Der Eckstoß

Die Regeln für das Entstehen und Ausführen eines Eckstoßes sind im Fußball der Sehenden mit dem der Blinden identisch.

Diese sog. Standardsituation birgt im sehenden Fußball ein nicht zu unterschätzendes Gefahrenpotential für das Tor des Gegners. Der ruhende Ball kann vom Angreifer frei in den Strafraum der Verteidiger, vor das Tor des Gegners gespielt werden. Dort lauern bereits mehrere Angreifer, um diesen Ball per Kopf oder Fuß direkt zu verwerten. Dieser Spielzug auf relativ engem Raum kann im Training sehr gut geübt werden. Manche Teams kaprizieren sich sogar auf die Verwertung dieser Torchance. Sei es wegen der Vorliebe ihres Trainers oder aus Rücksicht auf besondere Fähigkeiten ihrer Angreifer.

Im Blindenfußball kommt es etwa in gleicher Häufigkeit zu Eckstößen wie im sehenden Fußball. Der Eckstoß birgt jedoch bei weitem kein so großes Gefahrenpotential wie im sehenden Fußball. Ursache hierfür ist einer der entscheidenden Unterschiede zwischen beiden Spielarten dieses Sports. Der blinde Angreifer ist fast gar nicht in der Lage, fliegende oder scharf getretene Bälle mit nur einer Berührung kontrolliert in eine bestimmte Richtung zu lenken. Einfacher gesagt, er ist weder in der Lage, hereinschwebende Flanken zu köpfen noch scharfe flache Pässe ins Netz zu drücken. Geschieht dies einmal, muss man wohl von Zufall sprechen.

 

Offensive Perspektive

Was folgt aber aus diesem Faktum? Sicherlich ist erstes Bestreben der angreifenden Mannschaft, den Eckstoß nicht zu einer Konterchance für den Gegner werden zu lassen. So bleibt i.d.R. mindestens ein Verteidiger zur Absicherung in der eigenen Hälfte. Wie aber ist der Eckstoß auszuführen, um ihn zu einer Gefahr für des Gegners Tor werden zu lassen? Verschiedene Varianten sind für die ausführenden Angreifer denkbar.

 

Häufig wird der Ball als sog. Kurze Ecke gespielt. Der Eckstoßschütze passt den Ball über ein bis zwei Meter zu einem weiteren Angreifer. Dies geschieht noch unbedrängt, weil der erste Verteidiger fünf Meter Abstand zum Ball haben muss, bevor dieser gespielt ist. Nun versucht sich der Angreifer, den Ball abschirmend, im Bogen in eine günstige Schussposition zu dribbeln. Dabei bewegt er sich bspw. in etwa parallel zur Strafraummarkierung. Nur selten kommt es aus dieser Aktion heraus zum erfolgversprechenden Abschluss. Ein geschickter Verteidiger lässt allenfalls eine Schussbahn frei, die im spitzen Winkel auf den in der kurzen Ecke wartenden Torhüter zuläuft. Orientiert sich der Ballführende weiter in die Mitte, um eine günstigere Schussbahn zum Tor zu erreichen, gerät er in den vorm Tor wartenden Pulk der Verteidiger. Sowohl ein erfolgversprechender Abschluss als auch ein brauchbares Zuspiel sind aus dieser Position heraus kaum mehr zu erwarten. Meist geht der Ball verloren. Der Eckstoß verpufft wirkungslos. Nur ausgefeilte Ballführung kann einen derart agierenden Stürmer zu einem Schrägschuss befähigen, der Gefahr heraufbeschwört.

 

Eine andere Variante kann im präzisen Zuspiel zu einem vorm Tor wartenden Stürmer bestehen. Ohne die punktgenaue Ausführung des Zuspiels ist der Eckstoß von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Der Stürmer sollte sich in vier bis sechs Metern Entfernung zur Torlinie, leicht versetzt hin zum langen Pfosten aufhalten, sobald der Ball gespielt wird. Vorher kann er versuchen, sich durch ständigen Positionswechsel der Bewachung zu entziehen. Der Raum, in dem er den Ball annehmen möchte, ist durch des Gegners Verteidigung extrem eng besetzt. Nur eine saubere Ballannahme und ein blitzschneller Abschluss können Torgefahr erzeugen. Die Gefahr ist groß, dass der gespielte Ball von einem Verteidiger aufgenommen und in einen Gegenangriff umgesetzt wird. Die Konterchance ist bei dieser Form des Eckstoßes relativ groß. Genau wie die zuvor gezeigte Variante werden für diese Form des Eckstoßes lediglich zwei Feldspieler benötigt, sodass die beiden übrigen defensiv absichern können.

