Turbo Thea

Diese Geschichte ist frei erfunden. Einschließlich des Namens. Wer sich teilweise wiederfindet, kann ja mal darüber nachdenken.

Thea ist eine junge Frau Ende zwanzig. Seit fünf Jahren sieht sie nichts mehr. Vorher war es auch nicht viel. Doch es wurde wohl die falsche Therapie angewandt und dann war es ganz aus. Thea hat das nicht aus der Bahn geworfen. Im Gegenteil. Jetzt will sie es erst recht wissen. Und sie findet, sie hat es geschafft.

Um sechs weckt sie ihr neuestes Smartphone mit ihrer Lieblingsmelodie. Das bringt das Karma gleich auf den richtigen Weg, hat sie in einer buddhistischen Gruppe gehört. Thea findet, das stimmt. Sie wohnt allein in einer 75 qm-Wohnung in der Stadtmitte. Ihr Smartphone ist ein Helfer in vielen Lebenslagen. Zum Beispiel steuert sie viele Geräte in ihrer Küche damit. Weil das Smartphone sprechen kann, ist das kein Problem. Mit Hilfe eines Fachmanns hat sie ihre Küche ganz in schwarz und weiß ausstatten lassen. Das wirkt schon irgendwie stylisch, ist Thea überzeugt. Sie legt ihr Smarty auf den Küchentisch, nachdem sie die Kaffeemaschine angeschaltet hat. Das ist so ein Automat mit einstellbarer Brühzeit und flexiblem Mahlwerk. Thea trinkt nur fair gehandelten Kaffee aus dem Dritte-Welt-Laden. Nun aber geht es erstmal ins Bad zu einem längeren Aufenthalt.

Sie findet, als blinde Frau müsse sie besonders auf ihr Äußeres achten. Deshalb pflegt sie ihre Haut mit Peeling und einer besonderen Morgencreme. Die stammt ebenfalls aus besagtem Laden. Fürs Schminken hat sie sich eine besondere Strategie zurechtgelegt. Dezent, aber doch etwas ausgefallen. Die Handgriffe hat sie stundenlang mit ihrer Freundin geübt. Doch jetzt müssten sie sitzen. Etwas Parfüm und dann die Haare. Die sind leicht in Form zu bringen, denn Thea fühlt ihre Frisur bis in die Haarspitzen. So müsste es gut sein. Der Abstecher zum Kleiderschrank geht schnell, Auch hier hat sie lange geübt. Es herrscht eine bestimmte Ordnung. Wenn sie mal unsicher ist, nutzt sie den Farbscanner. Sie zählt die Tage, wenn sie ihn nutzt. Ziel ist, unter fünf pro Mona zu bleiben. Thea will unabhängig von so vielen Hilfsmitteln für Blinde sein. Die Männerwelt auf der Arbeit ist meist erfreut, wie fesch Thea angezogen ist. Sie bekommt viele Komplimente. Diese quittiert sie gekonnt charmant.

Zum Frühstück gibt es schwarzen Kaffee und ein besonderes Müsli, das sie ebenfalls in besagtem Laden zusammenstellen lässt. Die sind da echt service-affin und haben Nüsse, die es sonst in Deutschland gar nicht gibt. Zum Aufbruch genehmigt sich Thea die erste Zigarette des Tages. Mit kokettem schlechten Gewissen. Weil Sie wissen ja … Rauchen ist nicht so angesagt. Aber das hatte sie sich mit sechzehn angewöhnt.

Thea ist Übersetzerin und arbeitet als freie Mitarbeiterin in einem größeren Büro für Fremdsprachen. Den Weg hat sie ebenfalls mit einer Freundin geübt. Professionelle Hilfe für Blinde braucht sie nicht. Sie schnappt sich ihren schneeweißen Stock und los gehts. Weit ist es nicht. Leider gibt es die eine oder andere Straßenquerung ohne Ampel. „Nein danke, ich schaffe das“, sagt sie meist zu den Passanten, die ihr helfen wollen. Ihr Ehrgeiz ist es, auf dem bekannten Weg möglichst selten mit dem Stock irgendwo anzustoßen. Am Eingang zum Büro notiert sie sich die Zahl in ihr Smarty. Gehört hat Thea von einem Gerät, dass sie direkt um alle Hindernisse herumführt. Leider hat dieses Gerät noch keine Karten für ihre Heimatstadt. Sonst wäre das die Errungenschaft. Endlich laufen wie die anderen. Nachteil wäre lediglich das Aussehen. Das schönste Outfit leidet ja unter sichtbaren Kabeln oder Ohrsteckern. Vorläufig muss es also so gehen. Heute erwischte sie zwei Schilder, die sie häufig schon ohne Berührung umrundet hat. Es gibt mit fünf Berührungen ein mittelmäßiges Ergebnis.

