk. Hierin wird vorgeschrieben, dass ein Spieler bei jeder Bewegung zum Ball hin voy zu rufen hat. Dabei ist es gleichgültig, ob dieser von einem Gegner geführt wird oder frei über das Spielfeld rollt. Aus einer Entfernung von drei Metern ist der Angriff auf den Ball anzukündigen.

 

Tragendes Motiv für diese Regelerweiterung ist gewiss das Erhöhen der Sicherheit auf dem Spielfeld. Auf den freien Ball wird möglicherweise in noch größerer Geschwindigkeit zugegangen als auf die geführte Kugel. Der Ball kennt keinen Schmerz. Er ist das Objekt der Begierde. Jeder Spieler holt ihn sich gern und gibt ihn am liebsten nur als Torschuss wieder ab. Durch die Verpflichtung, sich bemerkbar zu machen, wird der Akteur in seinem Eifer gebremst. Seine Mit- und Gegenspieler werden gewarnt. Insofern erfüllt diese Regel sicherlich ihren Zweck. Allzu heftige Zusammenstöße beim Zugriff auf den freien Ball werden vermieden.

 

Doch diese Regel hat auch ihre Tücken. Was ist mit dem Spieler, der sich kaum bewegt, weil der Ball bspw. als Abwurf vom Keeper auf ihn zuläuft? Dieser muss laut dem Regelwerk keinerlei Äußerung tun. Doch was ist mit dem Spieler, der einen oder zwei, vielleicht ganz kurze Schritte auf den Ball zugeht? Ist der dann bereits verpflichtet, diese Aktion mit voy zu begleiten?

Wie weit darf einem ballführenden Spieler die Kugel vom Fuß springen oder laufen, ehe er sie wieder mit voy zurückerobern muss? Gerade bei schnellen Dribblings kann es geschehen, dass dem Spieler das Leder zwei Meter vom Fuß geht. Damit hat er die Kugel aber noch lange nicht verloren, weil sie immer noch in die gewünschte Richtung rollt.

 

Den Schiedsrichtern wird in diesen Fällen eine große Aufgabe übertragen. Sie haben Ermessensspielraum und müssen entscheiden, wann ein voy nötig ist und wann nicht. Die Entscheidung für Foul kann weitreichende Konsequenzen haben. Zum einen unterbricht jeder Pfiff den Spielfluss und kein Match gewinnt durch häufige Unterbrechungen. Zum anderen sind da die kumulierten Fouls je Team und Halbzeit. Ab dem vierten Teamfoul je Halbzeit gibt es den Achtmeter-Strafstoß. Dies ist eine große Torgelegenheit und kann ein Spiel stark beeinflussen. Insofern hat die Entscheidung über das fehlende voy eine sehr große Bedeutung.

 

Regeln können umso leichter eingehalten werden, je simpler und klarer sie sind. Zum Vorteil für Spiel, Aktive und Schiedsrichter sollten sie so nachvollziehbar sein wie möglich. Das neue voy lässt Zweifel.

 

Die absolut gute voy-Regel wird es nicht geben.

Die IBSA-Regel verlässt sich darauf, dass die Spieler bei Erreichen des Balles mehr oder weniger Abstoppen. Meist kommen sie aus verschiedenen Richtungen und treffen frühestens am Ball zusammen. Dort haben sie ihr Tempo bereits gedrosselt.

Die DBFL-Regel will den Spieler in bestimmten, zusätzlichen Situationen hörbar machen. Sie bringt aber die beschriebenen Zweifelsfälle hervor.

Gehen wir nun noch einen Schritt weiter und schreiben das voy für jeden Spieler vor, der sich irgendwie bewegt, muss sich auch derjenige mit voy kenntlich machen, der den Ball direkt am Fuß hat. Das maximiert die Sicherheit. Es erhöht den Lärmpegel. Der Ballführende wird in seiner Konzentration auf Spielgerät und Spiel beeinträchtigt. Kurz: die Spielkunst leidet.

Schreiben wird das voy für jede Bewegung vor, außer der Spieler hat den Ball am Fuß, entstehen augenblicklich die oben beschriebenen Zweifelsfälle im Tempodribbling.

 

All die in Kapitel 10 genannten Argumente für Sicherheit und Spielkunst gelten ein Jahr später immer noch. Will die DBFL attraktiven Fußball zeigen, muss der Ball rollen. Will man junge Spieler und ihre Eltern für Blindenfußball erwärmen, muss vielleicht große Sicherheit gewährleistet werden.

Mag sein, dass auch in diesem Herbst wieder eine Regelkommission einberufen wird, die sich über diese Dinge Gedanken macht. Letztlich gilt: der Schiedsrichter hat immer recht.

 

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