 

Eine dritte Form des Eckstoßes, zu dem lediglich zwei Angreifer benötigt werden, ist der Heber vors Tor. Diese Variante wird ähnlich gespielt wie die zuvor beschriebene. Jedoch lupft der Eckstoßschütze den Ball im Bogen vor das Tor des Gegners. Dies stellt an die Ballfertigkeit des Schützen erhöhte Ansprüche. Der Stürmer hält sich zum Zeitpunkt der Ausführung etwa an gleicher Stelle wie zuvor beschrieben auf. Vorteil dieser Ausführung ist das Überraschungsmoment. Die Verteidiger können die Bahn des Balles wesentlich schlechter oder gar nicht verfolgen. Erst wenn der Ball aufsetzt, demaskiert er sich. Der darauf vorbereitete Stürmer muss nun versuchen, seinen Vorteil zu nutzen und den Ball schnell unter Kontrolle und aufs Tor zu bringen. Ein aufspringender Ball ist nur von technisch sehr versierten Spielern zu beherrschen. Es bedarf sicherlich langen und intensiven Übens, diese Variante erfolgversprechend anwenden zu können. Falsch wäre es jedoch, fliegende Bälle gänzlich aus dem Repertoire zu verbannen. Ihre Anwendung ist auch im Blindenfußball nicht ausgeschlossen.

 

Eine Abwandlung dieser Variante ist die Flanke bis zur gegenüberliegenden Bande. Der Stürmer erwartet den Ball zunächst an der oben beschriebenen Stelle und bindet somit die Verteidigung des Gegners zentral vorm Tor. Nach Ausführung des Eckstoßes bewegt er sich schnell in Richtung der Bande, um den zurückspringenden Ball zu kontrollieren und mittels Schrägschuss aufs Tor zu bringen. Vorteil dieses Spielzugs ist das erweiterte Überraschungsmoment, das dem Schützen eine freiere Bahn verschaffen kann.

Erweiterbar ist diese Form des Eckstoßes durch einen dritten Feldspieler, der sich von hinten „anschleicht“. Während der Stürmer die Aufmerksamkeit des Gegners vorm Tor auf sich zieht, kommt unbemerkt ein dritter Spieler aus dem Mittelfeld und bemächtigt sich des von der Bande zurückspringenden Balles. Weil die Abwehr auf den vorm Tor postierten Angreifer konzentriert ist, hat der aufrückende dritte Spieler etwas mehr Zeit, einen erfolgversprechenden Schuss abzugeben.

Beide Spielzüge, die mittels Lupfer das Überraschungsmoment ausnutzen, können hervorragend kombiniert und variiert werden. Sie erfordern jedoch ein hohes Maß an Abstimmung und Ballfertigkeit im angreifenden Team.

 

Unbedingt zu dritt muss die letzte Variante gespielt werden, die wir hier betrachten wollen. Beide freien Stürmer sind vor der Ausführung permanent in Bewegung, um die Verteidigung zu beschäftigen. Im Moment der Ausführung erwartet ein Angreifer den Ball an der Bande, etwa acht Meter vom Eckstoßpunkt und der Grundlinie entfernt. Hier soll er ihn zügig und relativ unbedrängt annehmen und quer in Richtung des Sechsmeterpunktes passen. Dort steht mittlerweile der zweite Stürmer und erwartet den Ball zur Verwertung. Ziel dieses Spielzuges ist es, die Verteidigerballung in der Mitte zu umspielen. Gefahr dieser Variante ist aber, dass der Eckstoß, der erste Pass gradlinig in Richtung des eigenen Tores gespielt wird. Verpasst der eigene Mann den Ball, rollt er weiter in Richtung der eigenen Hälfte und kann sich als hervorragende Vorlage zum Konter entpuppen.

