Gründung einer Liga

Im Sommer 2007 konzentrierte sich ganz Blindenfußball-Deutschland auf die Nationalmannschaft und die anstehende Europameisterschaft im September. In Windeseile wollte man aus den neun bestehenden Teams die Besten herausfiltern. Von Ende Juni bis Anfang September wurden vier Lehrgänge in Essen und Stuttgart durchgeführt. Zwei Bundestrainer – Ulrich Pfisterer aus Stuttgart und Peter Schreiner aus Essen – wurden installiert. Der deutsche Behindertensportverband trug diese intensiven Bemühungen. Am 20. September flog dann auch ein Team mit acht Feldspielern, zwei Torhütern und diversen Betreuern nach Griechenland.

 

Während dieser turbulenten Ereignisse fanden sich im stillen sechs Aktive zusammen, die etwas anderes umtrieb. Es war der Gedanke, dass die Nationalmannschaft zwar eine tolle Sache ist, aber nur für wenige Auserwählte. Um alle Blindenfußballer Deutschlands regelmäßig an den Ball zu bringen, brauchte man eine andere Idee.

 

Ein Nationalspieler gehörte zum Sextett. Es war Alexander Fangmann aus Stuttgart. Hinzu kamen mit Hasan Caglikalp und Thorsten Peitzmeier zwei Dortmunder. Marburg stellte mit Manuel Beck und Kristian Mann ein weiteres Duo. Reiner Delgado war zu Beginn mit dem deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband im Rücken der Koordinator der Gruppe.

 

Ende September, da sich Deutschlands beste Blindenfußballer in Athen internationale Erfahrung holten, verfasste die Gruppe ein Regelwerk, auf dessen Basis schon im Kommenden Jahr (2008) eine Bundesliga der Blinden und Sehbehinderten ins Leben gerufen werden sollte. In einigen Telefonkonferenzen hatten sich die sechs auf verschiedene Punkte geeinigt. An vieles war gedacht worden. Das IBSA-Reglement bildete dabei lediglich die Grundlage. Es sollte ein großer Wurf werden. Meisterschaftsturniere waren zu wenig, eine Liga mit Spieltagen wie im sehenden Fußball sollte es schon sein.

 

Das vorgelegte Regelwerk war von den sechs Aktiven so überzeugend ausgearbeitet worden, dass Ende November sowohl der DBS als auch die Sepp-Herberger-Stiftung ihre grundsätzliche Unterstützung der Liga bekundeten.

Leitendes Gremium sollte der sog. Ligaausschuss sein, der aus den Reihen der Aktiven hervorgeht. Dieser Ausschuss sollte gleichberechtigt mit den Geldgebern die Liga organisieren. Der Ligaausschuss wird von einer Versammlung aller Teams, der sog. Ligakonferenz gewählt. In dieser Konstruktion findet sich die Geschichte der Ligagründung wieder. Diesmal waren es eben Aktive und nicht Funktionäre, die einen Spielbetrieb anstrebten.

 

Die erste Ligakonferenz fand am 14.12.2007 in Marburg statt. Von allen Teams wurde das Regelwerk anerkannt. Reiner Delgado, Kristian Mann und Thorsten Peitzmeier wurden in den ersten Ligaausschuss gewählt. Er sollte bis Ende Juni 2008 amtieren und die erste Saison durchführen. Kurz vor Weihnachten nahm der Ligaausschuss seine Arbeit auf.

 

Eine Ligagründung in so kurzer Zeit mit so kurzem Vorlauf ist ein echtes Husarenstück. Die Liga sollte starten, ehe noch zwei Jahre seit dem ersten Blindenfußball-Workshop in Deutschland vergangen waren.

Der DBSV hatte sich um die Suche und die Ausbildung von Schiedsrichtern verdient gemacht. Im Anschluss an ein Turnier in Marburg fand dort am 16.12.2007 der erste Schiedsrichter-Lehrgang unter fachkundiger Leitung statt. Bis zum Ligastart gelang es leider nicht, die Ausbildung der Unparteiischen voranzutreiben.