Im Büro plaudert sie wie immer erstmal mit der Sekretärin. Ein guter Draht zum Fußvolk bewährt sich. Sabine hat Katzen. Darüber spricht sie am liebsten. Thea hat zwar nichts für diese Leisetreter übrig, hat sich aber schon vieles gemerkt, was Sabine erzählt hat. Deshalb haben die beiden ein prima Verhältnis. Auch Sabine ist häufig begeistert von Theas neuesten Einkaufserfolgen.

Im Büro hat Thea einen blindengerecht ausgestatteten Arbeitsplatz mit Sprachausgabe und Braillezeile. Die Sprachausgabe ist genau auf die Sprachen programmiert, die Thea spricht: Englisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch. Dieses Gerät spricht so schnell, dass niemand es verstehen kann. Thea arbeitet nämlich genauso zügig wie ihre sehenden Kollegen. In der Mittagspause ist sie mit Wolfgang verabredet. Ihr Kollege ist 32, zweifacher Vater und ein bisschen verliebt in Thea. So gehen sie um zwölf leicht eingehakt in ein nahe gelegenes Bistro. Ihren Stock lässt Thea im Büro. Sie freut sich immer, wenn den Leuten gar nicht auffällt, dass sie blind ist. Glücklich ist sie darüber, dass ihre Augen gar nicht krank aussehen. Leider reicht der Sehrest nicht mehr, um den Menschen direkt in die Augen zu sehen. Deshalb fällt es doch manchmal auf. Es gibt einen kleinen Salat und eine Tasse Tee. Das Rauchen verkneift sie sich. Wie würde das denn aussehen? Asche könnte die Kostümjacke beschmutzen. Außerdem ist es ja überhaupt nicht angesagt.

Pünktlich um vier kann Thea heute Feierabend machen. Das ist gut, denn sie ist mit Volker fürs Training mit anschließender Sauna verabredet. Zu Hause hat sie ein wenig getrödelt, so dass sie die letzten Meter rennen muss, um noch den Bus zu erreichen. Leider war da ein alter Mann im Weg, den sie natürlich nicht gesehen hat und beiseite stößt. Thea tut so, als habe sie das gar nicht bemerkt und springt in den Bus. Schnell steckt sie ihren Stock unter die Jacke. Sonst bietet ihr womöglich jemand den Behindertensitz an. Nein, diesmal tippt ihr ein etwa 45jähriger Mann auf die Schulter und sagt leise: „Das war nicht die feine englische Art mit dem Mann da draußen.“ Thea spürt, wie ihr das Blut in die Wangen steigt. „Oh was war denn? Ich habe niemanden gesehen“, sagt sie und zeigt vorsichtig ihren Stock. „Oh Verzeihung, das wusste ich nicht. Aber vielleicht nächstes Mal etwas vorsichtiger.“ Der Mann entfernt sich. Ein bisschen mulmig ist Thea schon, weil sie ihre Behinderung in den Vordergrund schob, als es nützlich war. Naja, aber der hätte auch besser gucken können, dieser Opa.

Im Fitness-Center ist Thea total selbständig. Schließlich kann sie ein Mann ja auch nicht in die Damenumkleide begleiten. Leider kriegt sie die begehrlichen Blicke der Männer nicht so richtig mit, als sie mit ihrem Sport-Outfit auf das Laufband steigt. Das wird mit einem Touch-Screen eingestellt. Thea kommt ungefähr klar. Manchmal jedoch muss sie schneller oder länger rennen als sie möchte. Dann tut sie so, als habe sie das gewollt. In der Sauna ist alles easy. Thea ist ganz vorsichtig, um keinen Nackedei unsittlich zu berühren. Mit Volker unterhält sie sich zwanglos über den gestrigen Tatort.

Der Rückweg nach Hause klappt besser. Keine Berührung. Stolz tippt Thea eine Null in ihr Smarty. In ihrer Wohnung wartet schon ihre Partnerin Silke, mit der sie den Abend verbringen will. Sie hat noch einen guten Rotwein im Keller und Silke wollte ihre neueste CD mitbringen. Die neue Aufnahme irgendeines Mozartstückes. Das wird sicher ein entspannter Abend in trauter Zweisamkeit. Während Silke sich zum Schlafengehen fertig macht, wertet Thea noch schnell die heutige Statistik aus. 17mal angestoßen, das ist ein Mittelklassewert. Den Opa zählt sie nicht. Den vergessen wir mal. Als Silke ins Schlafzimmer kommt, legt Thea ihr Smarty auf den Nachtschrank.

 

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