 

Eingangs haben wir festgestellt, dass der Eckstoß im Blindenfußball keine so große Torgefahr hervorbringt. Vorsichtig agierende Teams werden daraus folgern, dass sie nur zwei Aktive zur Ausführung schicken. So behalten sie zwei Verteidiger zur Absicherung an der Mittellinie. „Der Schuss wird somit selten nach hinten losgehen.“ Offensiv berauben sie sich aber einiger erfolgversprechender Varianten des Eckstoßes.

Die Ballannahme ist die zentrale Fertigkeit, die den Eckstoß zum Erfolg führen kann. Wie auch immer der erste Pass gespielt wird, kommt es auf eine möglichst schnelle Kontrolle des Spielgerätes an, um dem Stürmer eine Chance zum erfolgversprechenden Schuss zu geben. Benötigt er hierzu mehrere Sekunden, ist ihm der Weg durch die Verteidiger verstellt und er muss in den Zweikampf gehen – mit ungewissem Ausgang.

Hat ein Team aber die Spieler mit hinreichend entwickelbaren Fertigkeiten in Passspiel und Ballannahme und findet genug Zeit zur wiederholten Übung der Spielzüge, kann der Eckstoß auch im Blindenfußball zu einer brauchbaren Torchance gemacht werden.

 

Die Verteidigung des Eckstoßes

 

Dem Torwart kommt bei der Abwehr eines gegnerischen Eckstoßes eine zentrale Rolle zu. Er kann seine drei bis vier Verteidiger mit kurzen Anweisungen so postieren, dass sie möglichst günstig die gegnerischen Angreifer blockieren. Hilfreich hierbei ist, wenn das Team bereits eine feste Ordnung in der Verteidigung hat. So nähert sich der linke Verteidiger bspw. dem Eckstoßpunkt bis auf fünf Meter, wenn dieser von links ausgeführt wird. Der Torwart muss dann nur noch die Feinjustierung vornehmen. Auch kann er einen seiner Spieler offensiv an den Mittelkreis beordern, wenn der Gegner nur mit zwei Angreifern operiert. Auf gravierende Positionsänderungen der Angreifer muss der Torwart mit entsprechenden Anweisungen an bestimmte Spieler reagieren. Die Aufgabe jedes Verteidigers ist es, die Bewegungen „seines Mannes“ zu verfolgen und diese selbständig nachzuvollziehen. Verlässt sich die Verteidigung ausschließlich auf die Anweisungen des Torhüters, verlangsamt dies die Reaktionszeit des Abwehrverbandes enorm.

 

Die oben beschriebene kurze Ecke ist wie ein Angriff über die entsprechende Seite abzuwehren. Sobald der Ball gespielt ist, greift ein Verteidiger den Ballführenden an und versucht, ihm den Weg in die Mitte zu verstelllen. Ein weiterer Verteidiger doppelt seinen Kollegen und sichert somit sowohl den Weg zum Dribbeln als auch den zum Passen nach innen ab.

Wird eine andere Variante mittels Pass oder Flanke gespielt, ist Reaktionsgeschwindigkeit gefragt. Der Empfänger soll möglichst an der Annahme des Balles gehindert werden.

Ziel des Verteidigers soll es sein, den Ball unter Kontrolle zu bringen. So kann er ihn entweder zu einem offensiv postierten Mitspieler passen oder mittels Dribbling in Richtung des gegnerischen Tores führen. Es entwickelt sich aus der Chance des Gegners blitzartig eine solche für das eigene Team. Hierbei spielt das kurze Feld wieder eine besondere Rolle. Die zurückeilende Verteidigung ist noch nicht wieder sortiert und ein Torschuss relativ leicht anzubringen.

Gelingt der Verteidigung die Ballkontrolle nicht, soll sie den Ball auf jeden Fall in irgendeiner Weise vom eigenen Tor wegbefördern.

 

Zwei wesentliche Elemente sind für die Verteidigung des Eckstoßes wichtig: der Torwart hilft seinem Team, eine optimale Position einzunehmen. Die Verteidiger reagieren schnell genug auf die Aktion des Gegners und verstellen mit bis zu drei Spielern den Weg zum eigenen Tor. Eine zuverlässig arbeitende Verteidigung dürfte mit drei Spielern auskommen. Dann kann ein eigener Angreifer beim Eckstoß des Gegners zum Kontern offensiv abgestellt werden.

 

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