Spielstätten mussten gefunden werden. Diese sollten nicht nur Freiluftplätze, sondern auch Hallen zum Ausweichen bei schlechtem Wetter bereitstellen. Einen festen Außenplatz gab es bis dato nur in Stuttgart. Essens fast abgeschlossene Bemühungen um einen solchen Platz waren am Zerwürfnis zwischen Fußballgruppe und der sie tragenden Behinderten-Sportgemeinschaft gescheitert. Dortmund und Berlin sprangen ein und bewarben sich um die Austragung von Ligaspieltagen.

Die Frage nach den Start- und Sportgesundheitspässen war heikel. Diese Dokumente weisen nach, dass die Aktiven gesundheitlich in der Lage sind und nicht zu viel sehen, um Blindenfußball zu betreiben. Einige Teams taten sich schwer, bis zum Ligastart entsprechende Dokumente beizubringen.

Ein heißer Streit entbrannte um die Frage des Balles. An anderer Stelle wird auf die verschiedenen Fabrikate eingegangen. Bis zum letzten Spiel konnte man sich nicht einigen, sodass jeweils vor Spielbeginn das Los entscheiden musste.

Dies sind nur einige der Sachverhalte, mit denen sich alle Beteiligten vor und während der Pilotsaison beschäftigen mussten.

 

Erster Höhepunkt der werdenden Blindenfußball-Bundesliga war die Kick-off-Veranstaltung am 18.03.2008 in Berlin. Unter großer Anteilnahme von Presse, Funk und Fernsehen stellten die Träger DBS, DBSV und Herberger-Stiftung die neue Liga vor. Ihre Vertreter hatten das Wort in der Pressekonferenz. Ebenfalls anwesend waren der Schirmherr der DBFL, Uwe Seeler, und Dieter Hoeneß als Vertreter von Hertha BSC Berlin.

Nur wenige wussten an jenem Tag, dass eine Wolke die strahlende Veranstaltung trübte. Die Aktiven waren nicht vertreten. Weder der Ligaausschuss noch gar einer aus dem Gründersextett saß auf der Bühne. Man mag dies bedauern, viele werden dies „normal“ finden. Es war eben die Stunde der Repräsentanten.

 

Am 29. und 30. März startete dann die Liga mit Spieltagen in Berlin und Stuttgart. Fortgesetzt wurde der Spielbetrieb am 26. und 27. April in Stuttgart und Dortmund. Zur entscheidenden Schlussrunde trafen sich alle acht Teams am 24. und 25. Mai in Dortmund. Berlin und Würzburg hatten vor Saisonbeginn eine Spielgemeinschaft gebildet.

Jeder hatte einmal gegen jeden gespielt. Die Partien liefen über die vollen 50 Minuten. Das Umfeld war bereits ziemlich professionell organisiert. Das Gründersextett darf zufrieden sein. Innerhalb von sechs Monaten hatten sie eine Saison vorbereitet und in acht Wochen über die Bühne gebracht. Jedes Team hatte 350 Minuten Spielzeit unter guten Bedingungen. Der Blindenfußball in Deutschland rollt.

 

Abschlusstabelle der Pilotsaison 2008

Team                                                 Tore  Dif Pkt

  1. SSG Blista Marburg 7:3 + 4 15
  2. MTV Stuttgart 14:2 +12 12
  3. ISC Viktoria Dortmund 8:3 + 5 12
  4. Rhein/Ruhr (Essen) 6:1 + 5 12
  5. Guide-dogs BSG Mainz 6:6 0 11
    1. SG Würzburg-Berlin 5:7 – 2  8
  6. BBW Chemnitz 1:15 -14 4
    1. FC St. Pauli 2:13 -11 2
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