Der Strafstoß

Analog zum Elfmeter im sehenden Fußball wird im Blindenfußball ein Sechsmeter geschossen. Zusätzlich gibt es noch den Achtmeter, der als Freistoß ab dem vierten Mannschaftsfoul je Halbzeit verhängt wird. Sowohl Sechs- als auch Achtmeter werden in der 1-zu-1-Situation, Schütze gegen Torwart, ausgeführt. Daher wollen wir sie gemeinsam betrachten. Abgesehen vom kleineren Tor und dem dadurch begründeten geringeren Abstand des Balles zur Torlinie sind die Regeln zur Ausführung eines Strafstoßes sehr ähnlich. Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass der blinde Schütze den Ball auch nach dem Pfiff noch mit der Hand berühren darf.

Als Spielsituation angesehen ähneln sich die Strafstöße im Blindenfußball und im sehenden Fußball. Es handelt sich zweifellos um eine große Torchance. Der Schütze kommt unbedrängt und nach einer Vorbereitungsphase zum Schuss. Der Torwart muss auf seiner Linie bleiben und darf dem Schützen nicht entgegenkommen.

 

Wichtig für den Schützen ist das psychologische Moment. Die Vorbereitungsphase, ehe der Schiedsrichter den Ball freigibt, kann zur Falle werden. Zweifel dürfen in diesen Sekunden nicht aufkommen. Im Wissen, was er tun wird, schreitet ein erfolgreicher Schütze zum Ausführungspunkt. Geduldig wartet er auf die Freigabe des Schusses. In den nächsten Sekunden führt der Schütze nur noch das aus, was er geübt und sich vorgenommen hat. Erst nach dem Abschluss der Aktion erweitert sich der Fokus wieder. Der unbedingte Wille, den Ball im Netz unterbringen zu wollen, ist sehr entscheidend für den Erfolg der Aktion. Dies gilt im sehenden wie im Blindenfußball.

 

Der blinde Schütze kann den gegnerischen Torwart nicht beobachten. Es ist ihm daher unmöglich, den Ball bspw. in die Mitte des Tores zu schieben, während der Keeper in eine der Ecken fliegt. Dies bietet andererseits den Vorteil, dass der Schütze sich ausschließlich auf seine Aktion konzentrieren und jeden Gedanken an den Torwart außer acht lassen kann.

 

Die vier Ecken des Tores sind die Ziele, von denen sich der Schütze eines aussuchen bzw. eines im Training üben sollte. Hierbei spielt der Rufer hinterm Tor eine besondere Rolle. Durch Klopfen gegen die Pfosten sowie Meldung per Stimme in der Mitte des Tores zeigt er dessen Ausmaße an. Dies geschieht i.d.R. vorm Pfiff des Schiedsrichters. Diese drei akustischen Informationen formen vorm geistigen Auge des Schützen ein Bild des gegnerischen Gehäuses. In Bezug dazu setzt er nun den Ball, den er mit Fuß oder Hand berührt. Es entsteht ein Dreieck mit vier Bezugspunkten, in dem Ball und Rufer eine Gerade bilden, die in der Mitte des Gehäuses senkrecht auf die Torlinie trifft. Die Abweichung der Flugbahn des Balles von dieser Geraden definiert nun, wohin der Ball fliegt. Die Höhendimension ist hierbei noch gar nicht berücksichtigt.

 

Zwei Wege zum punktgenauen Treffen einer der beiden Ecken sind vorstellbar. Entweder entwickelt der Schütze im Training ein Gefühl für die Abweichung von der geraden Linie oder er fixiert einen der beiden Pfosten, wenn diese geklopft werden. Im ersteren Falle ist bei optimaler Ausbildung des Schützen kein Klopfen der Pfosten mehr nötig. Es genügt das Kennzeichnen der geraden Linie durch die Stimme des Rufers. Im zweiten Fall muss der Schütze darauf achten, dem Keeper nicht schon durch seine Körperhaltung zu verraten, wohin er schießen möchte. Dieser kann ihn beobachten. Der komplizierte Vorgang des Zielens muss im Training so sehr geübt werden, dass er zu einem Mechanismus im Kopf des Spielers wird, der in Sekundenschnelle automatisch abläuft.

 

Auf das Zielen folgt der Schuss, ein ebenfalls komplexer Vorgang. Ein runder Körper wie der Ball ist nicht so einfach in eine bestimmte Richtung zu lenken, da er vom Fuß theoretisch nur an einem Punkt getroffen wird. Ein quaderförmiger Körper könnte bspw. mit der gesamten Länge der Fußinnenseite dirigiert werden. Sowohl die Position des Spielers vorm Schuss als auch sein Bewegungsablauf müssen exakt stimmen, um die Kugel punktgenau zu treffen. Steht der Schütze nur ein wenig anders als geplant oder hält er den Fuß etwas anders als geübt, trifft er den Ball in einem anderen Winkel und dieser fliegt anders als gewollt. Eine kleine Abweichung beim Schuss kann sich auf den sechs bzw. acht Metern der Flugbahn erheblich auswirken. Somit sollte der Komplex des Schusses unter Berücksichtigung der Talente des Spielers festgelegt werden. Daraufhin ist so häufiges Üben erforderlich, dass auch der Schuss zu einem Mechanismus wird.

Ob dieser nun mit dem linken oder rechten Fuß, mit dem Spann oder der Innenseite, ob mit oder ohne Anlauf ausgeführt wird, spielt eine Rolle bei der Festlegung des Bewegungsablaufes, der dann geübt wird. Ein Schuss mit Anlauf mag härter sein. Dieser Vorteil kann durch ungenaueres Treffen der Kugel aber wieder aufgehoben werden. Dieses Phänomen deutet an, dass die individuellen Fähigkeiten des Schützen zu berücksichtigen sind und es kein Patentrezept gibt.

 

Wesentlich vereinfacht werden diese Vorgänge, wenn sich der Schütze darauf beschränkt, mit möglichst viel Wucht gegen den Ball zu treten und die sechs Quadratmeter Torraum irgendwo zu treffen. Der Vorgang des Zielens und der des Schusses sind sehr vereinfacht. Häufig wird der Ball bei dieser Art des Schusses mit der Fußspitze gespielt. Der Fuß steht hinter dem Ball, zeigt auf die Tormitte. Das Schussbein pendelt zurück und schwingt nach vorn, wobei es einen möglichst heftigen Stoß gegen die Kugel führt. Den Ball hierbei zu lenken, ist schwierig. Geringes Abweichen von dem Punkt der Kugel, der dem Fuß am nächsten liegt, bringt den Ball auf eine Flugbahn, die von der geraden Linie abweicht. Diese Art und Weise zu schießen ist simpler, kann schneller erlernt werden oder entspricht vielleicht auch den Fähigkeiten der zur Verfügung stehenden Schützen.

Auch der Schuss mittels Vollspann oder Innenrist kann derart vereinfacht werden, sich beim Zielen auf die Trefferfläche des Torraums zu beschränken. Der vereinfachte Vorgang des Schusses ermöglicht dem Schützen möglicherweise eine verbesserte Schusshärte, weil er sich stärker auf die Beschleunigung seines Fußes konzentrieren kann.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die relativ häufig auftretende Chance des Achtmeterschusses es rechtfertigt, der Ausführung im Training erhöhte Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen. Der Übungsleiter ermittelt durch Beobachtung und Gespräche die Talente seiner Schützen. Anschließend legt er die optimale Ausführung je Schütze fest und erläutert diese. Ziel des Übens soll es sein, den Schuss zu mechanisieren und damit eine optimale Trefferquote zu erreichen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Blindenfußball veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s