Berichterstattung 2008

Der Behindertensportler in Deutschland ist daran gewöhnt, dass seine Leistungen, seine Siege und Niederlagen von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden. Zuschauer verirren sich nur wenige zu den Sportstätten. Meist stehen am Rand ausschließlich Verwandte, Freunde und Bekannte der Aktiven. In der Lokalpresse wird dann berichtet, wenn die Vereine die örtlichen Zeitungen mit Berichten versorgen. Das Fernsehen sieht man sehr selten auf den Schauplätzen der Wettkämpfe von Behinderten. Dieses Los teilen die Sportarten mit sehr vielen anderen, denn das Fernsehen kennt vorwiegend nur einen Sport: den Fußball.

 

So fand der Behindertensport Blindenfußball plötzlich ein derart großes Medienecho, dass die Sportler anfangs nicht wussten, wie ihnen geschah. Es muss dieses Zauberwort sein, das die Türen öffnet. Fußball interessiert die Menschen. Blinde, die Fußball spielen, tun dies ebenfalls. Presse, Funk und Fernsehen berichteten ausführlich von der ersten Bundesligasaison im Frühjahr 2008.

 

Der Behindertensport hat die Zeit der „Tränendrüsenberichte“ hinter sich. Es stehen nicht mehr die Behinderten im Mittelpunkt, die mit Hilfe ihres Sports auch einmal Licht in ihr trübes Dasein bringen. Die Generation der Blindenfußballer tritt ganz anders auf. Viele der Aktiven stehen mit beiden Beinen im Leben und mit diesem Bewusstsein auch vor Kamera und Mikrofon. Die Stimmung der Berichte reicht von Information über Anerkennung bis hin zu lebendigem Abenteuer.

 

Im Vordergrund steht i.d.R. die Information darüber, wie Blindenfußball funktioniert. Der Ball rasselt. Die Feldspieler sehen nichts, der Torwart schon. Seitenbanden halten den Ball im Spiel. Trainer, Torwart und Rufer geben Hinweise. Gerade diese letzte Information scheint vielen Menschen den Blindenfußball erst begreifbar zu machen. Obgleich wir an vielen Stellen gesehen haben, dass es anders ist, verharren die Menschen zunächst einmal in der Vorstellung, Sehende wiesen die Blinden an. Vor allem bewegte Bilder mit entsprechendem Kommentar führen vor Augen, wie dynamisch und rasant Blindenfußball sein kann und wie eigenständig die guten Spieler agieren.

 

Weitere Intention vieler Berichte ist der Hinweis auf Veranstaltungen, die besucht werden können. Im Frühjahr 08 waren dies vor allem die Spieltage der Pilotsaison in Berlin, Dortmund und Stuttgart.

 

Sportberichte im herkömmlichen Sinne mit Bewertungen, Kommentaren und Ausblicken blieben vorläufig weitgehend aus. Hierfür war und ist der Informationsstand über die Teams und Einzelspieler viel zu gering. Wünschenswert ist, dass sich dies im Laufe der Zeit ein wenig ändert.

 

Erste Ansätze hierfür hätte eine Internetplattform bieten können, die von zwei Gründervätern der Liga betrieben wird. Verantwortlich für die Seite blindenfussball.net sind Kristian Mann und Manuel Beck. In Kooperation mit dem DBS berichten sie von der Bundesliga, der Nationalmannschaft und allem, was sich im deutschen Blindenfußball entwickelt. Von diesen Insidern hätte man vielleicht mehr als Dokumentation erhoffen können.

 

Anlässe gibt es durchaus. Die Nationalmannschaft wird nur aus Spielern bestimmter Teams gebildet. Warum werden andere Mannschaften ausgeklammert? Die Schiedsrichter-Leistungen sorgten unter den Zuschauern hie und da für große Aufregung. Im sehenden Fußball ist dies ein Thema. Der Tabellenletzte nach zwei Spielen stand nach sieben Partien ganz oben auf dem Treppchen. Was ist dort geschehen und warum haben andere federn lassen? Es wäre sicher nicht falsch, wenn sich mit dem deutschen Blindenfußball auch die Berichterstattung hierüber ein wenig weiterentwickelt.

 

 

Fazit 2008

 

Abschließend will und kann diese Sammlung von Themen des Blindenfußballs nicht sein. Die Sichtweise des Torhüters bspw. wurde bewusst ausgeklammert. Hierüber sollten eher die Schlussmänner selber schreiben. Wichtige Fragen wie die Entwicklung des Schiedsrichterwesens oder die Schaffung neuer und angemessener Spielstätten blieben unberücksichtigt. Der Blindenfußball in Deutschland ist sehr jung. Die Zukunft wird zeigen, wie professionell an diesen Baustellen gearbeitet wird. Heikle Themen wie die Anspruchshaltung mancher Aktiver wurden ebenfalls nicht angesprochen. Dies sind Dinge, die sich im Laufe der Zeit einspielen werden.

 

Schön wäre, wenn der Reiz dieses neuen Sports an vielen Stellen durchschimmert. Blindenfußball ist für den Aktiven eine gigantische Herausforderung. Dieser Sport hat so viele Facetten, bietet derart große Entwicklungsmöglichkeiten, dass er jeden motivierten Ballsportler nur begeistern kann. Die hier niedergeschriebenen Überlegungen sollen als Denkanstoß dienen. Vieles kann gleich in Angriff genommen werden, anderes ist noch Zukunftsmusik. Letztlich aber hat der Blindenfußball die Chance, in Deutschland ein anerkannter und einigermaßen populärer Sport auf gutem Niveau zu werden.

 

Hierfür ist sowohl Arbeit in der Breite als auch in der Spitze vonnöten. Bislang halten sich die Blinden- und Sehbehindertenschulen sehr zurück. Hier aber ist der Nachwuchs zu finden, den ein zukunftsträchtiger Sport braucht. Eine deutliche Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den Fußballverantwortlichen und diesen Schulen ist wünschenswert.

Die bestehenden Standorte könnten offener miteinander umgehen. Bislang ist noch sehr viel Konkurrenzdenken prägend für den Umgang miteinander. Das Akzeptieren einer anderen Meinung oder gar einer gegenteiligen Entscheidung fällt vielen sehr schwer. Wird dieser Zustand überwunden, kann sich der Fußball wesentlich besser entwickeln. Nur wenn der Ball rollt, lernen die Aktiven und haben Freude am Spiel. Spielen kann man aber nur miteinander. Greift diese Einsicht um sich, finden häufiger Freundschaftsbegegnungen statt, wird der Fußball lebendiger und ansehnlicher werden. Auf diese Weise wird er seinen Platz in der Sportwelt finden und behaupten.

 

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